Kategorischer Imperativ: handeln

Warum der Klimawandel in erster Linie eine moralische Frage ist - ein Interview mit Christine Heybl
Interview: Winfried Kretschmer

Mal angenommen, wir könnten uns mit Immanuel Kant zu einer Tasse Tee verabreden. Was hätte der wohl zum Thema Klimawandel zu sagen? Einiges, meint eine junge Philosophin. Und dekliniert das Thema Klimagerechtigkeit in kantscher Perspektive durch. Das zeigt nicht nur, wie zeitgemäß - respektive zeitlos - Kants Philosophie ist. Sondern auch, dass der Klimawandel in erster Linie ein moralisches Problem ist: weil er die gerechte Verteilung von Chancen zwischen Menschen betrifft. Und damit jede(n).

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Es ist unsere moralische Verpflichtung, den Klimawandel einzudämmen. Sagt Christine Heybl. 

Christine Heybl, geboren 1981, studierte Philosophie, Biologie und Ethnologie in Berlin und Potsdam. Sie beschäftigte sich eingehend mit der Philosophie Immanuel Kants und promovierte über Klimagerechtigkeit. In ihrem Buch Kant und das Klima nimmt sie uns in die Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft.
 

Frau Heybl, was sagt uns Kants Philosophie heute? Bezogen auf den Klimawandel und ganz allgemein? 

Kants Philosophie kann zu jeder Zeit angewandt werden und ist (meiner Meinung nach) die klügste Moralphilosophie, die es je gab - da es sich um ein Verfahren handelt, mit dem wir Moral und Recht begründen. Es geht darum, dass jeder Mensch Zugang hat zu den Gesetzen der Moral, indem er sich immer wieder darin schult, vernünftig zu denken. Es gibt damit keine immerwährenden, feststehenden Moralgesetze. Wir können und müssen uns zu jeder Zeit in unserem Leben und in der gesamten Geschichte immer wieder überlegen, was richtig ist. 

Daher stellt uns jede neue geschichtliche Herausforderung vor diese Aufgabe, das Verfahren der vernünftigen Gesetzgebung - oder auch Selbstgesetzgebung - anzuwenden. Selbstgesetzgebung auch daher, weil die Gesetze in jedem Gesellschaftssystem zwar nicht von allen Mitgliedern gegeben werden können, aber so festgelegt sein sollten, als hätten sie von allen gemeinschaftlich getroffen werden können. Jedes Mitglied muss anhand seiner eigenen Vernunftbegabung den vernünftigen Gesetzen zugestimmt haben können. 

Auch diese kantianische Antwort hört sich utopisch an. Da Kant jedoch vor Augen hat, dass wir nicht nur Vernunftwesen sind, sondern auch Sinneswesen mit Begehren und Wünschen, die unvernünftig sein können, macht er deutlich, dass es um das ewige Streben in Richtung dieses rein vernünftigen Entscheidens und damit Handelns geht. Es ist moralisch das Beste, was der Mensch machen kann: sich in die Richtung einer reinen moralischen Existenz zu entwickeln.
 

Angenommen wir könnten, wie Sie schreiben, mit Kant eine Tasse Tee trinken - was würde er wohl zur Frage des Klimawandels sagen? 

Immanuel Kant würde den Standpunkt vertreten, dass wir nur auf der Grundlage seiner Rechts- und Morallehre zu gerechten Klimaregelungen gelangen können. Weil nämlich seine Argumentation begründen kann, warum uns überhaupt Rechte zukommen. Nur durch unsere Freiheits- und Vernunftbegabung sind wir dazu fähig, aus der freien Selbstgesetzgebung unserer Vernunft auf vernünftige, moralische Gesetze zu stoßen, die wir uns und anderen zugestehen. Nur durch diese selbständige Selbstgesetzgebung haben wir Zugang zu einem gerechten Gesetzgebungsverfahren, das uns im empirischen Fall konkrete, moralisch-gerechte Gesetze eingibt. Der kategorische Imperativ und das daraus resultierende Rechts- und Tugendprinzip sind formale Gesetzgebungsverfahren der reinen Vernunft, die sich allerdings auf konkrete Anwendungsfälle des menschlichen Lebens beziehen. Sie brauchen Substanz, um wirklich zu werden.
 

