Kein Verwaltungsakt

Serie Gründergeist 14: keine große sache – das herausragende Existenzgründerbuch von Vanessa Kullmann.
Text: Winfried Kretschmer

Gründen ist eben kein Verwaltungsakt. Es erschöpft sich nicht in einer Kette rechtlicher, finanzieller und organisatorischer Tätigkeiten, wie dies die Checklisten der meisten Existenzgründungsratgeber suggerieren. Sondern erfordert Intuition, Kreativität, Leidenschaft und Mut.

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„Was wäre denn, wenn es mein Laden wäre?“ Das war die Frage, die Vanessa Kullmann durch den Kopf ging, als sie bei ihrem ersten Job in New York im Coffeeshop um die Ecke Kaffee für die Kollegen holte. „Gehörte vielleicht gar nicht so viel dazu, sich selbständig zu machen?“ Sie begann in verschiedensten Kaffeeläden herumzustöbern, beobachtete Arbeitsabläufe und Service, analysierte Angebotspalette und Atmosphäre der Läden und wälzte Bücher über Selbständigkeit und Unternehmensgründung. Die Ratgeber indes legte sie bald zur Seite: „Die waren für ‚Krawattenträger‘: Leute, die Betriebswirtschaft studiert hatten und traditionell dachten.“ Schon die Masse an Informationen und die Businesspläne mit vielen Tabellen schreckten sie ab. Ihre Devise: „Es musste für mich auch praktischer gehen.“ Schritt für Schritt.  

Als Vanessa Kullmann 1998 in Hamburg ihren ersten Coffeeshop eröffnete, war sie gerade 26 Jahre alt, hatte weder BWL studiert, noch verfügte sie über Kenntnisse in Gastronomie, Marketing und Unternehmensführung. Sondern hatte nur eine Idee, an die sie glaubte, und Know-how, das sie sich selbst angeeignet hatte. Sie zog zu ihren Eltern in ihr früheres Kinderzimmer; ihr Büro bestand aus dem elterlichen Telefon und ihrer früheren Schultasche mit einem Terminkalender darin. Heute gehören zu ihrer Balzac Coffee GmbH 40 Läden. 2006 wurde Vanessa Kullmann zur Unternehmerin des Jahres gekürt. Und hat ihre Erfahrungen niedergeschrieben.  

Herausgekommen ist das Buch, das sich die Gründerin zu Beginn ihrer Unternehmungen selbst gewünscht hätte: kein trockener Businessplan-Ratgeber gespickt mit BWL-Wissen, sondern eine Anleitung zum Loslegen. keine große sache ist zweifellos der beste Gründungsratgeber auf dem Markt. Denn woran es fehlt in Deutschland, ist nicht das Gründungswissen. Ratgeber gibt es zuhauf, und die Beratungsinfrastruktur ist exzellent. Es fehlt an der Initiative. Hierfür bietet Vanessa Kullmanns Geschichte reichlich Anstöße. 

Es ist keine Lorbeer-geschmückte Success Story einer Unternehmensgründung, die wie am Schnürchen lief. Im Gegenteil: Da ging eine Menge schief, da gab es Schwierigkeiten zuhauf, und nicht nur einmal agierte die Jungunternehmerin am Rande der Überforderung. Zu ihrer Unerfahrenheit gesellten sich teure Fehleinschätzungen. Letztlich aber fand sich für jedes Problem eine Lösung, auch wenn Kullmann manchmal drauf und dran war, vor der Komplexität in die Knie zu gehen: „Zuweilen überforderte mich die Situation, nicht zu wissen, welchen Schritt ich als Nächstes machen sollte.“  

Sich exakt darüber klar zu werden war ihre Erfolgsstrategie. Ihre Devise, „immer nur den nächsten offensichtlichen Schritt machen“ und sich dabei von ihrer Intuition leiten und von ihrer Vision die Richtung weisen zu lassen, kennzeichnet ihr Verständnis von Unternehmertum als Tun, als aktive Haltung zur Welt. Anpacken, tun, machen! Das ist die Haltung, die aus ihrem Buch spricht.  

Unternehmer sein in diesem Sinne heißt zu gestalten, bedeutet Risiken einzugehen und jenseits der persönlichen Sicherheitszone zu agieren. Und es erfordert, Grenzen zu überschreiten. Kullmanns Buch ist somit nicht nur eine dringend notwendige Klarstellung zum Gründen, sondern auch zum Unternehmerbegriff: Unternehmer sein ist eben „keine große Sache“ und schon gar keine des großen Geldes, sondern eine Frage des persönlichen Umgangs mit Chancen und Risiken. Es ist eine Entscheidung für eine Haltung, die ohne Intuition, Kreativität und Fantasie, ohne eine Vision und Leidenschaft nicht auskommt.
 


Zitate


"Eine gesunde Dosis Naivität oder Unerfahrenheit ist manchmal das beste Erfolgsrezept. Man hat eine gewisse Unbefangenheit und deshalb überhaupt keine Bedenken. Wer sich zu sehr mit der ‚Was wäre wenn ...?‘-Frage beschäftigt und seinen Emotionen wie Ängsten, Hemmungen oder Vorfreuden zu viel Aufmerksamkeit schenkt, verliert den Blick für das Wesentliche und wird unsicher in seinen Entscheidungen.“ Vanessa Kullmann: "keine große sache"

 

changeX 16.06.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zu den Büchern

: keine große sache. Coffee to go oder wie man den Traum vom eigenen Unternehmen verwirklicht. Taschenbuch-Ausgabe. Heyne Verlag, München 2008, 224 Seiten, ISBN 978-3-453-65006-0

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: keine große sache. Coffee to go oder wie man den Traum vom eigenen Unternehmen verwirklicht. Originalausgabe. Heyne Verlag, München 2007, 224 Seiten, ISBN 978-3-453-13111-8

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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