Gut leben lernen

Das Kursbuch 172 widmet sich dem guten Leben
Rezension: Dominik Fehrmann

Gut leben, dieses Thema führt zu gern aufs Glatteis alltagstauglicher Lebensweisheiten. Das neue Kursbuch indes zeigt, dass sich darüber denkfaltenfrei nicht sinnieren lässt.

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Was ist denn das? Ein Kompendium alltagstauglicher Lebensweisheiten? Nein, zum Glück, der Titel trügt: Gut leben, die neueste Ausgabe des Kursbuchs, bietet nur wenige lebenspraktische Ratschläge. Stattdessen fühlen hier zwölf Autorinnen und Autoren aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen dem guten Leben auf den Zahn. Sie umzingeln das verbreitete Gerede vom guten Leben und beleuchten, jeweils aus ihrer Perspektive, so manche Ungereimtheit.  

Denn die Rede vom guten Leben ist billig und en vogue. Nicht zuletzt in der Wirtschaft, wie Armin Nassehi unter Hinweis auf allgegenwärtige Codes of Conduct oder Social Responsibility Commitments erläutert. Zunehmend fühlten sich Unternehmen einem "guten" Wirtschaften verpflichtet und übten sich in werteorientierter Kommunikation. Diese aber ist für Nassehi letztlich nur Ausdruck des Unvermögens, in einer komplexen Welt sachliche Lösungsmöglichkeiten für Strukturprobleme anzubieten. "All das wird durch Werte geradezu ausgeklammert - sogar unsichtbar gemacht." Das Schwadronieren von "gutem" Wirtschaften als kollektive Ersatzhandlung.


Leadershit


In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Reinhard K. Sprenger, der speziell auf die Rede vom "guten" Management nicht gut zu sprechen ist. Vier vermeintliche Aspekte "guten" Managements nimmt er sich in seinem, "Leadershit" betitelten Beitrag vor und diese auseinander: richtiges Entscheiden, vorbildliches Verhalten, authentisches Führen, sozial verantwortliches Handeln. Für den Managementberater Sprenger sind diese Phrasen sämtlich Unsinn - entweder gehaltlos, irreführend oder bestenfalls abgeleitet aus dem obersten Prinzip eines jeden Unternehmens, dem ökonomischen. Für Manager, die sich unter dem Druck des Zeitgeists mit Ethiklehrbüchern herumplagen, hat Sprenger frohe Kunde: "Es gibt kein ‚gutes‘ Management; es gibt nur ‚erfolgreiches‘ Management - oder eben ‚nichterfolgreiches‘." Alles andere sei "Moralblähung".  

Wie man dagegen das gute Leben ansatzweise physiologisch dingfest machen kann, zeigt Tobias Esch. Der Gesundheitsforscher erläutert die Zusammenhänge zwischen Glücksempfinden, Stressregulation und Vorgängen in präfrontalem Kortex, Hippocampus und Mandelkern. Dabei verweist er auf Studien zu glücksfördernden Faktoren wie Geld, Genen, Gemeinschaft, Gesundheit und einer gerechten Gesellschaft. Was der Daseinszufriedenheit aber vor allem diene, sei die Fähigkeit, "zur Besinnung zu kommen, ungeteilt aufmerksam zu sein ... achtsam und bewusst hören, riechen, schmecken, tasten, gehen, reden" zu können. Eschs gute Nachricht: "Das kann man trainieren."


Von der Sinnlichkeit des Wirsings


Für eine besondere Form dieses Achtsamkeitstrainings plädiert Jürgen Dollase. In seinem Beitrag "Gut essen" beklagt der Feinschmecker den "kulinarischen Analphabetismus" unserer Zeit und fordert eine "neue Sinnlichkeit". Was es damit auf sich hat, veranschaulicht er am Wirsing. Oder vielmehr an einem Menü, das allein aus den verschiedenen und unterschiedlich zubereiteten Bestandteilen des Wirsings besteht. Dessen Würdigung verknüpft Dollase recht rigoros mit dem guten Leben. Wer wünsche, "in Zukunft gut zu leben und sich gleichzeitig in einer möglichst großen Harmonie mit tragfähigen gesellschaftlichen (oder auch im weiteren Sinne moralischen) Vorstellungen zu befinden", schreibt Dollase, sollte "an [diesem] Gericht sehr viel Freude haben".  

