Selbsterziehung zur Freiheit

Zur Aktualität John Stuart Mills - ein Interview mit Ulrike Ackermann
Interview: Winfried Kretschmer

John Stuart Mill gilt als der wichtigste Vordenker der liberalen Philosophie, der Freiheit. Nun werden seine wichtigsten Schriften wieder in deutscher Sprache zugänglich. Ein Interview mit der Herausgeberin der neuen, fünfbändigen Werkausgabe.

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"Ein wahrlich moderner Geist!" Sagt Ulrike Ackermann über John Stuart Mill, der als der wichtigste Vordenker der liberalen Philosophie und der klassischen Nationalökonomie gilt. Im Zentrum seines Werkes steht die Freiheit als moralische und gesellschaftliche Aufgabe des autonomen Individuums. Um Mills Freiheitsphilosophie nachzuzeichnen, versammelt die von Ulrike Ackermann und Hans Jörg Schmidt herausgegebene Werkausgabe seine wichtigsten Schriften zu Politik, Gesellschaft und Moralphilosophie in einer wissenschaftlich fundierten Leseausgabe. Seine Texte geben auch für die gegenwärtige Debatte um Freiheit und Verantwortung wichtige Denkanstöße.
Ulrike Ackermann ist promovierte Sozialwissenschaftlerin. Im Jahr 2002 gründete und leitete sie das Europäische Forum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Als freie Autorin veröffentlichte sie unter anderem die Bücher Welche Freiheit (Hg., 2007), Eros der Freiheit (2008) und Freiheit in der Krise? (Hg., 2009). Heute ist sie Professorin in Heidelberg und leitet seit 2009 das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg.
 

Frau Ackermann, was sagt die Herausgeberin: Warum sollte man heute Mill lesen? 

In Krisenzeiten, in denen die Menschen eher auf Sicherheit und soziale Gleichheit setzen, von der Wiege bis zur Bahre betreut und versorgt sein wollen, ist es allemal anregend, einen Philosophen zu lesen, der auf so lebendige Weise Mut zur Freiheit macht. John Stuart Mill ist nicht nur ein Klassiker des Liberalismus. Sein besonderes Verdienst liegt in der Herausarbeitung der Prinzipien der individuellen Freiheit. Er hat die liberale Ideengeschichte ganz wesentlich fortgeschrieben, indem er neben wirtschaftlicher und politischer Freiheit die individuelle Freiheit ins Zentrum rückte, als Herzstück und Motor der westlichen Zivilisation. Er war Philosoph und Nationalökonom, doch sein Blick auf die Gesellschaft und die Möglichkeiten des Individuums war zugleich ein soziologischer. Als öffentlicher Intellektueller initiierte er politische Debatten nicht nur in seiner Heimat, sondern mischte sich auch in jene auf dem europäischen Kontinent ein. Er liebte Frankreich, bewunderte die deutschen Romantiker und knüpfte in seiner Arbeit an Wilhelm von Humboldt an. Er polemisierte kraftvoll gegen Konformismus, soziale Tyrannei und die Macht der Gewohnheit. Als streitbarer viktorianischer Rebell focht er obendrein noch als erster Parlamentsabgeordneter in Europa für die Gleichberechtigung der Geschlechter und das Frauenwahlrecht. Ein wahrlich moderner Geist!
 

Worin liegt seine Modernität begründet? 

