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Überschießender Sinn

Digitalisierung, Komplexität und Kontrollüberschuss von Sinn - ein Gespräch mit Christian Schuldt
Interview: Winfried Kretschmer

Digitale Transformation ist kein technologisches Phänomen. Jedenfalls nicht in erster Linie. Sondern vor allem ein sozialer Prozess. Eine Reaktion darauf, dass nicht mehr nur Menschen kommunizieren, sondern zunehmend auch Maschinen. Damit beginnt das Problem. Denn wir Menschen sind immer weniger in der Lage, die Funktionsmechanismen zu durchschauen, nach denen Computer kommunizieren. Es entsteht eine Überschussproduktion an Sinn, der die Komplexität ins Unermessliche steigen lässt. Begegnen lässt sich dem nur durch Erhöhen der Eigenkomplexität. Oder wie Dirk Baecker sagt: Es gilt, Komplexität zu umarmen.

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Das hat uns gerade noch gefehlt: "Digitale Erleuchtung"! Dem Hype noch eins draufgesetzt. Und hinzugefügt: "Alles wird gut." Die Trendstudie des Zukunftsinstituts zur Digitalisierung. Irritation gewollt. Irritation gelungen.  

Aber, wie immer: Genaues Hinschauen ist gefragt. Denn die Trendstudie ist ein ambitioniertes Kompendium zum Thema. Sie will nicht nur Digitalisierung theoretisch ambitioniert durchleuchten, sondern zugleich auch eine Erklärung für jenen Digitalhype mitliefern, den wir zurzeit erleben. Und nicht nur das: Die Studie führt den theoretischen Background im Gepäck. Ihr ist ein Supplement beigegeben, in dem der Soziologe und Kulturtheoretiker Dirk Baecker unter dem Titel "Digitalisierung als Kontrollüberschuss von Sinn" die bislang ausführlichste Version seiner Erklärung des digitalen Wandels liefert. 

Somit ist klar, dass es vor allem auch um Baeckers Thesen geht, als ich mich mit Christian Schuldt, dem Herausgeber der Trendstudie, zum Interview verabrede.
 

Herr Schuldt, was muss man wissen, um die digitale Transformation zu verstehen? 

Man muss vor allem ein Verständnis von gesellschaftlichem Wandel haben. Dann lässt sich die Konfusion, die aktuell mit digitaler Transformation einhergeht, erklären und auch aufklären. Den Nebel ein wenig zu lichten, wäre angebracht.
 

Wir haben es mit einer Art digitaler Inflation zu. Einer Inflation des Begriffs "digital": Digitale Revolution, digitale Innovation, digitale Disruption, digitale Transformation, alles ist digital.  

Solche Begriffe schwirren inflationär, aber unreflektiert herum und werden ohne ein klares Verständnis gebraucht. Erst mit der nötigen Distanz wird sichtbar, dass digitale Transformation nicht primär ein technologisches Phänomen ist. Digitalisierung mit technologischen Innovationen gleichzusetzen, ist bloß eine Simplifizierung, um die mit diesem Begriff verbundene Komplexität zu reduzieren. Eine Vereinfachung, die suggeriert, mit den passenden digitalen Infrastrukturen werde sich schon alles ergeben. Doch das tut es eben nicht, denn Digitalisierung ist auch, wenn nicht vor allem, ein sozialer Prozess, ein soziotechnischer Prozess.
 

Wobei die technische Dimension schon zum Verständnis beitragen kann. Wenn binnen eines Jahrzehnts (wie um die Jahrtausendwende) die digital gespeicherte Informationsmenge weltweit von drei Prozent auf nahezu 100 Prozent wächst, wenn etwas in einer solchen Dimension passiert, dann muss das gesellschaftliche Folgen haben.  

