Zukunftsbuch 2021

Die Top Ten der Zukunftsliteratur - die Bücher des Jahres 2021

 

Hier sind sie, die Bücher des Jahres. Nun schon zum vierten Mal in einer gemeinsamen Auswahl mit pro zukunft, dem Magazin der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Vorgestellt als die Top Ten der Zukunftsliteratur: Sachbücher, die gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektieren und neue Zukunftsperspektiven eröffnen. Bücher für zukunftsweisendes Denken.

Unbehagen Überforderung der Gesellschaft mit sich selbst

Armin Nassehi: Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft. C.H.Beck, München 2021, 384 Seiten, 26 Euro (D), ISBN 978-3-406-77453-9

Unbehagen und Überforderung in der Moderne sind geläufige Topoi, um nicht zu sagen Klischees der Gesellschaftsdiagnose. Wenn Armin Nassehi nun gleich beide Begriffe auf die Titelseite seines neuen Buches schreibt und sie damit zu den zentralen Bezugspunkten seiner Gesellschaftstheorie macht, tut er das freilich nicht ohne Hintergedanken. Listig bemächtigt sich der Münchner Soziologieprofessor der beiden eingeführten und fest in einer kultur- und zivilisationskritischen Denktradition verwurzelten Begriffe, um sie zu drehen und für seinen eigenen theoretischen Ansatz nutzbar zu machen. Das Unbehagen an und in der Moderne ebenso wie die Überforderung in der modernen Gesellschaft beziehen sich fast immer auf die soziale Dimension, so der Autor. Im Blick steht stets das Individuum, sein Bezug zur Gesellschaft und zu deren Strukturen. Nassehi dreht nun diese Denkrichtung um. Ihm geht es "nicht nur um die Überforderung von handelnden Personen, von Individuen, von Menschen in einer bestehenden Gesellschaft", sondern "auch und vor allem um eine Überforderung gesellschaftlicher Handlungs-, Reaktions- und Gestaltungsmöglichkeiten". Die These ist, "dass die Strukturen und die Form der Gesellschaft sich selbst überfordern". Was sich in Krisen äußert. Des Autors wenig beruhigende Diagnose lautet, dass die Gesellschaft sich offensichtlich in einem permanenten Krisenzustand befindet, schon weil es einen nicht-krisenhaften Zustand nicht (mehr) gibt. Der oft gehörte Appell, nun endlich rauszukommen aus dem ewigen Krisenmodus, führt somit in die Irre. Wie aber kann nun eine Gesellschaft diese Dilemmasituation auflösen? Nassehis Antwort: Die Überforderung ist Problem und Lösung zugleich. Sie kann die Basis für Lösungsperspektiven sein. Gefragt sind "Arrangements zwischen den unterschiedlichen Funktionslogiken" und den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die Handlungsfähigkeit herstellen und Zielkonflikte bearbeitbar machen. Zum Beispiel, indem man Leute und Logiken zusammenbringt, die üblicherweise nicht zusammenkommen. Oder Lernprozesse durch Rekombination ermöglicht. Das ist getragen von der theoretisch geleiteten Zuversicht, dass eine Gesellschaft, die in ihrer funktionalen Differenzierung ihre Komplexität gesteigert hat, ihr Komplexitätsniveau nochmals zu erhöhen vermag, um die mit ihrer Ausdifferenzierung gewachsenen Probleme in den Griff zu bekommen.
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Nichts tun Kontext wiedergewinnen

Jenny Odell: Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Verlag C.H.Beck, München 2021, 296 Seiten, 24 Euro (D), ISBN 978-3-406-76831-6

