Aus, vorbei

Das Ende der Inkompetenzvermutung
Text: Winfried Kretschmer

Die Annahme, dass Menschen belehrt, angeleitet, beaufsichtigt und kontrolliert werden müssten, prägt die Institutionen und Organisationen in unserer Gesellschaft. Die Inkompetenzvermutung. Doch sie fällt. Nun gilt die Kompetenzvermutung.

120 Treffer bei Google. Es dürfte nicht ganz einfach sein, eine Suchanfrage zu finden, mit dem sich dieses Ergebnis unterbieten lässt. Selbst mit dem Begriff "Nomophobie", der die sich ausbreitende Angst bezeichnet, ohne Mobilfunkverbindung zu sein, erzielt man beispielsweise rund 53.000 Suchergebnisse.  

Aber 120? Der Begriff, mit dem man das hinbekommt, ist "Inkompetenzvermutung". Claus Offe hat ihn verwendet, bei Birger Priddat findet er sich und auch bei Karin Holzinger, in unterschiedlichen Zusammenhängen und eher beiläufig verwendet. Hauptsächlich aber bei Michel Serres, dessen Buch Erfindet euch neu! die meisten Treffer auf sich zieht. Dennoch, ein paar sind es nur, die meist zu einer kurzen Erwähnung des Begriffs verweisen.  

Das überrascht, formuliert Serres hier doch eine ganz grundlegende Beobachtung, die sehr präzise den Kern eines sonst nur viel allgemeiner beschriebenen Phänomens trifft. Vielfach ist von Befehl und Kontrolle, von Entmündigung, Bevormundung und Gängelung die Rede, um die Wirkung dominanter sozialer Systeme zu beschreiben. Nur entstammen diese Begriffe einer Zeit, in der Herrschaft noch viel unmittelbarer wirkte und sich unmittelbaren Zwangs bis hin zu physischer Gewalt als Instrument bediente. Heute wirkt Macht subtiler. Und genau deshalb prallen die alten Begriffe oft an den Machtverhältnissen von heute ab.


Es gilt die Kompetenzvermutung


Nicht so Inkompetenzvermutung. Dieser Begriff rührt an ihren Kern. Inkompetenzvermutung, das ist die Annahme, dass spezialisierte Institutionen und Organisationen über ein Mehr an Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen verfügten als die breite Masse der Menschen, die deshalb belehrt, angeleitet, beaufsichtigt und kontrolliert werden müssten. Nicht umsonst macht Serres diesen Begriff am Management fest. Es ist die Praxis, dass "Entscheider aus weiter Ferne Handlungsanweisungen erteilen, ohne die Handelnden, die im Voraus für inkompetent erklärt werden, in irgendeiner Form um Rat zu bitten". Aber die Inkompetenzvermutung reicht für Serres weiter. Es ist die Grundhaltung, die das Verhältnis unserer Institutionen und Organisationen zu ihrer Klientel prägt. Sie findet sich überall, in Bürokratie, Medien, Werbung, Technokratie, Unternehmen, Politik, Universitäten, Schulen, Verwaltung, in der Wissenschaft. Es ist ein Wesenselement unserer Organisationen, es ist der Kern ihrer Macht.  

Und genau diese Inkompetenzvermutung gerät heute ins Wanken. Durch den Wandel der Arbeit, durch die allgemeine Verfügbarkeit allen Wissens, mehr noch, durch den Wandel unseres Menschenbildes, das das Individuum mit seinen einzigartigen Fähigkeiten und Potenzialen in den Mittelpunkt rückt.  

Nun gilt die Kompetenzvermutung, sagt Serres. Und rührt an die wirklich große Mauer, die im Begriff ist, zu fallen.  


Zitate


"Es gilt die Kompetenzvermutung." Michel Serres Erfindet euch neu!

 

changeX 22.11.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Erfindet euch neu! - das neue Buch von Michel Serres zur Rezension

Zum Buch

: Erfindet euch neu!. Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 69 Seiten, 8 Euro, ISBN 978-3-518-07117-5

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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