Da ist was faul
Die Fleischmafia. Kriminelle Geschäfte mit Fleisch und Menschen - das neue Buch von Adrian Peter.
Von Marie Meyer-Miethke
Ekel und kein Ende. Ein Fleischskandal folgt auf den anderen. Vergammeltes Fleisch in Kühlhäusern und Schlachtabfälle in der Wurst sind keine Zufallsfunde. Ein Journalist deckt auf, wie die Fleischindustrie arbeitet: kriminell. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Skandal aufgedeckt wird. So lange jedenfalls, bis die Verbraucher den Unterschied zwischen billig und gut begreifen. / 28.11.06
Wenn wieder einmal tonnenweise Gammelfleisch in den Kühlhäusern eines Fleischkonzerns entdeckt wird und wieder einmal von "isolierten Fällen" oder "schwarzen Schafen" die Rede ist, dann wachsen Zweifel an derlei Beschwichtigungsformeln. Dann drängt sich der Eindruck auf, dass in dieser Branche weit mehr faul ist als nur das Fleisch, das in den Lagerhallen gefunden wird. Adrian Peter, Journalist und ARD-Redakteur, hat nachgeforscht. Investigativ und unabhängig. Sein Fazit: "Kriminelle Handlungsweisen sind in der Fleischbranche viel verbreiteter, als die tatsächlich zahlenmäßig geringe Anzahl von öffentlich wahrgenommenen Skandalen vermuten lässt." Die Einzelfallrhetorik von politischen Amtsträgern verstellt den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse. Und ihr öffentlichkeitswirksamer Aktionismus, der regelmäßig auf die schlagzeilenträchtigen Skandale folgt, bleibt folgenlos. "An den Strukturen, die kriminelle Geschäfte begünstigen, hat sich nichts geändert", so Peter.

Wie im Rotlichtmilieu.


Er schreibt: "Die Fleischbranche ist in einem Maße für Kriminalität anfällig, wie man es sonst eher aus dem Rotlichtmilieu kennt." Ihre kriminellen Geschäfte reichen vom gewerbsmäßigen Betrug über Korruption, Verdunkelung und Dokumentenfälschung bis hin zum organisierten Menschenhandel. Adrian Peter war selbst überrascht, als er am Beginn seiner Recherchen auf eine neue Praxis in der Fleischbranche aufmerksam gemacht wurde: Zu Tausenden entließen große Fleischfirmen deutsche Mitarbeiter und ersetzten sie durch billige, illegal beschäftigte osteuropäische Arbeitskräfte, die in sklavenähnlichen Verhältnissen hier in Deutschland arbeiten und leben. Der Autor zitiert aus den Akten der Staatsanwaltschaft Oldenburg: "Von Arbeitern, die zwischen zwölf und 18 Stunden täglich bei Stundenlöhnen zwischen 1,50 Euro und vier Euro schuften und die in häufig verwahrlosten Unterkünften hausen müssen, kann man kaum erwarten, dass sie sich mit dem Lebensmittelhersteller identifizieren, geschweige denn mit dessen Produkt." Kein Einzelfall. Ein anderes Beispiel ist die Firma Berger-Wild, deren Firmenchef über einen Subunternehmer billige Arbeitskräfte aus Ungarn angeheuert hatte und dafür zu 4.400 Euro Strafe verurteilt worden war. Nach einer weiteren Verurteilung hat Berger-Wild unlängst Konkurs angemeldet - nach den illegalen Arbeitskräften ging es nun um Gammelfleisch. Ein Zusammenhang, der Adrian Peter zufolge systematische Züge aufweist.

Billigpreisstrategie als Verursacher.


Im Klartext: Es fehlt an qualifiziertem Personal, weil das Dumping bei den Lebensmittelpreisen die Hersteller zu drastischen Kostensenkungen in allen Bereichen zwingt. Da der Kunde das Kilo Schnitzel möglichst billig an der Theke kaufen will, hat sich dahinter eine effiziente Fleischverarbeitungsindustrie etabliert. Denn nur industrielle Massenproduktion gewährleistet geringe Stückkosten. Und das gilt beim T-Shirt ebenso wie beim Stück Fleisch. Eindrücklich beschreibt Peter die Branchenstruktur von Megabetrieben wie dem Tönnies-Konzern, Deutschlands zweitgrößten Fleischverarbeiter. Im Stammwerk Rheda-Wiedenbrück werden täglich 20.000 Schweine geschlachtet. Das Fleisch landet bei den Billigketten Lidl, ALDI und REWE und bei McDonald's. 2,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet der Tönnies-Konzern.
In investigativen Kurzreportagen spürt Peter den Machenschaften der Fleischindustrie nach, zitiert Originaltöne und Gerichtsakten, befragt Hintermänner und Drahtzieher. So entsteht das Bild einer Branche, in der sich Dreistigkeit und Gier breitgemacht haben und Rechtsbrüche als Kavaliersdelikte gelten. Und in der billig das Maß aller Dinge ist. "Die Billigpreisstrategie hat einen Nährboden für kriminelle Machenschaften geschaffen", bestätigt auch die frühere Verbraucherschutzministerin Renate Künast in ihrem Vorwort zu Peters Buch.
Und wie weiter? Peter ist sich sicher, dass diese rücksichtslosen Machenschaften und die damit verbundenen Fleischskandale andauern werden. Dafür sprechen mehrere Gründe: Das Unrechtsbewusstsein in der Branche ist wenig ausgebildet, die kriminellen Strukturen sind noch weiter verbreitet und gehen tiefer als bisher angenommen. Und selbst wenn der eine oder andere verurteilt wird, dann ändert das nicht unbedingt sein Verhalten, da die Strafen nicht selten vergleichsweise milde ausfallen - und die Übeltäter bald wieder in neue Skandale verwickelt sind. "Insofern ist es nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Fleischskandal aufgedeckt wird", lautet das ernüchternde Fazit des Autors.

Die Quittung des Verbrauchers.


Seine einzige Hoffnung liegt auf der Macht der Verbraucher. Dass sie wirkt, zeigt das Beispiel der real,-Märkte, von denen im Jahr 2005 der Skandal um umetikettiertes Hackfleisch seinen Ausgang nahm. Ein Jahr darauf musste die METRO AG, zu der die Kette gehört, einen Gewinneinbruch um 30 Prozent bekannt geben. Und eingestehen, dass dies die Quittung des Verbrauchers für den Ekelskandal war.

Adrian Peter:
Die Fleischmafia.
Kriminelle Geschäfte mit Fleisch und Menschen,

Econ Verlag, Berlin 2006,
203 Seiten, 16.95 Euro,
ISBN 3-430-30013-4
www.econ.de

Marie Meyer-Miethke ist freie Mitarbeiterin bei changeX.

© changeX Partnerforum [28.11.2006] Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.


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Zum Buch

: Die Fleischmafia. . Kriminelle Geschäfte mit Fleisch und Menschen. . Econ Verlag, Berlin 1900, 203 Seiten, ISBN 3-430-30013-4

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Marie Meyer-Miethke

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