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Mühen der Ebene

Die Karrieren von morgen sind flach – ein Interview mit Svenja Hofert.
Text: Winfried Kretschmer

Jeder sein eigener Unternehmer, lebenslanges Lernen, systematische Entwicklung der eigenen Fähigkeiten – ist die neue Arbeitswelt nicht längst Realität? Mitnichten. Die Ein-Job-fürs-Leben-Denke hält sich hartnäckig. Karriereberaterin Svenja Hofert sagt: Gerade junge Berufseinsteiger denken wie ihre Väter. Und hoffen auf den Aufstieg auf der Karriereleiter. Die aber ist längst weggebrochen. Ein Ausblick in die Jobwelt der Zukunft.

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Svenja Hofert ist Jobexpertin, Karrierecoach und Autorin von mehr als 20 Ratgebern und Sachbüchern. Sie ist Inhaberin der Coaching-Agentur Karriere & Entwicklung.

Frau Hofert, Arbeit wandelt sich radikal. Wo liegen denn die entscheidenden Veränderungen, die die Jobwelt von morgen prägen werden?
Wir erleben vor allem eine starke Veränderung der Kompetenzen, die gefragt sind. Im Zuge der Globalisierung gibt es einen schnellen Wandel. Die Folge ist, dass in manchen Berufen mehr Kräfte ausgebildet werden, als dann erforderlich sind – etwa weil diese Kompetenzen nach einigen Jahren schon wieder veraltet sind oder durch andere Länder abgezogen wurden. Den Job fürs Leben gibt es nicht mehr, wahrscheinlich noch nicht mal mehr fürs halbe Leben.

Das heißt, es ist Verlässlichkeit, Planbarkeit hinsichtlich der Berufswahl verloren gegangen?
Ja. Niemand kann wirklich seriös voraussagen, welche Kompetenzen in Zukunft gefragt sind. Im Moment läuft alles, was mit Prozessen und IT zu hat – Wirtschaftsingenieure und mehr noch Informatiker –, aber keiner weiß, ob das anhält.

Sie sagen, Karriere ist nicht mehr planbar?
Nein, das ist langfristig nicht mehr planbar, höchstens auf Sicht von zwei, drei Jahren. In der Konsequenz wächst die Anforderung an das Unternehmerische in der Persönlichkeit. Egal ob angestellt oder selbständig, muss man sich immer mit dem Blick eines erfolgreichen Selbständigen betrachten: Wie verändert sich der Markt? Was passiert da? Wo geht die Reise hin? Dazu reicht es nicht, in eine Zeitung zu schauen, sondern man muss sich aus unterschiedlichen Quellen informieren. Und sich für einen Weg entscheiden – und dabei auch mal ein wenig auf Risiko setzen.

Der Lebensunternehmer wird zum dominanten Trend?
Ja, ich bin überzeugt, dass man gezwungen ist, unternehmerisch zu denken. Und dieses Denken hält bereits in einigen Unternehmen Einzug, die ihren Leuten selbständiges Denken beibringen wollen, was sicherlich nicht so ganz einfach ist, denn das Sicherheitsbedürfnis bei den Angestellten ist noch größer als früher.
Entscheidend ist, dass man sich nicht darauf verlässt: Ich werde versorgt. Der Arbeitgeber als Institution, die schon dafür Sorge trug, dass man mit seiner Familie ein Auskommen hatte, dieses Versorgungsdenken, das man heute zum Beispiel bei Opel sieht, ist einfach nicht mehr realistisch, vor allem nicht bei großen Unternehmen. Man kann darüber jammern, aber letztlich können wir nicht mehr erwarten, dass jemand anderes sich um das berufliche Überleben kümmert. Das muss jeder selbst tun. Und wir müssen soziale Lösungen für die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft finden.

