Immer schneller wachsen

Growth und Scale - zwei Bücher zum Thema Wachstum
Rezensionen: Stefan Wally, Winfried Kretschmer

Die Wachstumsfrage polarisiert die ökonomische Debatte. Brauchen Volkswirtschaften Wachstum, um Prosperität und Wohlstand sichern zu können? Oder führt Wachstum nur zu wachsendem Ressourcenverbrauch und steigenden Emissionen - und damit letztlich zum Kollaps in einer beschränkten Welt? Zwei Bücher nähern sich dem Thema in transdisziplinärer Perspektive. Und in einem breiten Ansatz: von Mikroorganismen bis zu Megacitys.

Von Mikroorganismen bis zu Megacitys reicht der Gegenstandsbereich, dem sich zwei aktuelle Publikationen widmen. Ihr gemeinsames Thema: Wachstum respektive Skalierung: die Veränderung des Verhaltens von Systemen bei einer Veränderung ihrer Größe. Beide Titel zeigen zugleich: Es ist eine transdisziplinäre Perspektive gefragt, um die Welt zu verstehen.


Weiter so wie bisher?


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Wenn man sich alle Entwicklungen ansieht, die sich auf dem Planeten abzeichnen, ist klar: Sie können nicht alle so weitergehen wie bisher. Das wird sich beißen. Aber wer kennt schon alle Entwicklungen auf diesem Planeten? Niemand natürlich. Außer vielleicht Vaclav Smil, emeritierter Professor an der Universität von Manitoba in Kanada. In seinem epischen Werk Growth trägt er statistische Daten über langfristige Entwicklungen zusammen wie kaum jemand sonst. Das allein macht das Buch zu einem profunden Nachschlagewerk. Man sieht Entwicklungen, die linear oder exponentiell voranschreiten. Aber auch viele, die einer S-Kurve gleichen: langsamer Beginn, steiler Anstieg, schließlich Einpendeln auf einem bestimmten Niveau. Wichtiger Hinweis vorab: Wenn Wachstum auf Ressourcen beruht, die sich nur in einer S-Kurve entwickeln, wird lineares oder exponentielles Wachstum nicht möglich sein. 

Schlussfolgerungen nach dem Zusammenstellen der verschiedenen Linien bietet Smil auch: Dass es wirtschaftlich so nicht weitergehen kann wie bisher. Er tritt uns nicht moralisierend gegenüber, sondern als Statistiker: Nüchtern, nicht bemüht, sich Freunde zu machen, nicht bemüht um umfassende Theorien. Sondern so: "But we are on a much firmer ground when concluding that the past practices - pursuit of the highest possible economic growth rates, extending the culture of excessive consumption to additional billions of people, and treating the biosphere as mere assembly of goods and services to be exploited (and used as a dumping ground) with impunity - must change in radical ways." (*) Es ist Zeit, umzudenken.


Für ein radikales Umdenken


Am Weg zu dieser Erkenntnis kritisiert Smil auch jene, die seine Meinung teilen, aber es sich aus seiner Sicht zu einfach machten. Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome von 1972 sind für ihn viel zu vereinfachend: "indefensible simplifications", "unvertretbare Vereinfachungen". Es gebe nicht, wie in der Studie postuliert wird, die einheitlichen Faktoren "non-renewable Resources" und "Pollution". Man müsse schon ins Detail gehen. 