Es ist erstaunlich, wie weit John Stuart Mill in seinem Denken seiner Zeit voraus war. Seine Texte haben nichts an Aktualität verloren und immer noch die Kraft, an eingeschliffenen Denkmustern und Lebensweisen zu rütteln. Überaus vorausschauend sah er in Zentralismus, Bürokratie und staatlicher Bevormundung Gefahren für die Freiheit und Hemmnisse für den Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt. Gegen politische Korrektheit forderte er den Streit der Ideen und Meinungen heraus. Mills Leben und Denken war angetrieben von der Suche nach einem plausiblen und lebenstauglichen Konzept personaler Autonomie. Unter dem Einfluss und der konstruktiven Kritik seiner intellektuellen Gefährtin und Frau Harriet Taylor gewann er über die Jahre immer größere Klarheit über den Stellenwert der Autonomie, die zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Freiheitsphilosophie wurde.
Mill vertraute auf die Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, die jedem einzigartigen Individuum eigen sind. Durch Selbsterziehung, Selbstreflexion und Selbstveränderung kann es den Weg zur persönlichen Freiheit beschreiten. Das Wissen über die Welt und sich selbst ist an Erfahrung gebunden. Deshalb spricht Mill von "Lebensexperimenten", die empirisch von jedem zu durchlaufen sind, um überhaupt ein Wissen über mögliche Konzepte des guten Lebens zu erlangen. Voraussetzung für die Herausbildung von Individualität und die Praxis eines eigenen Lebensplans ist deshalb die Freiheit eines jeden, zwischen verschiedenen Optionen unterscheiden und wählen zu können. Wenn Individuen sich um ihr eigenes Glück und Wohlergehen kümmern, nehmen sie zugleich am gattungsgeschichtlichen Fortschritts- und Erkenntnisprozess teil. Sie produzieren damit ein allgemeines und öffentliches Wissen über die Möglichkeiten des guten Lebens, über dessen Varianten dann auch lauthals gestritten werden kann. Ihre Antriebsquelle ist dabei der eigene Wunsch, ein gelingendes, glückliches Leben führen zu wollen. Mill war davon überzeugt, dass gesellschaftliche Reformen und kultureller Fortschritt einhergehen mit Selbsterziehung. Für ihn war das selbstbewusste, selbstbestimmte, autonome Individuum gleichsam Prototyp einer Gesellschaft, die er anstrebte. Im Konzept der Autonomie sah er politisch die einzig taugliche Lösung, individuelles Glück und Gemeinwohl in Einklang zu bringen. Unerhört modern zeigt er auf, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter Voraussetzung für die Entfaltung des persönlichen Lebens und die Autonomie des Individuums in einer liberalen Gesellschaft ist.
 

Was zeichnet Ihre Werkausgabe aus - abgesehen davon, dass sie die Texte Mills wieder in deutscher Sprache verfügbar macht? 

Erstmalig rücken wir mit dieser Ausgabe in den Fokus, dass große Teile des Werks dieses viktorianischen "Aufwieglers" und "Unruhestifters" dem intellektuellen Austausch und der Zusammenarbeit mit seiner Seelenfreundin, Geliebten und späteren Frau Harriet Taylor zu verdanken sind. Die höchst moderne Arbeits-, Freundschafts- und Liebesbeziehung der beiden blieb bis zu ihrem Tod eine Provokation im viktorianischen England.
Unsere Auswahlausgabe der wichtigsten Schriften zu Politik, Gesellschaft und Moralphilosophie konzentriert sich deshalb nicht ausschließlich auf Mill, sondern nimmt Texte neu auf, die von Harriet Taylor stammen beziehungsweise von beiden verfasst sind. Mit der Zusammenführung dieser Texte wird eine Rezeption möglich, die den wechselseitigen Diskussions- und Schaffensprozess der Autoren beleuchten kann. Sie führt vor Augen, wie das Denken über Freiheit an Erfahrung gebunden ist, wie Leben und Werk, die Analyse der gesellschaftlichen und politischen Umstände sowie die Selbstreflexion der persönlichen Lebensbedingungen miteinander verwoben sind. Dies dokumentiert vortrefflich der hier erstmalig auf Deutsch erscheinende Briefwechsel zwischen John Stuart Mill und Harriet Taylor in der Auswahl und Kommentierung des österreichischen Sozialphilosophen und Ökonomen Friedrich August von Hayek.
 

Was hat sich an der Rezeption Mills seit der letzten Edition verändert? 

In der klassischen Mill- und Liberalismusforschung hat es kaum eine Auseinandersetzung mit den Texten zur Gleichberechtigung der Geschlechter unter männlichen Autoren gegeben - sieht man von Stefan Collinis Einleitung zu diesen Essays in den Collected Works und Nicholas Capaldis Biografie von John Stuart Mill einmal ab. Ebenso blieben der Unterwerfung der Frauen, obwohl es im Wesentlichen ein Buch über Freiheit und Herrschaft ist, ganz offensichtlich männliche Leser der liberalen Community allein schon aufgrund des Titels fern. Dieser Teil der millschen Arbeit wurde von seinem Gesamtwerk abgespalten. Während umgekehrt gerade diese Arbeiten in der historischen Frauenbewegung und jener der 1970er- bis 1980er-Jahre sowie der feministischen Theorieentwicklung und Genderforschung einen zentralen Stellenwert hatten. Zu Harriet Taylor und ihrer Tochter hatten die Frauenforscherinnen jedoch ein wesentlich ungebrocheneres Verhältnis als zu John Stuart Mill, der ihnen dann doch zu liberal und der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung noch zu sehr verhaftet war. Auch hier wurden die mill-/taylorschen Texte zur Frauenemanzipation aus dem übrigen Werkzusammenhang herausgelöst - und damit wurde die Verbindung zur Freiheitsphilosophie gekappt. Unsere Werkausgabe führt erstmals zusammen, was tatsächlich zusammengehört und sich gegenseitig bedingt.
 

