Die Kleinen vor!
Fair Trade. Agenda für einen gerechten Welthandel - das neue Buch von Joseph E. Stiglitz und Andrew Charlton.
Von Gundula Englisch
Wenn der Weltmarkt floriert, werden Armut und Unterentwicklung zur historischen Episode. So lautet das Mantra derjenigen, die dort die Spielregeln bestimmen. Doch das ist ein Trugschluss, weil bestehende Barrieren und Machtverhältnisse ungleiche Chancen zementieren. Sagen zwei renommierte Ökonomen. Und präsentieren den Entwurf für ein neues Welthandelssystem. Damit der Handel nicht nur frei, sondern auch fair ist.
Angenommen, die Welt wäre ein grenzenloses Universum des Freihandels, in dem es keinerlei Zölle, Importquoten und Subventionen gibt. Und plötzlich käme ein US-Senator daher, und würde jährlich vier Milliarden Dollar fordern, um eine Handvoll amerikanische Baumwollbauern vor dem Ruin zu bewahren. Und ein Europaabgeordneter würde auf Beihilfen für die heimische Zuckerindustrie pochen, obwohl der Süßstoff in wärmeren Regionen sehr viel billiger zu produzieren ist. Es wäre ein Systembruch, ein grundlegender Widerspruch. Doch mit diesem Widerspruch sind wir im Hier und Heute angekommen: In einem Welthandelssystem, das sich den weltweit freien Marktzugang auf die Fahne schreibt, aber fortwährend bestehende Barrieren und Machtverhältnisse zementiert. Einem System, das die Interessen der reichen Nationen auf Kosten der ärmsten Länder schützt. Und das seinen Teil dazu beiträgt, dass ein Sechstel der Weltbevölkerung in relativem Wohlstand lebt, während der Rest sein Leben in Armut fristet.
Dabei waren die Hoffnungen groß, dass ein florierender Weltmarkt maßgeblich dazu beitragen könnte, Armut und Unterentwicklung zu überwinden. Ein Trugschluss, meinen Joseph E. Stiglitz und Andrew Charlton. Denn Handelsöffnung vermag zwar die Effizienz der Wirtschaft zu steigern. Aber wie die daraus resultierenden Gewinne derzeit im Erdenrund verteilt werden, ist weder fair noch zukunftstauglich: "Wir behaupten, dass das Welthandelssystem einer kompletten Überarbeitung bedarf", sagen der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger und sein Co-Autor. Und entwerfen in ihrem neuen Buch eine globale Handelsarchitektur jenseits von ökonomischer Macht und starken Partikularinteressen.
Fakt ist, dass sich der Welthandel im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdreifacht hat und auch einige Entwicklungsländer davon profitieren konnten, nicht aber die ärmsten Länder dieser Welt. Ihr Anteil am globalen Markt ist nicht nur verschwindend gering, sondern seit geraumer Zeit sogar rückläufig. In Lateinamerika hat er sich innerhalb der letzten Jahre halbiert, in Afrika ist er gar von sieben auf zwei Prozent gefallen. Zwar steht die globale Verteilungsgerechtigkeit spätestens seit den Protesten in Seattle auf der Agenda der internationalen Handelskonferenzen. Aber außer Lippenbekenntnissen hat sich bislang so gut wie nichts getan. Immer noch pumpt die EU Milliardensummen in ihre Landwirtschaft, obwohl nur zwei Prozent ihrer Bevölkerung davon leben. Und versperrt damit den Marktzugang für Entwicklungsländer, deren Arbeitsplätze, deren Exportraten und deren Inlandsprodukt maßgeblich vom Agrarsektor abhängen. Immer noch sind die OECD-Zölle auf Importe aus Entwicklungsländern viermal so hoch wie auf Einfuhren aus Industrieländern. Und immer noch verlangen die entwickelten Nationen hohe Zölle für Industriegüter, Bekleidung oder weiterverarbeitete Nahrungsmittel und erschweren damit die industrielle Diversifizierung der Entwicklungsländer. Eine bizarre Situation: Da fließen jährlich 100 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfegelder von den wohlhabenden zu den armen Ländern, gleichzeitig aber werden diese durch protektionistische Maßnahmen mit Kosten belastet, die dreimal so hoch sind.

Hilfe zur Selbsthilfe statt Almosen.