Was die Frage aufwirft, weshalb wir unsere begrenzte Lebenszeit gerade dieser Sinnesschärfung widmen sollten, und nicht der Sensibilisierung für Wein, Jazz oder polynesische Holzschnitzkunst. Und wer sich das leisten kann. Die Diskussion um gutes Leben ist eben auch eine Luxusdiskussion. Worauf Herfried Münkler in seinem Beitrag über "militärische Interventionen als Exportmärchen guten Lebens" hinweist. In vielen Regionen der Welt gehe es bei Interventionen von außen "mitnichten um einen Export ‚guten Lebens‘, sondern um die bloße Sicherung des Überlebens".


Dilemma aus Fürsorge und Selbstorganisation


Hinzu kommt, dass die modernen westlichen Gesellschaften, die in der Regel als Exporteure des guten Lebens auftreten, dieses gar nicht paradoxiefrei bestimmen können. So jedenfalls die These von Peter Felixberger, der auf widersprüchliche Gerechtigkeitsbegriffe in Politik und Wirtschaft hinweist. Welchen Rahmen braucht der Einzelne zum guten Leben? Während der Staat auf Verteilungsgerechtigkeit achte, so Felixberger, setze die Wirtschaft auf eine Leistungs- und Effizienzgerechtigkeit. Das führe zu einem "Dilemma aus Fürsorge und Selbstorganisation, also gleichzeitig versorgt zu werden und für sich selbst zu sorgen". Doch im Fehlen einer "zentralen Gerechtigkeitsinstanz" sieht Felixberger auch eine Chance: So könnten "Gerechtigkeitslösungen von unten punktuell entwickelt werden". Gerechtigkeit habe weniger "mit starren Prinzipien zu tun" als vielmehr mit "Kompetenz", einem Blick für Tauglichkeit und Angemessenheit im jeweiligen Einzelfall. Also vielleicht mit dem, was früher einmal Klugheit hieß.  

Überhaupt ist Prinzipienreiterei in Sachen "gutes Leben" mit Vorsicht zu genießen, wie Friedrich Wilhelm Graf in seinem Beitrag "Dient Religion dem guten Leben?" erläutert. Ausgehend von der Feststellung, dass "jeder Fromme subjektiv davon überzeugt ist, auf dem Weg zum guten Leben zu sein", lenkt Graf den Blick auf die Gefahr, die dieser subjektiven Überzeugung innewohnt. Denn der Fromme "muss nur den Anspruch erheben, den Willen Gottes genauer und besser als die anderen, Gottfernen zu kennen, und sich selbst ein starkes oder gar exklusives Mandat zur Durchsetzung dieses Gotteswillens zuschreiben - dann wird er schnell gewaltbereit und terroristisch".


Gut zusammenleben


Daher sei neben der Frage nach dem guten Leben auch die nach dem guten Zusammenleben zu stellen. "Religion kann dem guten Zusammenleben dienen", meint Graf, "wenn sie sich im religiösen Symbolsystem selbst zu begrenzen und die fundamentale Unterscheidung von partikularem Ethos und allgemeiner Rechtsordnung aus eigenen Gründen der Religion zu vollziehen vermag." Ob Religion dem guten Leben des Einzelnen diene, lasse sich dagegen "immer nur im Einzelfall, mit Blick auf eine bestimmte Gestalt religiösen Bewusstseins entscheiden".  

Auf welche Abwege die Suche nach dem guten Leben geraten kann, zeigt Thomas C. Boyles abschließende Erzählung "In guten Händen". Eine Mittdreißigerin gebiert hier in ihrer inneren Leere einen schwankenden Wunsch nach äußerer Verschönerung. Als könnten ihr Botox-Spritzen ein Lebenselixier injizieren. In der Praxis des Schönheitschirurgen blickt sie in viele alterslose Gesichter und zu Hause dann in den Spiegel. "Wenigstens sah sie echt aus. Oder nicht? Wie viel war ‚echt‘ noch wert?" Ist Echtheit eine Bedingung für gutes Leben? Und was ist Echtheit, wenn nicht nur das Gegenteil von künstlicher Gesichtsmuskellähmung? Denkfaltenfrei jedenfalls, das zeigt diese Ausgabe des Kursbuchs, lässt sich über das gute Leben nicht sinnieren.  


changeX 12.10.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Kursbuch 172. Gut leben. Murmann Verlag, Hamburg 2012, 200 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-86774-186-6

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Autor

Dominik Fehrmann
Fehrmann

Dominik Fehrmann ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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