Arbeit ohne Grenzen
Die internationale Tagung "Arbeitsgestaltung in der Netzwerkökonomie: Flexible Arbeit - Virtuelle Arbeit - Entgrenzte Arbeit" in Berlin - ein Bericht von Peter M. Steiner.
 
"Was ist Arbeit? Ohne Zweifel ist sie Kampf gegen das Rauschen. Wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, häuft sich der Mist in den Ställen, frisst der Fuchs die Hühner, kommt die Reblaus übers Meer, um die Blätter der Rebstöcke auszutrocknen. Der Kanal füllt sich mit Schlamm. Bei Ebbe können Sie deutlich sehen, wie der Sand diesen Hafen zufüllt. Bald werden die Schiffe nicht mehr passieren können. Die Dinge vermischen sich; auch wenn Sie nicht umrühren und den Löffel stillhalten, löst der Zucker sich unvermeidlich im Wasser auf. Zuweilen kommen uns solche Mischungen gelegen; in der Regel sind sie jedoch Hemmnis oder Hindernis. Arbeiten heißt auslesen."
Aus: Michel Serres, Der Parasit. Frankfurt/M. 1981.
"Arbeiten ist auslesen" - meint der französische Philosoph Michel Serres in seinem Werk Der Parasit (von 1981). Wir bemerken seit einiger Zeit, dass eine "Auslese" der Arbeit stattfindet. Arbeiten, insbesondere einer lukrativen Erwerbsarbeit nachgehen, kann nicht mehr jeder. Wir schreiben diesen Vorgang einem globalisierten Wettbewerb zu, der unseren Traum von Vollbeschäftigung zerstört hat und den sozialen Frieden in Deutschland zu bedrohen scheint.
Dass die Globalisierung allerdings schon damit begann, dass vor 500 Jahren der Portugiese Vasco da Gama die Südspitze Afrikas umsegelte, wird selten bedacht. Natürlich hat die Globalisierung heute eine neue Qualität erreicht. Die Geschwindigkeit hat enorm zugenommen, sie hat fast alle Regionen der Welt erfasst und ist von ungeheurer ökonomischer Breite. Es finden aber auch kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen statt. So sind die Digitalisierung und die informationstechnische Revolution dabei, unser Leben umzugestalten, wie dies zuletzt vielleicht die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert vermochte. Damit einher geht die Flexibilisierung der Produktion und des Arbeitsmarktes. Gesellschaftlich erleben wir einen mächtigen Trend zur Individualisierung. Diese Gemengelage von Entwicklungen, nicht etwa die Globalisierung allein, machen dem bisherigen Sozialmodell in Europa zu schaffen - und in Deutschland ganz besonders.

Mehr Bildung. Mehr Eigenverantwortung.


