Von Genies und Sonderlingen

Schumpeters Reithosen - das neue Buch von Paul Strathern.

Von Petra Günzel

Wirtschaftstheorie gilt als dröge und zahlenlastig. Umso erstaunlicher, wie es Paul Strathern gelungen ist, die Geschichte der wichtigsten ökonomischen Theorien nicht nur akribisch, sondern auch augenzwinkernd freizulegen, sie - zu kleinen Schmuckstücken aufpoliert - in unterhaltsame, anekdotengespickte Kapitel zu packen.

Da wäre zum Beispiel die Geschichte von Luca Paciolo, einem italienischen Mönch, der vor seinem Eintritt in den Minoritenorden nicht nur Mathematik studierte, sondern auch im Handel tätig war. 1445 in den Bergen nahe Florenz geboren, lehrte er schließlich an einigen sehr bedeutenden Universitäten Italiens. Sein persönliches Steckenpferd waren komplexe mathematische Abhandlungen, die er mit einer ihm eigenen Prägnanz und Gründlichkeit zu Papier brachte. Während seiner Tätigkeit in Mailand lernte er die Vorzüge des WG-Lebens kennen und hatte mit seinem Mitbewohner nicht die schlechteste Wahl getroffen: kein Geringerer als das Universalgenie Leonardo da Vinci war es, der sich von dem profunden Wissen des kleinen, pausbäckigen Mönchs verblüffen ließ. Mit ihm diskutierte er nicht nur das geometrische Problem der Perspektive, sondern ließ sich auch in die Geheimnisse der Multiplikation und des Bruchrechnens einweihen. Für Pacioli nur "Peanuts", denn er erarbeitete unterdessen die Regeln und Vorschriften eines Verfahrens, womit sich der Gang der Geschäfte fortan mathematisch prüfen und kontrollieren ließ: die doppelte Buchführung, deren Verbreitung in ganz Europa vor und während der Frührenaissance als Geburt des Kapitalismus gilt.

Vom Sterberegister zur Statistik.


John Graunt hingegen verbrachte seine Zeit lieber damit, Angaben aus den Sterberegistern seiner Heimatstadt London abzuschreiben. Ursprünglich wollte der 1620 geborene Tuchhändler über Größe, Alter und Zusammensetzung seiner Kundschaft Aufschluss gewinnen, war allerdings bald davon fasziniert, die zusammengetragenen Fakten theoretisch zu ergründen und zu interpretieren. Damit wurde Graunt zum Vater der Statistik, die heute als wichtigstes Hilfsmittel der Wirtschaftswissenschaften gilt. Seine Methode veränderte die Wahrscheinlichkeitstheorie; sein 1662 erschienenes Werk Natürliche und politische Anmerckungen über die Todten-Zettel der Stadt London (Leipzig 1702) wird allgemein als die Grundlage der Demografie, der statistischen Beschreibung der Bevölkerungsentwicklung, gesehen.
Wer gedacht hat, dass zumindest die meisten berühmten Ökonomen seriöse Zeitgenossen gewesen sind, der wird bei der Lektüre so manches Mal die Augenbrauen hochziehen. Zum Beispiel, wenn Strathern über John Law berichtet, einen phänomenal erfolgreichen Schotten, der im Jahr 1720 als der reichste Mann der Welt galt. Er fristete sein Dasein nicht nur als Berufsspieler und Schürzenjäger, sondern war zudem ein geflohener Mörder. Ihm gelang es nichtsdestotrotz zum Vertrauten und Finanzberater des französischen Regenten Philippe, Herzog von Orléans, aufzusteigen. Im 18. Jahrhundert hielt das autokratische Frankreich noch immer an einer zentralistischen, größtenteils bäuerlichen Wirtschaft fest und benötigte dringend neue Ideen im Finanzbereich. Und so gründete Law im Mai 1716 die erste Bank Frankreichs, die Banque Royale, drei Jahre später besaß er die Kontrolle über die gesamten Staatsfinanzen, womit er die Geschicke des ganzen Landes in seiner Hand hatte. Ihm gelang in diesen schwierigen Zeiten die Geldschöpfung aus dem Nichts, nämlich die Einführung des Papiergeldes. Zugegeben, ein großes Experiment, denn schließlich nahm die Empörung über die Entwertung des Geldes erschreckende Ausmaße an und die Situation eskalierte in Form einer enormen Währungskrise und gestürmten Banken völlig. Law flüchtete vor den aufgebrachten Franzosen nach England, wo er als "Schotte, der Frankreich bankrott gemacht hat" nicht nur bestaunt und gefeiert, sondern natürlich auch begnadigt wurde.

