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Generation Nutzwert

Carsharing war erst der Anfang - die Wir-Ökonomie ändert die Spielregeln aller Branchen. Ein Essay von Nora S. Stampfl
Text: Nora S. Stampfl

Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Das war gestern. Der Erfolg von Carsharing zeigt: Das geteilte Auto wird zur echten Alternative zum Autobesitz. Aber nicht nur Autos werden geteilt - in Zukunft wird es kaum noch etwas geben, das wir nicht teilen. Teilen prägt den Konsum von morgen und fordert die Geschäftsmodelle von Unternehmen aller Branchen heraus. In der Wir-Ökonomie geht Nutzwert vor Besitz.

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Carsharing ist eine noch recht junge Idee, aber bereits eine Erfolgsstory: Zu Beginn des Jahres 2011 gab es in Deutschland 190.000 Carsharing-Nutzer, das sind 20,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor und bedeutet den Spitzenplatz innerhalb Europas. Mehr als 30.000 neue Nutzer registrierten sich 2010 bei einer der bundesweit 2.400 Carsharing-Stationen, die es in fast 300 Städten und Gemeinden gibt. Dabei sind 2011 5.000 Fahrzeuge im Einsatz - ein Zuwachs von 8,7 Prozent gegenüber 2010. (1) 

Ohne Zweifel: Die Idee, ein Auto zu fahren, ohne es zu besitzen, erscheint immer mehr Menschen als Alternative zum privaten Autoeigentum. Besonders in Ballungsräumen bietet das geteilte Auto viele Vorteile: Gezahlt wird nur, wenn auch gefahren wird; für jeden Fahrtzweck steht ein passendes Fahrzeug bereit; ohne zeitraubende Parkplatzsuche wird das Auto am reservierten Parkplatz wieder abgestellt und über Wartung und Pflege, Reinigung und Versicherung muss man sich keine Gedanken machen.  

Die rasanten Wachstumszahlen von Carsharing machen klar: Unsere Vorstellungen vom Autoeigentum wandeln sich drastisch. Seit jeher ist ein Auto mehr als bloßer Gebrauchsgegenstand: Es verkörpert den Traum unbegrenzter individueller Mobilität, ist sowohl Statussymbol als auch Symbol für Wohlstand und Fortschritt. All dies scheint derzeit im Wandel begriffen. Nicht nur beginnen mehr und mehr Menschen, Autos gemeinschaftlich zu nutzen. Insbesondere für die mobile, urbane jüngere Generation verliert das eigene Auto an Bedeutung. Als Statussymbol wird es durch schicke Wohnungen, aufregende Urlaube und die neuesten elektronischen Geräte verdrängt. Nach Angaben des Kraftfahrtbundesamtes waren 2009 nur noch sieben Prozent aller Neuwagenkäufer zwischen 18 und 29 Jahre alt, zehn Jahre zuvor kamen noch etwa 17 Prozent aller Neuzulassungen auf diese Altersgruppe. Autokäufer werden immer älter; insbesondere in der jüngeren Generation verliert der eigene Wagen an Attraktivität. So spricht Michael Adler, Geschäftsführer der Agentur fairkehr in seinem so betitelten Buch von einer "Generation Mietwagen". Mieten statt besitzen ist die Devise für eine "neue Lust an einer anderen Mobilität". (2)  

Schon seit geraumer Zeit lässt sich ein grundlegender Einstellungswandel im Hinblick auf Eigentum beobachten. Das Eigentum an einer Sache tritt gegenüber dem Nutzen, den diese Sache bringt, immer mehr in den Hintergrund. Schon Ende des letzten Jahrhunderts erklärte der US-amerikanische Ökonom und Publizist Jeremy Rifkin (3) die Idee, Dinge zu kaufen und sie zu besitzen, für überkommen. Künftig werden wir nicht mehr Eigentum, sondern Nutzungsrechte erwerben, so Rifkin. Eigentum wird verdrängt durch den "just in time"-Zugang zu beinahe jeglicher Art von Dienstleistung. Kurz: Der Zugang zählt, nicht mehr der Besitz. Wir werden keinen Kaufpreis mehr bezahlen, sondern Zugangsgebühren, die uns die Nutzung von Dingen in Form von Abonnements, Mitgliedschaften, Leasing- und Lizenzverträgen eröffnen. Für Rifkin ist das 21. Jahrhundert daher "The Age of Access".


