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Raum für Müßiggang und Spinnerei

Für eine radikale Politik der Innovation - ein Interview mit Sebastian Olma
Interview: Winfried Kretschmer

Könnte es sein, dass der ganze Hype um Innovation paradoxerweise Ausdruck von Innovationsversagen ist? Verursacht durch die Zerstörung der strukturellen Voraussetzung des Entstehens von Neuem, von Serendipity? Jenem seltsamen Phänomen, das doch präzise die Bedingungen von Kreativität beschreibt: etwas zu entdecken, wonach man gerade nicht gesucht hat. Insofern braucht Neues Freiraum. Es gedeiht nicht in durchfunktionalisierten, der Marktökonomie unterworfenen Räumen. Es braucht Müßiggang und Spinnerei. Die Wiedergewinnung eines öffentlichen Raums, in dem diese möglich sind, ist somit Kernanliegen einer radikalen Politik der Innovation.

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Sebastian Olma ist Professor für Autonomy in Art, Design and Technology an der Avans University of Applied Sciences in den Niederlanden. Er hat das Buch In Defence of Serendipity geschrieben, in dem er für eine radikale Politik der Innovation plädiert. Er lebt in Amsterdam.
 

Sebastian, das ist kein Fake: Gestern Abend habe ich noch über die Einstiegsfrage für unser Interview nachgedacht, ergebnislos. Heute früh beim Zähneputzen hatte ich dann eine Idee - aber damit sind wir eigentlich schon beim Thema, oder? 

Gewissermaßen schon. Einer der Gründe, warum ich mich einer kritischen Diskussion der heutigen Innovations- und Kreativitätsideologie über den Begriff Serendipity nähere, ist seine kulturelle Anziehungskraft. Die kanadische Kulturwissenschaftlerin Sarah Sharma hat Serendipity einmal "den freundlichsten Begriff der englischen Sprache" genannt. Und in der Tat gibt es ja vielfältigste kulturelle Referenzen - vom gleichnamigen Hollywoodfilm bis zur "Serendipity Ice Cream" -, die versuchen, dieses Freundlichkeitspotenzial anzubohren.  

Das von dir angeregte Beispiel des Einfalls beim Zähneputzen geht noch einen Schritt weiter, weil es auf die zahlreichen Anekdoten der zeitgenössischen Innovations- und Kreativitätsmythologie verweist. Man denkt sofort an die Erfindung der Post-it Notes oder die Entdeckung der potenzsteigernden Wirkung von Sildenafil (Viagra). Dagegen ist auch erst einmal nichts einzuwenden: Im populären Verständnis von Serendipity geht es ja darum, den Moment zu beschreiben, in dem man etwas Gutes findet, nach dem man gar nicht auf der Suche war. Und dazu gehört in gewisser Weise natürlich auch der morgendliche Einfall im Badezimmer oder auf dem Klo.  

Was mich allerdings interessiert, bewegt sich jenseits der Nasszelle und in gewisser Weise sogar außerhalb des individuellen Kopfes. Ganz allgemein gesprochen ging es mir im Buch darum, den mittlerweile unübersehbaren Widerspruch zwischen dem allgegenwärtigen Gerede über Innovation und Kreativität und dem tatsächlichen gesellschaftlichen Stillstand, den wir derzeit erleben, zu thematisieren. Und hier, denke ich, bietet sich Serendipity als Einstiegsbegriff an. Einerseits, weil er bereits ein wichtiges Element der heutigen Innovationsdebatte ist, sich andererseits aber ein viel größeres analytisches Potenzial darin verbirgt, als beim Blick durch die Google Glass sichtbar wird.
 

Es gibt nicht viel über Serendipity. Wer nach Büchern zum Thema sucht, stößt vor allem auf Carly Phillips, die einige ihrer Liebesromane in einer Stadt dieses Namens spielen lässt. Dann noch ein wenig Biblisches. Aber sehr wenig zu Serendipity, wie wir sie verstehen. Versuchen wir doch zunächst, die Bedeutung einzukreisen. Da ist die eben angesprochene Definition, etwas zu finden, wonach man gerade nicht gesucht hat. Und da ist das Begriffspaar, das in deinem Buch zentral ist: "Accident & Sagacity". Holst du ein wenig aus? 