Das Umsteuern ist natürlich nicht einfach. Entmaterialisierung des Wachstums sei kein Weg. Man kann zwar weniger Material pro Einheit eines Produkts verwenden, das Bevölkerungswachstum und der Konsum an Produkten pro Person übertreffen diese Effekte aber bei Weitem. Von 2007 bis 2017 ist der Weltenergieverbrauch um 14 Prozent angestiegen. "Decoupling economic growth from energy and material inputs contradicts physical laws: basic needs for food, shelter, education, and employment for the additional billions of people to be added by 2100 will alone demand substantial energy flows and material inputs." (**) Übrigens: Ein Mensch in den USA verbraucht jährlich 300 Gigajoule an Energie, in der EU 150, in China 100, in Indien 20 und in Äthiopien zwei. Selbst wenn man das Wachstum der Wirtschaft vom Energieverbrauch entkoppelt: Meint wirklich jemand, dass nicht gleichzeitig zumindest ein Ausgleich gefunden werden muss zwischen den Niveaus des Energieverbrauchs in den Weltregionen? Und bedeutet das nicht in vielen Regionen der Welt, dass man sogar Wirtschaftswachstum bei Reduktion des Energieverbrauchs anstreben müsste? Geht das ohne grundlegendes Umsteuern in der Wirtschaft? 

Das Argument, dass man in Kürze das Stadium der Menschheit in der aktuellen Form hinter sich lassen werde, wie Transhumanisten meinen, hält Smil für wenig wahrscheinlich. Er spricht von "truly miraculous solutions" ("wirklich wunderbaren Lösungen"), die uns eingeredet würden. Auch die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz sieht er skeptisch: Schon jetzt sind wir mehr und mehr von künstlicher Intelligenz umgeben, etwa durch Computer oder Smartphones. Sie stellen selbst eine Armee von wunderbaren "Mini-Robotern" dar, die vor allem zweierlei brauchen: Rohmaterialien zur Herstellung und Energie zur Nutzung.


Vielschichtige Zusammenhänge


Die Grenzen unseres Wachstums werden von der Biosphäre gesetzt. Dabei führt Smil mehrere Bereiche an, die beachtet werden müssen: "the depletion of deep water aquifers (whose water is withdrawn for mostly highly inefficient crop irrigation) and deforestation in wet tropics (the harbors of the biosphere’s greatest species diversity) as it is of the globally excessive soil erosion that is, slowly but steadily, diminishing the productive capacity of crop fields; as true of the continuing losses of biodiversity (be it due to deforestation, spreading urbanization or demand for traditional medicines) as it is of a multifaceted assault on the oceans that ranges from overfishing at the top of the marine food chain to the now ubiquitous presence of microplastics in seawater". (***) 

Smil zeigt auch, dass die Zusammenhänge vielschichtig sind: Der Verlust von Dunkelheit durch künstliches Licht, das Wachstum der Städte hat sehr komplexe Folgen, vom Energieverbrauch über die Gesundheit bis hin zu den Ökosystemen. Das Buch stellt eine der nüchternsten Formen des Aufrufs zu radikalem Umsteuern dar. Von Stefan Wally


Zunehmende Beschleunigung der Welt


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Von Mikroorganismen hin zu Megacitys, der Untertitel von Vaclav Smils Werk könnte auch auf dem Cover des Buchs von Geoffrey West stehen. Auch dieser Titel versammelt in transdisziplinärer Perspektive ein breites Spektrum unterschiedlicher Phänomene, deren gemeinsames Kennzeichen ihre Komplexität ist. Im Kern geht es auch in diesem Buch um Wachstum, um die Wachstumsfrage: Brauchen Volkswirtschaften Wachstum, um Prosperität und Wohlstand sichern zu können? Oder führt Wachstum nur zu wachsendem Ressourcenverbrauch und steigenden Emissionen? Und damit zum Kollaps in einer beschränkten Welt? Geoffrey West, Physiker und Vertreter der jungen Komplexitätswissenschaft, hat auf diese Frage eine differenzierte Antwort gefunden. Eine Antwort, die zugleich ein verbreitetes Lebensgefühl unserer Zeit erklären kann: die Wahrnehmung einer zunehmenden Beschleunigung der Welt. 