Sicher, die Digitalisierung stellt alles Mögliche auf den Kopf. Nicht nur im Wirtschaftssystem, wo sich das Verhältnis von Unternehmen und Konsumenten komplett umgekehrt hat, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Vernetzung bewirkt eine große Horizontalisierung der Kommunikation. Alles begegnet sich auf Augenhöhe. Alles wird hybrid, und alles kann miteinander in Kontakt kommen, kann neue Schnittstellen bilden. Damit entstehen neue Innovationspotenziale.
 

Was dann auch wieder den Hype erklärt? 

Auch die Digitalisierung folgt den universalen Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Sie folgt zyklischen Mustern, die in bestimmten Phasen verlaufen. Dazu gehört auch der Hype. Natürlich sehen alle, dass hier ein riesiger Wandel passiert, deshalb herrscht eine kollektive Angst in den Unternehmen. Nur verstellt das den Blick auf die eigentlichen Potenziale der digitalen Transformation. Und führt dazu, dass blind auf digitale Wachstumsmodelle gesetzt wird.
 

Versuchen wir doch zunächst einmal, zu sortieren und einzugrenzen, was wir überhaupt meinen, wenn wir über Digitalisierung sprechen. Um ganz simpel anzufangen: Dirk Baecker hat eine schlagend einfache Definition von Digitalisierung vorgeschlagen: zunehmender Einsatz von Computern. Das allerdings nur als Einstieg ins Thema … 

Das aber ist genau der richtige Ansatzpunkt, denn Gesellschaft ist Kommunikation. Digitalisierung bedeutet: Zunehmend kommunizieren nicht mehr vor allem Menschen miteinander, sondern Maschinen kommunizieren mit. Das ist genau das "Problem", vor dem wir stehen. Denn wir sind immer weniger in der Lage, die Funktionsmechanismen der Computer, die Algorithmen, die hinter den Kommunikationen der Maschinen liegen, zu durchschauen und zu reflektieren. Deshalb werden wir zusehends darauf angewiesen sein, auf diese maschinelle Kommunikation zu vertrauen. Allein schon deshalb, weil diese immer mehr in unseren Lebensalltag einfließen und uns in unserem alltäglichen Tun leiten wird.  

Dirk Baecker nennt das den "Kontrollüberschuss von Sinn": Wir können diesen Sinn nicht mehr begreifen, weil er sozusagen im Inneren der Computer produziert wird. Das führt dazu, dass wir in verschiedene Richtungen überreagieren. Sei es negativ, indem wir große Angst davor haben, dass die Maschinen uns kontrollieren und die Roboter uns die Jobs wegnehmen werden. Oder auch positiv, denn auf der anderen Seite herrscht auch übergroße Euphorie hinsichtlich der verborgenen Wachstumspotenziale, die sich irgendwo bieten können. Einen etwas aufgeklärteren Mittelweg zu finden, wäre angesagt.
 

Wenn Maschinen miteinander kommunizieren, entsteht eine Form von Kommunikation, die wir nicht mehr durchschauen - Baecker sagt in dreierlei Hinsicht: Wir durchschauen nicht die Codes, wir durchschauen nicht die Algorithmen und wir durchschauen auch nicht die Schnittstellen, wo Maschinen miteinander kommunizieren. 

Ja, wir sind immer mehr darauf angewiesen, mit Maschinen zu kommunizieren und uns auf diese Kommunikation zu verlassen. Und wir sind immer weniger in der Lage, das Zustandekommen dieser maschinellen Kommunikation zu durchschauen. Wir müssen diesen Systemen letztlich vertrauen - wir brauchen ein Systemvertrauen. Dazu aber bedarf es neuer Struktur- und Kulturformen in der Gesellschaft. Bei jeder medialen Revolution - es gab ja zuvor nur drei - haben sich solche Struktur- und Kulturformen genauso herausgebildet. Wir sind gerade dabei, diese zu finden.
 

