Ganz (l)egal
Die Nahrungsmittelindustrie muss sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen - ein Gespräch mit Thilo Bode.
Von Alexandra Hildebrandt
In Deutschland sind Robben besser geschützt als Verbraucher. Sagt einer, der es wissen muss. Thilo Bode war Greenpeace-Chef, bis er vor fünf Jahren die Verbraucherschutzorganisation foodwatch gründete. In seinem neuen Buch nennt er die Dinge beim Namen. Seine These: Der Markt für Lebensmittel dient nicht den Verbrauchern. Statt ihrer schützt er die Hersteller und den Handel. Die Folge: Ganz legal werden Verbraucher beim Kauf von Lebensmitteln getäuscht und in die Irre geführt. In Sachen gesellschaftlicher Verantwortung steht die Nahrungsmittelindustrie erst ganz am Anfang. / 23.10.07
Thilo BodeDr. Thilo Bode, Jahrgang 1947, studierte Soziologie und Volkswirtschaft. Von 1989 bis 1995 war er Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, 1995 bis 2001 von Greenpeace International. 2002 gründete er die Verbraucherschutzorganisation foodwatch, die er seitdem leitet. Heute erscheint sein neues Buch Abgespeist.
Im Jahre 2002 haben Sie die Organisation foodwatch gegründet? Worin sehen Sie deren wichtigste Aufgabe?
Ich sehe die wichtigste Aufgabe darin, den Verbrauchern zu erklären, dass der Lebensmittelmarkt nicht ihren Interessen dient, sondern im Wesentlichen denen der Hersteller und des Handels: Bei Lebensmitteln gelten die Gleichungen billig = schlecht und teuer = gut nicht. Ganz legal werden Verbraucher beim Kauf von Lebensmitteln getäuscht und in die Irre geführt; Gammelfleisch wird ihnen untergejubelt. Und sie haben keine Rechte und Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Wenn Verbraucher das verstanden haben, haben sie auch verstanden, dass man den Missständen nicht durch bewusstes Einkaufen beikommen kann, sondern dass sie es mit einem politischen Problem zu tun haben.
Sehen Sie sich als eine Art "Auftragsschreiber" für Konsumenten, denen Sie versuchen, eine Stimme zu verleihen?
Wir verstehen uns als Lobby-Organisation für Verbraucherrechte. Dass der Markt für Lebensmittel nicht den Verbrauchern dient, liegt im Wesentlichen daran, dass diese - anders als im Umweltrecht - über nur sehr eingeschränkte Rechte verfügen. Es gibt keine Informationsrechte, aber auch keine Klagerechte, weder für Individuen noch für Verbände. Schadensersatzrechte, strenge Haftungsregeln oder schmerzhafte Sanktionen gibt es im Lebensmittelrecht auch nicht. In der Umweltpolitik haben jüngst Umweltverbände das Bürgerrecht auf saubere Luft erstritten - durch Klagen gegen die Feinstaubbelastung ausgehend von viel befahrenen Straßen. Wir wollen unter anderem auch für ein Recht auf saubere Lebensmittel streiten - im Auftrag unserer Förderer, die Verbraucher sind.
In welchen Fällen hat foodwatch bereits Veränderungen bewirkt?
foodwatch verfolgt seine Ziele sowohl in längerfristig angelegten Kampagnen als auch durch kurzfristige, manchmal auch spontane Aktivitäten, um ad hoc Erfolge zu erzielen, die sich gleichzeitig in die längerfristigen Kampagnenziele einbetten. Die Tiermehl-/Schlachtabfallkampagne ist beispielsweise eine langfristig angelegte Kampagne. Ihre Ziele sind sichere Futtermittel und eine international bindende Konvention, die den grenzüberschreitenden Handel mit beziehungsweise die Entsorgung von Tiermehlen und Schlachtabfällen regelt. Die Aufdeckung illegaler Exporte von Tiermehl im Februar dieses Jahres war eine Aktivität, die diesem langfristigen Ziel dient.
Darüber hinaus konnte foodwatch zahlreiche konkrete Veränderungen bei Behörden, bei gesetzlichen Vorschriften wie auch bei Unternehmen durchsetzen. Das zeigt: Auch eine kleine Gruppe wie foodwatch kann etwas bewegen. Zum Beispiel musste McDonald's zweimal irreführende Werbekampagnen aufgrund von Abmahnungen durch foodwatch einstellen und eine Vertragsstrafe in Höhe von 10.000 Euro an foodwatch zahlen. foodwatch dokumentierte bereits 2003 im Fernsehen den Alkoholmissbrauch durch "Alcopops" für Jugendliche. Aufgrund der Debatte beschloss die Regierung 2005 Maßnahmen, die foodwatch gefordert hatte: Die Produkte dürfen nur an Personen über 18 Jahren verkauft und nicht mehr im Süßgetränkeregal, sondern nur noch zusammen mit Spirituosen angeboten werden.
