Spenden via Amazon

Ideen für Geflüchtete 10: Amazon-Wunschlisten als Tool zur Mobilisierung und Organisation von Sachspenden
Text: Winfried Kretschmer

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter verlangt neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX trägt die besten Ideen zusammen. Folge 10: Die Flüchtlingshilfe in Erding sammelt Kleiderspenden mittels einer Wunschliste auf Amazon.

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Das Problem ist dasselbe wie in den beiden letzten Folgen: für die Geflohenen, die erschöpft und traumatisiert in Deutschland ankommen, schnelle und unbürokratische Ersthilfe bereitzustellen. Essen, Trinken, Kleidung. Freiwilligenorganisationen wie die Flüchtlingshilfe Erding oder Moabit hilft! organisieren Kleiderspendeaktionen und übernehmen die Ausgabe der Kleidung an die Geflohenen. Trotz der großen Spendenbereitschaft der Bevölkerung gibt es einen entscheidenden Mangel: Unterwäsche und Socken werden nur wenig gespendet. 


Die Idee: Die Wunschlisten des Online-Versandhandels Amazon lassen sich als Tool zur Mobilisierung und Organisation von Sachspenden einsetzen. Die Hilfsorganisation stellt dabei auf dem Verkaufsportal des Internethändlers eine digitale Liste mit dem aktuellen Bedarf zusammen, Spender wählen daraus Artikel für ihren persönlichen Spenden-Warenkorb aus und bezahlen über ihr Kundenkonto, geliefert werden die Waren direkt an die Hilfsorganisation.  


Konzept und Umsetzung: Wer genau die Idee hatte, Amazon-Wunschlisten als Spenden-Tool zu nutzen, lässt sich möglicherweise nicht mehr ganz genau feststellen. Aber es war Laura McMullan, die daraus eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte machte. Die 39-jährige US-Amerikanerin hatte selbst sieben Jahre bei Amazon gearbeitet, unter anderem als Marketingmanagerin für den Bereich Babyartikel. Mit ihrem Ehemann Sean, ebenfalls bei Amazon tätig, und ihren drei Kindern zog sie des Jobs wegen im Frühjahr 2015 von Seattle nach München. Dort fiel ihr Entschluss, sich mehr um Familie, Freunde und soziale Projekte zu kümmern. Als in Erding nahe München eines der größten Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Deutschland eröffnete, das "Camp Shelterschleife" auf dem Gelände des ehemaligen Militärflughafens, war sie schon am zweiten Tag vor Ort, um sich mit den Helfern der Flüchtlingshilfe Erding e. V. um die Erstbetreuung der Geflohenen zu kümmern. Im sogenannten "Warteraum Asyl" kommen täglich mehrere Hundert Flüchtlinge an, die hier registriert und versorgt werden, bevor sie nach maximal drei Tagen in die Kommunen weiterreisen, denen sie zugeteilt werden. Nach ihrer Ankunft von der österreichischen Grenze werden die Geflüchteten vom Deutschen Roten Kreuz und freiwilligen Helfern der Flüchtlingshilfe empfangen und betreut. Die Flüchtlingshilfe mit ihren mittlerweile gut 400 Helfern hat dabei den Willkommenstee und (vor allem) die Ausstattung der Schutzsuchenden mit Kleidung übernommen und organisiert Verteilung und Nachschub freiwilliger Kleiderspenden. Der Engpass dabei sind Unterwäsche und Socken, diese Artikel werden (aus nachvollziehbaren Gründen) wenig bis kaum gespendet - für Laura Anlass zu handeln. 

"My idea was to start a Amazon wish list", erzählt sie, "because I have a lot of friends from the USA and from all over the world, who were aware that I was helping - and wanted to know how to help." Sie legte einen öffentlichen digitalen Wunschzettel in ihrem Amazon-Profil an und schrieb darauf Dinge, die im Camp am dringendsten benötigt wurden. Der Internethändler stellt für karitative Zwecke die Möglichkeit bereit, Wunschlisten öffentlich zugänglich zu machen. Laura McMullan machte ihre Initiative in ihren sozialen Netzwerken publik, erzählte jedem, den sie kannte, von der Aktion, insbesondere auch Mitarbeitern bei Amazon selbst, und postete den Aufruf zusammen mit Fotos von leeren Kartons in der Kleiderausgabe auf Facebook. Das Echo war gewaltig. Schon am ersten Tag gingen mehr als 200 Pakete ein, mehr als 1.000 in der ersten Woche. "Mit so einer Resonanz haben wir im Leben nicht gerechnet", sagt auch Sabrina Tarantik, Vorsitzende der Flüchtlingshilfe Erding. Tausende von Päckchen sind seither eingegangen, und täglich kommen neue hinzu. Sie kommen aus den USA, Italien, England, Kanada, Indien, Brasilien und Deutschland, oftmals versehen mit emotionalen Botschaften an Helfer und Flüchtlinge.  

Der Flüchtlingshilfe ermöglicht die Spendenaktion, zumindest den dringendsten Bedarf zu decken. Doch ist das kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Zahl der Schutzsuchenden im Camp Shelterschleife, benannt nach den "Shelters" genannten bunkerartigen Flugzeughangars, die zu Flüchtlingsunterkünften umgebaut worden sind, ist einfach zu groß. Dennoch ist die Amazon-Wunschliste für die Flüchtlingshilfe ein unentbehrliches Instrument geworden, zumal sich der Spendenfluss minutiös nach dem aktuellen Bedarf steuern lässt. Was gerade dringend benötigt wird, setzen die Helfer auf die Liste, ist der Bedarf gedeckt, nehmen sie die betreffenden Artikel wieder von der Liste. Wie die Kinderwagen, die auf der ersten Liste Anfang Dezember standen. Als schon mit der ersten Lieferung 20 Kinderwagen ankamen, "haben wir die ziemlich schnell wieder von der Liste entfernt, da der Bedarf gedeckt war", erinnert sich Sabrina Tarantik.  


Potenzial und Perspektiven: Wie genau die Idee entstanden ist, Amazon-Wunschlisten als Spenden-Tool zu nutzen, lässt sich wie gesagt wohl nicht mehr genau feststellen. Amazon hat jedenfalls das Potenzial dieses Tools erkannt und bietet karitativen Organisationen die Möglichkeit, öffentlich zugängliche Wunschlisten anzulegen. Das Unternehmen hat auch den Einsatz der Listen für die Flüchtlingshilfe aufgegriffen und eine Übersichtsseite eingerichtet, auf der die Einsatzmöglichkeiten des Tools erklärt und Beispiele vorgestellt werden. Die Seite listet 37 Organisationen in der Flüchtlingshilfe, die zurzeit dieses Mittel der Spendenorganisation nutzen. Das Unternehmen unterstützt die Aktion auch finanziell.  

Zweifellos sind Amazon-Wunschlisten eine einfache und effektive Möglichkeit, Sachspenden zu mobilisieren und den Spendenfluss zu steuern - gerade in Verbindung mit sozialen Netzwerken. Und gerade auch für Initiativen, die schnell und ohne den Aufwand einer Spendenkampagne tätig werden wollen. Dennoch wird nicht jedem gefallen, dass der Internethändler am Spendenaufkommen profitiert. Die Entscheidung, ob sie das Tool nutzen wollen, müssen Helfer wie Spender selbst treffen. 

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changeX 29.01.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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