Trau dich, mache Fehler!
Die 110%-Lüge. Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen. Das neue Buch von Simone Janson.
Von Florian Michl
Perfektionisten haben oftmals Angst: vor Kritik, vor Fehlern, vor dem Arbeitsplatzverlust. Mit Perfektionismus glauben sie, ihr Leben zu kontrollieren. Stimmt nicht, sagt eine Autorin. Denn Perfektionismus kostet Kraft, die im entscheidenden Moment woanders fehlt, macht defensiv, wo Innovationen gefragt sind, und verhindert Erfolg. Ihr Rat: Keine Angst vor Fehlern. / 14.04.09
Simone Janson CoverVerunsicherung weht durch die Büroetagen und deren Gänge. Mitarbeiter zittern um ihren Arbeitsplatz. Und das nicht erst seit der Finanz- und Wirtschaftskrise: Der Job ist mehr als Mittel zum Gelderwerb. Längst dient er auch der Selbstidentifikation. "Kein Wunder also, dass wir versuchen, im Job alles perfekt zu machen. Und einerlei, ob es sich um falsche Entscheidungen, misslungene Innovationen oder nur um Kleinigkeiten handelt - Fehler sind eines der letzten Tabus des Wirtschaftslebens." Schreibt die Fachjournalistin und Autorin Simone Janson in ihrem neuen Buch. Die Angst vor Fehlern und Kritik aber ist der Nährboden des Perfektionismus. Darum wälzen Perfektionisten endlos einen Gedanken hin und her, ändern zum x-ten Mal die Schriftart einer PowerPoint-Präsentation und rechnen wiederholt eine simple Addition von vorne - um nur ja keinen Fehler zu machen. Sie geben 110 Prozent, weil sie gelernt haben, "dass perfektionistisches Verhalten sie vor negativen Erfahrungen schützt und hilft, Schwierigkeiten zu vermeiden". Wie den Verlust des Arbeitsplatzes, eine Standpauke vom Chef oder das Eingeständnis, ein Verlierer zu sein. Nur: Das ist schrecklich ineffizient, kostet Zeit und Energie - und mitunter sogar den Karrieresprung, ist Janson überzeugt.

Kommunikation statt Körperkraft.


Die gute Nachricht aber ist: Perfektionismus ist ein Verhalten, das man sich angewöhnt hat - Perfektionisten können sich also auch wieder entwöhnen. Das jedoch ist nicht leicht. Denn die meisten perfektionistischen Verhaltensweisen sind im Berufsalltag positiv belegt und sogar erwünscht. "Züge wie Strebsamkeit, Ehrgeiz, Kampfgeist, Ordnungssinn oder Organisationsvermögen" zum Beispiel, sagt Janson. Wer diese besitzt, macht Karriere, heißt es. Warum also davon abkommen? Weil es eine Lüge ist, sagt Janson. Denn sobald Stress den Arbeitsalltag beherrscht, "schüttet der Körper nicht nur Stresshormone aus", sondern "beschleunigt auch die Atmung, durchblutet die Muskeln besser und setzt zusätzliche Energie aus den Zuckervorräten der Leber frei". Es sind Prozesse, die auf eine große Körperkraft zielen - wichtig in der Steinzeit, störend im Berufsalltag heute: "Denn heute ist, wer Erfolg haben will, weniger auf seine Körperkraft angewiesen als vielmehr auf seine kommunikativen Fähigkeiten und sein Vermögen, langfristige strategische Entscheidungen zu treffen."
Der "Stressmodus" verhindere aber genau das, so Janson. Wer nun glaubt, das sei ein Freibrief zum Faulenzen und Schlampigsein, der täuscht sich. Die Autorin bejaht durchaus Strebsamkeit, aber ohne stur an hohen Erwartungen festzuhalten oder sich gedanklich an unlösbaren Problemen festzubeißen. Auch Ordnungssinn bejaht sie, solange die Arbeitszeit nicht mit Pedanterie verschwendet wird, Zeit kostet und damit unnötigen Stress verursacht. Damit verortet sie die Lösung in einer differenzierten Sichtweise auf die Abläufe des Arbeitsalltags. Und benennt gleichzeitig das Problem perfektionistisch veranlagter Menschen: Sie denken in Schwarz-Weiß-Kategorien und folgen nur dem einen Grundsatz: alles oder nichts. Eine Vielfalt der Perspektiven ist ihnen fremd.

Habe Mut!


Derweil reiche es völlig, die eigene Messlatte ein paar Zentimeter tiefer zu legen, um mit weniger Aufwand dennoch weiterhin gute Leistung zu erzielen, sagt Janson. Gleichzeitig müsse es das Ziel sein, das Diktat des Null-Fehler-Dogmas abzuschütteln: Denn "wer der Vermeidungsstrategie folgt, vermeidet es auch, jene wichtigen Entscheidungen zu treffen, die für das persönliche Vorankommen, aber auch für die gesamte Wirtschaft wichtig sind", schreibt Janson. Zudem bleibe so Energie und Zeit, die nebenbei in die eigene Selbstdarstellung investiert werden könne, um der Karriere den entscheidenden Kick zu geben.
Trau dich, mach Fehler und steh dazu! Sei kritikfähig! Lass nicht die Angst vor Fehlern den Motor deiner Handlungen sein, sondern die Freude an der Arbeit! Das sind die Botschaften von Simone Janson an die Perfektionisten dieser Welt. Aber nicht nur an sie - an alle: Mit diesem Buch kommt wieder die Freude an der Arbeit zurück, weil es deren kreativen und produktiven Aspekt in den Mittelpunkt stellt.

Florian Michl ist freier Mitarbeiter bei changeX.

Simone Janson:
Die 110%-Lüge.
Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen.

Redline Wirtschaft, München 2009,
208 Seiten, 17.90 Euro.
ISBN 978-3-86881-027-1
www.redline-verlag.de/artikel-Die110-%25-Luege.html
www.redline-wirtschaft.de

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: Die 110%-Lüge. Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen. REDLINE WIRTSCHAFT, München 2009, 208 Seiten, ISBN 978-3-86881-027-1

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Autor

Florian Michl
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Florian Michl schreibt als freier Autor für changeX.

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