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Massive Attack

Neues Lernen: Die Zukunft der Bildung in der digitalen Welt
Essay: Nora S. Stampfl

Seit Jahrhunderten besteht das Geschäftsmodell von Hochschulen beinahe unverändert. Doch nun rüttelt die Digitalisierung an den Grundfesten des akademischen Selbstverständnisses. Massive Open Online Courses könnten sich als disruptive Innovation erweisen, die das System universitärer Bildung grundlegend umkrempelt. Weisen MOOCs den Weg in eine neue Bildungszukunft?

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Kaum eine Institution geht derart erfolgreich und gleichzeitig immun gegen jedweden Innovationsversuch ihrer Bestimmung nach wie die Universität. Während des gesamten letzten Jahrtausends verfolgten die höheren Bildungseinrichtungen recht beständig drei Funktionen: erstens die Schaffung, Erhaltung und Vermittlung von Wissen, zweitens die Herstellung einer Gemeinschaft aus Lehrenden und Lernenden sowie drittens die Zertifizierung von Bildungserfolgen. Indem Universitäten diesen Rollen gerecht wurden, haben sie sich nicht nur zum Rückgrat der Wissenschaftsgemeinde sowie zur ersten Anlaufstelle für Bildungshungrige entwickelt, sie sind ebenso ein wichtiger Treiber ökonomischen Wachstums. 

Dabei haben seit dem Entstehen der ersten Universitäten im elften Jahrhundert deren grundlegende Strukturen und Funktionsweisen selbst die radikalsten Umwälzungen überlebt, denen Gesellschaften durch technologische Neuerungen ausgesetzt waren: Weder die Erfindung der Druckerpresse und die industrielle Revolution noch Innovationen in der Kommunikationstechnologie - vom Telegrafen und Telefon über Radio und Fernsehen bis hin zum Internet - konnten der grundlegenden Art und Weise etwas anhaben, wie Hochschulen Wissen produzieren und verbreiten, wie sie Studenten lehren und beurteilen. In unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts bestehen die Methoden der Wissensvermittlung beinahe unverändert fort: Lehrende gelten als Quell von Informationen, die sie an Lernende weitergeben.  

Technologische Fortschritte, Internet, Computerrevolution, Digitalisierung und Big Data haben die verschiedensten Industrien wie etwa Reisen, Musik, Handel, Zeitungen und Verlage sowie viele andere informationsbasierte Geschäfte massiv revolutioniert. Zwar gab es immer schon Anläufe, Technologie in den Unterricht zu integrieren, doch haben die Ablösung von Kreidetafeln durch White- und Smartboards, von Schiefertafeln und Griffeln durch Tablets oder die Integration von Filmen, Videos und sonstigen Medien in den Unterricht nicht annähernd den Wesenskern der Wissensvermittlung berührt. Doch mit der immensen Popularität und rasanten Verbreitung von MOOCs (Massive Open Online Courses) brechen neue Zeiten an: Wir stehen am Rande einer gigantischen Transformation des Bereichs der höheren Bildung. Können jene kostenlosen, offen zugänglichen Online-Lehrveranstaltungen der Anstoß sein, das Geschäftsmodell der Hochschulen infrage zu stellen und einen Wandel einzuleiten?


MOOCs als disruptive Innovation


Harvard-Business-School-Professor Clayton M. Christensen, der Vater der Idee der disruptiven Innovation, meint: Ja, das Geschäftsmodell der Hochschulen steht vor einem Dammbruch, weil die wachsende Verfügbarkeit von Online-Lernen alle Merkmale einer disruptiven Innovation aufweist. (*) Diese bahnbrechenden Neuerungen zeichnen sich nach Christensen dadurch aus, dass kleine, erfindungsreiche Unternehmen in ein unteres Marktsegment einbrechen und letztendlich die alteingesessenen, dominierenden Unternehmen verdrängen. Auf den Bildungsbereich übertragen bedeutet dies: Weil Online-Lernen bequemere, einfacher zugängliche und kostengünstigere Wege zu Bildung einführt, brechen für die herkömmlichen Bildungsvermittler schwere Zeiten an.  

Das von Christensen entdeckte Muster disruptiver Innovationen hat zuvor schon in einer ganzen Reihe von Industrien für Verwerfungen gesorgt, sei es die Verdrängung der Segelschifffahrt durch den Dampfantrieb oder der Analog- durch die Digitalfotografie. Stets entstehen als Antwort auf die neuen Technologien zunächst hybride Modelle, weil sich die herkömmlichen Player den neuen Technologien zwar zuwenden, nicht aber bis zur letzten Konsequenz deren Logik folgen: Das Neue wird den existierenden Geschäftsmodellen schlicht "übergestülpt", ohne diese anzupassen.  