Genies, Moralisten, Exzentriker.


Das alles sind nette Geschichten mit ihrem eigenen Reiz. Was aber Paul Strathern damit transportiert, ist viel mehr: Er zeigt vor allem, dass sich die Idee der Wirtschaftswissenschaft in großem Maße durch viele einzelne Akteure weiterentwickelt hat und auf diesem Wege auch immer weiterentwickeln wird. Darunter sind natürlich einerseits große Denker zu finden, andererseits aber auch eigensinnige Genies, Moralisten, Exzentriker und widersprüchliche Scharlatane. Auf teils verworrenen und wild verzweigten Pfaden werden Visionen und Utopien entworfen und wieder verworfen oder ganz neue, fortschrittliche Wege entdeckt. Und nur so scheint es voranzugehen.
Kleine Macken verzeiht man da gerne. Wussten Sie zum Beispiel, dass Adam Smith, der Gründervater der klassischen Ökonomie und ein Mann, der die komplizierte Funktionsweise des internationalen Handelns minutiös durchschaute, außerstande war, die allereinfachsten Abläufe im Griff zu behalten? Sogar sein Pferd wäre verhungert, wenn sich nicht ein Freund erbarmt und Futter besorgt hätte. Auch die Geschichte von Joseph Schumpeter, der als erster Analytiker unterschiedlicher Konjunkturzyklen bekannt wurde, erhält eine andere Dimension, wenn zu lesen ist, dass der brillanteste Wirtschaftstheoretiker seiner Zeit bei der Umsetzung seiner theoretischen Ansätze nicht nur als österreichischer Finanzminister, sondern auch als Präsident einer Wiener Privatbank kläglich scheiterte. Und so konzentrierte sich Schumpeter dann doch lieber auf seine Vorlesungen, die der Pferdenarr - ob in Graz, Bonn oder Harvard - übrigens stets im Reiterkostüm hielt.
Strathern präsentiert jedoch nicht nur Männer, die später berühmt geworden sind, sondern präsentiert auch eigenwillige Ideen, die sowohl durch Originalität als auch durch Praxisferne auffielen.

Gelungener Rundflug.


Viel Zeit bleibt nicht für all die illustren Namen, aber ihren Platz finden sie alle: ob Marx und Engels, John Maynard Keynes, George C. Marshall oder der düstere John von Neumann mit seiner Spieltheorie. Was am lebhaftesten in Erinnerung bleibt, sind all die schillernden Querdenker, die eingeschliffenes Gedankengut gegen den Strich bürsten und klassische Traditionen fantasievoll hinterfragen. Ein optimales Geschenkbuch für Manager, die ihr Wissen aufpolieren und sich dabei nicht langweilen wollen!

Paul Strathern:
Schumpeters Reithosen.
Die genialsten Wirtschaftstheorien und ihre verrückten Erfinder,

Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2003,
330 Seiten, 24.90 Euro,
ISBN 3-593-37293-2
www.campus.de

Petra Günzel ist freie Mitarbeiterin von changeX.

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: Schumpeters Reithosen.. Die genialsten Wirtschaftstheorien und ihre verrückten Erfinder.. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1900, 330 Seiten, ISBN 3-593-37293-2

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Petra Günzel

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