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Eine Aufwertung technischer Bildung bietet eine Perspektive für die Hauptschulen - ein Interview mit Willi Fuchs
Text: Winfried Kretschmer

Ein Ingenieur kritisiert: In Deutschland mangelt es an technischer Bildung. Und deswegen bleiben Potenziale junger Menschen unentdeckt: jener, die vielleicht nicht so eloquent sind. Aber geschickt beim Schrauben, Nageln, Sägen, Fräsen. Sie nicht hängen zu lassen ist ein zentraler Bildungsauftrag. Und vielleicht entsteht dabei eine neue Perspektive für die als Restschule diffamierte Hauptschule: als praktisch-technisch orientierte Bildungseinrichtung.

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Es mangelt an technischer Bildung in Deutschland. Kritisiert VDI-Direktor Willi Fuchs. Und fordert eine neue Perspektive für die Hauptschulen. 

Willi Fuchs ist nach Lehrtätigkeit in den USA und verschiedenen Führungspositionen in der Industrie Direktor des VDI Verein Deutscher Ingenieure und Herausgeber der VDI Nachrichten.
 

Herr Fuchs, Sie kritisieren, dass viele Menschen sich zu wenig Gedanken machen, wie der Strom in die Steckdose kommt. Braucht es mehr technische Bildung? 

Deutschland ist ein technologisch und technisch geprägtes Land, aber wir vermitteln keine technische Bildung. Es ist versäumt worden, ein solides technisches Basiswissen aufzubauen. Wir müssen aber die Menschen so qualifizieren, dass sie als mündige Bürger Technik bewerten können. Wir müssen unsere Stärken ausbauen, um weiter erfolgreich zu sein!
 

Sollen nun alle Ingenieure werden? 

Nein, das heißt nicht, dass alle Menschen Ingenieure werden sollten - aber wie sollen Juristen, Betriebswirte, Volkswirte Unternehmen führen oder weitreichende Entscheidungen treffen, die ein ganzes Land technologisch beeinflussen, wenn sie überhaupt kein Verständnis für technische Vorgänge haben?
 

Vor ziemlich genau einem Jahr hat ein prominenter Autor gefordert, jeder solle studieren. Stimmen Sie zu? 

Nicht alle müssen studieren, sondern wir brauchen eine Bildungsstrategie, die die Menschen so qualifiziert, wie wir sie für unser Land brauchen. Als Technologiestandort und Produktionsstandort brauchen wir ein exzellentes Ausbildungssystem, das auf zwei Beinen steht: einmal die berufliche Ausbildung, also ganz klassisch Lehre, Geselle, Meister. Die duale Ausbildung ist das Fundament, das unsere Unternehmen brauchen, um effiziente Produktionsstätten aufzubauen. Das zweite: Um Innovationen kreieren zu können, brauchen sie eine starke akademische Ausbildung in den Ingenieurwissenschaften. Wir brauchen also beides!
Die Frage ist auch: Will ein Unternehmen ausreichend Facharbeiter qualifizieren, was nutzt es ihm, wenn es einen Abiturienten zum Mechatroniker ausbildet, der nach der Ausbildung dann studieren geht? Der ist als Facharbeiter verloren.
 

Sie überraschen mit der Forderung nach einer Aufwertung der Hauptschule. Unternehmen bemängeln aber, dass die Hauptschüler den Anforderungen nicht genügen, die sie an Auszubildende stellen. Wie bringt man das zusammen? 

Es gibt zwei Hauptkritikpunkte der Unternehmen: einmal, dass die jungen Menschen in ihrem Verhalten auffällig sind; dass sie nicht konzentriert und nicht zuverlässig sind. Das ist aber nicht das Versäumnis der Schulen, sondern hier ist ganz klar das Elternhaus gefragt.
Der zweite große Kritikpunkt der Unternehmen lautet, dass die schulischen Leistungen im Rechnen, Schreiben, Lesen defizitär sind. Da aber frage ich mich: Wenn uns das bewusst ist, warum unternehmen wir da nichts? Warum fragt man nicht: "Was braucht es für Kenntnisse im Rechnen, Schreiben, Lesen?", und arbeitet das in die Lehrpläne ein? Erforderlich ist hier ein Gleichschritt von Schulen und Wirtschaft. Aber nur zu sagen, mit denen können wir nichts anfangen, das bringt nichts!
 

Also keinen hängen lassen? 

Wenn wir die jungen Menschen nicht in die Arbeitsprozesse integrieren, dann werden sie in die sozialen Abhängigkeiten geraten. Und wer soll das finanzieren? Das geht nicht.
Es ist mir auch menschlich zuwider, dass man mit der Aussage, Hauptschulabsolventen könne man nicht brauchen, 160.000 junge Menschen quasi als nicht qualifiziert abstempelt. Das ist ein Skandal!
 

Sprich die Hauptschule aufwerten? 

Ganz genau. Es gibt mehrere Beispielschulen. Ich habe in meinem Buch eine herausgegriffen, die Werner-von-Siemens-Schule in Bochum, die auf eigene Initiative einen Werkbereich integriert hat, wo die Schüler ab der achten Klasse parallel zum Theorieunterricht einen Werkunterricht durchlaufen. Es gibt dort einen Werkbereich für Metallberufe, einen für Holz, einen für Maler und künstlerische Gestaltung und einen für Gartengestaltung. Das Ergebnis: Von zehn Absolventen schließen neun erfolgreich eine Ausbildung ab. Im Mittel sind das fünf von zehn in Deutschland.
Das heißt: Wenn man die Hauptschule so gestaltet, dass sie praktisch zur beruflichen Ausbildung hinführt, dann bringt sie auch erfolgreiche junge Menschen hervor. Ein Beispiel: Vor gut dreieinhalb Jahren hat ein Hauptschüler der Werner-von-Siemens-Schule eine Ausbildung bei einem großen Automobilhersteller angetreten und hat als Zweitbester in seinem Jahrgang abgeschnitten - und der Junge war am Anfang seiner Hauptschulzeit stark verhaltensauffällig. Es geht also. Nur wir müssen es tun! Da möchte ich aufrütteln.
 