"Warum geben wir den ärmsten Ländern Almosen, verweigern ihnen aber die helfende Hand, um ihr Schicksal selbst zu meistern?", fragen Stiglitz und Charlton, der derzeit an der London School of Economics forscht und als Berater für die Vereinten Nationen und die OECD tätig war. Stiglitz wiederum hat die Scheinheiligkeit des globalen Handelsregimes bereits in seiner früheren Position als Chefvolkswirt der Weltbank scharf kritisiert. Doch bei bloßer Kritik wollen es die streitbaren Wirtschaftswissenschaftler diesmal nicht belassen. Vielmehr präsentieren sie den konkreten Entwurf eines neuen Handelsabkommens, das die Interessen und Sorgen der Entwicklungsländer realistisch widerspiegeln und ihre Partizipationschancen nachhaltig verbessern soll. Kernstück ihrer Agenda ist nichts Geringeres als ein Paradigmenwechsel: Es geht darum, die globalen Marktzugangsrechte so zu verteilen, dass die größten Gewinne an die kleinsten und ärmsten Länder gehen, während die größten und reichsten Länder am meisten liberalisieren müssen. Dies soll durch eine relativ einfache Vereinbarung verwirklicht werden: Die WTO-Mitglieder müssten sich dazu verpflichten, all jenen Entwicklungsländern freien Marktzugang zu gewähren, die ärmer und kleiner als sie selbst sind.
Damit wären mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Erstens würden in der internationalen Handelswelt klare und bindende Rechte an Stelle von willkürlichen Präferenzsystemen treten. Zweitens würde die Liberalisierung voranschreiten, allerdings nicht frei nach dem Gusto der mächtigen Verhandlungspartner, sondern kontrolliert und strukturiert unter dem Primat der Gerechtigkeit. Und drittens könnten die Entwicklungsländer vom Zugang zu größeren Märkten profitieren, gleichzeitig aber ihre eigenen Märkte vor Billigimporten aus mächtigeren Ländern schützen. Diese Art von Protektion sei wichtig, so Stiglitz, weil Liberalisierung nur dann zum Win-win-Spiel wird, wenn sich parallel zu der Marktöffnung auch eine marktfähige Infrastruktur entwickeln kann, sprich: Bildungsinstitutionen, Transportnetze, Banken, Versicherungen und Sozialsysteme. "Keines der erfolgreichen Entwicklungsländer hat dem Außenhandel einfach Tür und Tor geöffnet", argumentiert der Wirtschaftswissenschaftler und führt als Beispiele China und Indien an, die ihren Handel schrittweise liberalisiert haben, gleichzeitig aber massiv in Bildung, Infrastruktur und Technologie investierten.

Kröten für die Platzhirsche.


Stiglitz' Vorschlag zum Umbau des Welthandelssystems ist provokant. Er rüttelt nicht nur an den Grundfesten der globalen Machtverteilung, sondern auch am etablierten Verständnis von Gerechtigkeit. Denn Fair Trade verlangt von den reichen Ländern dieser Welt einiges mehr an Leistungen, als sie im Gegenzug erhalten. Die Forderungsliste an die Wirtschaftsmächte ist lang und schmerzhaft: Abschaffung sämtlicher Agrarsubventionen, Beseitigung aller Zölle auf Fertigungsgüter gegenüber den am wenigsten entwickelten Ländern, größtmögliche Offenheit und Transparenz bei den Verhandlungen, Öffnung der Landesgrenzen für ungelernte Arbeitskräfte und arbeitsintensive Dienstleistungen. Ob die Weltmarktmächtigen diese Kröten widerstandslos schlucken werden? Wohl kaum. Dennoch argumentieren Stiglitz und Charlton nicht moralisch, um sie ihnen schmackhaft zu machen. Statt an das Gewissen der globalen Platzhirsche zu appellieren, untermauern sie ihre Agenda mit einer Flut von handfesten ökonomischen Analysen. Und belegen mit der Akribie des Wirtschaftswissenschaftlers, dass es besser um die ärmsten Länder dieser Welt bestellt wäre, wenn sie zu fairen Bedingungen am Welthandel teilnehmen könnten. So würde etwa der globale Wohlstand um 150 Milliarden US-Dollar steigen, wenn nur drei Prozent mehr Menschen aus Entwicklungsländern ihre Arbeitskraft in reiche Nationen exportieren könnten. Dabei käme ein Großteil dieser Summe, nämlich 80 Milliarden US-Dollar, den Gastarbeitern selbst zugute. Natürlich würde eine solche Liberalisierung zu Lasten der ungelernten Arbeiter in den Industrienationen gehen. Aber, so wenden die Autoren ein, die reichen Nationen verfügen bereits über soziale Sicherungsnetze, um solche sogenannten "Anpassungsrisiken" abzufedern, während die Entwicklungsländer diese Netze erst noch aufbauen müssen - durch steigenden Wohlstand. Eine Argumentation, die zwar den deutschen Arbeitslosen kaum überzeugen dürfte, die aber in aller Nüchternheit aufzeigt, was unter echter Globalisierung zu verstehen ist: Ein weltweiter Effizienzgewinn, der - klug verteilt - auf Dauer alle reicher macht, die bereit zum Wandel sind.
Jene Länder, die mehr als 80 Prozent des weltweiten Handels unter sich aufteilen, allen voran Westeuropa und Nordamerika, täten gut daran, ihre Protektions- und Subventionsmilliarden in diesen Wandel umzuleiten. Indem sie in die Bildung ihrer Bevölkerung investieren, indem sie Unternehmergeist fördern und indem sie den Schwachen helfen, stärker zu werden - im eigenen Land und rund um den Globus.

Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Redakteurin für changeX.

Joseph E. Stiglitz / Andrew Charlton:
Fair Trade.
Agenda für einen gerechten Welthandel,

Murmann Verlag, Hamburg 2006,
376 Seiten, 28.50 Euro,
ISBN 3-938017-63-5
www.murmann-verlag.de

© changeX Partnerforum [13.10.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


changeX 13.10.2006. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

murmann

Murmann Publishers

Weitere Artikel dieses Partners

Das A und O der Innovation

Rock Your Idea - das Ideenbuch von Martin Gaedt zur Rezension

Auf der Suche nach Relevanz

Das Leben. Ein bunter Hund - das neue Buch von Sabine Hübner und Carsten K. Rath zur Rezension

Digitale Teilchen

d.quarks - das neue Buch von Carsten Hentrich und Michael Pachmajer zur Rezension

Zum Buch

: Fair Trade. . Agenda für einen gerechten Welthandel. . Murmann Verlag, Hamburg 1900, 376 Seiten, ISBN 3-938017-63-5

Buch bestellen bei
Amazon
jpc
Managementbuch
Osiander

Autorin

Gundula Englisch
Englisch

Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Autorin und Redakteurin für changeX.

nach oben