Recommerce for Refugees

Ideen für Geflüchtete 8: Kleiderspenden per Kurierdienst
Text: Winfried Kretschmer

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter verlangt neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX trägt die besten Ideen zusammen. Folge 8: Ein Recommerce-Unternehmen nutzt seine logistische Infrastruktur zur Sammlung von Spendenpäckchen.

Das Problem: Flüchtlingen, die mit ein paar Habseligkeiten in einer Tasche oder einem Rucksack in Deutschland eintreffen, fehlt es oft am Nötigsten. Meist sind es freiwillige Hilfsorganisationen, die sie mit Kleidung und Schuhen aus privaten Sammelaktionen versorgen - und dabei an ihre Belastungsgrenzen geraten. Der Spendennachschub reicht kaum aus, den Bedarf zu decken. Das herkömmliche Spendensystem der persönlichen Abgabe von Kleiderspenden stößt an seine Grenzen.  


Die Idee: Die Logistikinfrastruktur des wachsenden Versand- und Recommerce-Handels lässt sich nutzen, um Spendenpakete einzusammeln. Spenden funktioniert dann wie eine Waren-(Rück-)Sendung: einpacken, Versandetikett herunterladen und ausdrucken, Paket abschicken. Eine Aktion mit Modellcharakter.  


Konzept und Umsetzung: Recommerce hat sich in den letzten Jahren zu einem beachtlichen Geschäftsfeld entwickelt. Mehr als 50 Anbieter sind auf dem Markt für Gebrauchtartikel tätig, der längst das angestaubte Flohmarktimage abgestreift hat und sich als Spielart des modernen E-Commerce präsentiert, nur eben mit einem "Re" davor. "Re" für "wieder" oder "zurück". Recommerce beschreibt den Handel gebrauchter Gegenstände über das Internet und bietet eine Alternative zum permanenten Neukaufen, dem Motor des Massenkonsummodells. Entsprechend selbstbewusst geben sich Recommerce-Unternehmen, die längst nicht mehr in versteckten Hinterhöfen agieren, sondern große Hallen bezogen haben. "Wir sind überzeugt davon, dass unsere Wegwerfgesellschaft ein veraltetes Modell ist", heißt es etwa auf der Website von reBuy, einem Berliner Unternehmen mit 450 Mitarbeitern, annähernd fünf Millionen Kunden und einem Umsatz von 55 Millionen Euro (im Jahr 2013). 

Als im Spätsommer der Flüchtlingstreck anschwoll, entstand bei reBuy die Idee, dass sich eine Kleiderspende als ein Spezialfall des eigenen Geschäftsmodells betrachten und entlang der eigenen logistischen Infrastruktur organisieren lässt. Gemeinsam mit dem Versandunternehmen Hermes und einem Berliner Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) startete das Unternehmen eine Sammelaktion insbesondere für Kinder- und Jugendkleidung, mehrsprachige Bücher und Spielzeug. Das Ziel: Sachspenden einfacher und schneller dahin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Dafür musste man auf der reBuy-Website lediglich ein Versandetikett herunterladen und das Paket zu einer Hermes-Filiale bringen; das Porto übernahmen die Initiatoren der Aktion. "Wer es bis zu einer Abgabestelle für Spenden zu weit hat oder zu den Öffnungszeiten arbeitet, kann ab jetzt kostenlos Pakete mit Spenden an Flüchtlingsheime schicken", pries das Unternehmen die Vorzüge des digitalen Spendenmodells. Verteilt werden sollten die Sachspenden dann in den DRK-Flüchtlingsunterkünften in Berlin. 

Bemerkenswert ist die Aktion in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist sie ein Beleg für die Inflexibilität traditioneller Hilfsorganisationen. Denn kaum war die Spendenkampagne angelaufen, stieg das DRK schon wieder aus. Offenbar hatte der DRK-Kreisverband Berlin Wedding/Prenzlauer Berg, Mitinitiator und Empfänger der Pakete, seine Kompetenzen überschritten und wurde von der Zentrale zurückgepfiffen. Das Generalsekretariat des DRK verkündete den Ausstieg der Organisation. Begründung in Kürze: Solche Aktionen haben wir noch nie gemacht und machen sie auch in Zukunft nicht.  

"Für uns war das ein Schock", sagt Juliane Leupold, Corporate Communications der reBuy reCommerce GmbH heute. Denn auf einen Schlag war damit die Infrastruktur für die Verteilung der gespendeten Artikel weg. Der verbliebene Partner Hermes sprang in die Bresche und sicherte mit zehn Transportcontainern die Zwischenlagerung der Spenden, wie Leupold erzählt. Mit neuen Partnern gelang es schließlich, die Verteilung neu aufzusetzen. Der Verein Gaming-Aid, eine karitative Non-Profit-Organisation in der Games-Branche, unterstützt die Aktion, ein Hamburger Unternehmen stellt Lagerflächen in Schwerin zur Verfügung, und die Flüchtlingshilfe Schwerin sorgt mit freiwilligen Helfern für die Sortierung der Spenden, die dann nach Bedarf im ganzen Bundesgebiet verteilt werden.  

Bemerkenswert ist die Aktion aber auch ihres Erfolges wegen. Der Spendenaufruf wurde vieltausendfach in sozialen Medien geteilt, verbreitete sich schnell im Netz und fand breite Unterstützung. Auf rund 10.000 schätzt Juliane Leupold die Zahl der eingesandten Päckchen und zeigt sich beeindruckt von der Zuwendung und Sorgfalt, mit der die Pakete gepackt wurden: "Qualitativ alles sehr gut, mit Bedacht ausgewählt und liebevoll zusammengepackt", ist ihr Eindruck. Kein Ramsch, sondern wirkliche Hilfe. Ähnliches berichten auch andere Flüchtlingsinitiativen.  


Potenzial und Perspektiven: Viele Tausend Likes in Social Media und 10.000 Pakete zeigen das Potenzial des innovativen Spendenkanals. Was die Skalierbarkeit betrifft, ist das Modell allerdings an die Infrastruktur eines Recommerce-Anbieters gebunden, aber es besitzt Modellcharakter. Was spricht dagegen, diese Logistik auch für andere Spendenaktionen zu nutzen oder gar dauerhaft einen Non-Profit-Kanal für karitative Zwecke einzurichten? Dabei ist es nicht unbedingt erforderlich, dass das Unternehmen auch die Versandkosten übernimmt. Denkbar wäre auch: Der Versender zahlt die Versandkosten, der Recommercer deckt seine Kosten und reicht die Sendungen plus Überschuss an die unterstützte Organisation weiter. Entscheidend ist die Infrastruktur. 


changeX 08.01.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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