Konsum ohne Eigentum


Noch ist das Zukunftsmusik. Aber es fügt sich nahtlos ein in einen Trend zu zunehmender Dematerialisierung, der unsere Wirtschaft bereits seit geraumer Zeit prägt: die zunehmende Dienstleistungsorientierung der Ökonomie. So gehen Unternehmen schon länger dazu über, ihre Produkte mit Dienstleistungen zu verbinden, um sie für Kunden attraktiver zu machen und sich dadurch vom Wettbewerb abzusetzen. Denn Sachgüter haben für den Kunden einen größeren Nutzen, kümmert sich der Lieferant zusätzlich um Finanzierung und Versicherung, Lieferung und Montage, Wartung und Reparatur bis hin zur Entsorgung. Bei der Lösung spezifischer Kundenprobleme hilft die gezielte Kombination von Sach- und Dienstleistung allemal besser als die bloße Bereitstellung von Produkten allein. Und wirklich innovative Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter: Sie vernetzen Sachgut und Dienstleistung derart eng, dass die beiden Komponenten ununterscheidbar werden. Dabei ist die Dienstleistung nicht länger Beiwerk zum Produkt, das dessen Verkaufschancen erhöhen soll, sondern umgekehrt: Das Produkt tritt aus dem Fokus, die Dienstleistung wird zum Kern des Kundenangebots.  

Damit wird jede Unternehmensleistung eine Problemlösung für ein ganz spezifisches Kundenproblem - und diese besteht in den wenigsten Fällen bloß darin, Produkteigentum zu verschaffen. Oftmals gehen Unternehmen dabei sogar so weit, dass das Eigentum am Produkt beim Produzenten verbleibt, verkauft wird nur noch die Funktion. Der Kunde erwirbt zwar den Nutzen eines Produkts, ohne sich mit der Verantwortung des Eigentums zu belasten. So lassen sich etwa Maschinenbauunternehmen in vielen Fällen nicht mehr für ihre Maschinen bezahlen, sondern für die Erzeugnisse, die mit diesen Maschinen hergestellt werden. Der Kopiergerätehersteller Xerox etwa verkauft seine Geräte nicht mehr, sondern vermietet und wartet diese; zusätzlich werden die Kopierer stets durch Nachrüstung auf dem neuesten Stand der Technik gehalten, sodass der Kunde zu jeder Zeit ein Gerät zur Verfügung hat, das "so gut wie neu" ist. Und Rolls-Royce verkauft seinen Kunden keine Triebwerke mehr, sondern verlangt eine Gebühr für jede Stunde, die die Triebwerke störungsfrei im Einsatz sind.  

Zwar ist das Modell "Problemlösung statt Produkteigentum" vorerst im gewerblichen Bereich verbreitet, jedoch lässt die Vielzahl der entstehenden Verleihservices (von Werkzeugen über Partyausstattung bis hin zu Babywindeln) vermuten, dass der Trend zum eigentumslosen Konsum auch im privaten Bereich Fuß fasst. Denn "Eigentum verpflichtet" und wird zunehmend als Klotz am Bein empfunden. Schließlich sind wir daran interessiert, unsere Wäsche zu waschen, den Rasen zu mähen oder einen Nagel in die Wand zu schlagen - Waschmaschine, Rasenmäher und Hammer sind lediglich Mittel zum Zweck und interessieren uns nur sekundär. Und besonders im digitalen Zeitalter verändern sich die Konzepte von Eigentum, da viele "Dinge" gar nicht mehr physisch vorliegen: Es geht uns schließlich um die Musik, um den Film, nicht um die CD oder die DVD.  