Was bedeutet das für den konkreten Fall: Umwelt- und Klimaschutz? 

Kants formales Verfahren der Gesetzgebung, das konkret immer an die Freiheitsfähigkeit des Menschen gebunden ist, kann und muss auf Fragen des Umweltschutzes angewandt werden, da der Mensch nur in einer intakten Umwelt seine Freiheitsfähigkeit entwickeln kann. Dies ist auch der Grund, weshalb die Vereinten Nationen 1972 das Recht auf eine gesunde Umwelt auf die Position eines Menschenrechts gehoben haben: "Der Mensch hat ein fundamentales Recht auf Freiheit, auf Gleichheit und auf zureichende Lebensbedingungen, auf eine Umwelt, deren Qualität ihm in Würde und Wohlstand zu leben erlaubt. Er hat die feierliche Pflicht, die Umwelt für die gegenwärtigen und künftigen Generationen zu schützen und zu verbessern." 

Das Recht auf eine intakte Umwelt bietet den Schutzrahmen für unsere unbedingten Voraussetzungen zur Freiheitsausübung. Es sichert uns eine normale körperliche Entwicklung und Unversehrtheit sowie die Möglichkeit der freien Entscheidung. Letzteres wird durch den Klimawandel zum Beispiel dadurch eingeschränkt, dass bestimmte Ressourcen so knapp sind, dass diese nur noch sehr eingeschränkt genutzt werden können oder bestimmte Maßnahmen gegen eine Klimaerwärmung Folgehandlungen erfordern.
 

Und wo verläuft die Grenze zwischen Nutzung und Übernutzung der Natur, also ihrer Schädigung? 

Wir haben zwar ein Recht darauf, die Natur als unsere äußere Umwelt zu nutzen, da wir ansonsten keinerlei Möglichkeit hätten, die materiellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, unsere Freiheit zu entwickeln. Wir haben gleichermaßen ein Recht darauf, die Natur in einem Zustand vorzufinden, der es ermöglicht, unsere äußere Freiheit auch tatsächlich kreieren zu können. Und das gibt uns wiederum die Pflicht auf, die Natur so zu belassen, dass dies möglich ist. Wir besitzen somit eine kategorische Verpflichtung, den Klimawandel einzudämmen und unsere Umwelt zu schützen und zu erhalten.
 

Was macht Sie so sicher, dass Kant dies so sehen würde? 

Es macht mich so sicher, dass er so antworten würde, weil er uns mit dem Verfahren der Selbstgesetzgebung keine festen Reglementierungen an die Hand gegeben hat, sondern jedem von uns die Kapazität, sich gerechte Gesetze selbst zu erschließen - in jeder Lebenslage, zu jeder Zeit, in jedem Jahrhundert oder Jahrtausend. Der Klimawandel kreiert durch die starken Diskrepanzen von Konsum und damit verbundenem Kohlendioxidausstoß Ungerechtigkeiten und verschärft das globale Gefälle von Arm und Reich in verschiedenen Hinsichten. Dass es um eine gerechte Reduktion von Kohlendioxidemissionen und Gütern im Angesicht des Klimawandels und noch bestehender Armut in vielen Teilen der Erde geht, kann sich jeder durch eine Beschäftigung und vernünftiges Nachdenken über diesen Problemkomplex selbst erschließen. Vorrangig geht es in Kants Philosophie um die Bewahrung der menschlichen Freiheit, weil wir nur dann dazu fähig sind, diese Form der vernünftigen Selbstgesetzgebung zu entwickeln - indem wir frei vernünftig denken können.
 