Nichts tun klingt zunächst ziemlich entspannend, wie wir aber im Verlauf der Lesereise durch Jenny Odells Gedanken herausfinden, hat es nicht selten auch etwas mit Disziplin, Mut und Widerstand zu tun. Es geht bei Weitem nicht um einen Zustand von Faulheit, sondern um einen Gegenentwurf zur Aufmerksamkeitsökonomie. Nichts tun hat nach Odell demnach mit der Rückgewinnung der Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit zu tun, mit dem Ausstieg aus dem Dogma, dass "etwas tun" nur im Sinne der Produktivität möglich ist. Und damit, sich Räume und auch Zeit zu schaffen, um den Blick und die Gedanken schweifen lassen zu können. Räume, in denen ökonomische Prinzipien nur einige von vielen sind und das "höher, schneller, weiter" der kapitalistischen Realität dem "was und wer ist um mich" weicht. Wir begleiten Odell auf Spaziergängen und Ausflügen in Stadt und Natur, in denen sie den Wert dessen deutlich macht, was sie im Hier und Jetzt leben nennt. Sie tut mit diesem Buch genau das, wovon sie uns auch erzählt: Sie leitet unsere Aufmerksamkeit nur wenig, überall bleibt genug Raum, um abzuschweifen, den zahlreichen Beispielen oder eigenen Gedanken nachzugehen, sie wahrzunehmen und für sich zu reflektieren. Was bedeutet: Kontext wiederzugewinnen. Widerstand zu leisten gegen die "neue Kontextlosigkeit" der sozialen Medien. Das verlangt geschärfte Aufmerksamkeit und "fordert uns dazu auf, uns von der Vorstellung separater Entitäten, eindimensionaler Entstehungsgeschichten und klarer Kausalitäten, in denen B aus A folgt, zu lösen. Es benötigt aber auch Demut und Offenheit, denn Kontext zu suchen heißt, sich bereits einzugestehen, dass man nicht die ganze Geschichte kennt." Und es braucht Zeit: "Kontext ist das, was zum Vorschein kommt, wenn man seine Aufmerksamkeit lange genug auf etwas richtet; je länger man sie aufrechterhält, desto mehr Kontext tritt zutage." Unter Verwendung eines Textes von Dhenya Schwarz (ds)
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Weibliche Unsichtbarkeit Paradigma der minderwertigen Frau

Marylène Patou-Mathis: Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann. Carl Hanser Verlag, München 2021, 288 Seiten, 24 Euro (D), ISBN 978-3-446-27100-5

Die Unsichtbarkeit von Frauen und der von ihnen geleisteten Arbeit ist ein Thema der Zeit. Es geht dabei um ein Wahrnehmungsmuster und um reale Diskriminierung. Weibliche Unsichtbarkeit ist das Thema des Buchs von Marylène Patou-Mathis. Die Ur- und Frühhistorikerin zerstört darin den hartnäckigen Mythos, dass sich das Leben der Frauen in früherer Zeit auf das eigene Heim konzentrierte, während die Männer für Schutz, Jagd und Krieg zuständig waren. Es sind zwei Aufgaben, derer sich Patou-Mathis annimmt. Zum einen zeigt sie, "dass die Interpretationen der archäologischen Funde über eineinhalb Jahrhunderte lang von einer Ideologie geprägt waren, die Frauen abwertete". Zum anderen rekonstruiert sie - in einer allgemeineren historischen Perspektive - die Paradigmen, die diese abwertende Ideologie entstehen ließen. Diese Re- und Dekonstruktion beruht auf einer exzellenten Quellenarbeit, die ein ungemein dichtes und historisch tiefes Bild weiblicher Diskriminierung entstehen lässt. Einer Diskriminierung, die systemisch ist, weil sie die Frauen insgesamt betrifft und nicht nur bestimmte Lebensbereiche wie Komposition oder Sport. Nach dem Bild, das sich in Bibeltexten, in Literatur und auch in wissenschaftlichen Werken kristallisiert, "waren Frauen körperlich schwach, psychisch instabil und intellektuell den Männern unterlegen sowie aufgrund geringerer Kreativität weniger in der Lage, Erfindungen zu tätigen". Schon von der Antike her galten Frauen als minderwertig, ja wurden als unvollkommener Mann betrachtet. Und in einer männlich dominierten Wissenschaft und Lehre wurde "diese unterstellte Minderwertigkeit der Frau … schließlich zu einer allgemein akzeptierten Vorstellung". Es ist das große Verdienst von Patou-Mathis, dies mit eindrücklichen Beispielen und Zitaten zu rekonstruieren. Dieses Bild der schwachen Frau bestimmte dann wiederum die Perspektive der prähistorischen Forschung seit ihren Anfängen vor eineinhalb Jahrhunderten. So nahmen die damaligen Historiker ganz selbstverständlich an, dass die Höhlenmalereien von Männern geschaffen wurden und Krieger männlichen Geschlechts waren. Erst jüngere Forschungen widerlegen dieses Bild, wie die Autorin eindrucksvoll beschreibt. "Neue Erkenntnisse zeigen …, dass die prähistorischen Frauen im Prozess der Menschwerdung genauso wichtig waren wie die Männer. Sie prägten Verhaltensweisen, die für die Evolution der Hominiden nötig waren", schreibt Patou-Mathis. Und noch etwas legt ihre Arbeit nahe: Dass die Abwertung und Diskriminierung der Frau historisch in demselben ideologischen Sumpf wurzelt wie der Rassismus: der Ablehnung alles anderen, Fremden durch eine kleine Schicht weißer Männer.
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FREI DAY Thank God it’s Frei Day