So wurden Segelschiffe zunächst mit Dampfmaschinen ausgerüstet, und die Analogfotografie blieb lange Zeit für professionelle Fotografen die erste Wahl. Mit der Verbesserung der jeweiligen Technologie zahlten die alteingesessenen Unternehmen dann den Preis für ihre Zögerlichkeit: Anfang 1900 waren Dampfschiffe so weit ausgereift, dass sie es über den Atlantik schafften, und zwar schneller als mit Wind. Ebenso erreichte die Digitalfotografie alsbald ein Niveau, das über Schnappschüsse hinausreichte und somit auch für Profifotografen immer interessanter wurde. Der Rest ist Geschichte: Der Segelschifffahrt kommt heute abseits von Freizeit- und Tourismusangeboten kaum noch Bedeutung zu, und Analogfotografie lebt lediglich in einer kleinen, von Liebhabern bevölkerten Nische fort.  

Zeichnen diese Entwicklungen das Schicksal der Universität, wie wir sie kennen, vor? Hochschulen bieten ihren Studenten zwar zunehmend Zugang zu Online-Lernformen, jedoch ohne die gängige Praxis auf den Prüfstand zu stellen. Allerdings, so geht Christensens Theorie weiter, werden sich Konsumenten früher oder später der Innovationen annehmen, schlicht weil sie Bedürfnisse besser erfüllen. Dies war der Fall in der Dampfschifffahrt ebenso wie in der Digitalfotografie: schneller und verlässlicher voranzukommen im ersten sowie billiger und einfacher zu fotografieren im zweiten Fall. Für Online-Lernen spricht, dass Bildung einer breiteren Masse zugänglich wird, Technologie stets den Lernenden in den Mittelpunkt stellt und Lernumgebungen und -erfahrungen je nach individuellen Bedürfnissen und Anforderungen der Lernenden individualisiert werden können. Nicht zuletzt ermöglichen sie es jedem Studenten, im eigenen Tempo den eigenen Lernpfad zu beschreiten.


Zwischen Anspruch und Wirklichkeit


Noch stecken MOOCs in ihren Kinderschuhen. Dass sie heute weit hinter den Möglichkeiten zurückbleiben und nicht einmal ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden, öffnet Kritikern Tür und Tor. Nicht nur stellen MOOCs heute selten mehr dar als "Videoaufzeichnungen aus der Konserve", auch sind die Abbrecherquoten enorm hoch, und ein erstaunlich geringer Anteil der Teilnehmer bemüht sich darum, irgendeine Form der formalen Anerkennung zu erhalten, den Kurs absolviert zu haben (Zertifikate, Badges, Credits et cetera). Dies gibt Anlass zu der Vermutung, dass MOOCs für viele Menschen eher Unterhaltung denn Bildung bedeuten.  

Doch Lernen hat heute die unterschiedlichsten Ausprägungen, und die Innovation der MOOCs beginnt gerade erst, Gestalt anzunehmen. Wenn dieses neueste Format des Online-Lernens heute entweder hochgejubelt oder in Grund und Boden verdammt wird, dann muss beiderlei Übertreibungen entgegengestellt werden: MOOCs sind keineswegs Allheilmittel für alle aktuellen Probleme der Bildungswelt, genauso wenig wie sie zwangsläufig zu einer "McDonaldisierung" des Hochschulwesens führen. Richtig ist: Solange sie lediglich darauf zielen, massenhaft Lernwillige zu erreichen, bleiben MOOCs Murks. Denn die technischen Möglichkeiten erlauben heute maßgefertigtes Lernen statt Bildung von der Stange.  

