Direkt in Kontakt

Ideen für Geflüchtete 3: das Kleinanzeigenportal WelcomeNews
Text: Winfried Kretschmer

Die Aufnahme und Integration zahlreicher Geflüchteter erfordert neue Ideen, neue Lösungen und neue Wege. Kurz: soziale Innovationen. changeX hat begonnen, die besten Ideen zusammenzutragen. Folge 3: Die viersprachige digitale Kleinanzeigenplattform WelcomeNews ermöglicht Flüchtlingen und Helfern, direkt miteinander in Kontakt zu treten.

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Das Problem: "Es gibt ganz viele Flüchtlinge, die Hilfe brauchen; und ganz viele Einheimische, die helfen wollen. Doch die Aktiven der Flüchtlingshilfe schaffen es schon kapazitätsmäßig nicht, diese Kontakte zu vermitteln." So beschreibt Reinhard Wiesemann vom Unperfekthaus, einem multifunktionalen Kunst- und Begegnungszentrum in Essen, das Problem. Überlastung verhindert Vernetzung. Abhilfe schaffen soll eine Idee, die ein altes Medium für die Kontaktaufnahme zwischen Helfern und Flüchtlingen nutzt: die Kleinanzeige.  


Die Idee: Eine viersprachige digitale Kleinanzeigenplattform ermöglicht Flüchtlingen und einheimischen Unterstützern, direkt miteinander in Kontakt zu treten. Jeder kann auf WelcomeNews eine Anzeige einstellen, die von freiwilligen Übersetzern dann in die jeweils anderen Sprachen übersetzt wird. Die Plattform erscheint in Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch. Keine drei Wochen nach dem Start ist klar: WelcomeNews wird auch für andere Städte aufgesetzt. Die Expansion läuft bereits.  


Konzept und Umsetzung: "Kleinanzeigen sind ein auf der ganzen Welt bekanntes Medium, bei dem man nichts mehr erklären muss", sagen die Initiatoren. Und: "Flüchtlinge haben alle Smartphones." Das Smartphone ist zum unentbehrlichen Fluchthelfer geworden, ermöglicht, den Kontakt in die Heimat zu halten, und kann auch die Integration im Ankunftsland erleichtern, als digitaler Übersetzer, als Tool zum Sprachenlernen oder eben als Kommunikationsmedium.  

So entstand Mitte September am Unperfekthaus die Idee, ein mehrsprachiges digitales Kleinanzeigenforum einzurichten, auf dem Einheimische (in Deutsch) und Flüchtlinge (in Arabisch, Englisch oder Französisch) Kleinanzeigen platzieren können, die dann von Übersetzern kurzfristig in die jeweils anderen Sprachen übersetzt werden. Dreieinhalb Wochen später ging die Plattform online. Jeder kann dort einfach (ohne einen Log-in anlegen zu müssen) auf eine Anzeige antworten und mit dem Inserenten in Kontakt treten - ganz einfach über ein E-Mail-Formular auf der Anzeigenseite. Wiederum zwei Wochen später waren bereits mehr als 100 Annoncen geschaltet und viele davon mit positivem Resultat erledigt, wie die Betreiber melden.  

"Das Format ist unglaublich universell", sagen Stephan Lampel, Melanie Berg und Heiko Salmon, die das System konzipiert und programmiert haben. Von der Suche nach Winterkleidung über eine Einladung für zwei Flüchtlinge zum Adventskaffee bis hin zur Mitfahrgelegenheit zum Deutschkurs reichen die Themen der geschalteten Inserate. In unserem Beispiel (siehe Screenshot) bittet Anne um "Spenden für meinen Deutschunterricht", den sie ehrenamtlich für Flüchtlinge anbietet. Gesucht sind Karteikarten, Hefte, Stifte und allgemeiner Bürobedarf. Ein Nebeneffekt: Indem das Inserat auch in arabischer Sprache erscheint, kann es Flüchtlingen eine nicht ganz unwichtige Botschaft vermitteln: Wie Flüchtlingshilfe funktioniert: selbst organisiert und ehrenamtlich.  


Potenzial und Perspektiven: Das System ermöglicht die direkte Interaktion zwischen Helfern und Flüchtlingen. Peer-to-Peer, übers Internet. Das entlastet Helfer und überwindet Barrieren. So wird freiwilligen Helfern vielfach von den Sicherheitsdiensten der Zugang zu Flüchtlingsheimen verwehrt. "Unser internetbasiertes System macht es möglich, die Zäune zu überwinden, die um Flüchtlingsunterkünfte gezogen werden", sagt Stephan Lampel von dem Initiatorentrio.  

Der entscheidende Punkt aber ist: Als digitales System ist WelcomeNews beliebig skalierbar und kann auch für andere Städte aufgesetzt werden. Die Zahl der Städte, die Interesse angemeldet haben, wächst. Deshalb wurde eine Entscheidung notwendig, wie es weitergehen soll, nicht zuletzt, weil die drei Initiatoren, die in einer Bürogemeinschaft zusammenarbeiten, seit Wochen kaum noch zu ihrem Tagesgeschäft kommen. Sie haben sich nun für eine Expansion entschieden. "Wir wollen in die Breite gehen. Alle sollen von dem System profitieren können", sagt Stephan Lampel. 75 Euro im Monat soll eine Nutzungslizenz für eine Stadt kosten. Die Übersetzungen werden dabei nach dem Crowd-Prinzip angefertigt; jeder kann sich daran beteiligen. Die Initiatoren hoffen, dass die Flüchtlingshilfen aus neu teilnehmenden Städten die Übersetzungen für ihre Kommune selbst organisieren, bieten aber auch einen Übersetzungsservice als Dienstleistung an. Lampel denkt dabei schon weiter. "Wir wollen auch Arbeitsplätze schaffen, gerade auch für Flüchtlinge", sagt er. Kann gut sein, dass sich die WelcomeNews einmal in diese Richtung entwickeln: zur Jobbörse für Flüchtlinge.  

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changeX 29.10.2015. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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