Kurz zusammengefasst: Wests Buch "handelt von den bemerkenswerten Ähnlichkeiten in der Funktionsweise, in Organisation, Struktur und Dynamik von menschlichen Körpern, Tumoren, Städten und Unternehmen". Genauer besehen beschäftigt es sich mit Skalierung, also der Frage, wie Systeme sich bei einer Veränderung ihrer Größe verhalten - und das führt schnurstracks ins Reich der Nichtlinearität. Nichtlineare Entwicklungen, exponentielles Wachstum, Komplexität, Emergenz und Selbstorganisation sind zentrale Themen des Buches, jeweils festgemacht am Phänomen der Skalierung. Dabei gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Organismen und sozioökonomischen Systemen wie Städten oder Unternehmen. Für Lebewesen gilt: je größer, umso weniger - je größer ein Tier ist, desto weniger Energie braucht es bezogen auf ein Gramm oder Kilogramm seines Körpergewichts. Bei sozioökonomischen Systemen ist es umgekehrt; hier gilt das Prinzip: je größer, umso mehr. Mit wachsender Größe steigt auch der Bedarf: mehr Energie, mehr Rohstoffe, mehr Nahrung.


Eine außerordentlich einfache Gesetzmäßigkeit


Das ist der entscheidende Unterschied, der indes nicht ganz einfach zu verstehen ist, weil er unserer natürlichen Neigung zu linearem Denken zuwiderläuft. West buchstabiert das daher sorgfältig aus. Der mit zunehmender Größe verbundene wachsende Mehrwert (je größer, umso mehr) wird in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften als wachsender Skalenertrag bezeichnet, Physiker hingegen sprechen lieber von superlinearer Skalierung. Einsparungen bei zunehmender Größe hingegen (je größer, umso weniger) werden Skaleneffekte genannt, die Form der Skalierung heißt sublinear. 

Wests überraschende, ja frappierende Erkenntnis ist nun, dass "einige der komplexesten Phänomene … mit denen wir es im Leben zu tun haben, jeweils eine außerordentlich einfache Gesetzmäßigkeit aufzeigen". Denn wie durch ein Wunder ordnen sich die Daten in nahezu geraden Linien an, egal ob es sich um die Herzschläge bei Tieren, das Gehtempo in Städten, die Zahl der Patente oder die Einnahmen und Vermögenswerte von Unternehmen handelt. Immer gruppieren sich die Werte um eine gerade Linie, statt sich regellos über die Fläche des Graphen zu verteilen. Das zu verstehen, zählt für West zu den herausragenden Aufgaben der Wissenschaft: Diese müsse sich "auf die Suche nach einer ganzheitlichen Theorie der Komplexität machen".


Bedeutender Paradigmenwechsel


Wohin die Reise bei unbeschränktem Wachstum führt, lässt sich aber bereits heute genau bestimmen. Weil auch hier "unsere natürliche Neigung zu linearem Denken" Verständnisschwierigkeiten bereiten kann, widmet sich West in einem Exkurs dem Thema exponentielles Wachstum (als Gastbeitrag erschienen auf changeX). In der Umgangssprache werde mit dem Ausdruck "exponentielles Wachstum" allgemein die Vorstellung verbunden, dass etwas sehr schnell wachse. Exponentielles Wachstum ist aber viel mehr als "rasantes Wachstum", so West. Es beginnt eher gemächlich, um sich dann immer weiter zu beschleunigen. 

Unbegrenztes Wachstum bei begrenzten Ressourcen führt aber unweigerlich zu Stagnation und Zusammenbruch - mit einer Ausnahme: außer nämlich, eine Innovation leitet einen Paradigmenwechsel ein, der gewissermaßen die Uhr zurückstellt. Da aber die Wachstumskurve weiter ansteigt und sich die Geschwindigkeit des Wachstums beschleunigt, muss auch das Innovationstempo wachsen. Innovationen müssen "immer rascher aufeinander folgen, wenn stetiges Wachstum aufrechterhalten werden soll", so West. Die Schlussfolgerung: "Das allgemeine Lebenstempo steigt auch deshalb, weil wir in puncto Innovationen immer schneller werden müssen!" Zugleich steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht klappt mit der richtungsweisenden Innovation, dem Paradigmenwechsel, der das System weiter am Laufen hält. 

