Aufrecht durchs Leben
Rohstoff Charakter. Warum Rückgrat entscheidend ist für Profit und Erfolg - das neue Buch von Klaus Norbert.
Von Sascha Hellmann
Charakter hat man oder hat man nicht. Falsch! Charakter bildet man - oder man lässt es bleiben. Letzteres ist leider in deutschen Managementetagen die Regel, kritisiert ein Autor. Er fordert: Mehr Charakter! Denn auf lange Sicht ist das der einzige Garant für Erfolg und Zufriedenheit. / 10.10.08
Norbert CoverEine Selbstverständlichkeit als Sensation: Willie Walsh, Geschäftsführer von British Airways, verzichtete in diesem Jahr auf seinen 700.000-Pfund-Bonus, weil sich unter seiner Verantwortung das Gepäckdesaster am Terminal fünf des Flughafens Heathrow ereignet hatte. Der Spitzenmanager fühlte sich der Prämie "nicht wert". Ein Fall von Charakter. Einer von wenigen, denn vielen Köpfen in den Managementetagen mangele es genau daran. Schreibt der Unternehmensberater und Wirtschaftsjournalist Klaus Norbert in seinem neuen Buch Rohstoff Charakter. Warum Rückgrat entscheidend ist für Profit und Erfolg. Darin begibt er sich auf die Suche nach dem - seltenen - Phänomen Charakter in Führungsebenen, nimmt verantwortungsloses Verhalten samt dessen desaströsen Spätfolgen für die Gesellschaft ins Visier und plädiert für eine alternative, durch Charakter geprägte Führung. Bemerkenswert ist die Verve, die der Autor mit sprachlichem Witz und Eleganz nicht nur dann zeigt, wenn es um Rücksichts- und Verantwortungslosigkeiten der bösen Buben geht, sondern auch bei seiner Vision einer umfassend und weitsichtig ausgerichteten Wirtschaftweise. Der Rohstoff zu dieser heißt Charakter. "Und doch ist Charakter wie das Betriebsprogramm auf dem Computer, ohne das die Festplatte kalt bleibt; Charakter ist nichts, was man von der Persönlichkeit trennen und ins Private abschieben könnte. Charakter hat nie frei."

Auch eine Geldfrage.


"Ich kann gut abschalten", zitiert Norbert den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der in der Revision des sogenannten Mannesmann-Prozesses mit symbolträchtig gespreiztem Mittel- und Zeigefinger abgelichtet wurde, gegen Einstellung des Verfahrens 3,2 Millionen Euro zahlen musste und der Öffentlichkeit mit "V wie 'Verdammt, die können uns alle mal'" in unguter Erinnerung geblieben ist - als Prototyp des arroganten Topmanagers. Allein 2007 bekam er geschätzte 14 Millionen Euro an Gehalt, Boni und Aktienoptionen - eine Summe, für die einer seiner normalen Angestellten 350 Jahre lang arbeiten müsste.
Für den Autor ist der Bezug exorbitanter Managergehälter schlichtweg charakterlos. Nicht nur weil zugleich Hunderttausende von Arbeitsplätzen abgebaut und langfristige Planungen kurzsichtigen Gewinnprognosen geopfert würden. Sondern auch weil immer mehr Wirtschaftsführer sich über geltendes Recht hinwegsetzten oder Rechtsverstöße wie Korruption (Siemens), Bespitzelung (Telekom, Lidl) und Subventionserschleichung (Nokia in Bochum) duldeten. "So weiden die Charakterlosen die Gesellschaft immer weiter aus, mit jeder weiteren Umsatzmilliarde, mit jedem ihr abgepressten Prozentpunkt Gewinnzuwachs. Sie vergehen sich an den Menschen von heute und mit den Folgen ihres Tuns sogar noch an deren Kindern, den Menschen von morgen." Der Grund: Verantwortungslose Topmanager brauchen nicht langfristig zu denken, kritisiert Norbert, bis zum nächsten Quartalsbericht reiche völlig aus. Wenn das Salär dann noch an das Geschäftsergebnis gekoppelt sei, brauche man nach menschenfreundlichen Entscheidungen nicht mehr zu fragen. "Charakter wird zur Nebensache."

Appell an jeden Einzelnen.


Dass eine Gesellschaft sich mit dem verengten Blick von Profitmaximierung nicht abzufinden bereit ist, sieht der Autor nicht als Utopie. Die Ära der 68er samt ihrer Wirkung in alle Lebensbereiche hinein, wertet er als Beleg dafür: "Mehr gesellschaftliche, kulturelle und politische Veränderungen auf einen Streich hat es im Westen der Welt nie gegeben." Zwar sei der Schwung zwischenzeitlich kleingeistigem "Geiz ist geil" und vorwurfsvollem "Du bist Deutschland" gewichen. Doch Norbert prognostiziert für die Zukunft einen "Sturmangriff der Individuen auf die Unfreiheit". Ein Wandel in Richtung gesellschaftlicher Verantwortung stehe auf allen Ebenen an, nicht nur auf der Führungsebene. Eine charaktervolle Wirtschaftsweise - von Geschäftsführung über Mitarbeiter und Kunden bis hin zum Staat - ist für Norbert kein Wunschtraum, sondern wünschenswerte Realität. "Das Streben nach Entfaltung des eigenen Charakters, um durch selbstbestimmte, mutige Existenz einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, und sei er noch so klein, muss nicht Individualisten oder Heiligen vorbehalten bleiben. Aufrecht durchs Leben gehen ist das größte Abenteuer des Individuums, ein gefährliches und nervenaufreibendes, ein erfüllendes und beglückendes: eine Herausforderung, der man sich stellen muss. Jeden Tag aufs Neue." Ausgehend von der Wirklichkeit ist auch Norberts Buch ein richtungsweisender Beitrag, eine Herausforderung und ein Appell an jeden Einzelnen. Ein Buch, das seine Botschaft nicht nur verkündet, sondern ist: ein Buch mit Charakter.

Sascha Hellmann ist freier Mitarbeiter bei changeX.

Klaus Norbert:
Rohstoff Charakter.
Warum Rückgrat entscheidend ist für Profit und Erfolg.

Verlag Redline Wirtschaft, München 2008,
276 Seiten, 24.90 Euro.
ISBN 978-3-636-01493-1
www.redline-verlag.de/artikel-RohstoffCharakter.html
www.redline-wirtschaft.de

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: Rohstoff Charakter. . Warum Rückgrat entscheidend ist für Profit und Erfolg. . Verlag Redline Wirtschaft, München 1900, 276 Seiten, ISBN 978-3-636-01493-1

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Sascha Hellmann
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Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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