Mediale Revolution, das ist wohl der Angelpunkt für das Verständnis dessen, was passiert: Digitalisierung als neue Medienepoche - Sprache, Schrift, Buchdruck und jetzt der Computer … 

Das sind jeweils neue Verbreitungsmedien, die die Gesellschaft erobert haben und die sich miteinander vergleichen lassen. Das ist das Entscheidende: Es ist eine komparatistische Herangehensweise. Ohne ein Verständnis für die Dynamik der früheren Gesellschaften kann man auch die heutige und die künftige Gesellschaft nicht verstehen.  

Allerdings steckt da auch eine Ungleichzeitigkeit drin. Baecker sagt, es gelingt uns zwar, mit diesen neuen digitalen Anforderungen umzugehen - wir können unsere Smartphones ja ganz versiert bedienen -, andererseits sind wir mental aber noch in einer ganz anderen Epoche zu Hause. Wir sind immer noch aristotelisch gestimmt und versuchen, unseren Platz in der Welt zu finden. Wir versuchen, unserem Leben einen Sinn, eine Richtung zu geben. Doch diese Konzepte gelangen heute an ein Ende, weil dies in einer vernetzten Welt so nicht mehr gelingt. Für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft insgesamt sowie für Unternehmen besteht nun die große Herausforderung darin, mit dieser neuen Komplexität klarzukommen.
 

Wichtig finde ich auch, nicht nur von neuen Verbreitungsmedien zu sprechen, sondern auch von neuen Speichermedien. Wenn alles Digitale wie Snapchat wäre, also sofort wieder weg, dann sähe es wahrscheinlich noch mal ganz anders aus. Entscheidend ist, dass alles digital gespeichert und damit auch digital recherchierbar ist.  

Auch das trägt zu diesem Sinnüberschuss bei. Alles Wissen ist jetzt gespeichert und man kann darauf zugreifen. Zugleich aber führt die Masse an parallel und immer wieder neu gespeichertem Wissen zu einer wachsenden Unübersichtlichkeit, die das Ganze paradoxerweise extrem intransparent macht. Dass jeder sich verstärkt selbst an gesellschaftlicher Kommunikation beteiligen kann - Stichwort "soziale Netzwerke" -, führt dazu, dass die Quellen dieses Wissens immer weniger klar sind. Und das bedeutet, dass das "traditionelle" Konzept der Wissensgesellschaft nicht mehr greift. Unsere Einstellung zu Wissen ist immer noch vom industriellen Zeitalter geprägt. Die neue Wissenskomplexität, die durch digitale Verbreitungs- und Speichermöglichkeiten entsteht, verändert dies nun komplett.  

Doch wie sieht ein zeitgemäßer Umgang mit diesem Wissen aus? Und wie navigieren wir durch ein Meer fluiden und ubiquitären Wissens? Das Wissen, wie wir es kennen, hat ausgedient. Wir brauchen ein neues "Wissens-Wissen", um mit dieser neuen Situation umgehen zu können.
 

Baecker geht aber noch einen Schritt weiter: Es ändert sich nicht nur das Verbreitungsmedium und eine neue Medienepoche beginnt, sondern damit ändert sich auch die Gesellschaftsformation. 

Genau. Es entsteht eine neue Gesellschaftsform, eine neue Wirtschaftsform, und zwar durch das Internet in sehr hoher Geschwindigkeit. Die Strukturform der Gesellschaft ändert sich. Wir leben nicht mehr in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Die klare Aufteilung in Subsysteme, die zwar miteinander interagieren, aber doch relativ klar abgegrenzt sind, löst sich auf. Wir haben es mit einem neuen Gesellschaftstypus zu tun, der Netzwerkgesellschaft.
 

Die Netzwerkgesellschaft löst eine Gesellschaft ab, in der die Verteilung von Wissen hierarchisch geregelt war. Wo, geprägt durch den Buchdruck, die Verfügungsgewalt über Wissen hierarchisiert war. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, um diesen Übergang in die Netzwerkgesellschaft zu verstehen: dass Wissen jetzt, wie Sie sagen, ubiquitär wird.  