Auch die Einstellung der Menschen einem Konsumismus gegenüber, der die Anhäufung von Dingen in den Mittelpunkt stellt, während zugleich die Müllberge wachsen, wandelt sich. Ein zunehmend ökologisches Bewusstsein und der Wunsch nach einem nachhaltigen Lebensstil führen dazu, dass das Konzept des "Konsums ohne Eigentum" von immer mehr Menschen angenommen wird. Es wächst heute eine Generation heran, für die Erlebnisse und Erfahrungen wichtiger sind als das Anhäufen von Sachen, für die der Nutzwert eines Guts das Eigentum daran aussticht. Die "Generation Nutzwert" strebt nach Erlebnissen und weniger nach Besitztümern. Ihr geht es um das "Nutzen statt Besitzen", um die unmittelbare Befriedigung ihrer Bedürfnisse im Hier und Jetzt - und dies, ohne die Lasten des Eigentums anzunehmen.  

Das ist nachvollziehbar. Denn: Wie viele Dinge finden sich in unserem Haushalt, die wir kaum jemals benutzen und die hauptsächlich in Abstellkammern ihr Leben fristen? Und wie viel davon kaufen wir schon in dem Wissen, dass wir sie kaum öfter als ein- oder zweimal benutzen werden? Wie oft wird die Campingausrüstung zum Einsatz kommen? Oder das Trekkingrad, wenn wir nur alle paar Jahre einen Radausflug machen? Wenn wir uns dann noch vor Augen halten, dass die meisten Dinge von teils erheblichem Wert, wie etwa Autos, Werkzeug, Sportgeräte, Boote et cetera, den Großteil ihrer Lebensspanne ungenutzt bleiben, dann stellt sich tatsächlich die Frage, ob Eigentum wirklich immer die große Freiheit bringt und wirtschaftlich sinnvoll ist.  

Gerade in Ballungsräumen werden die kompletten Kosten und sonstigen Lasten des Autohaltens immer höher, dabei wird das durchschnittliche Auto nur einen Bruchteil des Tages benutzt; die meiste Zeit fristet es auf dem Parkplatz. So verursacht die Parkplatzsuche in Großstädten fast ein Drittel des Verkehrs - und ein Auto benötigt im Schnitt drei Parkplätze (zu Hause, Arbeitsstelle, Einkauf/Unterhaltung). Ein Auto zu teilen scheint die logische Folge nicht nur der hohen Kosten, sondern auch der überfüllten Innenstädte wegen. Und diese Erkenntnis setzt sich durch: Wenn Greenwheels, cambio, car2go und all die anderen Carsharing-Anbieter im derzeitigen Tempo weiterwachsen, dann könnte bald ein nicht unerheblicher Teil der vorhandenen Autos einer großen gemeinschaftlich genutzten Flotte angehören. Ist dies eine Utopie oder ist es wirklich vorstellbar, dass der Autobesitz, wie wir ihn heute kennen, bald der Vergangenheit angehört? Ist es möglich, dass Carsharing die Spielregeln der Automobilbranche komplett auf den Kopf stellt?


Das Internet braucht keine Intermediäre


Während sich neuerdings die verschiedensten Automobilanbieter auf das Terrain des Carsharings begeben und eigene Sharing-Modelle ins Leben rufen (zum Beispiel Daimler mit car2go, BMW mit DriveNow, Peugeot mit Mu), um die Zügel nicht völlig aus der Hand zu geben, läuft die Entwicklung des Autoteilens längst weiter. Zusätzlich entstehen Modelle, die ohne zentralen Anbieter auskommen, der die Carsharing-Fahrzeuge zur Verfügung stellt, in Schuss hält und für die Abrechnung sorgt. Damit entsteht "echtes" Teilen - und das könnte künftig noch viel stärker unsere tief verwurzelten Vorstellungen vom Autoeigentum erschüttern: Anstatt ein Fahrzeug von einem Unternehmen zu mieten, das eigens dafür eine Flotte anschafft, leiht man es vom Nachbarn, der es gerade nicht benötigt. Damit ist allen bestens gedient: dem Fahrer, der bequem und unbürokratisch an ein Auto kommt, das im besten Fall direkt vor seiner Haustüre parkt, und dem Autoeigner, der mit dem Verleihen sogar noch etwas verdient - und möglicherweise sogar auf diese Art sein Auto vollständig finanzieren kann.  

