Leben im Schwarm

Ein neues Leitbild transformiert Gesellschaft und Märkte.

Von Andreas Neef

Ameisen und Bienen machen es vor: Auch wenn es keine zentrale Steuerung oder Intelligenz gibt, erledigen sie ihre Aufgaben hervorragend. Ein Erfolgsrezept, mit dem inzwischen auch Unternehmen und Organisationen experimentieren. Nach dem Netzwerk kommt der Schwarm!

"The "Killer-Apps" of tomorrow's mobile infocom industry
won't be hardware devices or software programs but social practices."
(Howard Rheingold: Smart Mobs)

Vom Netzwerk zum Schwarm.


Spätestens seit den 80er Jahren ist uns bewusst geworden, dass jeder von uns eingebunden ist in eine unüberschaubare Vielzahl von sich ausbreitenden und verdichtenden Netzwerken: technische, soziale, wirtschaftliche, politische. Das Internet als "Netz der Netze" wurde zur technischen Metapher, die unsere Vorstellung von der Welt und ihren Zusammenhängen geprägt hat. Diese Netzwerk-Welt verändert ständig ihr Gesicht; durchdrungen von Knoten und Links organisiert sie sich immer wahrnehmbarer in Form lose verbundener Individuen und flacher Hierarchien, von Communitys, Szenen und Clans. Sie baut auf Selbstorganisationsprozesse und gefährdet sich selbst, indem sie globale Verschwörungen fördert oder zumindest den Mythos ihrer Existenz verbreitet. Netzwerklogik und Netzwerkmodelle finden sich überall: in der Struktur von Denk- und Entscheidungsprozessen ebenso wie in den Kommandostrukturen von al Qaida und den mehr oder minder plausiblen Geschäftmodellen der Net-Economy.
Das Netzwerk als Leitbild, aber auch als reale sozio-technische Infrastruktur hat unsere Denkweisen und gesellschaftlichen Organisationsformen in den vergangenen beiden Jahrzehnten radikal verändert. Die neuen Möglichkeiten der technischen Vernetzung von PCs und das Aufkommen des Internets haben weltweit Millionen von Menschen fasziniert. Netzwerke standen im Zentrum von technischen Innovationen und dem Entstehen von neuen Märkten. Mit der Ablösung des PCs als zentrale Access-Technologie durch mobile Breitband-Netze, Wearables und ubiquitäres Computing in der kommenden Dekade wandelt sich auch der Charakter der Netzwerke - und setzt eine neue Innovationsdynamik in Gang. Im Zentrum dieser neu aufkommenden Bewegung steht das Bild des Schwarms als Metapher, technisches Paradigma und soziales Organisationsprinzip.
Ein Schwarm kann als eine Gruppe von Individuen beschrieben werden, die mittels direkter Kommunikation selbstorganisiert und ohne zentrale Lenkung miteinander agieren und damit ihre Effizienz steigern können. Die Besonderheit des Schwarms liegt in seiner Fähigkeit, sich sehr schnell zu formieren und ohne vorherige Planung flexibel und koordiniert zu handeln.
Schwarm-Intelligenz findet man in der Natur insbesondere bei sozialen Insekten wie Ameisen, Bienen oder Termiten. In den Kolonien dieser Insekten scheint jedes einzelne Tier seine Aufgabe zu erfüllen, ohne dass es einer Überwachung bedarf. Dennoch wirken diese Kollektive hoch organisiert. Das Geheimnis hinter der Schwarm-Intelligenz heißt kollektive Selbstorganisation. Die Koordination der Aktivitäten basiert in starkem Maße auf ständiger Interaktion zwischen Individuen. Die Schwarm-Intelligenz erlaubt den Tieren das schnelle Reagieren auf Bedrohungen oder die Lösung komplexer Optimierungsprobleme (zum Beispiel das Auffinden des kürzesten Weges zu einer Futterquelle). Wissenschaftler versuchen schon seit einigen Jahren diese kollektiven Handlungsstrategien zu modellieren, um etwa Software-Agenten zu entwickeln, die miteinander interagieren können, um komplexe Problemstellungen oder Optimierungsaufgaben wie eine verbesserte Auslastung von Telekommunikations-Netzen zu meistern. Auch die Robotik hat sich das Schwarm-Prinzip bereits zu eigen gemacht, etwa beim Bau autonomer, adaptiver "Schwarm-Roboter" (zum Beispiel www.swarm-bots.org) oder auch bei der Entwicklung von kollektiven Nano-Robotern, so genannten Smart Dusts ( http://nanotech-now.com/smartdust.htm). Diese Beispiele deuten bereits an, dass Schwarm-Modelle für die zukünftige Technologie-Entwicklung eine zentrale Rolle spielen werden. Die wahre Sprengkraft des Schwarm-Phänomens liegt dennoch nicht primär im wissenschaftlich-technischen Bereich, sondern in seiner Funktion als Metapher bei der Reorganisation sozialer Prozesse.