Die Alternative: Wir steigen aus, schlagen uns das unbegrenzte Wachstum aus dem Kopf und suchen nach einem neuen Verständnis von Wohlstand und Fortschritt. "Aber wäre das nicht auch ein bedeutender Paradigmenwechsel?", fragt West am Ende. Von Winfried Kretschmer 

Anhang 

Übersetzung der Zitate aus Vaclav Smils Growth ins Deutsche 

(*) "Aber wir befinden uns auf einem viel festeren Boden, wenn wir zu dem Schluss kommen, dass sich die bisherigen Praktiken - das Streben nach möglichst hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten, die Ausweitung der Kultur des übermäßigen Konsums auf weitere Milliarden von Menschen und die Behandlung der Biosphäre als bloße Ansammlung von Gütern und Dienstleistungen, die ungestraft ausgebeutet (und als Müllhalde genutzt) werden sollen - radikal ändern müssen." 

(**) "Die Entkoppelung des Wirtschaftswachstums von Energie- und Materialaufwand widerspricht physikalischen Gesetzen: Allein die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Unterkunft, Bildung und Beschäftigung für die bis 2100 hinzukommenden Milliarden Menschen werden erhebliche Energieströme und Materialeinsätze erfordern." 

(***) "die Erschöpfung der tiefen Grundwasserleiter (deren Wasser für eine meist sehr ineffiziente Bewässerung der Kulturen entnommen wird) und die Abholzung in den feuchten Tropen (den Häfen der größten Artenvielfalt der Biosphäre), da die weltweit übermäßige Bodenerosion die Produktionskapazität der Felder langsam, aber stetig verringert; ebenso wie der anhaltende Verlust an biologischer Vielfalt (sei es durch Abholzung, zunehmende Verstädterung oder die Nachfrage nach traditionellen Arzneimitteln) und der vielfältige Angriff auf die Ozeane, der von der Überfischung an der Spitze der marinen Nahrungskette bis hin zur inzwischen allgegenwärtigen Präsenz von Mikroplastiken im Meerwasser reicht". 

Übersetzung: DeepL, durchgesehen 


Zitate


"Decoupling economic growth from energy and material inputs contradicts physical laws: basic needs for food, shelter, education, and employment for the additional billions of people to be added by 2100 will alone demand substantial energy flows and material inputs." Vaclav Smil: Growth

"Das allgemeine Lebenstempo steigt auch deshalb, weil wir in puncto Innovationen immer schneller werden müssen!" Geoffrey West: Scale

"Eine der großen Herausforderungen, denen wir uns im 21. Jahrhundert stellen müssen, ist die Frage, ob die von Menschen in den letzten fünftausend Jahren geschaffenen Sozialsysteme weiterhin mit der mehrere Milliarden Jahre alten biologischen Welt koexistieren können, aus der sie hervorgegangen sind." Geoffrey West: Scale

 

changeX 05.06.2020. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

Ausgewählte Links zum Thema

Quellenangaben

Zu den Büchern

: Growth. From Microorganisms to Megacities. MIT Press, Cambridge MA 2019, 655 Seiten, 39.95 US-Dollar, ISBN 978-0-262042833

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: Scale. Die universalen Gesetze des Lebens von Organismen, Städten und Unternehmen. C.H.Beck Verlag, München 2019, 478 Seiten, 28 Euro (D), ISBN 978-3-406-74191-3

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

Autor

Stefan Wally
Wally

Stefan Wally ist Geschäftsführer der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ) versteht sich als Einrichtung einer kritischen und kreativen Zukunftsforschung. Sie publiziert das vierteljährlich erscheinende Magazin proZukunft, das sich als Radar für zukunftsrelevante Publikationen versteht, und organisiert Veranstaltungen und Tagungen.

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