Margret Rasfeld: FREI DAY. Die Welt verändern lernen! Für eine Schule im Aufbruch. oekom Verlag, München 2021, 192 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-96238-294-0

Innovation vollzieht sich über Erfindung und Nachahmung, so die Erkenntnis des Sozialforschers Gabriel Tarde. Eine neue Idee (oder Erfindung) wird übernommen und dabei, vielleicht auch nur geringfügig, verändert und angepasst: So entstehen Ideenketten, deren Elemente sich aufeinander beziehen und einander variieren, ohne dass dieser Bezug offen zutage treten müsste. Es sind eher Muster, Ähnlichkeiten. Wie das aussehen kann, lässt sich aktuell an der neuen Idee der Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld studieren, dem Frei Day. Wer sich hier an Fridays for Future erinnert fühlt, liegt richtig, falsch liegt indes, wer das nur für eine Plattitüde hält. Fridays for Future, diese Bewegung, die ja maßgeblich von Schülerinnen und Schülern getragen wird, gab Rasfeld den entscheidenden Impuls für ihre Idee. Ihr wurde deutlich: Der Schulstreik ist in Wirklichkeit eine andere Form des Lernens, ein "lebensnahes Projektlernen" - und die Zeit, die sich die jungen Klimaaktivistinnen in Form des Klimastreiks nehmen, sollte ihnen eigentlich gegeben werden: als neues Lernformat in Form von freier Zeit für ein freies, selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen. Das ist die Idee des Frei Day, die wiederum an die 20-Prozent-Zeit bei Google erinnert. So wie Mitarbeitende dort ein Fünftel ihrer Arbeitszeit auf freie Projekte verwenden konnten, sollen Schulen vier Stunden pro Woche für ein Lernen in frei gewählten Zukunftsprojekten bereitstellen; jahrgangsübergreifend, in Lernteams und ohne Noten - stattdessen mit kompetenzorientiertem Feedback in Reflexionsgesprächen. Für Rasfeld ist das ein Anstoß zu einer weitgehenden Transformation des Bildungssystems: eine "sichere Brücke zwischen dem alten und dem neuen System, die alle betreten können", Schulleitung, Lehrpersonal, Eltern, Schülerinnen und Schüler. Frei Day ist eine soziale Innovation, die anschlussfähig ist und skalierbar. Das Ziel von Rasfelds Initiative: "Bis 2030 sollten alle Schulen in Deutschland einen Frei Day haben." Der müsse auch nicht unbedingt am Freitag stattfinden. Obwohl der in der Geschichte der Arbeit als letzter Arbeitstag der Woche mit einer gewissen Zwanglosigkeit verbunden ist - der kleidungsmäßig lässige Casual Friday zeigt dieses Muster ebenso wie der Spruch "Freitag nach eins macht jeder seins". Oder, gewendet und unvergessen: Thank God it’s Monday.
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København Stadt für die Menschen

