So klein

Häuser im Miniformat - fünfeinhalb Fragen an Sandra Leitte
Interview: Winfried Kretschmer

"Mikro", das bedeutet klein, kurz, fein, auch gering. "Mikro" findet sich in zahlreichen Begriffen, von der Mikroanalyse bis zum Mikrozensus. Im Kontext von Innovation und Transformation steht "mikro" für kleinteilige, angepasste Instrumente, Methoden und Lösungen. Darum geht es in unserer Serie. Und um die Menschen und ihre Beweggründe, einen Mikroansatz zu wählen. Heute: Tiny Houses, Häuser im Miniformat.

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Sandra Leitte hat Architektur studiert und als Redakteurin und Lektorin an zahlreichen Publikationen zu Architektur, Design und Kunst mitgewirkt. Sie lebt und arbeitet in den USA und in München. Sie ist Autorin des Buchs Winzig über innovative Häuser im Miniformat.
 

Frau Leitte, seit Diogenes und seiner Tonne gab es wohl immer kleine Behausungen mit wenig Wohnraum. Wie und wann ist die Idee der Tiny Houses entstanden? 

Das, was heute als Tiny-House-Bewegung bekannt ist, entstand in den USA als eine Art Gegenbewegung zu der Einstellung "bigger is better" und den McMansions, den immer riesiger werdenden Einfamilienhäusern in amerikanischen Vororten. Mit der Finanzkrise 2007/08 gewannen kleine Häuser an Popularität, oft eher aus einer finanziellen Notlage heraus denn als bewusste Entscheidung zum Downsizing. Doch die Idee des Lebens auf kleinem Raum hat seitdem aus verschiedenen Gründen weltweit viele Anhänger gefunden.
 

Ihr Buch versammelt ganz unterschiedliche Formen von Tiny Houses, von der Berghütte bis zum Wohnanhänger. Welche Formen von Tiny Houses gibt es und was ist die verbindende Idee dahinter? 

Tiny Houses gibt es in allen möglichen Formen - als temporäre Unterkunft, Ferien- oder Wochenendhaus, Forschungsprojekt, Wohnexperiment und als tatsächliches Wohnhaus. Zudem kann zwischen mobilen Unterkünften auf Rädern und fest stehenden Bauten unterschieden werden. Die verbindende Idee dahinter ist es, das Gefühl von Verzicht erst gar nicht aufkommen zu lassen, indem der begrenzte Platz clever genutzt wird. So lassen sich zum Beispiel mit beweglichen, klapp-, falt-, schwenk- oder versenkbaren Möbeln Flächen flexibel für verschiedene Funktionen nutzen. Gut designte Häuser bringen auf kleinstem Raum alles Notwendige unter und lassen trotzdem ein großzügiges Raumgefühl entstehen.
 

Was sind die Motive der Menschen, die sich auf wenig Wohnraum beschränken? 

Es gibt verschiedene Beweggründe, warum sich Menschen dazu entscheiden, ihren Wohnraum einzuschränken. Für manche spielt der Umweltgedanke mit Verringerung des ökologischen Fußabdrucks eine Rolle, für andere ist es die Kostenersparnis durch geringere Bau- und Unterhaltskosten. Auch die Mobilität kann ein Grund sein, da sich beispielsweise die auf Anhängern gebauten Tiny Houses von Ort zu Ort bewegen und bei entsprechender Ausstattung auch unabhängig von öffentlichen Versorgungsnetzen bewohnen lassen. Ein Motiv für viele Bewohner von kleinen Häusern ist das bewusste Reduzieren von Fläche und Besitz. Sie finden in diesem Ausstieg aus dem Konsumverhalten unserer Zeit mehr Freiheit, mehr Flexibilität und mehr Zufriedenheit. Meistens führt wohl eine Mischung aus diesen Gründen zur Entscheidung für ein Tiny House.
 

Sie sprechen von innovativen Häusern im Miniformat. Ist die Winzigkeit die Innovation? 