Gerade an dem Stichwort hierarchische Struktur lässt sich der Wandel gut festmachen. Das bekommt jetzt durch das Medium Internet einen enormen Schub, und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das ist das Spannende, dass sich dieses Netzwerkprinzip in allen Gesellschaftsbereichen widerspiegelt, bis hinein in den familiären Bereich. So ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ebenfalls nicht mehr hierarchisch, sondern partnerschaftlich. Es findet auf Augenhöhe statt, so wie sich auch Unternehmen und Konsumenten auf Augenhöhe begegnen. Auch das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern muss heutzutage sehr viel partnerschaftlicher sein, weil sich die gesellschaftlichen Strukturen verändert haben, in denen wir leben. Die klassische hierarchische Organisationskultur ist nicht mehr haltbar, weil ein Unternehmen, das sich so aufstellt, nicht mehr in der Lage ist, mit der Gesellschaftskomplexität umzugehen.
 

Und die Folge ist? 

Die Vernetzwerkung führt dazu, dass in der gesamten Gesellschaft die Verhältnisse horizontalisiert werden. Alles bewegt sich immer mehr auf einer Ebene. Die Entwicklung geht von der traditionalen Gesellschaft mit ihrer hierarchischen Pyramidenstruktur über die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft, die in sich immer noch hierarchisch strukturiert war, hin zur kompletten Vernetzwerkung heute, verbunden mit einer Explosion von kommunikativer Komplexität.  

Und analog zu den Strukturformen entwickeln sich entsprechende Kulturformen. Baecker sagt lapidar, die Kulturform dieser nächsten Gesellschaft wird die uns überfordernde Komplexität sein. Damit müssen wir uns irgendwie arrangieren. Dazu brauchen einzelne Personen, aber auch Unternehmen verschiedene kognitive, psychologische, kulturelle Kompetenzen.
 

Welche sind das? Welches Mindset braucht es, um mit Digitalisierung umgehen zu können? 

Wir brauchen zunächst einmal ein reflektiertes Verständnis, das Digitalisierung nicht als etwas primär Technologisches versteht, sondern als das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Als eine technologische Revolution, die direkt korrespondiert mit sozialen Verhältnissen, die sich darauf einstellen und einstellen müssen, um damit konstruktiv klarzukommen. 

Der Bezugspunkt ist immer wieder das Thema Komplexität: ein neuer Umgang mit Komplexität und neue Einstellung zu Komplexität. In der vorherigen Gesellschaft ging es stets darum, Komplexität möglichst stark zu reduzieren. Doch kybernetisch oder systemtheoretisch ist klar: Nur Komplexität kann Komplexität bewältigen.  

Das heißt: Wenn die gesellschaftliche und ökonomische Komplexität aufgrund der Vernetzung so extrem ansteigt, dann muss jeder Einzelne, muss jedes Unternehmen sowie die Gesellschaft insgesamt eine höhere Eigenkomplexität aufbauen, um diese Umweltkomplexität sinnvoll reduzieren zu können. Dadurch wird der Umgang mit Komplexität sehr viel anspruchsvoller. Denn nun wird es immer wichtiger, Komplexität nicht auszugrenzen, sondern zuzulassen. Das ist der Knackpunkt. Das ist das große Thema, vor dem alle Unternehmen stehen. Das verlangt, eine neue Vertrauenskultur aufzubauen. Und es verlangt Beweglichkeit, um mit einer sich so schnell verändernden Umwelt Schritt zu halten. Diese Bedingungen gilt es, im Unternehmen herzustellen.
 

Komplexität wächst schon mal intern, indem das Wissen im Unternehmen nicht mehr zentralisiert ist, also nicht mehr die Führungsebene alles weiß und nur noch anschaffen muss, was zu tun ist. Vielmehr sind Wissen und Können über die ganze Organisation hinweg verteilt. Und Komplexität kommt auch von außen, indem die Kundenbedürfnisse vielfältiger werden, ja geradezu explodieren in ihrer Komplexität. 