Kurz gesagt, die Unsicherheit, ob man einen Job findet und wie lange man ihn behält, wächst weiter?
Das hat zu tun mit dem Bild von Arbeit, das uns über Jahrzehnte vermittelt worden ist: Dass man etwas lernt, studiert, einen Job findet und dann relativ sicher sein kann, ihn für Jahre zu behalten. Dieses Bild ist in ganz vielen Köpfen verankert. Aber es stimmt nicht mehr. Man kann sich heute nicht mehr auf seinen Lorbeeren ausruhen. Sondern man muss ständig schauen, wie man sich marktfähig halten kann, welche Qualifizierung gefragt ist und welche künftig gefragt sein wird. Das bedeutet, sich permanent weiterzubilden. Doch in Deutschland gibt es eine gewisse Weiterbildungsresistenz; viele denken: „Einmal gelernt/studiert reicht!“

Was Sie da schildern, klingt nach den Diskussionen von vor ein paar Jahren. Ist diese Erwartungshaltung, mit einer guten Ausbildung einen guten Job und eine steile Karriere in der Tasche zu haben, tatsächlich noch so verbreitet?
Ja, vor allem bei den ganz Jungen. Gerade bei Bachelor-, Master- und Promotionsabsolventen ist das ganz extrem. Die denken, nach der ganzen Lernerei mit 25 am Ziel zu sein.

Das überrascht. Sind nicht lebenslanges Lernen, Lebensunternehmertum und die Erkenntnis, dass jeder sich marktfähig positionieren muss, längst im Alltag angekommen?
Für Sie ist das angekommen. Aber für die Jungen würde ich fast sagen, ist das Gegenteil der Fall. Die bekommen von außen das Bild vermittelt, dass die Akademikerquote erhöht wird, dass Fachpersonal händeringend gesucht wird und sie mit ihrem akademischen Abschluss direkt im Management durchstarten können. Diese Erwartung ist bei jungen Absolventen ganz extrem verbreitet. Flankiert wird das von einer ganz großen Verunsicherung, weil man natürlich auch andere Stimmen hört, Stichwort digitale Boheme. Aber das ist für die meisten eine ganz andere Welt.

Somit entspricht der sehr geringen Gründerquote in Deutschland eine starke Haltung, nach wie vor Sicherheit im Job zu erwarten?
Ja, und das wird von den Firmen noch gefördert. Trainee-Programme beinhalten ein großes Sicherheitsversprechen, nämlich auf eine Führungsposition vorbereitet zu werden und dauerhaft im Unternehmen zu verbleiben. Einige fortschrittliche Unternehmen bereiten heute zwar nicht mehr nur auf Führung vor, sondern auch auf Projektmanagement und die Spezialistenkarriere. Aber Spezialist will kaum einer werden, der studiert hat. Die denken dann: „Um Gottes willen, Spezialist! Damit macht man ja keine Karriere!“ Das Gegenteil ist der Fall.

Ist diese Erwartung, einen sicheren Job zu erreichen, eine Erklärung für die Duldsamkeit, mit der Berufseinsteiger sich in immer neue Praktika und in extreme Arbeitsbedingungen fügen?
Ich nehme da zweierlei wahr. Auf der einen Seite gibt es sicher diese Duldsamkeit. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein erhöhter Anspruch. Das gibt es beides, oftmals auch in einer Person. Viele Absolventen denken immer noch: „Ich bin doch Akademiker, also muss ich Führungskraft werden.“ Manchmal bekomme ich Mails von 23-Jährigen, die ein halbes Jahr angestellt sind und schon nach einer Führungsposition jammern. Weil das, was sie machen, nichts mit dem Versprechen zu tun hat, das sie bekommen haben – von wegen spannender Tätigkeit und professioneller Arbeit. Und deswegen gibt es auch wahnsinnig viel Enttäuschung.