Was bedeutet es, mit Kant die Zukunft zu gestalten, wie der Untertitel Ihres Buches sagt? 

Mit Kant die Zukunft zu gestalten heißt, sich auf seine Letztbegründung zurückzubesinnen: Der Mensch hat eine einzigartige, wertvolle Existenz, weil er Freiheit und Vernunft realisieren kann. Aus beidem in Kombination entstehen moralische Entscheidungen und Handlungen. Der Mensch kann dies nur tun, wenn seine Existenz gesichert ist und er sich der Freiheitsausübung in Form von Bildung und der Gestaltung der Gesellschaft in Form von politischem Engagement et cetera widmen kann. 

Wenn wir diese Fähigkeiten, die den Menschen ausmachen - Freiheit, Vernunft und Moral -, erhalten wollen, müssen wir die Menschenrechte eines jeden Menschen sichern und jeden Menschen in seiner Existenz würdigen. Das heißt, wir haben mit Kant die obligatorische Pflicht, jedem Menschen dazu zu verhelfen, dass seine Menschenrechte gesichert sind und er sich dem ewigen Streben hin zu moralischem Handeln widmen kann.
 

Zentrale Argumentationsfigur bei Kant ist der kategorische Imperativ. In einer Zeit, da die Menschen Macht und Autorität immer weniger anerkennen, klingt das nicht gerade sexy: allgemeines Gesetz, Imperativ, kategorisch. Ist Kant noch vermittelbar? 

Kant ist heute auf der einen Seite schwer vermittelbar, weil eine Philosophie, die von über 200 Jahren begründet wurde, vielen Menschen angesichts der heutigen Probleme als nicht mehr zeitgemäß erscheint. Bei Erklärung der Grundlage von Kants Theorie - der Freiheit - und damit dem Verfahren der Gesetzgebung in Form von vernünftiger selbständiger Reflexion erscheint den meisten Zuhörern dieser Ausgangspunkt doch wiederum auf unsere heutige Lage wie auf jegliche geschichtliche Situation übertragbar. Es handelt sich nun mal nicht um festgeschriebene, konkrete Gesetze, die dauerhafte Gültigkeit beanspruchen, sondern es handelt sich um ein Verfahren, das diese Gesetze an zeitgenössischen Umständen ausdifferenziert. Die Menschheit als Ganzes sollte sich damit immer weiter in die Richtung entwickeln, dass die Freiheit des Einzelnen in dem Sinne hergestellt und ermöglicht wird, dass jedes einzelne Individuum seine vernünftige Selbstgesetzgebung = Moralfähigkeit entfalten kann. Freiheit wird auch heute als großes Gut angesehen, sodass hier oft allgemeine Zustimmung herrscht. 

Allerdings wird heute Kants Ansatz oft als zu individualistisch in Bezug auf das Klimaproblem angesehen. Problemlösungen werden von politischen Instanzen oder technischen Neuerungen erwartet. Klimaschutz überfordere das Individuum. Hierzu ist zu bemerken, dass sich trotz der Großskaligkeit des Problems jeder Einzelne seiner Vernunft bedienen und dort klimaschützend agieren kann, wo es ihm möglich ist. Je nach Position und Einflussmöglichkeit ist dies natürlich unterschiedlich, sodass es einen Politiker in weiterem Umfang trifft als eine Person mit weniger öffentlichem Einfluss. Zudem sollte die Freiheit des Einzelnen nicht durch klimaschützendes Verhalten so weit eingeschränkt werden, dass seine eigene Menschenwürde eingeschränkt wird.
 

Muss man diese Begrifflichkeit übersetzen? 

Meiner Meinung nach muss man diese Begrifflichkeiten nicht übersetzen, sondern nur in Zusammenhang mit klimaschützenden respektive klimaschädlichen Handlungen bringen und damit konkretisieren. Ich würde davon ausgehen, dass Begriffe wie kategorisch und Imperativ heute noch bekannt sind. Unter Umständen sind diese im Klimadiskurs noch ungewohnt, weil notwendige Regulierungen noch fehlen.
 