Sandra Hofmeister (Hg.): København. Urbane Architektur und öffentliche Räume. Detail Verlag, München 2021, 298 Seiten, 52.90 Euro (D), ISBN 978-3-955535315

Als ehemaliger Industriestandort mit großen Hafenanlagen stand Kopenhagen - wie andere europäische Städte auch - vor der Herausforderung, die Transformation zum Dienstleistungszentrum baulich zu bewältigen und dabei ökologische Standards zu setzen. Die Stadtregierung von Kopenhagen hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Als erste Hauptstadt weltweit soll Kopenhagen, bekannt durch seine Fahrradfreundlichkeit, bis 2025 CO2-neutral werden. Wie das gelingen könnte und welche vorbildhaften Projekte bereits umgesetzt wurden, zeigt dieser von Sandra Hofmeister gestaltete Architekturband. Vorgestellt werden innovative Wohnanlagen, moderne U-Bahn-Stationen und Radstraßen ebenso wie zukunftsweisende Bildungs-, Sport- und Kulturbauten. Auffallend ist der große Wert, den die Stadt auf die Qualität öffentlicher Räume, etwa durch neue Platzgestaltungen und Treppenbauten - "Stufen als Treffpunkt" - sowie auf Freizeitanlagen legt. Ein äußerst inspirierendes, mit zahlreichen Farbbildern versehenes Werk, das eine Vorstellung davon vermittelt, wie eine Stadt der Zukunft aussehen kann, wenn eine vorausschauende und nicht allein an kommerziellen Verwertungsinteressen ausgerichtete Stadtplanung am Werk ist. Von Hans Holzinger
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Verteidigung des Menschen Die Einheit des Menschen

Thomas Fuchs: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 331 Seiten, 22 Euro (D), ISBN 978-3-518-29911-1

Thomas Fuchs hat es sich zum Ziel gesetzt, den Menschen zu verteidigen - genauer gesagt seine Subjektivität. Diese ist in der Allgegenwärtigkeit von Wissenschaft und Erklärbarkeit des Lebens außer Mode geraten. Er erteilt dem "szientistischen Weltbild" und dem Dualismus von Körper und Geist, welche unser Leben als lang gewachsene Narrative nachhaltig und in allen Lebensbereichen beeinflussen, eine Absage. Fuchs zeigt, wie diese Denkschemata entstanden sind und wie sie in der Digitalisierung, KI- und Neuroforschung sowie Virtualität ihren derzeitigen Höhepunkt finden. Und er stellt diesem Dualismus einen Entwurf des Menschen als Einheit aus Stoff und Geistigkeit gegenüber und rückt so auch den Tod und seine Unabwendbarkeit mit einer fast erleichternden Wirkung wieder ins Leben zurück: "Zweifellos stellt die Endlichkeit die größte Bürde der menschlichen Existenz dar. Sie ist aber, näher besehen, auch die Voraussetzung ihres Sinns, ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Würde." In einer Zeit, in der der Technikglaube allgegenwärtig ist und sich der Mensch teils darin verlieren muss, ist dieses Buch eine Wohltat. Wer sich durch die teils fordernden Analysen durchgekämpft hat, wird am Ende vielleicht ein wenig der Menschlichkeit in sich wiederentdeckt haben, die uns so unbestreitbar von Maschinen unterscheidet. Damit bestreitet er nicht die Wissenschaft, deren Erkenntnisse und Errungenschaften an sich. Er rückt diese vielmehr wieder ins Verhältnis zu uns und zeigt, wie sie dieser wiederentdeckten Menschlichkeit dienlich sein können - ohne sich dabei selbst zu Sklaven dieser zu erklären. Von Dhenya Schwarz
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Strengt euch an! Ohne Anstrengung keine Zukunft