Die Leute hängen also noch am altbekannten Karrieremuster als dem sprichwörtlichen geradlinigen Aufstieg auf der Karriereleiter in einer Hierarchie – das aber gibt es nicht mehr?
Das gibt es nicht mehr. Eigentlich wissen das alle – in der Theorie. Nur kann sich diese Erkenntnis nicht so richtig durchsetzen. Denn einerseits wollen die Unternehmen die jungen Leute ködern und halten. Zum anderen haben die Jungen noch dieses Bild im Kopf: nicht das des selbständigen Unternehmers, der für sich selbst verantwortlich ist, sondern das Denken ihrer Väter. Und sie handeln entsprechend: Ich muss mein Schäfchen ins Trockene bringen, und das heißt, am Anfang reinhauen, sich etablieren – und sich dann in die Hängematte legen.

Sie sagen, es gebe ein Tabuthema, das von Unternehmen nicht angesprochen werde: Lean Management, flache Hierarchien, die für eine klassische Karriere keine Ansatzpunkte mehr bieten. Was sollen Unternehmen den jungen Leuten sagen?
Sie müssen andere Anreize bieten, damit man einen Beruf mit Freude ausübt und Lust bekommt, sich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln. Und man muss andere Möglichkeiten der Karriere schaffen. Das Erfinden immer neuer Titel bei den großen Konzernen – Junior, Senior und noch diverse Varianten dazwischen – ist sicherlich nicht der richtige Weg, ein Unternehmen in der globalisierten Welt voranzubringen.

Zum einen wird Management von Hierarchie entkoppelt, zum anderen ändert sich seine Funktion: Manager sind zunehmend Organisatoren – Projektmanager ohne wirkliche Führungsaufgaben im Sinne von Personalverantwortung. Es gibt eine Ausdifferenzierung zwischen Management und Leadership?
Projektmanager sind gerade im Moment sehr gefragt. Projektmanager sind typischerweise ohne wirkliche Führungsverantwortung – doch die Unternehmen heften ihnen gewissermaßen die Abzeichen an den Anzug, damit sie sich als Führungskräfte fühlen können. Geben ihnen ein bisschen formale autoritäre Führungsgewalt. Dabei wäre es im Sinne einer schlanken Organisation besser, auf andere Kompetenzen zu setzen. Denn Spezialisten, wie sie im Zuge der Akademisierung zunehmend wichtig werden, lassen sich nicht so führen wie Angestellte vor 20 Jahren. Das machen die nicht mit. Man braucht hier ganz andere Kompetenzen.

Bedeutet dieser Funktionswandel das Ende des Managements?
Letztendlich ja, weil diese Art von Fachkräften, die gefragt sind, und die Art, wie Unternehmen strukturiert sein müssen, damit sie erfolgreich sind, in diese Richtung zielen. Weil dieses Inseldenken nicht mehr funktioniert, sondern alles verzahnt sein muss. Das verlangt letztlich eine Führung ohne Führung und vernetztes Denken.

Der Spezialist ist der neue Typus von Fachkraft in der Wissensgesellschaft, sagen Sie?
Einer sicherlich. Wenn man schaut, welche Bewerber heute keine Probleme haben, einen gut bezahlten Job zu finden, dann sind das diejenigen, die sich ein Fachgebiet erschlossen haben. Es sind nicht die Marketingleiter, nicht die Key-Account-Manager, nicht die Leiter der IT-Abteilung. Sondern Menschen, die ein Wissensgebiet haben. Und damit ist auch ein ganz anderes Karrieredenken verknüpft: dass man ohne formale Führungsverantwortung, allein durch die Erschließung von Wissen, eine ganz andere Form von Karriere entwickeln kann, als das früher möglich war.
Aber wir wissen auch, dass Fachwissen nicht reicht, um Dinge umzusetzen. Man braucht auch Menschen einerseits mit Kommunikations-, andererseits mit methodischem Wissen, um Fachwissen überhaupt nutzbar zu machen. Ich bin mir sicher, dass da neue Jobprofile entstehen werden, obwohl das im Moment nur in Ansätzen sichtbar ist und diese Jobs oft auch noch nicht so gut bezahlt sind und keine besonders große Wertschätzung erfahren. Aber jeder, der in Projekten gearbeitet hat, weiß, dass es unheimlich schwierig ist, seien es nur fünf fachkompetente Extremspezialisten in einem Team zusammenzuhalten, ohne dass jemand dieses Team führt – als Teamleader, der eben nicht das Fachwissen hat, sondern die Fähigkeit, sich so weit zu informieren, wie es nötig ist, aber eben auch nicht mehr.