Stimmt, da ist nicht viel. Es gibt das eine oder andere in der amerikanischen Managementliteratur, auch bei kleinen Gruppen von Wissenschaftlern, die sich mit dem Begriff auseinandersetzen. Hier muss der niederländische Mediziner Pek van Andel hervorgehoben werden, der eine Art Serendipity-Enzyklopädie in Menschengestalt ist: Eine überaus beeindruckende Figur, aber leider publiziert Pek vor allem in niederländischer und französischer Sprache. Eine sehr unterhaltsame Begriffsgeschichte haben Robert K. Merton und Elinor Barber unter dem Titel The Travels and Adventures of Serendipity aufgeschrieben. Und auch mein Buch beginnt mit einer Prise Etymologie, weil ich in Erinnerung rufen möchte, dass das Begriffspaar Zufall/Weisheit oder Accident/Sagacity an der Wiege von Serendipity stand. Vater des Begriffs war Horace Walpole, ein englischer Aristokrat und Kunsthistoriker, der den Neologismus Serendipity in der Mitte des 18. Jahrhunderts geprägt hat. Allerdings kam ihm der Einfall nicht beim Zähneputzen, sondern nach der Lektüre einer altpersischen Fabel mit dem Titel "Die drei Prinzen von Serendip". Es ist die Geschichte der Söhne des Königs von Serendip (dem heutigen Sri Lanka), die auf eine recht abenteuerliche Reise gehen und dabei auf vielfältige Weise ihren ungewöhnlichen Scharfsinn unter Beweis stellen. Walpole spricht davon, dass die drei "Entdeckungen durch eine Kombination von Zufall und Weisheit" machen.  

Im Buch versuche ich, diese Definition sehr ernst zu nehmen und mit dem Begriffspaar Accident/Sagacity die zwei entscheidenden Dimensionen von Serendipity zu markieren. Es stellt sich nämlich durchaus die Frage, ob man mit dem Begriff Serendipity nicht so etwas wie den Basismechanismus von Erfindung und Entdeckung beschreiben kann. Und zwar im Sinne Platons berühmten Paradox aus dem Menon: Demnach ist es unmöglich, auf die Suche nach neuem Wissen oder neuer Erkenntnis zu gehen. Denn wenn man weiß, wonach man suchen muss, ist das Gesuchte nicht mehr neu, und wenn man es nicht weiß, dann kann man auch nicht suchen. Was nichts anderes bedeutet, als dass das Neue immer durch die Katzenklappe des Zufalls in die Welt schlüpfen muss. Es gibt immer Abweichungen, Umwege oder Verirrungen, die dafür sorgen, dass etwas wirklich Neues entsteht. Gleichzeitig müssen die kreativen Potenziale solcher Zu- oder Unfälle aber auch erkannt werden. Und hier kommt eben die zweite Dimension von Serendipity ins Spiel, die Weisheit oder Sagacity.
 

Unsere Kultur ist eine Kultur des geplanten Vorgehens, der Ziel- und der Erfolgsorientierung. Dennoch finden sich zahlreiche Hinweise auf die Macht des Ungeplanten: Erfolge, die sich einstellen, obwohl man sie gar nicht bewusst angestrebt hat. Entdeckungen, die aus purem Zufall gemacht wurden. Im Flow läuft eine Tätigkeit wie von selbst, also ungeplant und ungesteuert. Wir sprechen davon, "einen Lauf" zu haben, oder mehr Glück als Verstand. Da gibt es das Phänomen der Macht der guten Momente. Und auch Wu Wei, die Kunst des Handelns durch Nichthandeln gehört irgendwie in diese Aufzählung. Nicht zuletzt ist da Kairos, den es gilt, beim Schopf zu packen. Gibt es ein allgemeineres Muster hinter diesem Prozess ungewollten Entdeckens? 

Ich finde das eine hoch spannende Frage, weil sie auf einen grundlegenden Irrtum der derzeit gängigen Modernisierungskritik verweist. Natürlich hast du recht, wenn du sagst, dass die moderne Gesellschaft eine der Planung und der Zielorientierung ist, bei der große Überraschungen eher als zu vermeidende Risiken eingestuft werden. Ist die moderne Gesellschaft deshalb aber per se überraschungsfeindlich? Ich glaube es eigentlich nicht …
 

… ich auch nicht, im Gegenteil. Aber das meinte ich auch nicht. Doch es scheint Unklarheit darüber zu herrschen, wie das Neue zustande kommt. 