Wolf Lotter: Strengt euch an!. Warum sich Leistung wieder lohnen muss. Ecowin Verlag, München/Salzburg 2021, 126 Seiten, 18 Euro (D), ISBN 978-3-711002839

Es sind gewaltige Aufgaben, die vor uns liegen. Es ist ja nicht nur die Klimakrise, die zu bewältigen ist, es geht auch um den zukunftsgerechten Umbau der Sozialsysteme, um ein neues Verhältnis von Arbeit und Leben, um die Neugestaltung von Organisationen, um die Transformation zur Wissensgesellschaft insgesamt. Wir leben in der Übergangszeit zwischen Industrie- und Wissensgesellschaft, sagt Wolf Lotter, und "sie transformiert auch den Leistungsbegriff". Leistung im Industriezeitalter war messbar, normiert, standardisiert und wurde anhand dieser Maßstäbe beurteilt. Heute aber werde intellektuelle Qualität zum Maßstab für Leistung, so Lotter. Etwas leisten bedeute heute, etwas zu erkennen. Und etwas daraus zu machen. "Leistung in der Wissensgesellschaft hat entscheidend mit originellen, unverwechselbaren Lösungen zu tun." Diese Transformation zu einem neuen Leistungsbegriff ist die erste Lektion, die dieses Buch bereithält. Die zweite betrifft den Zustand unserer Gesellschaft, die satt und müde geworden ist, bürokratisch und träge, ausgestattet mit einer Wirtschaft, in der Leistung mit Präsenz gleichgesetzt und die Zeit und Energie der Menschen in sinn- und nutzlosen Meetings verpulvert. Eine "bemühungslose Gesellschaft", in der man aufgehört hat, sich anzustrengen. Doch die gewaltigen Anstrengungen, die mit den Herausforderungen in der Transformation verbunden sind, dulden keinen Aufschub. Sie verlangen, so Lotter, nach einer neuen Leistungsgesellschaft. Die letztlich nicht im Appell an alle wurzelt, sondern in der Bereitschaft aller, sich anzustrengen. "Die Anstrengung ist eine Selbstverpflichtung", schreibt Lotter: "Strengt euch an!" Denn "wo keine Anstrengung ist, ist keine Zukunft".
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Sortiermaschinen Die Grenze als Ungleichheitsgenerator

Steffen Mau: Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert. C.H.Beck Verlag, München 2021, 189 Seiten, 14.95 Euro (D), ISBN 978-3-406-77570-3

In der euphorisierten Globalisierungsrhetorik der Jahrtausendwende galt es bereits als ausgemacht: Die Grenze ist ein Relikt vergangener Zeiten. Die Globalisierung schaffe nicht nur eine Welt frei fließender Waren- und Datenströme, sondern eine, in der das Recht auf Freizügigkeit endlich Realität wird. Heute entpuppt sich der Glaube, wir lebten im Zeitalter sich öffnender Schranken, erweiterter Mobilitätsmöglichkeiten und durchlässiger werdender Grenzen als Illusion, schreibt der Soziologe Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der durch seine Arbeiten über die Quantifizierung des Sozialen bekannt geworden ist. Er sagt: Es ist falsch, Globalisierung mit porösen oder gar verschwindenden Grenzen zu assoziieren oder gleichzusetzen. Sie sei viel mehr als komplexer in sich auch widersprüchlicher Prozess zu fassen, der Öffnung und Schließung gleichermaßen einschließt. Dabei haben sich die Grenzen gewandelt: "Die Grenze der Globalisierung ist zugleich eine Grenze, an der Ungleichheit erzeugt und auf Dauer gestellt wird." Die Grenze hat dabei ihre klassische Funktion der Sicherung von territorialer Souveränität und Kontrolle nicht verloren. Um diese Sicherungsfunktion herum aber "ist ein umfassendes und räumlich aufgefächertes Kontrollregime entstanden, das sowohl digital wie auch physisch Bewegungen von Menschen erfasst, beobachtet, kontrolliert, lenkt" und ihnen je nach Risikoklassifikation den Übertritt gestattet oder verweigert: "die Grenze als Sortiermaschine". Diese sei zugleich ein "Ungleichheitsgenerator": "Während die einen von der grenzenlos freizügigen Welt schwärmen dürfen, stehen die anderen vor verschlossenen Grenzen." Es entstehe "eine globale Hierarchie der Ungleichheit", beobachtet Mau. Brennend aktuell, siehe Belarus, Mittelmeer, Ärmelkanal.
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Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen Sich anpassen an weniger Konsum

