Wo stehst du?

Rechte Linke - das neue Kursbuch
Rezension: Dominik Fehrmann

Rechts oder links? Das war einmal eine alles klärende Frage. Das Kursbuch Nummer 173 klopft ein scheinbar solides, jedenfalls hartnäckiges Denkschema auf Hohlräume ab. Und das tut not.

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Wo stehst du? Anscheinend hat es Zeiten gegeben, in denen diese Frage verständlich war. Und mit der Antwort auf diese Frage alles geklärt. Nachfragen erübrigten sich, weil sich aus der Antwort alles Relevante ableiten ließ. Man verortete sich politisch in einem Spektrum, das letztlich aus zwei Hälften bestand: rechts und links. Es waren Zeiten des "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" - alles war klar, eindeutig, übersichtlich. Das zumindest suggeriert die Frage "Wo stehst du?", die historisch korrekt "Wo sitzt du?" hätte lauten müssen, schließlich geht die Rechts-links-Dichotomie auf die Sitzordnung in der Französischen Nationalversammlung von 1789 zurück. Natürlich war die Vorstellung, mit der Antwort "rechts" oder "links" sei alles geklärt, immer schon eine Illusion. Doch inzwischen ist fraglich, ob damit überhaupt irgendetwas geklärt ist. Ob dieser Gegensatz überhaupt noch einen Sinn hat und zu irgendetwas taugt. 

Dies festzustellen hat sich das neue Kursbuch vorgenommen. Unter dem Titel Rechte Linke wird hier ein scheinbar solides, jedenfalls hartnäckiges Denkschema von allen Seiten auf Hohlräume abgeklopft. Und es tut not. Denn: Was heißt "rechts", was "links", wenn eine vermeintlich "linke" Boheme heutzutage einen äußerst "konservativen" Lebensstil pflegt, CDU-Politiker sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen, ebenso wie die Piraten, die andererseits pauschaler, als die FDP es je wagen würde, gegen staatliche Intervention wettern, nämlich im Bereich der Netzpolitik. Da hilft auch der opportunistische Begriff der Neuen Mitte nicht weiter, der ja die Eindimensionalität der Rechts-links-Dichotomie nur übernimmt, statt die Mehrdimensionalität politischer Zusammenhänge anzuerkennen. Reflexartig möchte man diesen Reflex selbst schon wieder typisch "rechts" nennen.


Oft keine einfachen Antworten


Doch zumindest Axel Honneth will das traditionelle Schema nicht einfach über Bord werfen. Es erscheine ihm, erklärt er im Gespräch mit Paul Nolte, "immer noch sehr plausibel, diesen Dualismus zwischen links und rechts im Sinne grundpolitischer Programmatik aufrechtzuerhalten". Schwierig geworden seien die Zuordnung zu den Parteien und die Wahl der Mittel, "die zur Erreichung der linken und rechten Ziele nötig sind". Aber der Rechts-links-Gegensatz könne sehr wohl sinnvoll ausbuchstabiert werden. Nämlich mit dem Freiheitsbegriff. Grundsätzlich werde auf der linken Seite "für die Ausweitung und Vertiefung sozialer Freiheiten gestritten". Auf der rechten Seite dagegen würden die "negativen Freiheiten des Markts oder des Rechts gegen soziale Zumutungen und gemeinsame Verantwortlichkeiten stark gemacht". Man könne links und rechts, so Honneth, also danach unterscheiden, "welche Haltung zum Projekt einer weiteren Verwirklichung unserer mit der Moderne institutionalisierten Freiheiten eingenommen wird". 

Selbst diese Unterscheidung will Paul Nolte jedoch nicht gelten lassen. Und verweist darauf, dass es auch "rechts" eine traditionelle Vorliebe für die Gemeinschaft - etwa in Form der Familie - gebe, und zugleich einen Argwohn gegen Individuelles und Individualisierung. "Welcher Individualismus ist links, welcher ‚neoliberal‘?", fragt er. "Und umgekehrt: Welche ‚Community‘ ist links, welche konservativ? Oft keine einfachen Antworten."  

