Zuhören, mitlesen, nachsprechen

Ideen für Geflüchtete 6: Deutsch lernen mit welcomegrooves
Text: Winfried Kretschmer

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter verlangt neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX hat begonnen, die besten Ideen zusammenzutragen. Folge 6: welcomegrooves bietet einen kostenlosen Audio-Sprachkurs für Flüchtlinge.

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Das Problem:Solange Geflohene die Sprache nicht verstehen, bleiben sie fremd in dem Land, in dem sie angekommen sind. Schnell Sprachkenntnisse zu vermitteln, ist deshalb das A und O jeglicher Integration. Je schneller, desto besser. Nur ist das bestehende Kursangebot ebenso am Limit wie andere Versorgungs- und Hilfseinrichtungen.  


Die Idee: Die Internetplattform welcomegrooves bietet einen kostenlosen Deutschkurs für Anfänger, die so erste Wörter, Sätze und Redewendungen lernen können und zugleich erste Informationen über die deutsche Kultur vermittelt bekommen. Sechs Sprachlektionen stehen als Audiodateien zum Anhören oder Herunterladen bereit - via Computer oder Smartphone. Übersetzungen der gesprochenen und mit Musik unterlegten Texte stehen in mehr als 20 Sprachen zur Verfügung. Zuhören, mitlesen, nachsprechen ist die Lernmethode - und sich willkommen fühlen: welcomegrooves.  


Konzept und Umsetzung: "Schöne Musik und warme Stimmen sind emotional und können eine angenehme Stimmung erzeugen", sagt Eva Brandecker. Sie muss es wissen, es ist die Grundlage ihres Geschäfts. Die Düsseldorferin betreibt einen Verlag für Sprachkurse mit Musik und hat unter dem Label The Grooves bereits Audio-Sprachtrainer für 15 Sprachen herausgebracht. Deutsch als Fremdsprache war nicht darunter. Als im Spätsommer dann immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wurde ihr klar, dass ein Deutschkurs für Geflohene dringend benötigt wurde. Klar war aber auch, dass ihr kleiner Verlag ein solches Projekt alleine nicht würde stemmen können. Also wandte sie sich an ihr Netzwerk und fragte nach Unterstützung. Das Ziel: ein kostenloser Sprachkurs für Flüchtlinge, produziert in einer Vielzahl von Sprachen, ehrenamtlich, ohne finanzielle Förderung oder Spendengelder. "Die Resonanz war überwältigend", sagt Eva Brandecker. Binnen weniger Tagen meldeten sich etwa 70 Unterstützer, die unentgeltlich an dem Projekt mitarbeiten wollten: professionelle Sprecherinnen und Sprecher, Fachleute für Musik, Text, Social Media und Grafik, zwei Tonstudios, nicht zuletzt zahlreiche Übersetzer, professionelle wie nebenberufliche. 124 Unterstützer listet die Webseite auf, und das sind noch nicht mal alle, sagt die Initiatorin, die mit dem Aktualisieren nicht nachgekommen ist. 

Welcomegrooves setzt allein auf digitale Verbreitung. Es kann über Computer oder Smartphone mit Internetzugang genutzt werden. Der kostenlose Audio-Sprachkurs richtet sich an Anfänger, die erste Wörter und Sätze lernen können und zugleich erste Eindrücke über die deutsche Kultur und Lebensart vermittelt bekommen. Auf der Website stehen zwei Lernmittel bereit: sechs Sprachlektionen als Audiodateien in deutscher Sprache zum Anhören oder Herunterladen sowie Textdokumente als PDF, die alle sechs Lektionen enthalten und parallel zum Hören der Audiodateien gelesen werden sollen. Sie stehen in mehr als 20 Sprachen zur Verfügung - von den zentraleuropäischen Sprachen über Serbisch, Bosnisch, Arabisch, Farsi und Tigrinya bis hin zu Urdu, Somali, Hausa, Kiswahili und Amharisch. Die sechs Lektionen vermitteln nützliche Wörter, Sätze und Redewendungen für die Basiskommunikation im Alltag der Flüchtlinge: "Willkommen in Deutschland", "Woher kommst du?", "Essen und Trinken", "Zahlen", "Badezimmer und Notfall" sowie "ins Gespräch kommen". Nah am Alltag und nicht ohne jenes Augenzwinkern, das diesen lebenswert macht. So sind Musik und freundliche Stimmen auch mehr als eine positive Einstimmung auf das Lernen: ein Willkommensgruß, welcomegrooves eben.  


Potenzial und Perspektiven: Mittlerweile beteiligen sich schon verschiedene Stadt- und Gemeindebibliotheken und bieten Möglichkeiten zum Anhören der Audios und zum Ausdrucken der Texte. Auch Buchhandlungen könnten mitmachen und lokale Lernorte einrichten, wünscht sich Eva Brandecker, die bereits eine Erweiterung des Kursangebots plant. In einer zweiten Phase soll es Schilder mit dem welcomegrooves-Logo geben, die in vielen Sprachen auf den Sprachkurs hinweisen. Bibliotheken, Geschäfte oder auch Privatleute können so signalisieren, dass Flüchtlinge hier die Audio-Kurse kostenlos herunterladen und die Lektionen ausdrucken können. "So könnte ein kleines Gespräch entstehen, auch eine Einladung zum Kennenlernen oder auf einen Kaffee", hofft Eva Brandecker, die zusammen mit ihrem Team das Kursangebot ausbauen möchte. Man denkt an weitere Lektionen, zum Beispiel speziell für Kinder, oder eine erweiterte Variante als App. Auch Anfragen aus dem Ausland liegen vor; auch hier gibt es einen Bedarf an Sprachkursen für Flüchtlinge. Klar ist aber: Ohne Sponsoren oder eine Förderung wird das dann nicht mehr gehen.  

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changeX 27.11.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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