Unternehmen wie WhipCar, Getaround oder tamyca setzen ein echtes Peer-to-Peer-Modell um, indem sie lediglich die Plattform im Internet zur Verfügung stellen, auf der sich Fahrer und Autobesitzer treffen, den Rest machen diese unter sich aus: Autos können auf den jeweiligen Webseiten zur Vermietung angeboten werden, der Eigner setzt den Preis fest. Wer kein Auto besitzt, aber immer mal wieder eines benötigt, greift einfach auf die Plattform zu und lässt sich verfügbare Fahrzeuge in der Nachbarschaft anzeigen. Kommt eine Vermietung zustande, wird die Schlüsselübergabe vereinbart, und die Fahrt kann beginnen. Wer hätte noch vor nicht allzu langer Zeit gedacht, dass so teure Gegenstände wie Autos geteilt werden? Jedoch zeigt die rasche Verbreitung von Peer-to-Peer-Carsharing, dass die gemeinschaftliche Nutzung von Fahrzeugen für immer mehr Menschen eine Option ist.  

Teilen ist freilich nichts Neues, immer schon war es Teil des menschlichen Zusammenlebens. Neu ist, dass die Netzwerktechnologien das Teilen zwischen Menschen heute auf ein neues Niveau heben. Teilen wird innovativer und dringt in neue Bereiche vor. Im Internetzeitalter leben mit dem Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten, Schenken uralte Wirtschaftspraktiken wieder auf. Mit potenziell weitreichenden Folgen: Der Konsumismus des 20. Jahrhunderts wird durch den Peer-to-Peer-Konsum des 21. Jahrhunderts abgelöst - dezentraler, offener und gemeinschaftlich werden wir in Zukunft konsumieren. Verband das Internet in seinen Anfangstagen Menschen mit Informationen, später Menschen mit Menschen (Web 2.0), so bringt es heute mit der zunehmend verschwimmenden Grenze zwischen virtueller und realer Welt auch Menschen mit Dingen zusammen. Die Kraft der Netzwerktechnologien besteht vorrangig darin, dass sie vollkommen neue Wege auftun, wie sich Menschen miteinander verbinden - in Echtzeit und immer öfter auch mobil. Dadurch löst das Netz das uralte Problem, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen, auf die denkbar effizienteste Weise. Die Transaktionskosten sind gering und zudem können auch die Fixkosten in Grenzen gehalten werden, weil es im Austausch "Peer to Peer" keine Intermediäre mehr gibt, deren Overheadkosten letztlich beim Konsumenten aufschlagen.  

So ist Carsharing ein gutes Beispiel, welche neuen Potenziale die Technologie eröffnet: Zwar ist die Geschichte der Autovermietung beinahe so lang wie die des Autos selbst, jedoch bietet die Technik heute völlig neue Möglichkeiten, die gemeinschaftliche Nutzung von Autos effizienter und bequemer auszugestalten und wahre Problemlösungen zu bieten: Durch die Möglichkeit, Fahrzeuge zu orten und per Chipkarte zu öffnen und zu starten, können diese über die gesamte Stadt verteilt abgestellt und müssen nicht zentral angemietet und wieder abgegeben werden; es sind flexiblere Abrechnungsmodelle möglich; die Anmietung und Abgabe kann effizienter gestaltet werden, im Idealfall lässt der Fahrer das Auto nach Gebrauch einfach an Ort und Stelle stehen.  

Und nicht zuletzt die Technologie ist es, die Mietunternehmen letztlich obsolet macht und Peer-to-Peer-Vermietungsmodelle im großen Rahmen zulässt und effizient machen kann. Die Brücke zwischen Produktion und Konsum stellen nicht länger notwendigerweise Unternehmen dar: Im Netz wird der Austausch unmittelbar zwischen Peers möglich. Auf diese Weise erhält jeder Zugang zu einer breiteren Palette von Ressourcen - günstiger und oftmals bequemer.