Wenn wir uns die Kreativitäts- und Innovationsschübe anschauen, die beispielsweise zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren immer wieder stattgefunden haben - und zwar querbeet von Popmusik bis Hochtechnologie -, dann kann man bestimmte Zusammenhänge zwischen Gesellschaftsstruktur und Innovationsfähigkeit erkennen. Was auffällt, ist, dass die gesellschaftliche Innovationsfähigkeit ziemlich eindeutig von einem gewissen Grad an struktureller Entspannung abhängt. Diese Entspannung aber gibt es heute im Zuge der kommerziellen Homogenisierung von Zeit und Raum immer weniger.  

Ich darf daran erinnern, dass der kürzlich verstorbene britische Kulturtheoretiker Mark Fisher die sogenannte digitale Revolution konsequent als Konterrevolution verstand, deren ideologisches Ziel die Eindämmung des gesellschaftlichen Erneuerungsimpulses der 1960er- und 1970er-Jahre war und ist. Die permanente Digitalhypnose durch Smartphones, die Gleichschaltung kultureller Vorstellungswelten in den sozialen Medien, die Homogenisierung unserer urbanen Lebensräume mithilfe "kreativer" und "smarter" Strategien sowie die Beschäftigung großer Teile der Bevölkerung in den vom amerikanischen Anthropologen David Graeber so genannten  "Bullshitjobs", all dies sind Fishers Analyse zufolge Strategien, mit denen das Kapital die kollektive Vorstellungskraft einer von Arbeit befreiten Welt erfolgreich zerstören konnte. Man mag von dieser marxistischen Argumentationslinie halten, was man will, die beschriebenen negativen Effekte auf das gesellschaftliche Imaginationspotenzial sind schwer zu bestreiten. Und hier liegt meines Erachtens auch einer der Gründe dafür, dass so viele von uns das Gefühl haben, die Zukunft wäre verschwunden. 

Der ideologische Clou der Gegenwart, die zu eitel ist, um sich ernsthaft mit ihrer Zukunft zu beschäftigen, besteht nun in der Spiritualisierung und Psychologisierung der Kreativitäts- und Imaginationsfrage. Statt die von neoliberaler Politik künstlich instand gehaltene Knappheit an Imaginationszeit und -raum als Verursacher der derzeitigen Innovationsschwäche anzuerkennen, wird das Problem aufs Individuum abgewälzt. Der Vorwurf lautet, das verweichlichte Individuum sei einfach nicht bereit, seine Komfortzone zu verlassen, jenseits derer der Flow, die magischen Momente oder eben der sprichwörtliche Kairos nur darauf warten, am Schopfe gepackt zu werden. Natürlich sind diese psychologischen Phänomene nicht von der Hand zu weisen. Nur macht es wenig Sinn, diese als individuelle Leistung einzufordern, wenn die gesellschaftlichen Strukturen politisch so programmiert sind, dass sie Prozesse des ungewollten Entdeckens systematisch verhindern.
 

Die heutige Zeit schreit geradezu nach Innovation. Woran lässt sich der widersprechende Befund der Innovationsschwäche festmachen? 

Spontan fällt mir dazu Apples letztes iPhone ein. Ernsthafter geantwortet, ist es doch offensichtlich, dass seit der letzten weltbewegenden Neuerung schon einige Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Es gibt heute nicht die fliegenden Autos, die uns seit den 1950er-Jahren versprochen wurden, und das supersonische Verkehrsflugzeug wartet nach wie vor sehnsüchtig auf seine Wiedergeburt. Mein Befund der derzeitigen Innovationsschwäche ist keineswegs eine isolierte Randthese. Eine Reihe namhafter Ökonomen und Businessgurus sieht das ganz ähnlich. Und wenn wir uns in der heutigen Popkultur umschauen, Beispiel Popmusik, dann wird sehr schnell deutlich, dass auch dort in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur sehr wenig wirklich Neues entstanden ist. Selbstverständlich wäre es ein Irrtum, zu erwarten, dass Innovation sich gleichmäßig über den Lauf der Zeit verteilt. Mein Anliegen ist es, zu zeigen, dass es zwischen der derzeitig allgegenwärtigen Innovationsrhetorik und Realität eine signifikante Kluft gibt. Und die Frage zu stellen, warum es sie gibt und wie sie gegebenenfalls überwunden werden könnte.
 