Zwar sind bereits viele Universitäten auf den MOOC-Zug aufgesprungen, indem sie ein Sammelsurium an Online-Kursen produzieren und diese öffentlich zugänglich machen. Doch um das gesamte Potenzial von MOOCs zu heben, braucht es mehr: Sie müssen durch Integration von Techniken zur Personalisierung des Lernens mehr sein als bloße Videoaufzeichnungen, sie müssen in Curricula integriert werden, auf das Studium angerechnet werden können und den Zugang zu Zertifikaten öffnen, die auch am Arbeitsmarkt von Wert sind. Nicht zuletzt müssen MOOCs auch Anlass sein, die herkömmlichen Lehrmethoden an unsere digitale, vernetzte Zeit anzupassen. Da kein Weg zurück ins analoge Zeitalter führt, zwingt die massenhafte Verbreitung von MOOCs dazu, die Art und Weise des herkömmlichen Lehrens zu überdenken. Gerade die Möglichkeit, durch MOOCs eine weite Bandbreite an Lehrmethoden in die Hochschulwelt einziehen zu lassen und damit vielfältigste Lernerfahrungen hervorzurufen, ist die große Stärke digitaler Bildung: Es könnten Offline- und Online-, lehrergeleiteter und selbst gesteuerter, One-on-one- und gemeinschaftlicher Unterricht nebeneinander stehen. Auch wenn die derzeitige Debatte rund um MOOCs den Anschein erwecken mag, es geht beim Einsatz von MOOCs eben nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch, weil MOOCs ihren größten Nutzen entfalten, wenn sie die Präsenzlehre sinnvoll ergänzen.  

In der digitalen Welt muss Lehrstoff nicht länger in Vorlesungen "vorgelesen" werden; MOOCs bieten einen Rahmen, in dem sich jeder Studierende Inhalte selbst gesteuert und effizient aneignen kann. Somit bilden sie ideale Voraussetzungen dafür, alternative Bildungsmodelle, wie etwa die Idee des "Flipped Classroom" umzusetzen und damit die Lehre aufzuwerten: Indem die traditionelle Lehrstruktur - zuerst Informationsvermittlung im gemeinsamen Unterricht, dann Vertiefung im Selbststudium - umgekehrt wird und dem Lernenden Bildungsinhalte via Video präsentiert werden, wird im Präsenzunterricht Raum geschaffen für die praxisnahe Anwendung neu erworbener Inhalte, für Diskussionen, für Übungen und für einen echten Austausch mit dem Professor.  

Bildung wird dort "industrialisiert", wo dies sinnvoll ist und keine Qualitätseinbußen nach sich zieht. Im Gegenzug schaffen MOOCs Freiräume für individuelle Betreuung. Professoren können Präsenzveranstaltungen dann nutzen, um Inhalte zu vertiefen und einzuüben, Fragen zu klären, weiterführende Themen zu diskutieren und in einen echten Dialog mit Studenten zu treten. Face-to-Face-Unterricht wird durch MOOCs also keineswegs verschwinden. Vielmehr geht es um eine gezielte Verzahnung von Elementen des Online-Lernens und des Präsenzunterrichts, um optimierte Lernerfahrungen zu schaffen. Eine Reihe von Studien legt nahe: "Blended Learning", also die Mischung aus Online- und Offline-Lernelementen, kann nicht nur zu höherer Zufriedenheit aufseiten der Lernenden, sondern sogar zu besseren Noten führen.


Neudefinition des Lernens


Weil die technologische Revolution das Geschäftsmodell des Bildungswesens infrage stellt, wird die Bildungswelt des 21. Jahrhunderts eine andere als die gewohnte sein. Werden MOOCs bei diesem Wandel so eingesetzt, um das Beste beider Welten zu vereinen, dann könnten sie die Speerspitze einer Bildungsrevolution sein. Wie könnte die künftige Bildungswelt aussehen? Zunächst lösen die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien Lehren und Lernen von exakt definierten Orten und Zeiten. Mit der Verlagerung von Bildungsprozessen in den virtuellen Raum entstehen eine nie gekannte Flexibilität sowie neue Wege, Bildungsaufgaben nachzukommen. Dass sich Lernende an einen bestimmten Lernort begeben, um eine bestimmte Spanne ihres Lebens dem Lernen zu widmen und einen Abschluss zu erwerben, bildet mit dem Aufkommen von Online-Lernen nicht länger den ausschließlichen Weg zu Bildung. Insbesondere MOOCs führen in eine Welt, in der Bildung für jedermann frei zugänglich ist. Ohne örtliche und zeitliche Beschränkungen sowie ohne jedwede Zugangsvoraussetzung und zumeist kostenlos hat man heute Zutritt zu globalen Leistungen, die herkömmlich von Hochschulen auf lokaler Basis für einen streng abgegrenzten Teilnehmerkreis produziert wurden.  