Networks of Action: Smart Mobs.


Zur Zeit macht der Begriff des "Social Swarming" die Runde. Social Swarming meint: Mittels neuer, mobiler und ubiquitärer Technologien wird es möglich (und für den Einzelnen attraktiv), selbst mit einer großen Gruppe von Unbekannten gemeinsam und koordiniert zu handeln. Kult-Autor Howard Rheingold, der auch schon den Begriff der Virtual Community geprägt hat, nennt solche nach dem Prinzip des Social Swarming funktionierende Gruppen- und Massenphänomene Smart Mobs.
Smart Mob-Prozesse und neue Formen mobiler, anonymer Kooperation lassen sich schon heute an unterschiedlichen Orten beobachten. Hierzu gehören die Mitfahrer-Börsen (zum Beispiel www.mitbahnen.de) zur Ausnutzung des neuen Preissystems der Bahn ebenso wie die Fahrrad-Demonstrationen der Critical Mass-Bewegung, die mittlerweile in vielen Städten weltweit in regelmäßigen Abständen den Autoverkehr lahm legen: "Critical Mass is not an organization, it's an unorganized coincidence. It's a movement ... of bicycles, in the streets" ( www.critical-mass.org). Es sind natürlich insbesondere Jugendliche in den internationalen Metropolen, die das Social Swarming für sich entdeckt haben und schon heute per SMS ständig mit ihrem Schwarm in Verbindung stehen. Wird die Eröffnung eines neuen Clubs in Tokio oder ein interessanter Event in Helsinki entdeckt, schwärmen die Kids innerhalb kürzester Zeit zu diesen Orten und ebenso schnell wieder zum nächsten Event. Das scheint zunächst nichts besonders Aufregendes zu sein. Schon immer haben Gruppen von Menschen gemeinsam gehandelt. Qualitativ neu sind die Geschwindigkeit und die Flexibilität der Gruppenprozesse, die durch die instantane Interaktion mittels mobiler Kommunikations- und Computing-Devices erst ermöglicht werden.
Mit den Smart Mobs entsteht damit auch eine neue Spielart der Ausübung sozialer Macht. Zu den populären Opfern eines Smart Mob gehört etwa der britische Prinz William: Wo auch immer er in London gesichtet wird, haben sich innerhalb von Sekunden die meist weiblichen Fans per SMS im Schneeballprinzip über den Aufenthaltsort des schönen Prinzen informiert und schon nach einigen Minuten sind oft über 100 Mädchen an dem besagten Ort versammelt. Doch es geht bei dem Thema keinesfalls nur um die schwärmerischen Verrücktheiten verliebter Jugendlicher. Smart Mobs markieren auch eine neue Form des politischen Aktivismus. Mobile Kommunikation, so Rheingold, verstärkt die menschliche Fähigkeit zur Kooperation. Dies haben auch die Globalisierungsgegner erkannt. Ihre großen Protestaktionen, etwa beim G8-Gipfel in Genua, wurden nur über Handys und dynamische Websites koordiniert - ohne eine übergeordnete Steuerungsinstanz. Auch der Sturz des früheren philippinischen Präsidenten Joseph Estrada wäre ohne die Koordination der Proteste über Handy und SMS kaum möglich gewesen. Smart Mobs ermöglichen nicht nur eine neue Form des Protests, sondern bringen auch eine neue Art von Demonstranten hervor: "They don't have to spend all day protesting. They just get a message telling them when it's starting, and then they take the elevator down the street. They can be seen, scream a little and then go back to work."

Vom Krieg der Schwärme zur "Swarming Organization".