Alles wird geteilt


Und Carsharing war erst der Anfang. Blickt man sich im World Wide Web um, so fällt auf, dass sich Angebote mehren, denen eines gemeinsam ist: Sie unterstützen das Teilen und gemeinschaftliche Konsumieren. Es gibt Plattformen, die das Ausleihen von Werkzeug, Haushaltsgeräten, Fahrrädern oder sonstigen Gebrauchsgegenständen aller Art in der Nachbarschaft ermöglichen; Plattformen, die Sofas zum Übernachten an Weltenbummler vermitteln; Plattformen, die das Ausleihen von - für viele ehedem unerschwinglichen - Designer- und Luxusgütern möglich machen; Plattformen, die Gärten an Hobbygärtner vermitteln, und vieles mehr. So unterschiedlich die Güter sind, die von Peer zu Peer ausgetauscht werden, so haben die Online-Marktplätze doch alle eines gemeinsam: Die Wege, auf denen sie Vermögensgüter und Menschen zusammenbringen, sind neu und vollkommen unbeschritten. Es gibt kaum etwas, das in Zukunft nicht geteilt wird: Autos, Kleidung, Sofas, Wohnungen, Werkzeuge, Büros und sogar Fähigkeiten und Zeit.  

CouchSurfing verbindet Reisende mit Einheimischen: Nicht nur sollen Schlafgelegenheiten als preisgünstige Alternative zum Hotelaufenthalt vermittelt werden, auch ist es erklärtes Ziel der Community, kulturellen Austausch, Freundschaften und Lernerfahrungen zu stiften. Seit der Gründung im Jahr 2004 fanden knapp drei Millionen Sofabesitzer und -schläfer über CouchSurfing zusammen.  

Landshare wiederum bringt Menschen mit einer Leidenschaft fürs Gärtnern mit solchen, die Land zur Verfügung haben, zusammen. Auf 55.000 Gärtner, Landeigentümer und Helfer ist die Community seit 2009 bereits angewachsen.  

Bag Borrow Or Steal bietet Designerhandtaschen und -accessoires für jeden Geschmack zum Ausleihen. "Als ob man Zugang zum Kleiderschrank von Promis hätte", verspricht die Plattform und macht teure Modeartikel für jedermann erschwinglich. Und in Österreich verschafft die Website rentluxurybags der taschenversessenen Modeliebhaberin teure Designerstücke auf Zeit, sei es für eine Woche oder auch nur übers Wochenende.  

Auch Geld wird immer öfter zwischen Peers verliehen. So bringt etwa Zopa Menschen, die Geld leihen, mit solchen zusammen, die Geld verleihen möchten - ganz ohne Banken. Versprochen werden nicht nur bessere Konditionen und größere Gewinne, sondern auch eine persönlichere Erfahrung als beim Geschäft mit Banken: Geld bekommt wieder ein Gesicht, weil sich der Kreditgeber aussuchen kann, was mit seinem Geld passiert. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen - so viele Online-Services gibt es bereits, die die unterschiedlichsten Wünsche über das Internet zusammenbringen.  

Und der Peer-to-Peer-Konsum wird nicht nur angefacht durch den Trend zum Teilen, auch ein verstärkter Trend zum Besitz auf Zeit macht sich bemerkbar. Secondhand erlebt eine Renaissance und verlängert den Lebenszyklus vieler Produkte. Die Speerspitze der modernen Secondhand-Welle bildete eBay mit seinen Online-Auktionen, bei denen jedermann zum Händler werden konnte und Güter, die ansonsten im Müll landeten, noch einen Abnehmer fanden. eBay hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir uns an den Gedanken, auch gebrauchte Dinge zu nutzen, gewöhnt haben. Heute findet sich eine Unmenge von Plattformen im Internet, die die Umverteilung und Wiederverwendung gebrauchter Dinge durch Verkauf, Tausch oder Verschenken ermöglichen. Weil es das Schicksal mancher Waren ist, dass sie schnell wieder entsorgt werden, obwohl sie in einwandfreiem Zustand sind, ist das "Recycling" sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll.  

thredUP beispielsweise bietet mit der Möglichkeit, Kinderkleidung zu tauschen, eine Lösung für das Problem, dass Kinder schnell wachsen und die ständige Neuausstattung mit Kleidung die Budgets vieler Familien sprengt.  

