Die Copilotin
Patchwork-Karrieren - wie changeX-Leser leben und arbeiten.
Von Sascha Hellmann
Geradlinige Lebensläufe, das war einmal. In der individualisierten Gesellschaft von heute kann sich jeder den passenden Lebensentwurf selbst aussuchen. Brüche, Überraschungen und Durststrecken eingeschlossen. Das Leben ist ein Patchwork unterschiedlicher Phasen, riskant und abwechslungsreich. In den nächsten Monaten porträtieren wir ausgewählte changeX-Leser. Spannende Menschen mit schillernd unterschiedlichen Lebens- und Arbeitswelten. In einer Serie von journalistischen Kurzporträts. Neue Folge 15: Bettina Sturm in München. / 17.04.08
Bettina Sturm
Bettina Sturm:
"Arbeit ist spannend und sollte bereichernd sein."
Bettina Sturm ist 40 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihrem zweieinhalbjährigen Sohn in München. Die geborene Hürtherin macht nach dem Abitur eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. "Ich wollte die große weite Welt kennenlernen, viele Sprachen sprechen, mit Menschen in Kontakt sein - und das außerordentliche Erlebnis für den Kunden in den Mittelpunkt stellen." Die Berufswirklichkeit sieht jedoch etwas anders aus. Sie stellt die folgende Rechnung auf: "Okay, wenn ich wenig Geld verdienen und wenig Freunde haben will - dann ist das genau der richtige Job." Es ist eindeutig der falsche Job. Sie entschließt sich, BWL zu studieren. Die Zeit bis zum Studienbeginn verbringt sie in Frankreich. Paris nimmt sie in zwei Tagen: "Als ich ankam, hatte ich eine Unterkunft, aber keine Arbeit. Also habe ich mir meinen Lebenslauf unter den Arm geklemmt und mich in verschiedenen Hotels persönlich vorgestellt - nach zwei Tagen hatte ich einen guten Job in der Tasche." Sie versteht sich selbst als "Frau der Tat". Das anschließende Studium in Münster, Aachen und Maastricht läuft auch eher nebenher: "Ich habe viel gearbeitet, bin viel gereist und habe nebenbei meine Klausuren geschrieben."

Nicht berufstätig, aber nicht untätig.


Nach dem Studium sichtet sie ihre Interessen und Fertigkeiten. Der "Kundenzufriedenheits-Gedanke" lässt sie nicht los und sie beginnt bei einem Tochterunternehmen der Citibank im Bereich Service Quality. Nach anderthalb Jahren wird ihr klar, dass sie mehr mit Menschen zu tun haben, mehr am Ergebnis beteiligt sein möchte. Es war die Zeit der Personalberater, des Headhuntings. "Und dann bin ich Headhunter geworden - ein spannender Beruf." Aus den Angeboten entscheidet sie sich für ein internationales Unternehmen, das zu der Zeit 46 Büros weltweit hat. Sie arbeitet zweieinhalb Jahre in Frankfurt, verliert jedoch nicht ihre Vision aus den Augen: "Ich möchte noch mal ins Ausland." Gesagt, getan. Sie geht nach Toronto, Kanada. Zunächst macht sie Headhunting. Schon bald ist sie als interne Unternehmensberaterin tätig und leitet verschiedene Change-Management-Projekte. Rückblickend war für Bettina Sturm besonders interessant, die unterschiedlichen Mentalitäten im gleichen Business erfahren zu haben. Mit ihrem damaligen Lebenspartner, der als Deutscher in den USA lebt, fällt sie nach einem Jahr eine Entscheidung: "Okay, jetzt gehen wir zusammen zurück nach Deutschland - in eine Stadt und in eine Wohnung." Doch kurz bevor es so weit war, wird ihr klar, dass er "doch nicht der Mann fürs Leben" ist. Sie steht ohne Mann, ohne Job und ohne Wohnung in München. Die komplette Neuorientierung steht an. Die Wohnung findet sich nach einem Monat. Nach zwei Monaten hat sie einen Job als Human Resources Manager in einem IT-Beratungsunternehmen in der Tasche. Ein halbes Jahr später ist sie Personalleiterin.
Ein Jahr später bekommt ihr neuer Lebenspartner ein Angebot, nach Spanien zu gehen. "Und dann habe ich gekündigt und wir sind gemeinsam nach Spanien gegangen." Es beginnt eine für sie aufschlussreiche Zeit in einem Land, dessen Sprache sie nicht gut beherrscht. "Ich musste lernen, mich über mich selbst zu definieren und nicht über den Job. Eine sehr nachhaltige Erfahrung für mich." Berufstätig ist sie nicht, aber nicht untätig. Um sich selbst zu definieren, findet sie wieder andere Bereiche als den Beruf. Sie lebt ihre kreative Seite, fotografiert, malt und entdeckt das Mosaiken für sich. Als der Entsendungsvertrag ihres Mannes ausläuft, gehen sie zusammen nach Deutschland zurück. Sie bekommen einen Sohn.

