Leichter kommunizieren

Zur Euviz 2014: Sabine Soeder, Christine Chopyak und Ulric Rudebeck im Interview
Interview: Jost Burger

Visualisierungstechniken werden zu ganz normalen Instrumenten im Arbeitsalltag. Sie unterstützen Zusammenarbeit und Führung, indem sie Kommunikation erleichtern. Denn Visualisierung kann die zugrunde liegenden Verbindungen in komplexen Situationen freilegen. Um diese Themen geht es im Track "Business, Collaboration & Leadership".

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Sabine Soeder, Christine Chopyak und Ulric Rudebeck begleiten als Visual Facilitators und Berater Unternehmen weltweit bei der Entwicklung und Umsetzung von Visionen und Strategien. Für sie ist Visualisierung weit mehr als nur ein Instrument, das beim Nachdenken hilft. Sie sagen: Bilder und Visualisierung werden unseren Verstand befreien, wie die Maschinen uns vom Zwang zu körperlicher Arbeit befreit haben. Und dies wird nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft grundlegend verändern.
 

Visualisierung erlebt einen bemerkenswerten Aufschwung. Was ist der Grund dafür und welche Rolle wird Visualisierung künftig spielen? 

Wir glauben, dass Bilder und Visualisierung mit den sich daraus entwickelnden Feldern sehr stark dazu beitragen werden, in den kommenden 50 Jahren die Wirtschaft grundsätzlich neu zu definieren. Sie werden sogar mit zu den Hauptantriebsfedern der Transformation der gesamten Menschheit zählen. Die Periode zwischen 1870 und 1970 veränderte die Menschheit so stark wie nie zuvor, indem Muskelkraft durch Maschinen ersetzt wurde. Im nächsten Zeitabschnitt, 1970 bis 2070, wird eine weitere tief verändernde Transformation geschehen - die "Befreiung des menschlichen Verstandes". Wir befinden uns mitten in diesem Wandelprozess - und was dabei herauskommt, wissen wir noch nicht.
Aus der Business-Perspektive stehen zwei Dinge im Fokus. Zum einen: Das Kernelement einer Organisation ist nicht das Individuum, sondern die Gruppe in Form von miteinander verbundenen Köpfen. Zum anderen: Die Wertschöpfung findet vor allem im immateriellen Bereich statt, nicht im materiellen. Bei beiden Punkten liegt der Schlüsselprozess in der Kommunikation zwischen den Menschen.
 

Können Sie kurz umreißen, um was es in Ihrem Track gehen soll? 

Die derzeit übliche Form der Kommunikation in Wort und Schrift erfüllt nicht die Bedürfnisse, die Menschen in Zusammenarbeit und Leadership haben. Wörter alleine geben nicht annähernd die Kernprozesse des menschlichen Verstandes wieder. Im Mittelpunkt stehen Assoziationen, Bilder und komplexe Konzepte. Diese können nicht allein durch Sprache oder Texte wiedergegeben werden. Über Bilder können wir im Hinblick auf Zusammenarbeit und Leadership viel leichter kommunizieren. Unser Track zielt deshalb darauf, die Tür noch ein Stück weiter in Richtung der kommenden 50 Jahre aufzustoßen. Die Teilnehmer sind eingeladen, sich weiter in das Land der Zukunft zu bewegen - auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen und Träume.
 

… und wie wird das konkret aussehen? 

Wir werden diese Reise zusammen antreten. Nach einer kurzen Einführung zu grundsätzlichen Prozessen in der Wirtschaft und zu Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft werden die Teilnehmer in kleinen Gruppen ihre eigenen Erfahrungen und Geschichten austauschen. Sie werden gemeinsame Muster erforschen und Geschichten erarbeiten. Im ersten Teil des Tracks liegt der Fokus rund um Team und Kollaboration. Wir betrachten Muster und Abläufe rund um Spannungsfeldern wie Angst und Wertschöpfung. Diese Erkenntnisse werden wir mit der (möglichen) Rolle von Visuals und Facilitation beziehungsweise Prozessbegleitung verbinden, Geschichten daraus entwickeln und die wichtigsten Ergebnisse in Form von Storyboards aufzeichnen. Im zweiten Teil des Business Tracks liegt der Fokus auf der Frage, was die Erkenntnisse der ersten Runde für Leadership und Führungsstile bedeuten. Welche neuen Ideen lassen sich daraus generieren, wenn man Visuals und Facilitation in das tägliche Wirtschaftsleben integriert. Und auch diese Ergebnisse werden gemeinsam in Form von Storyboards festgehalten.
 

Sie stellen die Frage, wie die Wirtschaftswelt aussähe, würden überall Visualisierungstechniken angewendet. Verraten Sie uns etwas über Ihre eigenen Vermutungen? 