Stattdessen erkennt Nolte angesichts aktueller Diskussionen um Eigentum - Stichworte "Open Access" und "Allmende" - die Möglichkeit einer völligen Implosion des traditionellen Rechts-links-Schemas: "Wenn der Kapitalismusbegriff irgendwann einmal verschwindet, dann nicht durch die klassische sozialistische Revolution, sondern durch diese Verschiebungen des Eigentumsbegriffs, wie wir sie jetzt beobachten."


Gemeinsame Klammer zwischen Kommunismus und Kapitalismus


Doch vielleicht waren Kommunismus und Kapitalismus seit jeher weniger gegensätzlich, als es den Anschein hatte. Das ist die These von Peter Felixberger, der einen roten Faden erkennt, der sich von Karl Marx über Milton Friedman, Friedrich August von Hayek bis zu Gunther Dueck zieht. Dieser - eben nicht nur rote - Faden ist die Idee, dass es bei der Frage nach der richtigen Gesellschaftsform letztlich um die optimale Potenzialentfaltung des einzelnen Menschen geht. "Die romantische Vorstellung des Paradieses einer vollendeten Gesellschaft mit vollkommenen, optimierten Menschen", so Felixberger, "ist die gemeinsame Klammer zwischen Kommunismus und Kapitalismus." 

War die Rechts-links-Dichotomie in diesem Sinne immer schon fragwürdig, ist sie durch die digitale Revolution noch diffuser geworden, wie Florian Rötzer in seinem Text "Sind Google und die Piraten links?" zeigt. "Seltsam unscharf und unentschieden zwischen einer gemäßigt linksliberalen und einer gemäßigt wirtschaftsliberalen Position", nennt Rötzer etwa die wirtschaftspolitischen Grundsätze der Partei. Was die Piraten auszeichne, sei, "dass sie der Internetmetaphorik des Navigierens, Suchens und Surfens treu bleiben und keine Insel mit einer Utopie ansteuern, auf der dann die schon vorhandenen Gesellschaftsentwürfe umgesetzt werden". Aber ist dieses Navigieren nicht eher ein Lavieren? Eine konstruktive Überwindung des Rechts-links-Schemas jedenfalls erkennt Rötzer bei den Piraten nicht: "Wie eine Politik aussehen könnte, die auf der Grundlage der digitalen Technik als Kern der künftigen Gesellschaft diese umbaut und zugleich die technische Entwicklung im Hinblick auf politische Ziele steuert, ist noch vollkommen schleierhaft."


Kritisieren heißt: Unterscheiden


Bleibt die Frage, ob diese "typisch statische Begriffspolarität alteuropäischer Philosophie" (Nico Stehr) wirklich kontingent und auflösbar ist. Und nicht vielleicht gehirnphysiologisch bedingt, wie es Ernst Pöppel in seinem Beitrag über Bedeutung und Zusammenhang von rechter und linker Gehirnhälfte nahelegt. Man kann aber auch schlicht bestreiten, dass die Auflösung dieser und ähnlicher Dichotomien wünschenswert sei. Und ihnen stattdessen existenziellen Wert beimessen, wie es der Philosoph Konrad Paul Liessmann tut, wenn er schreibt: "Nur angesichts von Unterscheidungen werden wir aktiv, wo sich nichts unterscheidet, gibt es auch nichts zu tun ... Wo kein Feind auszumachen ist, erübrigt sich jede Politik."  

Unterscheidungen, so die Idee, strukturieren nicht nur unser Denken, sondern motivieren auch unser Tun. Sie ermöglichen eine Bestimmung der eigenen Position und eigenen Ziele, und geben damit dem Handeln überhaupt erst eine Richtung. Radikale Unterscheidungsabstinenzler sind Getriebene, nicht Handelnde. "Kritik", darauf weist Armin Nassehi schon in seinem einleitenden Beitrag hin, "heißt übrigens: Unterscheidung. Kritisieren heißt: Unterscheiden." Auch die Rechts-links-Unterscheidung kann insofern Ausdruck eines kritischen Geistes sein. Doch nur, wenn sie selbst immer wieder kritisch hinterfragt wird.  



changeX 27.03.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Kursbuch 173. Rechte Linke. Murmann Verlag, Hamburg 2013, 200 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3867742443

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Autor

Dominik Fehrmann
Fehrmann

Dominik Fehrmann ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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