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WeQ und wie weiter?

Vorbeigeschaut: beim Vision Summit 2014 - ein Report von Anja Dilk

WeQ. Statt IQ. Für eine neue Wir-Qualität. Eine Chiffre für einen neuen Modus des Miteinanders, der nicht nur soziale Nischen durchdringt, sondern zur prägenden Kraft in Wirtschaft und Gesellschaft werden soll. Auf dem diesjährigen Vision Summit vorgestellt, will WeQ den mäandernden Trend zum Gemeinsamen bündeln. Ein Angebot also? Oder ein Label, das einer sich entfaltenden Bewegung aufgedrückt wird? Das blieb offen. Auf der Veranstaltung indes war vom WeQ-Modus noch wenig zu spüren. Gleichwohl, ein Auftakt.

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Da ist die Nacht der Nächte, 1989. Fremde umarmen mich. Meine Hände klatschen auf Motorhauben. Gesichter lachen mich an, ich lache zurück, umarme zurück. Die Menge wird zum Teil des Selbst. Ich, du, er, sie verschwinden im Wir.  

Da springen Bilder vom Bühnenauftritt unserer Theatergruppe durch meinen Kopf, blitzen Momente durchwachter Vorbereitungsnächte für Studienvorträge auf. Und dieses Gefühl am nächsten Tag: Gemeinsam geschafft!  

Ich blinzle. Zwei Minuten. Verdammt lang, wenn ein paar Hundert Leute schweigend nebeneinandersitzen, auf der Suche nach Momenten im WeQ-Modus, oder nach etwas, das sich irgendwie so anfühlt. Ließen sich die hundertfachen Erinnerungen auf laut stellen, könnte man im Berliner Allianz-Forum an diesem Mittwochmittag wohl kaum sein eigenes Wort verstehen. Und doch, oder gerade deshalb: Es funktioniert, was Moderatorin Andrea Thilo im Sinn hatte - ein diffuses Gefühl von Gemeinsamkeit herzustellen durch konzentriertes Denken, Erinnern, Fühlen in eine gemeinsame Richtung. Und sei es nur einige Momente lang.


WeQ: die Leitidee


Um das Wir soll es heute gehen: WeQ ist die Leitidee des Vision Summit 2014, zu dem Anfang September das Genisis Institut 700 Gäste aus aller Welt geladen hat. Auf der Konferenz für soziale Innovation und soziales Unternehmertum diskutierten Experten und Praktiker aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über das Thema "The Future of Society and Economy". Genisis-Chef Peter Spiegel und sein Team hatten nach gründlicher Analyse gegenwärtiger Trends - von Open Source über Collaboration, Coworking Spaces, Co-Creation, Wikipedia, Carsharing bis Social Innovation und Design Thinking - die Richtung dieser Zukunft bereits ausgemacht: In unserer Gesellschaft vollzieht sich eine langsame Wende von der Ich-Orientierung zur Wir-Orientierung, kurz, kürzest: vom IQ zum WeQ, in dem Interessen von Ich und Wir verschmelzen.  

Eine Wende, die zur DNA von sozialer Innovation werden könnte, weil sie quasi automatisch Gemeinsinn fördert und soziales Denken in die Gesellschaft trägt - und damit auch in die Wirtschaft. Der Begriff "WeQ" ist so etwas wie ein Kondensat dieser Entwicklung. Oder umgekehrt, eine hermeneutische Plattform, auf der sich dieser Trend zum Gemeinsamen bündeln ließe. "Der Begriff hilft uns zu diskutieren, welche Werte und Haltungen wir in der Wirtschaft der Zukunft brauchen", sagte zum Auftakt Genisis-Chef Peter Spiegel und ermunterte: "WeQ soll eine Bewegung werden." Gut 40 Mitstreiter hatte die Initiative zu Beginn der Veranstaltung im Boot, an ihrem Ende sollen es 1.000 sein.  

Dass eine Wir-Konferenz freilich anders konzipiert sein müsse als im Vortragsstakkato, wie dieser Summit, war Spiegel offenbar klarer als jedem sonst. Als sich das Leitmotiv in den vergangenen Wochen herauszukristallisieren begann, hatte er laut Moderatorin Andrea Thilo die Veranstaltung canceln wollen. Zu traditionell ihr Format, zu ichorientiert die Präsentationen. Raum für Gemeinsames, Kollaboratives blieb kaum. Widerstrebend entschloss sich Spiegel, den Summit stattfinden zu lassen. Schließlich lagen Hunderte Anmeldungen bereits vor. Umso vehementer lud er das Publikum ein, Vorschläge für den nächsten Summit zu machen. Was beflügelt Teilnehmer, um mit anderen ins Gespräch zu kommen? Welche Räume braucht es für ein lebendiges, kreatives, konstruktives Wir? "Wir wollen Gastgeber für diesen Paradigmenwechsel sein, nicht ihn dominieren."