Vor diesem Hintergrund haben vier Projekte des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten und von der Projektträgerabteilung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt gesteuerten Förderschwerpunktes "Innovative Arbeitsgestaltung" eine internationale Tagung unter dem Titel: "Arbeitsgestaltung in der Netzwerkökonomie" veranstaltet. Die Projekte untersuchen "neue Formen der virtuellen Organisation", "neue Formen der Erwerbsbiografien", "neue Formen des Lernens in virtualisierten Arbeitskontexten" und schließlich die "Zukunftsfähigkeit freiberuflicher Wissensarbeiter".
Gleich zu Beginn nahm der in der Sachverständigenkommission für die Bundesregierung für das Thema "Arbeit und Gesellschaft" wirkende Rolf Heinze (Uni Bochum) Stagnation und Zersplitterung des Arbeitsmarktes in Deutschland im internationalen Vergleich unter die Lupe. Er stellte fest, dass die Änderung des institutionalisierten Regelwerkes zur besseren Anpassung des Arbeitsmarktes in Deutschland bereits zu Beginn der 1990er Jahre verschlafen wurde. Es sind aufgrund mangelnder Öffnung, mangelnder Legalisierung und Absicherung Graubereiche der Dienstleistungsbeschäftigung entstanden, die mit dazu beitragen, dass das Schlagwort des "Prekariats" auch hierzulande traurige Berühmtheit erlangen konnte.
Wir würden, so Heinze, uns zu einer "Entscheidungsgesellschaft" hin entwickeln, weil tagtäglich neu zu treffende Entscheidungen ein alle Lebensbereiche durchdringendes Prinzip zu werden scheint. Um diese Situation erträglicher zu gestalten, sei vor allem mehr Bildung vonnöten. Neue Wertschöpfungsketten beruhten nämlich auf innovativer Technologie und einem starken Dienstleistungssektor, der in Deutschland gestärkt werden müsse.
Kontrastierend stellte der Unternehmensberater Bo Bäckström das schwedische Modell der Veränderung des Arbeitsmarktes in den 1990er Jahren vor - als Beispiel für Deutschland. Schweden sei erfolgreich durch die Stärkung der Eigenverantwortung und durch erfolgreiche Teambildung, die nicht nur dazu beigetragen habe, dass eine große Zahl neuer Berufe geschaffen, sondern auch die Ausbildung in der Breite verbessert worden sei.
Zum Thema "Wandel der Arbeits- und Beschäftigungsformen im globalisierten Wettbewerb" sprach Johan Peter Paludan. Und obwohl der Däne Direktor des "Copenhagen Institute for Futures Studies / CIFS" ist, stellte er von vornherein fest: "Wir können die Zukunft nicht vorhersagen - und glücklicherweise ist das so!" Dennoch nahm Paludan für die Zukunft der Arbeit vorweg, dass die Virtualität zwar zunehmen würde, aber die Bedeutung der unmittelbaren Begegnung nach wie vor sehr groß bleibe (Mobilität ist und bleibt wichtig!). Informelle Qualifikationen würden in der Kommunikation zwar eine große Rolle spielen. Was über den Computer beziehungsweise die Medien in der Regel kommuniziert würde, sei allerdings mit der Spitze eines Eisbergs zu vergleichen. Es spiele eine viel größere Rolle, was nicht wahrzunehmen sei. An Megatrends für die Zukunft machte Paludan aus: Individualisierung, Wohlstand von mehr Menschen als heute sowie die weiter zunehmende Beschleunigung aller Lebensverhältnisse. Das ziehe mehr Veränderung und lebenslanges Lernen nach sich. Die Zeit werde immer kompakter und Innovationen erhielten eine immer größere Bedeutung.
Der heute oft pejorativ gebräuchliche Ausdruck der "gebrochenen Biographie" werde in Zukunft ein falscher Ausdruck sein, denn die Einsicht überwiege, dass Veränderung notwendig ist! Der Trend zur Immaterialisierung beinhalte einen Trend zur antiautoritären Nutzung. Der Trend zum Verlust von Zeit beinhalte einen Rückgang der Freizeit und eine Zunahme der Arbeitszeit. Neue Formen der Arbeit liegen in der Virtualisierung, Dezentralisierung, Flexibilisierung und Autonomisierung. Doch ergibt sich daraus, dass die Gewinner und Verlierer deutlicher noch als gegenwärtig durch die Grenzscheide intelligenter, kreativer Nutzung der (bestehenden) Freiheiten gezogen würden. Die Gefahr dieser Trends liege darin, dass wir "always on" wären (24 Stunden an 7 Tagen der Woche) - mit dem Effekt zunehmenden Stresses, das heißt, zu "Zombies in Workplaces" würden. Dem könne man nur mit Kreativität entgegensteuern. Und dazu benötigen wir, so Paludan, Individualität, Bewegung gegen Passivität, Sinnesfreudigkeit (sensuality) und vor allem Innovationen. Die befördernden Möglichkeiten liegen dann in der Beendigung der Routinen, Belohnungen für Kreativität, einzigartigen Produkten und inspirierender Diversität!
Ulrike Hugl aus Innsbruck untersuchte die Möglichkeiten virtueller Personalentwicklung und die Vorteile, welche die Nutzer von einer solchen Entwicklung konkret haben könnten. Sie empfahl vor allem vertrauensbildende Maßnahmen, die eine offene Kommunikationspolitik aller Angebote, Auswertungen und vor allem den Schutz persönlicher Daten beträfe, forderte aber auch, was die Weiterentwicklung des Webs im wesentlichen auszumachen scheint, nämlich Plattform für ein Angebot auch privater Kommunikationsmöglichkeiten zu sein.
Josef Rützel von der Uni Darmstadt betonte schließlich die Selbstorganisation in der Kompetenzentwicklung von Selbständigen, die insbesondere in noch nicht organisierten Berufsgruppen tätig seien. Freiberufler und Netzwerke benötigen in besonderer Weise Rechtssicherheit, einen aufgeklärten Markt, neu zu schaffende Interessenvertretungen, gesetzliche Weiterbildungsangebote, eine informierte öffentliche Verwaltung sowie spezifische Formen sozialer Absicherungen, die es alle heute so noch nicht gibt.

Konkrete Umsetzung steht bevor.


Die Berliner Tagung zeigte, dass im internationalen Vergleich in Deutschland noch viele Potentiale nicht so genutzt werden, wie es möglich scheint. Die Forschungsergebnisse der Projekte AERVICO, NErVUM, VICO und Virkon sind allerdings bis an die Grenze zur Umsetzung in die Praxis herangekommen. Es stehen Möglichkeiten zur Weiterführung und zur Vermarktung an. Die Projekte sollen auftragsgemäß in konkrete Arbeit schaffende Maßnahmen, in "innovative Arbeitsgestaltung", übersetzt werden. Vielleicht können sie dann mit Michel Serres in dieser Arbeit nicht nur einen Ausleseprozess sehen, sondern auch die Hoffnung setzen: "Eine mechanische Arbeit: den Ansatzpunkt der Kraft verschieben; die Entropie senken. Eine informationelle Arbeit: die zwei Punkte unterscheiden können." Arbeit geht dann nämlich gegen die Entropie, gegen die (natürliche) Auflösung aller Systeme an. Und in der Unterscheidungsfähigkeit liegt schließlich unsere Kraft, die Ansatzpunkte für unsere Arbeit verschieben zu können und sie dadurch erfolgreicher, also gegen-entropisch, gestalten zu können.

Dr. Peter M. Steiner ist Geschäftsführer von WissensWandel.de und Vorstand der Global Lectures AG in München.

E-Mail:
steiner@global-lectures.de

Weitere Informationen zum Projekt VICO:
www.virtueller-coach.de

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