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Erste Signale
"Mikro" steht für kleinteilige, angepasste Instrumente, Methoden und Lösungen. Darum geht es in unserer Serie. Dieses Mal: Mikrotrends. Mikrotrends sind kleine, symbolische Phänomene, die für ein neues Lebensgefühl, ein neues Marktsegment oder eine neue Produktkategorie stehen. Es sind erste konkrete Signale für das Entstehen neuer Trendströmungen.
"Einen Trend zu Mikromethoden oder -lösungsansätzen sehe ich durchaus", sagt Christian Schuldt vom Zukunftsinstitut, und führt stellvertretend die Methode des Design Thinkings als iterativen Innovationsprozess an. Für ihn als systemisch geschulten Forscher ist aber der Zusammenhang zwischen Mikro- und Makrophänomenen wichtig. Neben dem Trend zum Mikro - und direkt damit zusammenhängend - sei auch "eine verstärkte Öffnung für den Blick aufs große Ganze zu beobachten: Grundsätzliche Werte, Visionen und Themen wie Identität und Kultur gewinnen an Relevanz." Erst dieses systemische, makroperspektivische Verständnis ermögliche die sinnvolle Anwendungen von Mikromethoden, so Schuldt, der diesen Zusammenhang im Interview am Beispiel eines weiteren Mikrophänomens erläutert: den Mikrotrends in Trend- und Zukunftsforschung.
Christian Schuldt arbeitet beim Zukunftsinstitut als Autor, Referent und Redakteur. Er ist Experte für Systemtheorie und Digitale Transformation.
Was sind Mikrotrends?
Da stellt sich zunächst die Frage: Was sind Trends? Gerade weil Trendbehauptungen heute inflationär sind - und dabei oft Komplexität auf eine lineare Funktion reduzieren, um bestimmte Intentionen zu verfolgen -, ist es wichtig, hier genau hinzuschauen und verschiedene Trenddimensionen voneinander zu unterscheiden. Unter Mikrotrends verstehen wir im Zukunftsinstitut kleine, symbolische Phänomene, die für ein neues Lebensgefühl, ein neues Marktsegment oder eine neue Produktkategorie stehen. Es sind also erste konkrete Signale für das Entstehen neuer Trendströmungen.
Wie unterscheiden sich Mikro- von Makrotrends - und beide wiederum von Megatrends?
Im Zukunftsinstitut arbeiten wir mit einem Set von Trendkategorien, die sich nach ihrer zeitlichen Wirkkraft und ihrem gesellschaftlichen Impact unterscheiden lassen. Die unterste, langlebigste Ebene bilden Metatrends - quasi überzeitliche "Weltprinzipien", die in der Evolution wie in der Menschenwelt dauerhaft Gültigkeit haben, etwa das Prinzip der Komplexität. Ganz oben stehen Modetrends, die sehr kurzlebig sind. Mikrotrends befinden sich direkt unter dieser Ebene der kurzfristigen, eher schwachen Hypes. Als erste konkrete Anzeichen für aufkommende Trendbewegungen sind sie weniger flüchtig als bloße Modeerscheinungen, aber zugleich vergänglicher als etwa die "tiefer" liegenden Kategorien der Sozio- und Technotrends.
Megatrends wiederum bilden eine Art Metakategorie, weil sie mehrere Trenddimensionen übergreifen. Als langfristige, komplexe und robuste Trends wirken sie mit großer Nachhaltigkeit auf sämtliche Bereiche der Gesellschaft - und sind deshalb zentral für ein komplexes Verständnis von gesellschaftlichem Wandel. Im Zukunftsinstitut arbeiten wir mit zwölf Megatrends: Konnektivität, Globalisierung, Individualisierung, Mobilität, Neo-Ökologie, New Work, Urbanisierung, Gender Shift, Silver Society, Wissenskultur, Gesundheit und Sicherheit.
Haben Sie ein, zwei, drei Beispiele für Mikrotrends?