Hierin liegt eine Chance für diesen als Restschule diffamierten Schultyp? 

Absolut. Ich arbeite ehrenamtlich im sportlichen Bereich viel mit Jugendlichen - meine persönliche Erfahrung ist die: Ein in der Theorie lernschwacher Schüler, der jeden Tag gesagt bekommt, du bist schlecht, ist am Ende auch schlecht. Denn er hat kein Erfolgserlebnis. Durch eine praktische Tätigkeit könnten sich viele dieser jungen Menschen aber ein Erfolgserlebnis erarbeiten, weil sie dort geschickt sind. Und das strahlt dann wieder auf die Leistungen im theoretischen Bereich aus. Sicher werden das keine Einser-Kandidaten, aber es werden auch keine verlorenen Kinder. Die schaffen es und können eine Berufsausbildung erfolgreich abschließen.
 

Wie erreicht man das? Wo gilt es anzusetzen? Sie kritisieren die Klassenstärken. 

Die Klassenstärken sind über die Jahre konstant geblieben, ebenso die Anzahl der Lehrer, die vielleicht sogar rückläufig ist. Verändert aber hat sich, dass die Verhaltensauffälligkeiten drastisch angestiegen sind. Früher gab es vielleicht zwei verhaltensauffällige Schüler in der Klasse; da wurde einer vorne links hingesetzt, der andere hinten rechts. Damit konnten die zwei keinen Unsinn anstellen und zogen mit. Aber wenn 50 Prozent der Klasse verhaltensauffällig sind, was wollen Sie dann machen?
Von daher sage ich: Klassenstärken reduzieren! Dann kann ein Lehrer allein wieder damit fertigwerden. Oder man fährt das Modell wie in Finnland, wo sich pro Schule ein Sozialpädagoge und ein Psychologe um diese Kinder kümmern und die Lehrer unterstützen. Aber wenn man mit Politikern darüber spricht, kriegt man sofort zur Antwort: "Aber wer bezahlt das?" Doch wenn es uns nicht gelingt, das zu realisieren, dann haben wir in 20 bis 25 Jahren ganz andere Probleme in unserem Land!
 

Das heißt, entschiedene Investition in Bildung? 

Absolut. Und zwar nicht als Lippenbekenntnis. Und nicht als Gebäudesanierung, sondern als Investition in eine Bildungsstrategie, die für Lehrer, für Eltern und für Schüler Orientierung schafft! Natürlich müssen die Schulgebäude in Ordnung sein! Ich bin der Überzeugung: An einer verlässlichen Bildungsstrategie wird sich auch die Wirtschaft beteiligen.
 

Thema Fachkräftemangel: Sie kritisieren, dass viele Migranten eine auf unsere Qualifikationsanforderungen passende Ausbildung haben - nur fahren sie Taxi, weil ihr Abschluss nicht anerkannt wird. Was schlagen Sie vor? 

Wir sollten die Anerkennung der Ausbildungen ausländischer Mitbürger vereinfachen und damit beschleunigen. In anderen Ländern werden auch gute Ingenieure ausgebildet, vielleicht ein wenig anders, aber im Grunde äquivalent. Und diese Äquivalenz kann man auch bescheinigen, und diese Menschen können sich in ihrem Beruf bewähren.
Wir haben Fachkräftemangel, besonders in kleinen und mittleren Unternehmen. Da ist es nicht nachvollziehbar, bürokratische Hürden aufzubauen, statt diese Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren.
 

Wir müssen verstärkt Fachkräfte aus dem Ausland rekrutieren? 

Ja, nur wachsen die auch da nicht auf den Bäumen. Andere Länder haben auch Probleme; englische Unternehmen rekrutieren seit Jahren polnische Ingenieure nach England; heute rekrutieren polnische Unternehmen deutsche und europäische Ingenieure nach Polen. In Europa gibt es kein Land, das eine Schwemme an Ingenieuren oder an Fachkräften hätte. Im Gegenteil. Unsere hoch qualifizierten Leute werden weltweit abgeworben. Fertige Leute zu bekommen ist sehr, sehr schwierig.
Deshalb ist es notwendig, junge Leute in unser Land zu holen und mit unseren hervorragenden Ausbildungssystemen zu punkten. Dank Bologna-Prozess sind wir heute kompatibel zu über 80 Prozent der Ausbildungssysteme in der Welt. Bis dahin war unser System nicht kompatibel. Während in Amerika zum Beispiel Leute mit Bachelor-Abschluss im Master-Studiengang weiterstudieren konnten, wurden bei uns vielleicht ein, zwei Semester anerkannt. Wenn es uns gelingt, junge Leute hierher zu holen und ihnen - was Amerika im Übrigen macht - von vornherein die Perspektive zu geben, dass sie hier auch arbeiten können, dann können wir sicherlich einen Teil des Fachkräftemangels kompensieren. Aber die Hauptstärke muss aus uns selber kommen: Wir müssen unsere jungen Leute fördern und sie nach vorne bringen!
 


changeX 16.05.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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