Klimawandel wird heute vor allem als politisches Thema gesehen, als Frage von multinationalen Vereinbarungen, von Grenzwerten, von Besteuerung und Bepreisung. Sie sagen: Der Klimawandel ist vor allem ein moralisches Problem. Was führt Sie zu dieser Ansicht? 

Der Klimawandel ist bei Anwendung der kantschen Theorie in erster Linie ein moralisches Problem: weil es sich um die Verletzung von Menschenrechten bestimmter Personen durch andere handelt. Die Gefahren, die aus einem fortgeschrittenen Klimawandel resultieren, machen es einem Großteil der Menschheit unmöglich, ihre Freiheitsfähigkeit, Moralität und damit Menschlichkeit zu entwickeln und auszuüben. Mit diesem Ansatz kann bestimmt werden, was in der Stockholmer Deklaration 1972 als dangerous climate change bezeichnet wurde. Als "gefährlich" kann der Klimawandel ab dem Punkt eingestuft werden, ab dem er die Sicherung der Menschenrechte aller Menschen auf Erden gefährdet. Es ist damit wichtig, zu sehen, dass es kein natürliches, naturwissenschaftliches Problem ist, das unsere Umwelt hervorgebracht hat wie eine Naturkatastrophe oder eine Laune des Schicksals wie Glück oder Pech, für die wir nichts können. Sondern es ist ein moralisches Problem, indem es vom Menschen verursacht wurde. 

Die besondere Ungerechtigkeit dabei besteht darin, dass die Erdatmosphäre ein begrenztes Gemeinschaftsgut ist und allen Menschen gleichermaßen gehört. Ein Teil der Menschheit, die jetzigen Länder des Globalen Nordens und die Schwellenländer, hat diese jedoch in der Vergangenheit übernutzt beziehungsweise tut dies (auch) in der Gegenwart. Dabei konnten und können sich diese Staaten einen hohen Lebensstandard aneignen, während sie damit zwar auch sich selbst, aber vor allem andere lebensbedrohlichen Gefahren aussetzen. Es ist daher ein moralisches Problem, weil es vom Menschen ausgeht und andere Menschen betrifft. Aus diesem Grund kann und muss es auch nur vom Menschen beziehungsweise als ein Problem der Moral, das unsere Menschlichkeit betrifft, von (fast) allen Menschen gelöst werden.
 

  Klimawandel ist ein Megaproblem mit globalen und potenziell existenzbedrohenden Folgewirkungen. Warum kommen wir dennoch nicht - oder so schwer - ins Handeln? 

Das Klimaproblem weist verschiedene Eigenschaften auf, die es uns schwermachen, dagegenzuhandeln, beziehungsweise uns lähmen …
 

… das sind die "Klimawandel-Eigenschaften", die Sie identifizieren. Welche sind das im Einzelnen? 