Weitere Beispiele: Durch die periodische Veröffentlichung der Acrylamidbelastung von Kartoffelchips und Weihnachtsgebäck ist diese Belastung etwa um 50 Prozent zurückgegangen. Eine Klage von foodwatch gegen das Land Sachsen-Anhalt im Jahre 2006 führte dazu, dass die Uranbelastung von Mineralwasserquellen veröffentlicht werden musste und Mineralwässer mit zu hohem Urangehalt vom Markt genommen wurden. Die Veröffentlichung unzulässig hoher Cumaringehalte in zimthaltigem Gebäck und anderen Lebensmitteln durch foodwatch hat dazu geführt, dass die Regierung die strikte Einhaltung der Grenzwerte gefordert hat - offen ist noch, ob die Staatsanwaltschaft auf unsere Strafanzeige hin wegen Grenzwertüberschreitungen von Cumarin ermitteln wird. Die foodwatch-Reports über den riskanten Umgang mit Tiermehl haben bewirkt, dass Tiermehlexporte aus Deutschland in Staaten außerhalb der EU von den Behörden gestoppt wurden und die Staatsanwaltschaft gegenwärtig Ermittlungen gegen mehrere Unternehmen durchführt. foodwatch stellte weit über den Grenzwert hinaus geltende Dioxinbelastungen von Fischkonserven mit Dorschleber fest. Alle großen Konzerne - mit der Ausnahme von Metro - nahmen das Produkt vom Markt; der Marktführer - Rügenfisch - stellte die Produktion von Dorschleber aus der Ostsee ein.
Nicht zuletzt ist eine unerlässliche Aufgabe von Pressure Groups, Bürger zu mobilisieren und damit Unternehmen und Behörden unter Druck zu setzen. foodwatch hat das zumindest in einem Fall erfolgreich getan. Anlässlich der Debatte des von der Großen Koalition im Bundestag beschlossenen Verbraucherinformationsgesetzes legte foodwatch einen alternativen Gesetzentwurf vor. Über 30.000 Bürger haben die foodwatch-Petition an Bundesverbraucherminister Horst Seehofer unterschrieben. Zusätzlich hat foodwatch eine von 18 weiteren Verbänden/Organisationen getragene Petition an die Bundesregierung und die Parlamentarier organisiert. Die daran beteiligten Organisationen repräsentierten insgesamt 2,6 Millionen Bürger.
Können Sie den "alten" Satz von Georg Christoph Lichtenberg "neu" interpretieren? "Die Speisen haben vermutlich einen sehr großen Einfluss auf den Zustand der Menschen, wie er jetzt ist; der Wein äußert seinen Einfluss mehr sichtbarlich, die Speisen tun es langsamer, aber vielleicht ebenso gewiss ..."
Natürlich hat das Essen einen Einfluss auf unser Wohlbefinden, auf unsere Gesundheit, auf unser Seelenleben. Essen kann Lust oder andachtsvolle Aufnahme von Lebensmitteln bedeuten. Wie Menschen essen, wie sie mit dem Essen umgehen, ist aber nicht nur eine individuelle Frage. Der Umgang mit dem Essen sagt etwas über die Zivilisation und das politische System aus, in dem wir leben.
Wie würden Sie den nachhaltigen Kommunikationsansatz von foodwatch beschreiben?
"Eine Lösung ohne ein Problem macht keinen Sinn." Wir wollen den Leuten kommunizieren, dass sie ein Problem haben, ohne dass sie die Lust und die Freude am Essen verlieren. Und wir wollen die Verantwortlichkeiten aufzeigen, ohne mit dem moralischen Zeigefinger daherzukommen.
Weshalb führt Transparenz zu besserer Qualität?
Ein einfaches Beispiel: Mehr Transparenz durch Kostenwahrheit bei Lebensmitteln führt dazu, dass konventionell erzeugte Lebensmittel teurer werden. Und zwar, weil bisher die bei ihrer Produktion entstehenden Umweltkosten nicht in die Preise eingehen, zum Beispiel die Trinkwasserkontamination durch Pflanzenschutzmittel. Wenn sich konventionelle Lebensmittel im Vergleich zu biologischen Lebensmitteln verteuern, werden mehr Biolebensmittel nachgefragt, die Qualität steigt. Ebenso wenn Pseudoqualitätswerbung untersagt wird, mit der echte Qualität im Markt unterdrückt wird. Wenn nicht mehr jeder industrielle Nahrungsmittelschrott als "natürlich" verkauft werden darf, hat echte Qualitätsware mehr Chancen auf dem Markt.