Weil Big Data in die Bildungswelt Einzug halten, wird es zudem möglich sein, der breiten Palette von unterschiedlichen Lernstilen, Wissensständen, Interessen und Motivationsgraden im Hörsaal besser Rechnung zu tragen. Die heutige "Fließband-Bildung" sieht kaum eine Möglichkeit vor, auf die diversen Anforderungen und Bedürfnisse von Lernenden einzugehen. Gerade MOOCs versprechen durch die Interpretation verschiedenster Daten über Lernende und deren Lernkontext, Lernfortschritte zu messen, zukünftige Leistungen vorauszuberechnen und potenzielle Probleme aufzudecken. Weil in der digitalen Lernumgebung von MOOCs prinzipiell jeder Mausklick aufgezeichnet und ausgewertet werden kann, können die Bedürfnisse der einzelnen Lernenden besser erkannt und individuelle Lernprozesse stärker unterstützt werden. Darüber hinaus bietet ein datengetriebenes Bildungsmodell nie geahnte Möglichkeiten, Lernprozesse zu untersuchen, und führt auf diese Weise zu einem besseren Verständnis des Meta-Lernens: Experimente, die ansonsten Jahre dauern würden - wenn sie denn überhaupt möglich wären -, können in digitalen Lernumgebungen innerhalb Minuten ausgeführt werden. Wie lange Lernende für Aufgaben benötigen oder sich mit bestimmten Inhalten befassen, wie häufig sie Passagen wiederholen und vieles mehr, geben beispielsweise darüber Aufschluss, wann Lernende bereit sind, mit dem nächsten Lernabschnitt fortzufahren, welche Abfolge von Themenblöcken sich für einen bestimmten Lernenden am effektivsten erweist, welche Bausteine einer Lernumgebung zu den höchsten Lernerfolgen führen oder welche Lehrmethoden besonders die Aufmerksamkeit fesseln. Je nach individuellem Lerntyp werden dem Lernenden Inhalte dann etwa entweder durch Text, Videoclip oder mittels spielebasierter Aufgaben nähergebracht. Genauso wie Netflix oder Amazon Kunden basierend auf deren persönlichen Präferenzen passende Filme oder Bücher vorschlagen, werden künftig digitale Lernplattformen jedem Lernenden jederzeit geeignete Lernerfahrungen erschaffen.


Lernen Peer-to-Peer


Zudem sind in unserer vernetzten Welt Lernumgebungen längst keine abgeschotteten Räume mehr. Denn das Internet öffnet Hörsäle und vernetzt sämtliche Lernenden untereinander sowie mit dem gesamten Wissen der Welt. Auch hierbei kommt MOOCs eine wichtige Rolle zu, denn sie weisen eine Vielzahl interaktiver Elemente auf, die die Zusammenarbeit von Lernenden über den gesamten Erdball hinweg erlauben und fördern. Zusammen mit der modernen Kultur des Teilens eröffnen sich gänzlich neue Wege des Peer-Learnings. Online-Umgebungen bilden die Infrastruktur des Peer-Learnings und setzen exakt das um, was der Kulturkritiker Ivan Illich bereits 1971 in seiner Schrift gegen die Institutionalisierung des Lernens (Deschooling Society, New York 1971) prophezeit hat: Lernende der Zukunft würden sich gegenseitig finden und mithilfe von Informationstechnologie "Learning Webs" und "Networks" formen. Dabei kann vernetztes Lernen heute die verschiedensten Gesichter haben: Vom bloßen Austausch von Inhalten bis hin zur Entstehung von globalen Universitäten, die nicht länger als Elfenbeintürme agieren, sondern sich als Teil eines globalen Netzwerks an der gemeinschaftlichen Wissensproduktion beteiligen - über Grenzen von Fachbereichen, Disziplinen und Institutionen hinweg.  

Es ist klar, dass in einer Welt des Lernens Peer-to-Peer dem Lernenden ein hohes Maß an Selbststeuerung abverlangt wird. Und weil Wissen vorrangig durch die Interaktionen der Peers generiert wird, setzt ein Rollenwandel von Lernenden und Lehrenden ein, und die strikte Aufgabenverteilung zwischen Lernenden und Lehrenden wird sich immer mehr auflösen. Denn je mehr Studierende Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen, desto stärker verändert sich auch die Aufgabe des Lehrens. Die Rolle von Lehrern wird sich wandeln von Themenexperten zu Coaches, die selbst organisiertes Lernen unterstützen. In ihrer Funktion als Lernbegleitung werden sie Lernende zur Kollaboration mit anderen anhalten, sie werden Lernende dabei unterstützen, individuelle "Mashups" des Lernens zu erstellen, die deren Vorkenntnisse, Lernstile und -ziele reflektieren, und sie werden sie zum kritischen Denken führen. Lehrende werden weniger Wissensvermittler sein als vielmehr Designer von Lernerfahrungen und -umgebungen, innerhalb derer sich Lernende den Lehrstoff selbst erarbeiten.  