Zum einen (1) die zeitliche Verschiebung des Problems: Der Kohlendioxidausstoß, der heute entsteht, zeigt seine Effekte erst in 50 Jahren oder noch später. Dies übersteigt unseren Motivationsrahmen, innerhalb dessen wir normalerweise handeln. Zweitens (2) ist es ein Problem, welches die ganze Menschheit, jeden Einzelnen betrifft. Es gibt mittlerweile 7,5 Milliarden Menschen - auch dieser Rahmen, innerhalb dem gehandelt werden muss, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Des Weiteren (3) treffen die Schäden diejenigen Gebiete am stärksten, in denen eher arme Menschen leben, die nicht viel zum Klimawandel beigetragen haben und auch keine großen Kapazitäten haben, um gegen diesen vorzugehen. Strukturstarke Regionen treffen Schäden meist geringer und später, weshalb hier die Motivation zu handeln geringer ist. Zudem (4) greift das Klimaproblem in jeden Bereich unseres Lebens ein, in jede "Disziplin" - Politik, Wirtschaft, Erziehungssystem, Ernährung ... - das gesamte System muss umgewälzt werden. Dies wird gesellschaftlich als fast unmöglich wahrgenommen. Zudem führt es dazu, dass das Klimaproblem von einem Bereich in den anderen geschoben wird und keiner tatsächlich die Verantwortung bei sich sieht. Schließlich (5) treten Klimafolgen nicht immer linear auf. Das Schmelzen der Gletscher zum Beispiel führt anfangs dazu, dass sehr viel Wasser verfügbar wird. Wenn die Gletscher jedoch vollständig abgeschmolzen sind, versiegt diese Quelle. Solche Dynamiken führen dazu, dass Klimaerwärmungsfolgen nicht richtig verstanden werden und daher kein Handlungsbedarf gesehen wird. Letztendlich (6) handelt es sich beim Klima um ein chaotisches System, bei dem noch viele Unsicherheiten über die Wechselwirkungen bestehen wie auch über die Wirkung von Verhaltensveränderungen des Menschen auf klimatische Verhältnisse. Dies verursacht Unsicherheiten, etwa über die über Stichhaltigkeit der Argumente Klimaskeptiker.
 

Das ist wohl richtig, dass die Dimension des Problems unsere Vorstellungskraft übersteigt - hinzu kommt, dass einige der Punkte, die Sie nennen, Zusammenhänge betreffen, bei denen wir Menschen grundsätzlich Schwierigkeiten haben, sie zu erfassen: Das betrifft die zeitliche Versetztheit von Ursache und Wirkung, das betrifft die Nichtlinearität von Ereignissen und es betrifft Wechselwirkungen in komplexen Systemen. Übersteigt der Klimawandel die Grenzen unserer Vernunft? 

Der Klimawandel übersteigt nicht unsere theoretische Vernunft - theoretisch sind die Zusammenhänge für uns verständlich. Das verlangt jedoch, dass wir uns kontinuierlich und in einem gewissen Maße mit dem Problemkomplex beschäftigen und uns damit auseinandersetzen, was zugegebenermaßen für viele Menschen nicht so einfach ist. Weil sie in anderen "Universen" leben, da sie 50 bis 60 Stunden die Woche einer grundverschiedenen Tätigkeit nachgehen, etwa in einem medizinischen Beruf oder im Bereich der Pflege arbeiten oder noch mal etwas ganz anderes tun. Es gibt zudem viele Fallstricke innerhalb des Klimaproblems wie zum Beispiel die Komplexität der Klimafreundlichkeit respektive -schädlichkeit von Lebensmittel, die davon abhängen, ob das Nahrungsmittel regional, saisonal und unverarbeitet ist als auch ob es unverarbeitet konsumierbar ist, aus dem Biolandbau kommt und ein tierisches Produkt darstellt. Dieser Bereich ist sehr komplex und benötigt einige Beschäftigung, um nicht als Veganer letztendlich von dem Kohlendioxid-Fußabdruck von eingeflogenen, konventionellen Avocados schockiert zu sein. Gleichzeitig denke ich, dass das Klimaproblem und auch die Lösungsansätze uns genügend Angriffsfläche bieten, es zu verstehen als auch die richtigen Lösungsansätze zu erkennen und von sogenannten Greenwashing- und Geoengengineering-Lösungen zu unterscheiden. 

Ein Problem ist eher die praktische Vernunft, der letztendlich die Umsetzung zukommt und die stark mit unserer "tierischen", instinktiven Seite zu kämpfen hat, da es sich tatsächlich um die Umwälzung unseres gesamten Lebensstils und vieler Gewohnheiten handelt. Dass sich der Mensch für klimaschützendes Verhalten von tief verwurzelten Gewohnheiten und Systemen löst, ist trotz des theoretischen Wissens sehr schwer. Es ist die Aufgabe der praktischen Vernunft, dies immer wieder zu trainieren. Es ist schwer, aber nicht unmöglich.
 