Be brave!


Für einen Paradigmenwechsel hatten die Veranstalter des Summit jedenfalls bereits dieses Jahr den Richtigen eingeladen: US-Ikone Jeremy Rifkin. Gerade ist sein neues Buch The Zero Marginal Cost Society auf Deutsch erschienen (Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, Interview folgt): eine pointierte Analyse des Kapitalismus im digitalen Zeitalter, der, so Rifkin, vor dem Aus steht - weil ein allgegenwärtiges Internet die herrschende Wirtschaftsordnung zunehmend untergrabe; weil der Aufstieg vom "Internet der Dinge" und der Siegeszug von 3-D-Druckern herkömmliche Arbeit überflüssig, Eigenproduktion möglich und Produkte fast gratis herstellbar mache; weil Energie, Strom und Verkehr gravierend billiger und die Sharing Economy Realität werde und infolge dieser Entwicklungen kollaborative Kollektive die Ego-Wirtschaft und Ego-Gesellschaft verdrängen könnten. Vorausgesetzt freilich, wir nehmen die Chancen wahr und ebnen der neuen Null-Grenzkosten-Ökonomie den Weg zum Durchbruch. Zum Beispiel durch kluge politische Entscheidungen, gesetzliche Rahmenbedingungen, gemeinsinnorientierte Bildung.  

Rifkin sieht in dieser neuen Ökonomie - so seine überraschende Schlusspointe - den Schlüssel zur Bewältigung des Klimawandels. Denn die optimale Schonung der natürlichen Ressourcen ist integraler Bestandteil ihrer sich permanent selbst überprüfenden, digitalen Matrix. Wie ernst es dem amerikanischen Vordenker damit ist, war in seiner gut 45-minütigen, leidenschaftlichen Keynote nicht nur intellektuell nachzuvollziehen, sondern förmlich nachzufühlen. Und doch überraschte sein vehementer Schwenk zum Klimawandel ebenso wie sein nahezu beschwörender Appell an Deutschland, dem Land von Energiewende und grüner Bewegung, das eine Führungsrolle auf dem Weg in die neue Ökonomie übernehmen könne. "Die Welt schaut auf Deutschland. Wenn ihr die Energiewende schafft, schaffen sie auch andere. Wenn ihr das Internet er Dinge realisiert, realisieren es auch andere. Be brave!"


Nachhaltigkeit als deutsche Premiummarke


Sicher, Deutschland hat allen Grund, aktiv zu werden. So sieht es auch Tanja Gönner, Vorstandsfrau der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Deutschland profitiert wie kaum ein anderes Land von der globalen Wirtschaft und hinterlässt dafür einen Kohlendioxid-Footprint, der den der meisten anderen Länder übertrifft, und trägt deshalb eine besonders hohe Verantwortung. Es ist international ebenso verwoben wie abhängig von der globalen Entwicklung. Es ist erfahren in puncto Kreislaufwirtschaft und Energiewende. Es verfügt über "den weltweit leistungsfähigsten, grünen Industriekomplex" und ist daher tatsächlich prädestiniert, zum Motor einer "eco-green-transformation" zu werden. Gönner: "Nachhaltigkeit sollte zu unserem gesellschaftlichen Leitmotiv werden, zur deutschen Premiummarke." Tatsächlich werde von Deutschland international erwartet, aktiver zu werden. Ob wir freilich dazu bereit sind? Als Antwort zitierte Gönner eine Meinungsäußerung auf einer internationalen Diskussionsrunde im Ausland vor einiger Zeit: "Deutschland erinnert mich an einen 50-Jährigen", hatte dort ein Teilnehmer gesagt. "Gut aussehend, gut ausgebildet, gut leistungsfähig, lebt er immer noch zu Hause bei seinen Eltern, weil ihn ein Kindheitstrauma daran hindert, in die Welt hinauszuziehen."  

Dass auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft allerdings ohnehin weniger Politik, Wissenschaft oder Forschung entscheidende Impulse geben könnten, sondern "die Andersmacher, die neue Strategien entwickeln", schätzt Harald Welzer, Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei. "Wenn sie so stark werden, dass sie nicht mehr zu ignorieren sind, kommt etwas in Bewegung."