Glück, Frauenrechte, Grundeinkommen, Genossenschaften, nicht zuletzt Freiheit und persönliche Autonomie - in Mills Werk sind sehr aktuelle Themen angesprochen. Kann seine Sicht heutige Debatten bereichern? 

Absolut! Obwohl Mill so luzide die Geschlechterverhältnisse analysiert hat und klug unterschieden hat zwischen dem biologischen Geschlecht und den sozial wie kulturell geformten Vorstellungen darüber, was Männer und Frauen jeweils sind oder sein sollen, wäre er heute mit Sicherheit kein Verfechter staatlicher Frauenquoten. Dennoch war die Frauenemanzipation für Mill und Taylor Bedingung und zugleich Resultat allgemeiner liberaler Prinzipien und einer freiheitlichen Kultur.
Auch Mills Beobachtungen und Einlassungen zu Europa, seine Warnung vor Uniformität und Zentralismus sind in der aktuellen Debatte über die Richtung, die Europa nehmen soll, überaus anregend. In seinen Reiseberichten finden sich luzide Beschreibungen der unterschiedlichen nationalen Mentalitäten, ein Lob der Vielfalt, Ungleichheiten und Differenzen, die Europa überhaupt erst so weit gebracht haben. Ein Blick in seine demokratietheoretischen Schriften lohnt sich im Übrigen gerade in Zeiten, in denen munter bewährte demokratische Prozedere auf nationaler und europäischer Ebene ausgehebelt werden und das repräsentativ-parlamentarische System unter immer stärkeren Legitimationsdruck gerät.
 

Ganz persönlich gefragt: Was können wir aus Leben und Werk John Stuart Mills lernen? 

Dass Freiheit an Erfahrung gebunden ist. Dass eine Gesellschaft voranschreitet, wenn es Menschen gibt, die gegen die Macht der Gewohnheit, gegen Konformismus und Paternalismus aufbegehren und den Mut zu Lebensexperimenten aufbringen. Er war leidenschaftlicher Anwalt einer freiheitlichen Kultur. Marktwirtschaft, Privatbesitz, Rechtsstaat und die Garantie der individuellen Rechte, repräsentative Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht für alle, die Gleichberechtigung der Geschlechter, Toleranz und Meinungsstreit waren für Mill und Taylor so essenziell, weil sie Voraussetzungen für die Selbstbestimmung des Individuums sind. Seine persönliche Freiheit muss es sich indes immer wieder selbst neu erobern, erarbeiten und erfüllen. Von diesem individuellen Befreiungsprozess aus vormals autoritären Verstrickungen und überkommenen Rollenvorstellungen kann dann auch das Gemeinwesen profitieren, indem seine Kultur immer freiheitlicher wird.
 

Foto: Alexander Paul Englert  


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Zum Buch
Der erste Band der Werkausgabe bietet mit dem erstmals übersetzten Briefwechsel zwischen John Stuart Mill und Harriet Taylor eine Einführung in Leben und Werk Mills. Die höchst moderne Arbeits-, Freundschafts- und Liebesbeziehung der beiden war bis zu ihrem Tod eine Provokation im viktorianischen England. Auch blieb Taylors Einfluss auf Mills Schaffen in der bisherigen Rezeptionsgeschichte weitgehend unbeachtet. In Freiheit und Gleichberechtigung werden ihre Werke erstmalig zusammengeführt; der Band beleuchtet somit den wechselseitigen Diskussions- und Schaffensprozess der beiden Autoren. In den gemeinsam verfassten Werken wie Über die Freiheit oder dem erst nach Taylors Tod erschienenen Essay Die Unterwerfung der Frauen werden Mills zentrale Gedanken zur Freiheit besonders deutlich: Die Gleichberechtigung der Geschlechter war für Mill die unbedingte Voraussetzung für die Entfaltung des persönlichen Lebens und die Autonomie des Individuums in einer liberalen Gesellschaft.
 

changeX 22.10.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: John Stuart Mill und Harriet Taylor - Freiheit und Gleichberechtigung. John Stuart Mill, ausgewählte Werke, Band 1. Murmann Verlag, Hamburg 2012, 700 Seiten, 54 Euro, ISBN 978-3-86774-177-4

John Stuart Mill und Harriet Taylor - Freiheit und Gleichberechtigung

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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