Und noch etwas: Die Netzwerkgesellschaft ist strukturell dadurch gekennzeichnet, dass sie keine festen Strukturen hat, und sich somit sehr schnell alles Mögliche neu verknüpfen kann. Damit ein Unternehmen sich immer wieder iterativ auf Veränderungen einstellen kann, braucht es den regelmäßigen Kontakt mit der Umwelt. Das war bislang aber nicht gegeben. Traditionelle Unternehmen sind genau gegenteilig konzipiert und aufgebaut - zu Recht, weil es in einer Vor-Internet-Gesellschaft, erst recht in einer Vor-Computer-Gesellschaft gar keinen Sinn gehabt hätte, sich anders aufzustellen. Aber jetzt werden die Dinge durch die Digitalisierung auf den Kopf gestellt. Es ist herausfordernd, sich dem zu stellen. Man muss vieles umwürfeln und neue Wege finden.
 

Komplexität erschöpft sich aber nicht in Digitalisierung. Natürlich nimmt durch die explodierende Kommunikation die Komplexität immens zu. Auf der anderen Seite hat die Komplexität auch andere Dimensionen. Zum Beispiel lässt gesellschaftliche Individualisierung und Ausdifferenzierung auch Komplexität wachsen. Zugleich bedeutet Komplexität auch, anzuerkennen, dass das mechanistische Weltbild in der physikalischen Tradition nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Welt beschreibt. Bildhaft gesagt: Newton hat gefragt, warum der Apfel vom Baum fällt. Hätte er gefragt, wie der Apfel auf den Baum kommt, wäre er zu einem völlig anderen Weltverständnis gekommen. 

Ja, das simple Ursache-Wirkungs-Denken ist passé. Heute geht man ganzheitlicher und systemischer an Zusammenhänge heran. Etwa indem man nicht nur fragt: Wie sieht der Fall des Apfels vom Baum aus? Sondern: Wie funktioniert das System Baum? Das ist der Shift, der gerade passiert. 

Das erfordert, ganzheitlicher nachzudenken, über Wirtschaft und über die Gesellschaft insgesamt. Das Leben wird durch die Digitalisierung einerseits einfacher, denn viele Dinge lassen sich sehr zeitsparend organisieren. Andererseits muss viel mehr parallel gemacht werden, das heißt, es fühlt sich trotzdem voller an. Damit muss jeder Akteur der Gesellschaft klarkommen.
 

Was setzt das voraus? 

Dazu braucht es ein ganzheitliches, systemisches Denken. Ein Denken, das es erlaubt, sich durchzumanövrieren und in den "Flow" zu kommen - ein Zustand, in dem man quasi durch Komplexität hindurchschwimmt, weil sich die Dinge eben nicht mehr so planen lassen, wie es noch bis vor Kurzem der Fall war. Eine zentrale Fähigkeit, die damit verbunden ist, ist der "weite Blick", das gleichzeitige Fokussieren und Defokussieren: eine systemische Perspektive, die sich gezielt trainieren lässt und die es möglich macht, auch die Geschehnisse in der Umwelt im Blick zu haben. Diese "Flow Perception" ist ein wichtiger Skill im Umgang mit dem digital prozessierten Überschusssinn. Und sie ist zugleich die beste Prophylaxe gegen Monokausalitis, gegen den urmenschlichen Drang, für ein Ereignis immer eine Ursache ausmachen zu wollen.
 

Sie sprechen auch vom "Multi-Logiker", dem es gelingt, unterschiedliche Logiken zu verbinden. Lässt sich "Multi" weiter ausdehnen und nicht nur auf Logiker, sondern auf unterschiedliche Herangehensweisen, unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Denkweisen, unterschiedliche Dimensionen der Erkenntnis beziehen? 