Die Nachmittage gehören uns.


"Und im März 2006 ist 'dein copilot' abgehoben." Zielgruppe sind Fach- und Führungskräfte, die ihren beruflichen Erfolg und ihre nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung vorantreiben wollen. Typische Themen sind zum Beispiel: "Ich bin unzufrieden mit meiner momentanen Situation, weiß aber nicht, wie und wohin ich mich verändern soll." Oder: "Was hat sie oder er, das ich nicht habe?" - Thema Selbstmarketing. Sie nennt ihre Kunden Piloten. Denn ein Pilot muss Verantwortung übernehmen. Ihre Piloten sitzen am Steuer und müssen selbst sagen, wo es hingehen soll. Sie versteht sich als Copilotin. "Wenn die Kursabweichung zu groß ist, schreite ich ein." Sie stellt dann vor, was auf dem Flugplan angesagt wäre. Eines ist für sie jedoch klar: "Wenn der Pilot keine Eigenverantwortung übernimmt, dann wird das auch nichts." Leider erlebe sie auch das immer wieder. Sie rät ihren Piloten, lieber etwas auszuprobieren, als zu kapitulieren. Denn selbst wenn es nicht klappen sollte - "ist man dann einen ganzen Schritt weiter". Der Umgang mit unterschiedlichen Menschen fasziniert sie. Sie selbst sieht ihre Stärke in ihrer Authentizität, in der Verbindung von ihrer Persönlichkeit und Erfahrung. "Ich bin frisch und fröhlich, ermutigend und unterstützend, aber auch fordernd." Dass ihre Piloten dabei nicht die Bodenhaftung verlieren, ist ihr wichtig. "Ich sage nicht: Sie sind ja der tolle Überflieger!" Ihre Piloten sollen ihre Eigenschaften realistisch einschätzen und belegen können. Sie begleitet die Entwicklungsphasen ihrer Piloten mit Spannung. Es sei "einfach toll" zu sehen, wie sich dann eins zum anderen füge.
Den roten Faden der beruflichen Entwicklung sieht Bettina Sturm in ihrer "Eigenmotivation": Sich hinsetzen und überlegen, was man als Nächstes tun wolle, und es dann auch tun. Zwischen ihrer Arbeit und ihrem Privatleben sieht sie eine enge Verbindung. Zurzeit ist sie halbtags tätig: Während ihr Sohn in der Kinderkrippe ist, arbeitet sie. "Die Nachmittage gehören uns." Einen Teil ihrer Zufriedenheit holt sie sich bei ihrer beruflichen Tätigkeit. "Und diese Zufriedenheit strahlt dann auch auf die Familie aus."

Arbeiten, wo es gefällt.


Auf die Frage, was Arbeit ist und was Arbeit sein sollte, antwortet sie kurz und knapp: "Arbeit ist spannend und sollte bereichernd sein." Dass Arbeit spannend bleibt, dafür sorgt sie selbst - vor allem durch ihr Gespür für ungewöhnliche Arbeitsorte. Und verwandelt so das vermeintliche Handicap, kein eigenes Büro, keinen Besprechungsraum zu haben, in ein Alleinstellungsmerkmal: Für ihre Coachingsitzungen nutzt sie wahlweise einen kleinen Möbel-Designerladen, ein Goldschmiedeatelier, Cafés, ein Business Center - oder setzt sich mit ihren Klienten auch mal im Englischen Garten in München auf die grüne Wiese, mit Picknickkorb und Decke versteht sich. (*)
changeX ist ihr empfohlen worden. Die Leserportraits hat sie als Erstes gelesen, interessiert haben sie die Beweggründe der Menschen: "Warum macht irgendjemand irgendetwas, wie macht er das und kann ich mir davon eine Scheibe abschneiden, davon etwas lernen?" Sie liest gerne die Essays aus dem Ressort Arbeit & Leben und Buchbesprechungen. Gut findet sie, dass nicht "ausgelutschte Themen präsentiert werden, die schon zum 120. Mal ausgeschlachtet wurden". Sie hat das Gefühl, dass Querdenker dabei sind. "Das finde ich ganz erfrischend."
Als frisch erlebt sie sich auch selbst. Und steckt damit "ihre Piloten" an - das dröge gewordene Leben im Flug hinter sich zu lassen.

Sascha Hellmann ist freier Mitarbeiter bei changeX.

Foto: Jens Bruchhaus

(*) Mehr dazu lesen Sie in der Reportage Wo es euch gefällt im Rahmen der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt. >>

Kontakt:
Bettina Sturm
dein copilot - die andere karriereagentur
Georgenstraße 76
80799 München
Telefon: (0173) 8769334
E-Mail: sturm@deincopilot.de
Internet: www.deincopilot.de

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Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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