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Dieselben Probleme

Ideen für Geflüchtete 17: die Sommerakademie für Jugendliche mit intensivem Betreuungsbedarf
Text: Winfried Kretschmer

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter verlangt neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX trägt die besten Ideen zusammen. Folge 17: Die Sommerakademie von Leuphana Universität und Vodafone Stiftung bringt einheimische und geflüchtete Jugendliche in einem Intensivförderprojekt zusammen.

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Das Problem: Schwierigen Schülern die Integration im Beruf und Arbeitsmarkt zu ermöglichen, erfordert oftmals eine besonders intensive Förderung. Das gilt allgemein und im Besonderen für junge Geflüchtete. Eine solche intensive Förderung kann die Regelschule aber nicht bieten.  


Die Idee: Die Sommerakademie der Leuphana Universität bietet ein dreiwöchiges Sommercamp mit intensiver Betreuung und einem ganzheitlichen und abwechslungsreichen Programm mit stärkenorientiertem Lernen, Coaching, Bewerbungstraining, sportlichen Aktivitäten sowie der Vorbereitung und Aufführung eines Musicals. Nun sind auch minderjährige Geflüchtete dabei und arbeiten gemeinsam mit hiesigen Jugendlichen an den Modulen des Programms. Dabei zeigt sich: Ihre Schwierigkeiten und Probleme sind nicht viel anders als die der einheimischen Schüler.  


Konzept und Umsetzung: Durch das Arbeiten in Projekten und lebensnahen Bezügen die Kompetenzen der beteiligten Schüler zu fördern, anstatt sie durch Konfrontation mit ständigem Nichtkönnen zu frustrieren, das ist der Ansatz der Sommerakademie der Leuphana Universität. Dort wurde dieses Konzept vor zehn Jahren von dem Pädagogikprofessor Kurt Czerwenka entwickelt und seither in rund 50 Projekten mit 1800 Absolventen erprobt. Seine Methode verlagert den Schwerpunkt von einer zertifikatorientierten zu einer kompetenzorientierten Ausbildung. Die Sommercamps folgen einem ganzheitlichen Ansatz; Theorie und Praxis gehen Hand in Hand.  

"Die Grundidee ist, Jugendliche mit einem nachhaltigen Ansatz auf dem Weg in ihre berufliche Zukunft zu begleiten", sagt Maren Voßhage-Zehnder, die als Projektleiterin der Leuphana Sommerakademie Konzeption, Koordinierung und Umsetzung der Projekte verantwortet. "Wir veranstalten mit ihnen ein dreiwöchiges Sommercamp mit einem auf Ganzheitlichkeit und individuelle Förderung angelegten Programm. Das reicht von Unterstützung beim schulischen Lernen und bei der Vorbereitung auf den Berufseinstieg über psychologische Hilfe und Coaching bei alltäglichen Sorgen und Problemen bis hin zum gemeinsamen Erarbeiten eines Musicals." Nach dem Sommercamp werden die Jugendlichen ein Jahr lang weiter begleitet, damit sie ihren Abschluss schaffen und einen guten Übergang in eine neue Schulform oder in die Berufsausbildung hinbekommen.  

Das Programm richtet sich an Hauptschüler in der neunten Klasse, die im nächsten Jahr ihren Hauptschulabschluss absolvieren sollen, aber aus unterschiedlichen Gründen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. "Wir haben bunt gemischt sehr schüchterne, zurückhaltende oder auch schwierige, verhaltensauffällige Jugendliche", beschreibt Voßhage-Zehnder ihre Klientel - Kinder aus schwierigem Elternhaus, mit Lern- und Motivationsproblemen, Kinder, die in der Schule in eine Sackgasse geraten sind, die allein nicht weiterkommen und Betreuung und auch Coaching brauchen. Seit dem letzten Jahr sind auch junge Geflüchtete dabei und durchlaufen zusammen mit den einheimischen Schülern das dreiwöchige Programm. "Mit den Geflüchteten kommen nun größtenteils sehr, sehr ehrgeizige Jugendliche hinzu, die wahnsinnig neugierig sind", sagt Voßhage-Zehnder. Sie erhalten in der Sommerakademie eine gezielte Sprachförderung, die (kompetenzorientiert) weniger aufs Sprachen-Pauken zielt. "Unser Ziel ist vielmehr, dass die Jugendlichen die Scheu ablegen, mit Fremden Deutsch zu sprechen." 

Über alle Unterschiede hinweg zeigen sich aber auch Gemeinsamkeiten: Im Grundsatz sind die Probleme und Schwierigkeiten von Geflüchteten gar nicht so spezifisch. Sie sind vergleichbar mit denen, die einheimische Jugendliche auch haben. Und beide Gruppen können gemeinsam daran arbeiten. Das ist eine wichtige Botschaft dieses Projekts. 


Potenzial und Perspektiven: Es ist eine gute Frage, ob und inwieweit sich ein ausgearbeitetes Programm wie die Sommerakademie, das doch sehr stark von einer pädagogischen Grundhaltung lebt, einfach skalieren lässt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht der Punkt. Skalieren lässt sich die Grundidee: Dass es sich lohnt und auszahlt, sich intensiv um diejenigen zu kümmern, die den Anschluss zu verlieren drohen (oder ihn bereits verloren haben).  

Eine der 100 sozialen Innovationen aus Finnland, die Ilkka Taipale in seinem so betitelten Buch vorstellt, kann das illustrieren: Der von Taipale vorgestellten "Drei-Prozent-Theorie" zufolge sind es drei Prozent der finnischen Männer, die der Gesellschaft große Probleme bereiten: Straftaten, Krankheit, Stress für Polizei, Justiz, Gesundheits- und Sozialbehörden. Dazu zählen: Strafgefangene, Obdachlose, Arbeitsunfähige, Arme, Menschen, die schon in der Schule Probleme hatten. Taipales Schlussfolgerung: Um diese Gruppe muss sich die Gesellschaft in besonderem Maße kümmern. Denn: Der Preis dafür ist geringer als die Kosten zur Behebung der durch diese Gruppe verursachten Schäden.  

Fazit: Intensive Betreuung lohnt. 

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changeX 22.07.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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