Aber es ist vertrackt. Zum Beispiel stellt sich das Problem der Zeitversetztheit auch bei Gegenmaßnahmen. Aufforstung gilt als eine Schlüsselstrategie gegen den Klimawandel. Sie schreiben zu Recht, dass junge Bäume besonders viel Kohlendioxid absorbieren - doch bis aus einem Setzling ein junger Baum wird, dauert es Jahre. Die Emissionen passieren heute, die Absorption greift erst zeitversetzt. Fürchten Sie nicht, dass uns die Zeit wegläuft? 

Doch, natürlich fürchte ich das. Wie wir wahrscheinlich alle. Aber da es jetzt noch Hoffnung gibt, ist es zu früh, um aufzugeben.
 

Hinzu kommt eine fundamentale Unsicherheit: die Begrenztheit des Wissens. Wie und wo finden wir in diesem Mega-Problemkomplex dennoch Ansatzpunkte zum Handeln? 

Meiner Meinung finden sich in diesem Mega-Problemkomplex dort Anknüpfungspunkte zum Handeln, wo wir das Gefühl haben, dass wir uns mit unserer Begeisterung und unseren Fähigkeiten am besten einbringen können. Hier sollten wir uns vernetzen, sollten Gleichgesinnte finden und innerhalb von Gruppen klimafreundliche Projekte anpacken und fördern. Wie zum Beispiel Fahrradfahrgruppen (zur Arbeit), Brotbackkollektive, Gemeinschaftswohnprojekte, lehrende Tätigkeiten und so weiter. In solchen Communitys trifft man immer auf Menschen, die auch, aber anders, klimafreundlich leben und von denen man sich etwas abgucken kann. 

Ganz wichtig ist heute natürlich, dass über das Klimaproblem geredet wird. Entscheidend ist wiederum die Art und Weise, wie dies geschieht und dass es für den normalen Bürger anschlussfähig ist. Sowohl ein ewig erhobener Zeigefinger als auch Weltuntergangsszenarien motivieren meiner Meinung nicht dazu, klimafreundlich zu handeln. Die "Transition Town"-Bewegung, die "Städte im Übergang" zu einer postfossilen Zeit plant, legen daher auch viel Wert auf einen würdevollen Umgang mit Menschen. 

Ich denke, wir brauchen eine weniger Schuld zuschreibende und stattdessen eine motivierendere Sprache, wenn es um die Handlungen von Individuen geht. Gleichzeitig würde es bestimmt viel bewirken, Synergieeffekte mit anderen Bereichen aufzuzeigen, etwa mehr Freizeit durch weniger Konsum und Arbeit, soziale Benefits durch ökologische Gemeinschaftsprojekte und Ähnliches. Vormachen und positive Kommunikation sind hier Schlüsselelemente, denke ich.
 

Sie strahlen trotz dieses Mega-mega-Problems eine optimistische Grundhaltung aus. Woraus schöpfen Sie diesen Optimismus? 

Ich habe eine optimistische Haltung, weil ich bei der Beschäftigung mit den Lösungsansätzen auf individueller Ebene viele Synergien vor allem zu sozialen Bereichen unseres Lebens sehe. Klimaschutzmaßnahmen wie Stadtbegrünungen würden zu einer wesentlich verbesserten Lebensqualität in den Städten führen, inklusive verbesserter Luft. Stadtgärten würden vermehrt zu gesellschaftlichem Leben in diesen Räumen führen und eine körperliche Betätigung von schreibtischarbeitenden Großstädtern fördern. Eine dezentrale organische Landwirtschaft würde den ländlichen Raum in Deutschland wiederbeleben, würde Arbeitsplätze schaffen und dabei gleichzeitig die Fruchtbarkeit unseres Bodens maßgeblich reaktivieren. Es könnten Arbeitsmodelle geschaffen werden, wie sie die Postwachstumstheorie vorsieht, innerhalb der Menschen 20 Stunden monetär entlohnt zum Beispiel einem Bürojob nachgehen und die restliche Zeit zum Beispiel in ein Projekt der solidarischen Landwirtschaft stecken und dabei mit Lebensmitteln versorgt werden. Dies ist meiner Meinung nach ein wesentlich humaneres Arbeitsmodell als die heutigen 60-Stunden-Büro- und PC-Arbeitsplätze, die unsere Gesellschaft ziemlich flächendeckend hervorgebracht hat. 