Vordenker des Wir


Und es gibt sie bereits, die Mitdenker einer neuen Innovationskultur. Menschen, die das Wir ökonomisch zu nutzen versuchen, wie Van Bo Le-Mentzel, Architekt und Social Innovator, der mit gemeinschaftlicher Schuhproduktion (Crowdproducing) und "Hartz-IV-Selbstbau-Möbeln" experimentiert und sich im kommenden Jahr seinen Lebensunterhalt, versuchshalber, komplett von der Crowd finanzieren lassen möchte. "Es wird uns beigebracht, viel zu nehmen, und bezeichnenderweise sprechen wir von Unter-Nehmern", so Le-Mentzel. "Ich sehe mich als Unter-Geber. Probiert es aus! Wenn ihr einen Euro gebt, werdet ihr drei zurückbekommen." Menschen wie Ulrich Weinberg, Professor am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam, der Studenten mit Design Thinking beibringt, im We-Modus zu arbeiten und kreativ zu sein (siehe unser Interview). Menschen wie Albert Schmitt, der die Probenräume der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen dauerhaft in einer Brennpunktschule der Hansestadt untergebracht hat, um Lebensgeschichten der Jugendlichen mit der Musik des Orchesters zu einem gemeinsamen Kunst- und Erlebniswerk zu verweben. Menschen wie Thorkil Sonne, der mit seinem IT-Beratungsunternehmen Specialisterne der Wirtschaft die besonderen Fähigkeiten von Autisten nahebringt und dafür mit dem Vision Award ausgezeichnet wurde. Menschen wie Bella Estévez, die Opfer häuslicher Gewalt gegen Frauen unterstützt und ihnen in Zusammenarbeit mit Danone Spanien hilft, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Auch dafür gab es einen Vision Award.


Vom WeQ-Modus noch wenig zu bemerken


Die Diskussion vorangebracht hat dieser Summit zweifelsohne. Auch wenn vom WeQ-Modus noch wenig zu bemerken war. Auch wenn es dem Begriff nach Einschätzung vieler Diskutanten in den Pausengesprächen noch an Schärfe fehlte. Oder, anders gesagt, die Unsicherheit noch groß war: Was genau meint der Begriff? Was unterscheidet WeQ von Zusammenarbeit und Team, von Kooperation und Kollaboration, und was hat das alles gemein? Bringt WeQ uns voran oder wird es zur Modeblase?  

Und nach wie vor hat der Summit mit einem Problem zu kämpfen: dem Selbstbezug. Sicher, international war die Runde, auch Politik und etwas weitere Kreise waren geladen. Doch die Szene blieb weitgehend unter sich. Sozialunternehmer, Engagierte, Querdenker einer Couleur. Kritisch wurde das nicht nur auf Twitter kommentiert. "Wie wäre es, wenn ein Drittel gezielt völlig andere Leute eingeladen würden?", schlug auch eine Teilnehmerin aus der Bildungsszene auf der Veranstaltung vor. Menschen, die bei Social Entrepreneurship bestenfalls an Charity denken oder mit den Schultern zucken - "Was soll das sein?". Jene, die in Wirtschaftsstudiengängen klassische Methoden und Denkmodelle lernen, fernab von einem Blick auf Wandel und WeQ-Zukunft. Andere, die Gegenpositionen einnehmen, mit kritischem Blick von außen die Entwicklung begleiten und so die Debatten schärfen. Nicht zufällig warnte Christoph Glaser von der Benckiser Stiftung Zukunft auf dem Podium vor "Projektitis" und der Tendenz zum Kommentieren und Co-Kommentieren des Bestehenden: Statt um sich selbst zu kreisen, gelte es, gemeinsam nach den richtigen Fragen zu suchen. Und an den Antworten zu arbeiten. "Aufgaben bearbeiten, die im Wir gemeinsam entstehen - und nicht vor allem jene, von denen wir selbst entzückt sind."


WeQ und weiter ...


Auch stehen noch viele alte Probleme auf der Agenda. Wie können die Macher der Szene von ihrer Arbeit leben? Wie schaffen Sozialunternehmer tatsächlich den Sprung in die Wirtschaftlichkeit? Wie können sie erfolgreich wachsen und drohen nicht, an so banal klingenden Fragen wie Altersvorsorge zu scheitern? Klar wurde: Hier ist auch die Politik gefragt, um rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen: Hybride zwischen kommerziellem Unternehmertum und sozialer Arbeit, passend eben für Social Business.  

Vorgelegt wurde auch eine Erklärung "Soziale Innovationen für Deutschland" mit Forderungen an die Politik, gebündelt in einer Online-Petition. Unter WeQWorks, dem neuen Portal für die WeQ-Bewegung, können Mitdenker außerdem Vorschläge zur Verfassung eines WeQ-Manifests machen - Anfang kommenden Jahres soll es erscheinen.  

Zuversichtlich stimmt auch - ausgerechnet - eine Studie den Beratungsgiganten McKinsey, die Ashoka-Chef Felix Oldenburg vorstellte: Demnach verläuft die Wirksamkeit von sozialer Innovation in einer exponentiellen Kurve: Lange passiert fast nichts - und dann explodiert die Entwicklung.  


changeX 19.09.2014. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Autorin

Anja Dilk
Dilk

Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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