In Ihrem Buch Abgespeist kritisieren Sie, dass Verbraucher im Lebensmittelmarkt kaum Rechte besitzen. Es braucht Ihrer Meinung nach veränderte Regeln, ein geschärftes Bewusstsein und ein verändertes Verhalten von Unternehmen, vor allem im Handel. Können Sie das konkretisieren?
Auch hier wiederum ein Beispiel: Bei Lebensmitteln wird der Verbraucher mit verwegenen Behauptungen und Versprechungen abgespeist, die er überhaupt nicht überprüfen kann. Wenn die Weihenstephaner Alpenmilch - Müller-Milch - behauptet, die Milch stamme von Kühen mit artgerechter Tierhaltung und die Futtergrundlage seien "saftiges Gras und gesunde Wiesenkräuter" so kann der Verbraucher das nicht überprüfen, sowenig er überprüfen kann, ob die Milch tatsächlich aus den Alpen kommt. Wenn er den Verheißungen nicht glaubt, muss er beweisen, dass die Firma nicht die Wahrheit sagt. Die Firma dagegen muss nicht begründen, dass ihre Angaben stimmen. Ein Recht für Verbraucher, diese Informationen zu erhalten, würde den Lebensmittelmarkt drastisch verändern. Lüge und Täuschung, die heute an der Tagesordnung sind, würden abnehmen. Der Lebensmittelmarkt würde ein gutes Stück verbraucherfreundlicher.
Können Sie alles, was Sie geschrieben haben, belegen?
Wir müssen alle Tatsachenbehauptungen, die wir aufstellen, belegen können. Das ist nicht nur eine juristisch erforderliche Voraussetzung, sondern auch Grundlage unserer Glaubwürdigkeit.
Inwiefern kann ein Handelsunternehmen das Verhalten von Herstellern und Konsumenten nachhaltig beeinflussen?
Im Lebensmitteleinzelhandel dominieren wenige Konzerne, die über eine große Marktmacht und deshalb über viel Einfluss verfügen. Beispiele: Der Nahrungsmittelmulti Procter & Gamble stellt Kartoffel-Stapelchips her - "Pringels" -, deren Acrylamidbelastung nach den jüngsten foodwatch-Tests weit über dem Durchschnitt der anderen Hersteller liegen. Rewe Österreich hat aufgrund der foodwatch-Messungen Pringels vorübergehend ausgelistet, bis der Konzern zusagte, die Acrylamidbelastung deutlich zu senken. Oder: Neue, qualitativ hochstehende Produkte sind auf die besten Regalplätze im Supermarkt angewiesen. Das ist aber sehr teuer, die Hersteller müssen für prominente Platzierung viel zahlen. Daran scheitern oft mittlere Unternehmen, die Qualität anbieten, aber nicht so viel Geld zur Verfügung haben.
Was erwarten Sie von Organisationen wie der Business Social Compliance Initiative (BSCI), in der sich Handelsunternehmen zusammengeschlossen haben, um auf internationaler Ebene gemeinsam ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden? Was ist gut, und wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf? Was muss im Foodbereich noch getan werden? Hinkt er den positiven Ergebnissen, die in den letzten Jahren im Textilbereich erzielt wurden, hinterher?
Ich bin sehr skeptisch, was freiwillige Vereinbarungen zur Corporate Social Responsibility anbelangt. Es nehmen nicht alle Unternehmen teil, es wird nicht hart genug auf die Einhaltung der Verpflichtungen geprüft und Sanktionen bestehen nicht. Da diese freiwilligen Vereinbarungen aber sehr oft geschlossen werden, um bindende staatliche Maßnahmen oder internationale Konventionen zu verhindern, wird hier eine suboptimale Politik betrieben. Das größte Nachhaltigkeitsdefizit der Nahrungsmittelindustrie ist die umweltpolitisch nicht-nachhaltige Produktion von Rohstoffen. Da will die Industrie nicht ran, weil Rohstoffe der größte Kostenfaktor sind. Ich glaube, die Nahrungsmittelindustrie steht, was die Herausforderungen an die gesellschaftliche Verantwortung anbelangt, erst am Anfang.
Dr. Alexandra Hildebrandt ist Leiterin Kommunikation Gesellschaftspolitik bei der Arcandor AG.
Kontakt:
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Dr. Alexandra Hildebrandt
Leiterin Kommunikation Gesellschaftspolitik
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alexandra.hildebrandt@arcandor.com
www.arcandor.com
Thilo Bode:
Abgespeist.
Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können,

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007,
256 Seiten, 14.90 Euro,
ISBN 978-3-10-004302-3
www.fischerverlage.de
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: Abgespeist. . Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können. . S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1900, 256 Seiten, ISBN 978-3-10-004302-3

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