Repair-Cafés, in denen sich Menschen treffen und ihre Elektrogeräte oder andere Gebrauchsgegenstände mit ihren zusammengewürfelten Fähigkeiten reparieren, hätten einerseits einen großen Klimanutzen, weil wir weniger neu kaufen würden und damit weniger neue Rohstoffe und Energie für den Entstehungsprozess von neuen Gütern benötigten. Gleichzeitig könnten diese Cafés Vereinsamungstendenzen entgegenwirken, denen Menschen vor allem in Großstädten unterliegen, und stattdessen für ein produktives, fröhliches, soziales Miteinander sorgen. Zudem könnte das Reparieren von Gebrauchsgegenständen oder die Mitarbeit in der Landwirtschaft für viele Menschen ein sinnstiftendes Element in ihr Leben bringen, während sie gleichzeitig umwelt- und klimaschützend handeln.
 

Klimaschutz ebnet den Weg in eine andere Form des Zusammenlebens? 

Dies sind Beispiele und sie hören sich etwas utopisch an. Wenn ich jedoch mit Menschen gesprochen habe, die solche Ansätze bereits verfolgen, hat sich immer gezeigt, dass dies mit einer großen Lebenszufriedenheit einhergeht - auch wenn solche Projekte so stark unterfinanziert sind, dass oft ein großer Anteil an Mehrarbeit nötig ist, um sie am Laufen zu halten. Dies geschieht jedoch im Austausch zu mehr Sinnstiftung im Berufsleben und einer besseren Lebensqualität. Der große Aufwand, der zurzeit notwendig ist, um umwelt- und klimaschützend zu handeln, zeigt, dass wir in einer Zeit des Übergangs leben und das Etablieren solcher Strukturen Kraft, Zeit und Energie kostet. Wir können jedoch den Weg ebnen für klima- und menschenfreundlichere Arbeits- und Lebenssysteme in der Zukunft.
 

Das Interview haben wir schriftlich per E-Mail in mehreren Frage- und Nachfragerunden geführt.
 


Zitate


"Wir können und müssen uns zu jeder Zeit in unserem Leben und in der gesamten Geschichte immer wieder überlegen, was richtig ist." Christine Heybl: Kategorischer Imperativ: handeln

"Wir besitzen eine kategorische Verpflichtung, den Klimawandel einzudämmen und unsere Umwelt zu schützen und zu erhalten." Christine Heybl: Kategorischer Imperativ: handeln

"Kant hat uns keine festen Reglementierungen an die Hand gegeben, sondern jedem von uns die Kapazität, sich gerechte Gesetze selbst zu erschließen - in jeder Lebenslage, zu jeder Zeit, in jedem Jahrhundert oder Jahrtausend." Christine Heybl: Kategorischer Imperativ: handeln

"Der Klimawandel ist in erster Linie ein moralisches Problem: weil es sich um die Verletzung von Menschenrechten bestimmter Personen durch andere handelt." Christine Heybl: Kategorischer Imperativ: handeln

 

changeX 20.09.2019. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Kant und das Klima. Gestalten wir die Zukunft mithilfe von Immanuel Kant; mit Illustrationen von Corinna Chaumeny. PUNKTUM Verlag, Hamburg 2018, 128 Seiten, 14 Euro (D), ISBN 978-3-9819462-1-5

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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