J. B. MacKinnon: Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen. Wie ein Ende der Konsumkultur uns selbst und die Welt rettet. Penguin Verlag, München 2021, 480 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-328-60090-9

Ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn wir mit dem Shoppen aufhören würden? Einfach so, von heute auf morgen? Was passiert dann? Das ist die Ausgangsfrage des Buches des kanadischen Journalisten, Herausgebers und Buchautors J. B. MacKinnon. Die Antwort, die er gefunden hat, lautet: erstaunlich wenig. So wie in der Coronakrise die Wirtschaft nicht zusammengebrochen ist, würde auch ein dauerhaftes Ende des "Überkonsums" die Wirtschaft nicht zu Boden ringen. So MacKinnon. Gestützt auf seine Reportagereisen in unterschiedlichste Länder entwirft der Autor ein vielschichtiges und differenziertes Bild des Konsums und der Lust an ihm. Ihn interessiert, was passiert, wenn diese Lust brüchig wird, wenn Menschen sich anders orientieren, ihren Konsum zurückfahren und weniger verbrauchen, weniger reisen. Er fragt: Welche Folgen hätte ein geringerer Konsum für die Wirtschaft, die Arbeit, unser Leben und unser Denken? Wie passen sich Menschen an, wenn der Überkonsum zu Ende geht? Diese Fragen führen in ein Dilemma: "Wir müssen aufhören, einkaufen zu gehen, aber wir können nicht aufhören, einkaufen zu gehen: Im Dilemma des Konsumenten geht es letzten Endes um die Frage, ob das menschliche Leben auf der Erde Bestand haben kann." Weil wirksamer Klimaschutz ohne einen Wandel des Konsums nicht zu haben ist. Dieses Dilemma kann letztlich nur jeder Konsument für sich auflösen. Eine Antwort auf die Ausgangsfrage, was passiert, wenn wir mit dem Shoppen aufhören würden, gibt MacKinnon indes schon: Die globalen Konsumausgaben brechen schlagartig um 25 Prozent ein - und sinken damit auf das Niveau von vor einem Jahrzehnt. Und diese Anpassung des Konsums, sein Zurückfahren auf das Maß von vor ein paar Jahren, ist der eigentlich interessante Gedanke dieses Buches: Was wäre, wenn wir (in den reichen Ländern) unseren Konsum und unser Reiseverhalten einfach zurückdrehen würden? Wir würden dies wohl kaum merken. Im Laufe der Zeit verändere sich dann "die Art und Weise, wie wir Dinge erzeugen. Wir organisieren unser Leben rund um neue Prioritäten und entwickeln neue Geschäftsmodelle für eine globale Kultur, welche die Lust auf den Konsum verloren hat." MacKinnons Botschaft ist optimistisch: "Mit Einfallsreichtum können wir uns anpassen." Befreit vom Verzichtsdenken wird die Einschränkung des Konsums sozial anschlussfähig.
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Unser Haus steht längst in Flammen Umweltengagement in Afrika