Und Freecycle vermittelt Dinge, die an einer Stelle wertlos geworden sind, aber anderswo noch gebraucht werden: Ohne jegliches kommerzielle Interesse geht es der Plattform einzig und allein darum, unnütz gewordene Dinge wieder einem Zweck zuzuführen und sie vor dem Müll zu bewahren.


Branchen werden neu definiert


Diese Beispiele zeigen ganz klar: Internetmarktplätze sind in die klassischen Tätigkeitsfelder großer Unternehmen eingebrochen, haben die Branchenspielregeln komplett umgekrempelt und lassen dadurch die Geschäftsmodelle vieler etablierter Unternehmen alt aussehen. Nicht nur haben die Internetportale den Großen Kunden weggenommen, auch ist es gelungen, mit ihren Angeboten Menschen anzusprechen, die ansonsten niemals die Leistung eines Unternehmens in Anspruch genommen hätten - schlicht weil sie sich kein eigenes Auto leisten können, die Designerhandtasche zu teuer ist oder Banken ihr Projekt niemals mit einem Kredit unterstützen würden.  

Wir nennen die neue Konsumwelt Wir-Ökonomie. Weil das "Ich" beim Konsumieren immer öfter durch ein "Wir" abgelöst wird: Während die Marken des 20. Jahrhunderts rund um Selbstwertgefühl und die Schaffung einer Identität kreisten, basieren die Marken des 21. Jahrhunderts auf Beziehungen und Teilhabe. Konsumenten geht es heute immer auch darum, ein "soziales Selbst" zu kreieren. Sie sind auf der Suche nach Verbindungen zu anderen und Zugehörigkeit zu Gemeinschaften. Unsere Gesellschaft entwickelt ein neues Wir-Gefühl. Der individualistische Lebensstil verliert an Bedeutung, es kommt zu einer Neudefinition dessen, was Freundschaft und Familie und das Eingebundensein in Gemeinschaften bedeutet. Dies erstreckt sich auch auf neue Formen von Gemeinschaft: Das soziale Leben spielt sich mehr und mehr auch im Internet ab. Soziale Netzwerke sind der erweiterte Lebensraum. Der lang gehegte Glaube, dass das Internet zu Vereinsamung und Isolierung führe, wird so Lügen gestraft. Denn in der heraufziehenden Wir-Ökonomie sind die Menschen nicht vereinzelt vor ihrem Bildschirm, genau das Gegenteil ist der Fall: Peer-to-Peer-Konsum erfüllt das Verlangen nach Gemeinschaft. Eine Komponente des Teilens ist immer auch der persönliche Kontakt zu anderen. Ironischerweise fördert das Internet die Zusammengehörigkeit im "echten" Leben. Die Transaktionen werden zwar im Netz angebahnt, aber immer geht es den Menschen dabei auch darum, andere Menschen kennenzulernen; Zweck ist nicht der unpersönliche Austausch, sondern eine Erfahrung unter Gleichgesinnten. Zum Beispiel CouchSurfing: Es geht nicht nur um einen Schlafplatz, es geht auch darum, Anschluss zu finden an einem fremden Ort.  

Das birgt das Potenzial radikalen Wandels: Ganze Branchen werden durch diese Entwicklungen umgestaltet und müssen sich neu erfinden: Communitys wie etwa CouchSurfing fordern das Hotelgewerbe heraus, Carsharing zwingt die Automobilindustrie zum Umdenken und Social Lending wird zur echten Alternative zum Bankenkredit. Unternehmen sind umso mehr gefordert und müssen ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand heben, als die Gemeinschaftsmärkte beginnen, sich zu vernetzen, und auf diese Art noch mächtiger werden: Es bietet sich ja förmlich an, dass beispielsweise Carsharing langfristig mit Konzepten zur Wohn- oder Arbeitsraumteilung zusammenwächst.  

