Machsimal
Aus der Bibliothek der Vielfalt - Folge 3:
Maxikulti
von Joana Breidenbach und Pál Nyíri.
Von Michael Pepes
Was sind die wichtigsten Bücher zu Diversity? Culture Counts pflegt eine exklusive Serie über Standardwerke und kleine Fundstücke. Aus der Bibliothek der Vielfalt hier ein Buch, das dem "Kampf der Kulturen" eine klare Absage erteilt. Stattdessen kommt es zu einer Vermischung der Kulturen. Man lernt sich kennen, um mehr voneinander zu verstehen. / 11.03.08
Culture Counts BibliothekKulturelles Wissen ist heute ebenso wichtig für den Geschäftserfolg wie strategisches Denken. So lautet das Ergebnis einer Umfrage der Beratungsfirma Bain & Company aus dem letzten Jahr. Kein Wunder, dass in Firmen rund um den Erdball immer mehr kulturelle Trainings veranstaltet werden. Kunden und Mitarbeiter wollen einander im Zuge der Internationalisierung besser verstehen und sich in den unterschiedlichen Ländern besser zurechtfinden. Statt zum "Kampf der Kulturen" kommt es zur Vermischung der Kulturen, zu "Maxikulti". Man lernt sich kennen, um mehr voneinander zu verstehen. Sagen die Ethnologin Joana Breidenbach und der Anthropologe Pál Nyíri.
Kulturen, so ihr Credo, sind keine Container, in denen Werte und Normen seit Urzeiten verankert sind. Im Gegenteil, sie sind offen: "Es handelt sich bei ihnen oft um Erfindungen neueren Datums, die im kontinuierlichen (ungleichen) Wechselspiel mit anderen Kulturen entstanden sind ... Austausch und Vermischung sind für den Fortbestand von Gesellschaften unverzichtbar." Die Autoren kritisieren aufs Heftigste den vorherrschenden Kulturdeterminismus, der etwa die Kernwerte einer Gesellschaft fest mit den nationalen Grenzen verknüpft. Was natürlich höchst fragwürdig ist. Denn wer will als Deutscher schon in einen Topf mit einem ostdeutschen Neonazi gesteckt werden? Nur weil er dieselbe Nationalität hat.
Außerdem steckt der Kulturbegriff noch in einem anderen Dilemma. "Kulturen treffen nicht aufeinander, sie kämpfen nicht miteinander und sie diskutieren auch nicht miteinander." Alles das machen einzelne Menschen, die "miteinander Geschäfte machen, verhandeln, Anweisungen erteilen und entgegennehmen". Kultur ist folglich nur die Matrix, vor der wir handeln und uns bewegen. Sie verändert sich ständig und ist keineswegs statisch.

Multi-Individualismus.


In Deutschland ist jedoch das kulturelle Containerdenken ziemlich verbreitet. Hier die Deutschen, dort die Türken oder sonst wer. Seltsam wird das Ganze meistens dann, wenn man fremde Ausdrucksformen durch seine eigene kulturelle Brille bewerten will. Man bewertet dann oft das Fremde, ohne es näher zu kennen oder gar zu verstehen. In Großbritannien hat man beispielsweise festgestellt, dass für viele muslimische Schülerinnen und Studentinnen Kopftücher eher ein Zeichen urbanen Schicks oder sogar eine Absage an westliche Schönheitsstandards sind. "Eine weitere Gruppe trägt Kopftücher wiederum als explizites politisches Statement gegen die grassierende und aggressive Anti-Islam-Politik im In- und Ausland sowie den Druck, sich zu assimilieren." Das Kopftuch ist für diese Frauen eher ein unabdingbarer Bestandteil ihrer persönlichen Identität.
Diese Individualisierung dominiert die moderne Welt. Ein Beispiel: Weltweit gibt es 1,2 Milliarden Muslime. Sie gehören zu unterschiedlichen Nationen, sind Familienväter, Teenager, arm und reich, abstinent und Alkoholiker. Wer will da noch von einer geschlossenen Gruppe sprechen? Im Gegenteil: "Kulturen gehen jeden Tag zahllose Vermischungen ein." Aus dem Kontakt entstehen neue Werte, Technologien und Lebensstile.
Interessant zu beobachten, so die Autoren, ist der weltweite Umgang mit dieser vielkulturellen Wirklichkeit. Die einen, wie in Kanada oder Australien, haben eine Politik des Multikulturalismus etabliert, "die Minderheiten neben gleichen Bürgerrechten auch das Recht auf kulturelle Unterschiedlichkeit eingeräumt hat". Die anderen, wie in Großbritannien, definieren sich als Konglomerat vieler unterschiedlicher Kulturgemeinschaften. Diese werden in ihrem ethnischen Minderheitenstatus anerkannt. Übrigens findet man diesen Multikulturalismus nicht nur in der europäischen Gegenwartsmoderne. "Vorkoloniale afrikanische Gesellschaften waren multi-ethnisch und beherbergten eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensstile."