Man muss sich die Organisation, das Unternehmen der Zukunft, also vorstellen als eine sehr flache Organisation, in der sehr wenige Leader wirkliche Führungsaufgaben innehaben und sich in einem relativ hierarchiefreien Raum Spezialisten, Organisatoren und Kommunikatoren tummeln?
Genau. Warum gibt es in Unternehmen zum Beispiel nicht angestellte Netzwerker? Das wäre ein durchaus sinnvolles Berufsbild. Das Thema spielt bei größeren Unternehmen eine große Rolle. Weil man merkt, wie wichtig Kommunikation und Vernetzung im Unternehmen sind. Aber ich habe leider noch keine entsprechende Position gesehen.

Ihr Buch heißt Das Karrieremacherbuch. Sie halten also am Begriff der Karriere fest?
Ich halte an dem Begriff fest, weil die Bedeutung, die man ihm zugeschrieben hat, nichts mit dem ursprünglichen Wortsinn zu tun hat. Ursprünglich bedeutet das Wort, seinen Karren im Laufen, in der Bewegung zu halten. Das aber hat nichts mit dieser hierarchischen Karriere zu tun. Der Begriff ist überhaupt nicht negativ, sondern in den letzten Jahrzehnten teilweise einfach nur falsch verwendet worden.

Wie sehen Karrieremuster der Zukunft aus?
Der hauptsächliche Erfolgsfaktor wird sein, dass man sich keinesfalls darauf ausruht, etwas gelernt und studiert zu haben. Sondern ständig checkt: Wie ist mein Wissensstand? Was fehlt mir? Was sollte ich mir neu erschließen? Man muss permanent in Weiterbildung investieren. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Gleiches gilt für den Berufswechsel. In Deutschland ist noch immer der Glaube verbreitet, damit mache man sich Karriere und Lebenslauf kaputt. Eine häufigere – durchaus auch radikale – Berufsveränderung sollte nicht länger diskriminiert werden.
Nicht zuletzt wird die Auflösung von Angestellten-, Freiberufler- und Unternehmertätigkeit weiter voranschreiten. Arbeitsverträge sind heute sowieso immer mehr Zeitverträge – wo ist da der Unterschied zum Projektvertrag? Der ist kaum noch fassbar. Hier gleichen sich die Verhältnisse an.

Fazit: Endlich begreifen, dass die Arbeitswelt sich radikal verändert und nicht mehr die ist, die man aus der Vergangenheit kennt?
Genau. Natürlich gibt es genügend Interessengruppen, die versuchen, gegenzusteuern. Aber der Prozess ist nicht aufzuhalten. Dass manche immer noch im Alten verharren, andere bereits im Neuen angekommen sind, und sich beide Strömungen eine Zeit lang parallel bewegen, ist ganz normal.

Foto: Davide Michaels


Zitate


"Niemand kann wirklich seriös voraussagen, welche Kompetenzen in Zukunft gefragt sind." Svenja Hofert: Die Karrieren von morgen sind flach

"Egal ob angestellt oder selbständig, muss man sich immer mit dem Blick eines erfolgreichen Selbständigen betrachten: Wie verändert sich der Markt? Was passiert da? Wo geht die Reise hin?" Svenja Hofert: Die Karrieren von morgen sind flach

 

changeX 15.10.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Das Karrieremacherbuch. Erfolgreich in der Jobwelt der Zukunft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009, 176 Seiten, ISBN 978-3-8218-5991-0

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