Dieses Beispiel zeigt schon: Zwar steckt die Wir-Ökonomie noch in den Kinderschuhen und macht sich derzeit nur punktuell bemerkbar, jedoch wohnt der Idee riesiges Potenzial inne. Teilen ist eine echte Wachstumsbranche. Weil die Konzepte der Wir-Ökonomie Antworten auf so viele brennende gesellschaftliche Fragen geben und eine neue Lebensart beschreiben, die unsere Welt umstrukturieren könnte. Letztlich wird es um die Frage gehen, ob die Wir-Ökonomie die Art und Weise ändert, wie wir leben, arbeiten und konsumieren. Die vielen erfolgreichen Beispiele, wie Teilen, Tauschen, Leihen durch Technologie neu erfunden werden, zeigen, dass die Wir-Ökonomie kein Nischentrend und auch keine kurzfristige Reaktion auf Wirtschaftskrise oder Umweltbedrohungen ist. Peer-to-Peer-Konsum ist eine sozioökonomische Umwälzung, die Menschen über ihre Art und Weise der Befriedigung von Konsumbedürfnissen nachdenken lässt. Und Unternehmen dazu bringt, ihre Strategie auf den Prüfstand zu stellen.  

Quellenangaben 

(1) Bundesverband CarSharing e. V. (2011): Jahresbericht 2010. Veränderungen fordern die Branche - wir gestalten den Wandel. URL: http://www.carsharing.de/images/stories/pdf_dateien/jahresbericht_2010_endversion.pdf. Stand: 05.07.2011.
(2) Michael Adler (2011): Generation Mietwagen. Die neue Lust an einer anderen Mobilität, München, oekom Verlag
(3) Jeremy Rifkin (2000): The Age of Access, New York, deutsch: Access. Das Verschwinden des Eigentums: Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden, Frankfurt am Main, Campus Verlag  

Foto © iStockphoto.com/higyou 


Zitate


"Die rasanten Wachstumszahlen von Carsharing machen klar: Unsere Vorstellungen vom Autoeigentum wandeln sich drastisch." Nora S. Stampfl: In der Wir-Ökonomie

"Schon seit geraumer Zeit lässt sich ein grundlegender Einstellungswandel im Hinblick auf Eigentum beobachten." Nora S. Stampfl: Generation Nutzwert

"Die "Generation Nutzwert" strebt nach Erlebnissen und weniger nach Besitztümern. Ihr geht es um das "Nutzen statt Besitzen", um die unmittelbare Befriedigung ihrer Bedürfnisse im Hier und Jetzt - und dies, ohne die Lasten des Eigentums anzunehmen." Nora S. Stampfl: Generation Nutzwert

"Im Internetzeitalter leben mit dem Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten, Schenken uralte Wirtschaftspraktiken wieder auf." Nora S. Stampfl: Generation Nutzwert

"Die Kraft der Netzwerktechnologien besteht vorrangig darin, dass sie vollkommen neue Wege auftun, wie sich Menschen miteinander verbinden - in Echtzeit und immer öfter auch mobil." Nora S. Stampfl: Generation Nutzwert

"Es gibt kaum etwas, das in Zukunft nicht geteilt wird: Autos, Kleidung, Sofas, Wohnungen, Werkzeuge, Büros und sogar Fähigkeiten und Zeit." Nora S. Stampfl: Generation Nutzwert

 

changeX 04.10.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Wir-Ökonomie. Die Macht des Teilens. f.21 Büro für Zukunftsfragen, Berlin/München 2011, 71 Seiten, 140 Euro

Wir-Ökonomie

Autorin

Nora S. Stampfl
Stampfl

Nora S. Stampfl studierte Wirtschaftswissenschaften in Österreich (Mag. rer. soc. oec.) und den USA (MBA). Sie arbeitet als Unternehmensberaterin und Zukunftsforscherin in Berlin. Den Arbeitsschwerpunkten strategische Unternehmensführung, gesellschaftlicher Wandel und Zukunftsfragen widmet sie sich auch als Autorin.

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