Konkrete Beispiele für Mikrotrends, für die kleinen Kräfte hinter den großen Veränderungen von morgen, sind etwa Food-Trends wie Snackables oder Spiritual Food, die symptomatisch stehen für größere gesellschaftliche Wandlungsphänomene: für die fortschreitende Flexibilisierung unserer Lebenswelten - und für den großen Gegentrend der Achtsamkeit. Ein weiteres Beispiel wäre Urban Hacking, das Umprogrammieren und Umgestalten von alltäglichen Dingen im öffentlichen Raum nach dem Vorbild der digitalen Kultur.
Wann wird ein neues technisches oder soziales Phänomen zu einem Mikrotrend?
Das ist eine Frage der Kontextualisierbarkeit: Mikrotrends zeigen sich nicht nur durch ein gehäuftes Auftreten eines Phänomens innerhalb eines gewissen Zeitraums - sie sind immer auch konkrete Anwendungen oder Manifestationen von Megatrends. So steht der Bike-Boom etwa symptomatisch für ein generelles Umdenken in Sachen Nachhaltigkeit und Mobilität. Um Mikrotrends also überhaupt als solche erkennen und einordnen zu können, braucht es eine umfassende Kenntnis der längerfristigen, "tiefenwirksameren" Sozio-, Techno- und vor allem Megatrends.
Vor wenigen Jahren noch standen die Megatrends im Vordergrund, wenn es um Zukunft ging. Stehen Mikrotrends für eine Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus?
Hier gilt es erneut zu unterscheiden, nämlich zwischen Trend- und Zukunftsforschung. Während die Trendforschung sich auf kurzlebigere Trends konzentriert - und dabei mitunter Gefahr läuft, lediglich Hypes voranzutreiben -, nimmt die Zukunftsforschung längere Zeiträume ins Visier. Hier geht es um die systemische und evolutionäre Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. In einer Welt, die durch zunehmende Vernetzung stetig an Komplexität zunimmt, sind diese langfristigen, richtungsweisenden Wandlungsprozesse als Orientierungsmarken wichtiger denn je.
Zum Schluss das Wichtigste ganz kurz?
Mikrotrends können wertvolle Trendsignale sein - sofern man versteht, sie richtig zu deuten. Kurz gesagt: Ein Mikrotrend kann nur dann als Spitze des Eisbergs gedeutet werden, wenn man um den Eisberg weiß. Auch in Sachen Mikrotrends ist also ein umfängliches, systemisches Verständnis von Gesellschaft entscheidend.
Das Interview haben wir schriftlich geführt.
Serienintro: "Die Kraft des mikro" war der Titel unseres Werkstattgesprächs über soziale Mikroinnovation, das vor gut zwei Jahren erschienen ist. Die Intention damals: Zu prüfen, ob der Begriff "soziale Mikroinnovation" dazu taugt, ein zu wenig beachtetes gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben: die Kraft kleinteiliger Veränderungen. Seither ist uns das "Mikro" immer wieder begegnet, in ganz unterschiedlicher Gestalt. Sei es in Form quasi minimalinvasiver Interventionen, sei es in Form der Reduktion auf ein Minimum von etwas. Das war der Anstoß, zu schauen, welche Ansätze innovativer, kleinteiliger, angepasster Instrumente, Methoden und Lösungen in ganz unterschiedlichen Themenfeldern zu finden sind. Die Herangehensweise: fragen. Und offen sein für die Ideen und Gedanken hinter dem Begriff. Eine Suchbewegung.
Zitate
"Mikrotrends sind kleine, symbolische Phänomene, die für ein neues Lebensgefühl, ein neues Marktsegment oder eine neue Produktkategorie stehen. Es sind erste konkrete Signale für das Entstehen neuer Trendströmungen." Christian Schuldt: Erste Signale
"Mikrotrends sind die kleinen Kräfte hinter den großen Veränderungen von morgen." Christian Schuldt: Erste Signale
"Mikrotrends können wertvolle Trendsignale sein - sofern man versteht, sie richtig zu deuten." Christian Schuldt: Erste Signale
changeX 12.09.2018. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.
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Autor
Winfried KretschmerWinfried Kretschmer ist Autor, Redakteur & Macher bei changeX.
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