Seit den 1960er-Jahren steigt der IQ in der Bevölkerung kontinuierlich an, bei Kreativitätstests schneiden Teilnehmer hingegen immer schlechter ab. Das berichtet Henning Beck in seinem Buch Irren ist nützlich. Auch das könnte ein Hinweis sein? 

Das ist sehr interessant, war mir nicht bekannt. Das hängt natürlich auch davon ab, was da genau gemessen wird. Tendenziell verstehe ich Kreativität eher als einen relationalen als einen individuellen Prozess. Andererseits hat Sagacity aber auch eine ganze Menge mit Intelligenz zu tun. Schwierige Frage. Ich werde dem mal auf den Grund gehen. 
 

Du hast gesagt, die gesellschaftlichen Strukturen seien politisch so programmiert, dass sie Prozesse des ungewollten Entdeckens systematisch verhindern. Wie geschieht das? Was kritisierst du? 

Das Problem ist vielschichtig. Im Buch konzentriere ich mich vor allem auf die kontraproduktive Engführung des Innovationsbegriffs und die damit verbundenen Praktiken. Dabei geht es in erster Linie um die Reduktion von Innovation auf eine Praxis, die in den Begriffen von Entrepreneurship und Digitalisierung gefangen ist. Würde sich diese Verengung lediglich auf wirtschaftliche Prozesse beschränken, so wäre dies "nur" hochproblematisch: Wie beispielsweise die Forschung der amerikanischen Ökonomin Mariana Mazzucato zeigt, sind Produkt- und Serviceinnovationen selbst bei Unternehmensgiganten wie Apple in hohem Maße abhängig von öffentlichen Investitionsmitteln. Allerdings beginnt dieser reduktive Innovationsbegriff seit einigen Jahren auch auf die Debatte gesellschaftlicher Erneuerung im Allgemeinen überzugreifen. Seinen Ausgang nahm diese Entwicklung im Silicon Valley, dessen Marketingmaschinen - TED, O’Reilly et cetera - erfolgreich die Botschaft kolportieren, dass die großen Technologieunternehmen Heilsbringer einer neuen Welt seien, in der der digitale Fortschritt Demokratie und Politik überflüssig macht.  

Die Übersetzung dieses Gemischs aus Infantilität und Größenwahn in den europäischen Kontext fand und findet vor allem in den Diskursen und Praktiken der sogenannten Kreativwirtschaft statt. Die Botschaft, dass "making the world a better place" eine Frage der Kombination von digitalem Fortschritt und unternehmerischem Heldentum sei, passt vorzüglich in das Selbstverständnis einer politischen Klasse, deren Mitglieder sich längst als Manager und Technokraten verstehen. Mit der Kreativwirtschaft als Politikfeld haben sie Apparate von "fake innovation" und "post-factual creativity" nach dem Vorbild der Marketingmaschine des Silicon Valley aufgebaut, allerdings ohne die dazugehörige Industrie: Das ist eine öffentlich finanzierte Fantasiewelt, in der "making the world a better place" als eine Kaskade von Simulationen ohne Wirkung auf die Realität inszeniert wird. Was hier produziert wird, sind politische Meme wie "digitale Demokratie", "soziale Innovation" oder "Smart Citizenship", die in unzähligen Programmen, Konferenzen, Calls for Prototypes, Hackathons, Beraterpamphleten und so weiter therapeutisch zelebriert werden. Und weil diese Simulationen als zeitgemäße und effektivere Methoden gesellschaftlicher Veränderung politisch vermarktet wurden, zogen sie zahllose junger "Aktivisten", "Pioniere" und "Change Makers" an. Dabei infizierte die politische Klasse, unterstützt von skrupellosen Sozialunternehmern, eine ganze Generation mit der Vorstellung, dass der beste Weg, die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten, nicht demokratische Politik, sondern eine Mischung aus (subventioniertem) Unternehmertum und (digitaler) Technologie wäre. Das Resultat ist eine Policy-Turnhalle, in der sich die Digital Natives in einer Art "gymnastic of changeless change" austoben können, ohne dass dabei herrschende Machtstrukturen infrage gestellt würden.
 

Das klingt wütend. Was ist der Grund? 