Ja. Auch die moderne Gesellschaft des 20. Jahrhunderts war schon eine multiperspektivische Gesellschaft - in dem Sinne, dass sie nach verschiedenen Subsystemlogiken funktioniert hat. Durch die Digitalisierung kommt diese Multiperspektivik jetzt aber in einer potenzierten Form in die Gesellschaft. Damit müssen wir uns definitiv verabschieden vom Denken in Linearitäten und einfachen Logiken, wie sie für die westliche Bildungstradition konstitutiv sind. Es wird immer wichtiger, sich selbst als Teil verschiedener Systemumgebungen zu begreifen, in denen man sich flexibel bewegen kann.
 

Sich als Teil unterschiedlicher Systeme zu begreifen, bedeutet auch, kontextabhängig agieren zu können, also nach unterschiedlichen Logiken und unterschiedlichen Denkweisen entsprechend dem jeweiligen Kontext zu handeln. 

Richtig. Man braucht eine Klaviatur der Systemkomplexitäten. Es wird immer wichtiger, sich in die Systemlogiken einzelner Menschen hineinversetzen zu können: von Mitarbeitern, von Kunden, von Partnern und so weiter. Wenn man das versteht, dann hat man die Chance, eine Unternehmenskultur und -struktur aufzubauen, die dieser neuen Komplexität gerecht wird. Und man hat, wenn man sich und seine Produkte und Services als Teil eines Ganzen versteht, die Möglichkeit, das große Ganze mitzugestalten.
 

In einer Formulierung, die Sie vorhin gebraucht haben: Dieses multidimensionale Denken wäre dann genau dieses Erhöhen von Komplexität, das es erlaubt, mit Komplexität umgehen zu können? 

Ja, genau. Dabei geht es aber nicht mehr um Kausalitäten. Sondern um Verknüpfungen und Vernetzungen, um Wirkungszusammenhänge und Einflüsse. Das ist ein umfassenderes Verständnis, das sich vom Denken in Linearitäten verabschiedet und eine größere, umfassendere Multilogik zum Tragen bringt. Dirk Baecker hat das einmal das "Umarmen von Komplexität" genannt. Also Komplexität zulassen - und darüber selbst die eigene Komplexität auf- und ausbauen.
 

Christian Schuldt, Autor, Redakteur und Referent, ist Herausgeber der Trendstudie des Zukunftsinstituts zum Thema Digitalisierung. Das Interview mit ihm haben wir telefonisch geführt.
 


Zitate


"Digitale Transformation ist nicht primär ein technologisches Phänomen." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Digitalisierung ist auch, wenn nicht vor allem, ein sozialer Prozess, ein soziotechnischer Prozess." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Digitalisierung bedeutet: Zunehmend kommunizieren nicht mehr vor allem Menschen miteinander, sondern Maschinen kommunizieren mit." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Wir sind immer weniger in der Lage, die Funktionsmechanismen der Computer, die Algorithmen, die hinter den Kommunikationen der Maschinen liegen, zu durchschauen und zu reflektieren." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Ohne ein Verständnis für die Dynamik der früheren Gesellschaften kann man auch die heutige und die künftige Gesellschaft nicht verstehen." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Das Wissen, wie wir es kennen, hat ausgedient. Wir brauchen ein neues ‚Wissens-Wissen’." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Nur Komplexität kann Komplexität bewältigen." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Es wird immer wichtiger, sich selbst als Teil verschiedener Systemumgebungen zu begreifen, in denen man sich flexibel bewegen kann." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

"Man braucht eine Klaviatur der Systemkomplexitäten." Christian Schuldt: Überschießender Sinn

 

changeX 16.12.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Digitale Erleuchtung. Trendstudie. Zukunftsinstitut, Frankfurt am Main 2016, 120 Seiten, 190 Euro, ISBN 978-3-945647-32-5

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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