Auch im militärischen Bereich wird über Schwarm-Strategien nachgedacht. Schon vor zwei Jahren veröffentlichte die RAND-Corporation ein Papier über "The future of conflict" und stellte Swarming als neue militärische Doktrin zur Diskussion. Grundidee dieses Konzepts ist der Einsatz kleiner, autonomer Kampfeinheiten ("pods" und "cluster"), die sehr schnell und selbstorganisiert zuschlagen können. Mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus hat dieser Ansatz weiter an Bedeutung erlangt, da immer deutlicher wird, dass gegen einen flexiblen und vernetzt agierenden Feind die klassischen Militärstrategien nicht mehr wirksam eingesetzt werden können. In zukünftigen militärischen Schwarm-Kampagnen werden die Generäle nur noch eine Liste mit festen und mobilen Zielen definieren und die flexiblen Kampfeinheiten werden die Angriffe autonom planen und durchführen.
Vom Management wird diese Idee der Swarming Organization bereits für das Business der Zukunft adaptiert. Ziel einer "schwärmenden Organisation" ist die Schaffung der Infrastrukturen zur Unterstützung der selbstorganisierten und sehr schnellen Bildung von entscheidungs- und handlungsfähigen Teams, die sich nach Erfüllung der Aufgabe wieder auflösen. Die Swarming Organization steigert damit die Idee der virtuellen Unternehmung durch den Einsatz von Swarming Technology: hoch-dezentralisiert, dynamisch, pulsierend, nichtlinear und adaptiv. Die Teams in einer solchen Organisation bilden sich eigenverantwortlich und wählen auch die Tools aus, die sie in der konkreten Situation zur Erfüllung ihrer Ziele brauchen. Swarming, so kann man mit einiger Sicherheit prophezeien, wird in den kommenden Jahren zu einer wichtigen Business-Strategie werden. Erste Ansätze werden schon heute beschrieben: Als die mexikanische Fertigbetonfirma Cemex vermehrt mit Terminproblemen zu kämpfen hatte, brachte Schwarm-Logik den Erfolg zurück. Statt einer zentralen Lenkung der Lieferfahrzeuge bekamen die einzelnen Fahrer mehr Freiheit. Sie erhielten nun keine genauen Anweisungen mehr, sondern lediglich die Aufgabe, die Ware pünktlich zum Kunden zu transportieren. Zusätzlich wurde die direkte Kommunikation zwischen den Fahrern unterstützt, so dass diese sich untereinander verständigen konnten, sobald Verzögerungen auftraten. Der Fahrer, der dem Zielort am nächsten war, übernahm dann die Auslieferung. Durch den Wegfall einer übergeordneten Organisation konnten die Verzögerungen minimiert werden. Swarm intelligence goes daily business!

Ausblick in die Zukunft der Schwärme.


Bei den mobilen Netzwerken der Zukunft, und dies ist der entscheidende Perspektivwechsel, geht es im Kern nicht um Austausch oder Kommunikation, sondern es geht um Kooperation. Aus den Kommunikationsnetzen werden Networks of Action. Diese neuen Perspektiven und Optionen setzen soziale und technische Kreativität frei. Am Horizont leuchtet hier eine neue Kultur der Zusammenarbeit auf, ein sozio-technologischer Wandel, von dem Berufsvisionär Sir Arthur C. Clarke behauptet, dass es sich dabei um "one of the greatest transformations of human society - perhaps even more profound than the development of writing" handelt. Auch wenn man nicht so weit gehen möchte: Evident ist ein sich langfristig vollziehender Transformationsprozess in der gesellschaftlichen Tiefenstruktur durch die zunehmende Allgegenwart mobiler Netzwerk-Technologien. Dieser Transformationsprozess wird Beziehungen und Gemeinschaftsformen ebenso verändern wie Unternehmen und Märkte. Gerade Unternehmen werden gut daran tun, die beschriebenen Entwicklungen gut im Auge zu behalten, insbesondere da der Wandel, den wir erleben, nicht primär technischer Natur sein wird, sondern die innovative Kraft vielmehr in der überraschenden Art und Weise liegt, mit der Technologien genutzt und in soziale Praktiken eingebunden werden.
Klar ist: Social Swarming macht die Welt einerseits schneller und unübersichtlicher, auf der anderen Seite verschiebt es die Machtverhältnisse hin zu den Bürgern. Viele der heute noch zentralistisch organisierten gesellschaftlichen Funktionen werden in der Welt der Smart Mobs obsolet. Wird es in einigen Jahren vielleicht bereits virtuelle Unternehmen geben, die nur ein paar Stunden oder gar Minuten existieren? Oder werden die "Hartz-Konzepte" der Zukunft Arbeitsvermittlungen überflüssig machen, da sich die Arbeitssuchenden mittels Selbstorganisation und "Mob Power" bald selbst vermitteln? Werden Kunden sich vermehrt ad hoc zusammenschließen, um Unternehmen zu boykottieren oder ihnen ihre Interessen massiv aufzuzwingen? Die "nächste soziale Revolution" (Rheingold) kommt mit Sicherheit. Nutzen wir die Chance, sie mitzugestalten.

Andreas Neef ist Geschäftsführer von Z_ punkt, dem Essener Büro für Zukunftsgestaltung.

Kontakt:
neef@z-punkt.de
www.z-punkt.de

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