Für Architekten und Designer sind kleine Häuser eine besondere Herausforderung, die sie oft mit innovativen Ideen angehen und die zu besonderen Bauformen, ungewöhnlichen Raumlösungen und neuen Materialanwendungen führen können. 

Doch eigentlich ist es eher die Idee des freiwilligen Verzichts und des freiwilligen Lebens auf weniger Raum, die erst mal neu ist und zum Nachdenken anregen sollte. In den letzten Jahrzehnten ist die Wohnfläche pro Person immens gestiegen. Wie viel Platz zum Wohnen brauchen wir wirklich? Gerade in der heutigen Zeit, wo Wohnraum in vielen Städten sehr knapp ist, könnte eine Reduzierung der Wohnungsgrößen und der Wohnfläche pro Kopf dazu beitragen, dass erschwinglicher Wohnraum für mehr Menschen zur Verfügung steht. Frei stehende Tiny Houses sind in der Stadt sicher nicht die Lösung, dazu fehlt der Platz. Doch wenn sie das Bewusstsein dafür schärfen, was an alternativen Wohnlösungen und Lebensstilen möglich ist, haben sie schon etwas erreicht.
 

Welche Bedeutung hat "Mikro" für Sie - über Ihr konkretes Thema hinaus? Sehen Sie einen Trend hin zu "Mikro"? 

Es wäre auf jeden Fall ein sehr wünschenswerter Trend, dass Mikro mehr zählt als Makro, auch im Sinne von "weniger ist mehr". Das wäre umweltfreundlicher, ressourcenschonend, gesünder, würde weniger Fläche versiegeln und weniger Dreck in die Luft pusten. Es gibt sicher einzelne Ansätze, die in Richtung Einfachheit, Besinnung auf das Wesentliche und Reduzierung von Kommerz gehen. Aber in vielen Bereichen scheint "größer und mehr" immer noch als besser und erstrebenswert zu gelten.
 

Das Wichtigste zum Schluss? 

Man muss nicht unbedingt in ein Tiny House ziehen, um die Effekte, dieser Art zu leben, zu erfahren. Der Lebensstil des Minimalismus zum Beispiel zeigt, dass man sich auch auf größerer Wohnfläche bewusst von überflüssigen Dingen befreien und bewusst konsumieren kann, um seinen Wohnraum und sein Leben nicht mit unnötigem Besitz zu belasten und Ressourcen zu schonen.
 

Serienintro: "Die Kraft des mikro" war der Titel unseres Werkstattgesprächs über soziale Mikroinnovation, das vor gut zwei Jahren erschienen ist. Die Intention damals: Zu prüfen, ob der Begriff "soziale Mikroinnovation" dazu taugt, ein zu wenig beachtetes gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben: die Kraft kleinteiliger Veränderungen. Seither ist uns das "Mikro" immer wieder begegnet, in ganz unterschiedlicher Gestalt. Sei es in Form quasi minimalinvasiver Interventionen, sei es in Form der Reduktion auf ein Minimum von etwas. Das war der Anstoß, zu schauen, welche Ansätze innovativer, kleinteiliger, angepasster Instrumente, Methoden und Lösungen in ganz unterschiedlichen Themenfeldern zu finden sind. Die Herangehensweise: fragen. Und offen sein für die Ideen und Gedanken hinter dem Begriff. Eine Suchbewegung.

Das Interview haben wir schriftlich geführt.


Zitate


"In den letzten Jahrzehnten ist die Wohnfläche pro Person immens gestiegen. Wie viel Platz zum Wohnen brauchen wir wirklich?" Sandra Leitte: So klein - Häuser im Miniformat

"Gerade in der heutigen Zeit, wo Wohnraum in vielen Städten sehr knapp ist, könnte eine Reduzierung der Wohnungsgrößen und der Wohnfläche pro Kopf dazu beitragen, dass erschwinglicher Wohnraum für mehr Menschen zur Verfügung steht." Sandra Leitte: So klein - Häuser im Miniformat

 

changeX 17.05.2018. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Winzig. Innovative Häuser im Mini-Format. DVA Bildband, München 2016, 224 Seiten, 29.95 Euro (D), ISBN 978-3-421-04023-7

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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