Schließlich wird das uralte Monopol von Hochschulen, Bildungszertifikate zu vergeben, ins Wanken geraten. MOOCs haben ihr Quäntchen dazu bereits beigetragen; und weitere Organisationen werden folgen und neue Arten von Bildungsnachweisen auf neuen Wegen anbieten. MOOC-Plattformen existieren außerhalb des traditionellen Bildungssystems, und noch leitet sich der Wert ihrer Zertifikate - wenn es denn solche überhaupt gibt - einzig aus der Reputation der Organisation sowie der Transparenz des Verleihprozesses ab. Aber auch andere Initiativen, wie beispielsweise die Mozilla Foundation mit ihrem Projekt Open Badges, das jedermann erlaubt, Anerkennung für Lernerfolge zu sammeln und dies im Internet für jedermann sichtbar zu zeigen, weisen alternative Wege zum Hochschulabschluss.  

Mozillas Projekt, das jeder Einzelperson oder Organisation erlaubt, solch offene Lernauszeichnungen zu vergeben, trägt auch dem Umstand Rechnung, dass Lernen heute zu einem großen Teil außerhalb von Hörsälen stattfindet. Und viele Arbeitgeber mögen ein solches System künftig attraktiv finden, weil es sehr viel differenzierter als herkömmliche Abschlüsse ausdrückt, welche Fähigkeiten und Kenntnisse jemand erworben hat. Sobald namhafte Unternehmen damit beginnen, auf Basis solch alternativer Credit-Systeme Mitarbeiter einzustellen, könnten sie einen echten Durchbruch erreichen.


Anfang einer Bildungsrevolution


Der Zuschnitt dieser neuen Bildungswelt zeigt: MOOCs sind nur der Anfang einer viel weiter reichenden Bildungsrevolution. Digitalisierung und neue Technologien sind dabei sowohl Treiber als auch Vehikel eines Umschwungs im Bildungswesen, der im Kern in einem neuen Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden besteht.  

Dass MOOCs heute einzig unter technischen Gesichtspunkten, nämlich als neues Medium der Bildungsvermittlung betrachtet werden, führt in die Irre. Die Bildungswelt der Zukunft erfordert vielmehr, die Welt der Technologie mit all ihren neuen Möglichkeiten zusammenzubringen mit der Welt des Lernens, um effektivere Bildungsprozesse zu ermöglichen.  

(*) vgl. Christensen, Clayton M.; Horn, Michael B.; Johnson, Curtis W.: Disrupting Class. How Disruptive Innovation Will Change the Way the World Learns. New York 2008.


Zitate


"Kaum eine Institution geht derart erfolgreich und gleichzeitig immun gegen jedweden Innovationsversuch ihrer Bestimmung nach wie die Universität." Nora S. Stampfl: Massive Attack - Die Zukunft der Bildung in der digitalen Welt

"Die technischen Möglichkeiten erlauben heute maßgefertigtes Lernen statt Bildung von der Stange." Nora S. Stampfl: Massive Attack - Die Zukunft der Bildung in der digitalen Welt

"Je mehr Studierende Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen, desto stärker verändert sich auch die Aufgabe des Lehrens." Nora S. Stampfl: Massive Attack - Die Zukunft der Bildung in der digitalen Welt

"Lehrende werden weniger Wissensvermittler sein als vielmehr Designer von Lernerfahrungen und -umgebungen, innerhalb derer sich Lernende den Lehrstoff selbst erarbeiten." Nora S. Stampfl: Massive Attack - Die Zukunft der Bildung in der digitalen Welt

 

changeX 06.02.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Autorin

Nora S. Stampfl
Stampfl

Nora S. Stampfl studierte Wirtschaftswissenschaften in Österreich (Mag. rer. soc. oec.) und den USA (MBA). Sie arbeitet als Unternehmensberaterin und Zukunftsforscherin in Berlin. Den Arbeitsschwerpunkten strategische Unternehmensführung, gesellschaftlicher Wandel und Zukunftsfragen widmet sie sich auch als Autorin.

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