Ein gutes, richtiges und schönes Leben führen.


Wo aber endet die multikulturelle Toleranz? Offenbar dann, wenn es schwierig im Umgang wird. "Nur die einfach zu konsumierende und wirtschaftlich profitable Vielfalt - Sushi, Bollywood oder Salsa - wird als gesellschaftliche Bereicherung angesehen, während alle Werte und Verhaltensformen, die Ausdruck grundsätzlicherer kultureller Unterschiede sein könnten - Kopftücher, Akzentuierung von Geschlechterunterschieden, arrangierte Heiraten -, argwöhnisch abgewertet werden."
Der Multikulturalismus hat dabei die Tendenz, "Menschen in fremdbestimmte Kategorien zu pressen". Beispiel Ethno-Marketing. Produkte werden ethnisch maßgeschneidert - die Palette reicht von halal Nahrungsmitteln für Muslime bis hin zu Kosmetika für schwarze Amerikaner. Das klingt zunächst gut, doch auch in diesem Fall werden Menschen nur verschubladisiert. In Zielgruppen nämlich. Die Tatsache, dass die meisten Menschen unterschiedliche Lebensstile miteinander verbinden, findet in dieser Denkfigur nicht mehr statt. Vielmehr dominiert ein marketingkonformes Containerdenken, das die Menschen auf einfache Parameter reduziert.
Was lernen wir daraus? Es ist künftig ein Bewusstsein für die Verschiedenartigkeit der Menschen notwendig, um die Welt besser zu verstehen. Kein Mensch ist, so sehr er es auch will, die Mitte der Welt. Wir stehen immer am Rand und sind in diesem Sinne immer irgendwo die fremde Minderheit. Jeder, so das Ergebnis der Autoren, sollte deshalb das Recht besitzen, sein Leben nach der eigenen Konfiguration und Programmierung zu führen. Egal, wie schwer der jeweilige kulturelle Überbau auf ihm lastet. Deshalb ist es so überaus wichtig, einander mit Demut zu begegnen. Das heißt: Neugierig sein, Fragen stellen und Ambiguität aushalten. Diese ethnografische Vorgehensweise ist der Beginn jeder Form des Verstehens.
Schluss also mit den Großeinteilungen in Nationen, Rassen, Religionen und Ethnien. Maxikulti ist vielmehr die maximale Freiheit des Einzelnen, sein Leben so zu führen, wie er will. Mit kulturellen Einflüssen aus dem Schatzkästlein weltweiter Lebensstile und -entwürfe. Entscheidend ist dabei, ob man es aus freien Stücken tun kann oder ob es einem aufgezwungen wird. "Kulturelle Vielfalt ist kein Wert an sich, sondern Mittel zum Zweck: um einer möglichst großen Gruppe von Menschen möglichst frei zu überlassen, wie sie ein Leben führen könnten, das ihnen gut, richtig und schön erscheint." Diesen emanzipatorischen Charakter von Diversity in vielerlei Facetten herausgearbeitet zu haben, ist das außerordentliche Verdienst dieses Buches.

Michael Pepes ist freier Autor bei changeX.

Joana Breidenbach / Pál Nyíri:
Maxikulti.
Der Kampf der Kulturen ist das Problem - zeigt die Wirtschaft uns die Lösung?

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008,
192 Seiten, 19.90 Euro.
ISBN 978-3-593-38618-8

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: Maxikulti. . Der Kampf der Kulturen ist das Problem - zeigt die Wirtschaft uns die Lösung? . Campus Verlag, Frankfurt am Main 1900, 192 Seiten, ISBN 978-3-593-38618-8

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