Richtig eingesetzt, verwurzeln sich Visualisierungsprozesse tiefer in den Systemen von Individuen und Gruppen. Visualisierung kann die zugrunde liegenden Verbindungen in komplexen Situationen freilegen. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen dieselben grundlegenden Bedürfnisse haben: Zugehörigkeitsgefühl, Wertschätzung, Liebe, eine sinnvolle Arbeit, dann kann eine tiefer gehende Art und Weise von Dialog und Kommunikation - hoffentlich - dazu beitragen, Individuen, Gruppen und Organisationen im Sinne dieser Bedürfnisse zu entwickeln. Natürlich wird das nicht der einzige Beitrag zu einer besseren Welt sein, aber eben doch ein bedeutender.
Und es geht über die Bilder, Visuals weit hinaus. Wenn man ein Bild entwickelt hat, was passiert dann damit? Das führt direkt zu den Fragen, wie sich die Welt verändern wird, wenn wir gemäß den Dingen, die wir zeichnen oder kreieren, handeln. Visuals verankern sich in verschiedenen tieferen Schichten unseres Gehirns und damit auch in dem, was wir konstruieren. Als ein Ergebnis können wir das Bild einer "neuen Welt" oder die Konstruktion sehen. So kann die Umsetzung in die Realität dadurch unterstützt werden, wenn wir mit diesen Bildern denken und arbeiten. Unsere Kreationen werden lebendig und wirklich.
Wenn man mit Visuals arbeitet und kommuniziert, werden Komplexität und Diversität sozusagen (be)greifbarer. Und erleichtern damit auch Entscheidungen, Handlungsschritte, Prototypen, konkrete Ergebnisse - indem sie eine erfahrbare Form bekommen. Eine der großen Herausforderungen für Organisationen weltweit ist heute eine bessere und einfachere Kommunikation. Mit Visuals kann vieles viel einfacher kommuniziert werden. Ergebnisse können konkreter werden, wie auch die nächsten notwendigen Handlungsschritte in der Umsetzung.
 

Sie wollen Zusammenhänge zwischen Wertschöpfung und Angst diskutieren und bearbeiten. Was hat man sich darunter vorzustellen? 

In jedem Unternehmen und in jeder Organisation agieren und kämpfen unterschiedliche Kräfte. Das ist auch gut so: Aus der Spannung und Reibung zwischen Gegensätzen entsteht Wertschöpfung. "Angst", das bedeutet Besitzstandswahrung, Kontrolle, Stillstand. Oft ist das von großem Wert. Kreativität ist die vorwärtsgerichtete, erkundende, wagemutige Kraft. Auch sie ist von großem Wert - tatsächlich ist sie das Hauptziel vieler Unternehmen. Wenn mit diesen beiden Kräften bewusst gearbeitet wird, entsteht eine kreative Reibung, und es finden sich neue Lösungen. Wenn wir uns in unserem Track mit diesen beiden Kräften beschäftigen, werfen wir damit einen Blick auf einen der Kernabläufe in der Wirtschaft.
 

Auch an Sie die spannende Frage: Was macht man, wenn niemand in der Organisation so richtig gut zeichnen kann?  

Die Zahl von Visual Practitioners "explodierte" in den vergangenen acht Jahren allein in Europa von lediglich zehn bis 15 auf weit über 100. Unseres Erachtens wird diese Zahl in naher Zukunft erheblich steigen, spätestens wenn der Wert erkannt wird, den Visualisierung in einer Welt der "direkten Kommunikation der Köpfe" hat. Sie wird bald als so fundamental angesehen werden, dass man von den meisten Menschen zumindest Grundkenntnisse in Visualisierung erwarten wird, um überhaupt in einem Unternehmen arbeiten zu können. Bis dahin geht es ums Kommunizieren, Erklären, bessere Zusammenarbeiten. Jede einfache Zeichnung, die diesen Prozess unterstützt, ist willkommen. Und jeder, wirklich jeder kann einfache Formen malen, Wörter aufschreiben und sie zu einem größeren Bild zusammenfügen. Mit solch einfachen Zeichnungen können Sie viel mehr Bedeutung schaffen als mit jeder langen Erklärung.
 

Wohin entwickelt sich aus Ihrer Sicht Visualisierung generell? 

Wir beginnen erst zu verstehen, wie unser Gehirn funktioniert und wie wir kommunizieren. Wenn die Forschung und das Wissen hier vertieft werden, werden die Visual Practitioners den Erkenntnissen folgen, das Feld erweitern und noch weitreichendere Formen und Zeichen entwickeln. Die "Sprache" wird sich verändern, es werden immer weitreichendere Metaphern eingesetzt werden; damit wird das Zusammenführen langfristiger Ziele und Visionen einfacher. Die Entwicklung ist schnell und voller Möglichkeiten. Visualisierung ist eng mit zukünftiger Wertschöpfung verbunden, und wird deshalb auch eine bedeutende Rolle bei der Veränderung der Gesellschaft spielen.
 

Noch eine Frage zur Konferenz: Was erwarten Sie sich von der EuViz 2014? 

Wir hoffen, viele Punkte verbinden zu können, zu lernen und mit den anderen Teilnehmern aus aller Welt zu wachsen. Und wir hoffen, Inspiration und Unterstützung zu geben und zu bekommen, um noch viele mutige Schritte auf unserer Reise wagen zu können.
 

Das Interview haben wir per E-Mail geführt; die Fragen wurden von den Interviewpartnern gemeinsam beantwortet. 


Zitate


"Wörter alleine geben nicht annähernd die Kernprozesse des menschlichen Verstandes wieder. Im Mittelpunkt stehen Assoziationen, Bilder und komplexe Konzepte. Diese können nicht allein durch Sprache oder Texte wiedergegeben werden. Über Bilder können wir im Hinblick auf Zusammenarbeit und Leadership viel leichter kommunizieren." Sabine Soeder, Christine Chopyak, Ulric Rudebeck: Leichter kommunizieren

"Visualisierung kann die zugrunde liegenden Verbindungen in komplexen Situationen freilegen." Sabine Soeder, Christine Chopyak, Ulric Rudebeck: Leichter kommunizieren

"Eine der großen Herausforderungen für Organisationen weltweit ist heute eine bessere und einfachere Kommunikation. Mit Visuals kann vieles viel einfacher kommuniziert werden." Sabine Soeder, Christine Chopyak, Ulric Rudebeck: Leichter kommunizieren

 

changeX 17.07.2014. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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