Vanessa Nakate: Unser Haus steht längst in Flammen. Warum Afrikas Stimme in der Klimakrise gehört werden muss. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, 238 Seiten, 16 Euro (D), ISBN 978-3-499-00763-7

Vanessa Nakate zählt zu den Gesichtern der Fridays-for-Future-Bewegung in Afrika und weist eine steile Karriere als Klimaaktivistin auf. Sie war zu UN-Klimakonferenzen eingeladen, die Vereinten Nationen ernannten sie 2020 zu einer der Young Leaders, die an den Zielen für nachhaltige Entwicklung mitwirkten. Das Time-Magazin nahm sie 2021 in seine "Time100 Next"-Liste auf. In ihrem beeindruckenden Buch schildert Nakate ihr Hineinwachsen in das Klimaengagement, ihre Recherchen über die Zusammenhänge des wirtschaftlichen Raubbaus mit der Zerstörung von Lebensgrundlagen ihrer Landsleute, etwa durch die Abholzung des Kongo-Regenwaldes, sowie ihre teilweise ernüchternden Erfahrungen auf den internationalen Konferenzen. Man erfährt und staunt, wie viel Umweltengagement es in Afrika mittlerweile gibt - die zitierten Initiativen werden im Anhang abgedruckt - und wie sich die Klimaaktivistïnnen international über Social Media vernetzen. Ein Buch, das aber auch nahebringt, wie stark der Klimawandel die Lebensgrundlagen von Menschen in Afrika zerstört - und zwar bereits jetzt. Von Hans Holzinger
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Climate Action Guide Atmosphäre bis Zero Waste - Klimaschutz für Unternehmen

Ferry Heilemann: Climate Action Guide. Klimaschutz für Unternehmen. Konkret. Nachhaltig. Wirksam. Murmann Publishers, Hamburg 2021, 200 Seiten, 20 Euro (D), ISBN 978-3-86774-679-3

Das ist unmissverständlich: Wer das Buch aufschlägt und die erste Seite mit dem Innentitel umblättert, sieht sich mit einer grünen Doppelseite konfrontiert - links: "Klimaschutz für Unternehmen. Konkret. Nachhaltig. Wirksam." Und rechts ein großformatiger Abspielbutton, wie man ihn von den Videos kennt. Es geht also darum, zu beginnen, endlich anzufangen und ernst zu machen mit dem Klimaschutz. Geredet worden ist genug, jetzt geht es ums Handeln: Action! Das ist die glasklare Botschaft dieses Buches. Jedoch ist es kein blinder Aktionismus, den der Serial Entrepreneur und Klimaaktivist Ferry Heilemann predigt. Und auch kein Nachhaltigkeitswischiwaschi, wie man es aus den entsprechenden Konzernreports kennt. Heilemann setzt sich ein für ein neues Betriebssystem, das den überkommenen Finanzkapitalismus ablöst und die Interessen aller Menschen, des Planeten und der Wirtschaft in Einklang bringt: Impact Capitalism. Das Ziel: eine neue Art von Kapitalismus zu schaffen, der von einem sozialen Zweck durchdrungen ist. Heilemann plädiert auch nicht für Disruption oder Revolution, sondern für eine schnelle, zielgerichtete Transformation hin zu diesem neuen Modell. Nach einem sehr kompakt-informativen Einführungsteil geht es ran an die Climate Action, laut UN-Generalsekretär António Guterres "the barometer of leadership in today’s world". Für die Bereiche Energie, Mobilität, Ernährung, Finanzen, Büro, Rohstoffe, Logistik und Kompensation präsentiert der Autor ganz konkrete, einfache und nachvollziehbare Handlungsanweisungen, wie Unternehmen ihre klimaschädliche Wirkung reduzieren können. Von A wie Atmosphäre bis Z wie Zero Waste. Für Unternehmen das Ratgeberbuch der Stunde.
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