Weil die hier vergeudete Veränderungsenergie der Millennials dann an anderer Stelle fehlt: da nämlich, wo es darum geht, die für gesellschaftliche Innovation notwendigen Infrastrukturen zu verteidigen und weiterzubauen. Es geht um den öffentlichen Raum in all seinen Spielarten: den physischen Raum unserer Städte, der durch "Creative"- und "Smart City"-Programme stets homogener und damit innovationsfeindlicher wird, aber auch den kollektiven Imaginationsraum des abstrakten oder konkreten gesellschaftlichen Miteinanders, den zu zerstören das ausdrückliche Ziel der sogenannten Sharing Economy ist.
 

Eine harte These. Vertreter der Sharing Economy würden einwenden, dass sie neue Formen konkreten gesellschaftlichen Miteinanders entwickeln. Ist das falsch? 

Erst einmal muss man natürlich sagen, dass der Begriff Sharing Economy sehr expansiv gebraucht wird. Da werden Nachbarschaftsinitiativen und Repair Cafés mit digitalisiertem Gebrauchtwarenhandel und Businessmodellen wie Uber oder Airbnb in einen Topf geworfen. Gesellschaftliche Wirkungskraft entfalten derzeit vor allem Letztere, die jedoch mit den von dir genannten "Formen konkreten gesellschaftlichen Miteinanders" nur insoweit zu tun haben, als sie versuchen, jedwede Spielart des Sozialen in Marktbeziehungen zu transformieren.  

Nun ist es natürlich durchaus möglich, eine Position zu vertreten, die eine derartige Durchkommerzialisierung ehemals sozialer Beziehungen begrüßt. Allerdings ist es perfide, in diesem Kontext von Sharing oder Teilen zu sprechen, denn dabei geht es ja genau um das Gegenteil: Es werden digitale Plattformen geschaffen, die es ermöglichen, Teilen in Verkaufen umzuwandeln. Deshalb schlage ich im Buch auch vor, für diese Art des Wirtschaftens den von Sascha Lobo und anderen in die Debatte geworfenen Begriff des "Plattformkapitalismus" zu benutzen. Damit wäre der erste Schritt getan, um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung der einschlägigen Businessmodelle in den Blick zu fassen.  

Und damit kommen wir zur Gerissenheit der Stakeholder des Plattformkapitalismus und ihrer Beratungslakaien, die den Begriff Sharing genau deshalb lieben, weil er die Verwirrung stiftet, die sie benötigen, um ihren digitalen Wirtschaftsvandalismus ideologisch zu verbrämen. Selbstverständlich suchen Plattformkapitalisten die Nähe der oft durchaus sinnvollen sozialen Experimente kollektiven Wirtschaftens und Organisierens, wie sie beispielsweise der deutsch-amerikanische Kulturwissenschaftler Trebor Scholz untersucht. Sie tun dies allerdings nicht, weil Gleich und Gleich sich gern gesellt, sondern weil es der Perpetuierung ihrer Marketinglegende dient. Konferenzformate wie das Pariser OuiShare Fest als Plattformen dieser Legendenbildung spielen dabei übrigens eine recht fragwürdige Rolle. Ich finde, das viel kritisierte "New Eelam"-Projekt von Christopher Kulendran Thomas, zuletzt auf der Berlin Biennale 2016 zu sehen, arbeitet die Obszönität dieser Sharing-Ideologie sehr treffend heraus: Wer wohlhabend genug ist, Anteile an hippen Co-Living-Immobilien zu erwerben, tritt das revolutionäre Erbe der Tamil Tigers an. Besser (oder abenteuerlicher) hätten es auch Brian Chesky oder Rachel Botsman nicht formulieren können.  

Was im Übrigen nicht heißt, dass ich die Effizienz und den ressourcenschonenden Effekt der Digitalisierung von Autovermietung oder des guten alten Gebrauchtwarenladens nicht anerkennen würde. Nutze ich genauso gern wie jeder andere. Hat aber nichts mit Sharing zu tun.
 

Um die Wahrnehmungen zu sortieren: Deine skeptische Position zum allgemeinen Zustand von Kreativität und Innovation kollidiert mit einer anderen Wirklichkeit, wie sie in einschlägigen Publikationen, vor allem aber auf Facebook und Twitter aufscheint: Da scheint alles geradezu vor Ideen und Kreativität zu sprühen. Was ist da los - Fehlwahrnehmung? Nischenphänomen? Selbstinszenierung? 

Ich denke, von allem etwas. Ich treibe mich zu Forschungszwecken ziemlich regelmäßig auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen für Unternehmer herum. Das Letzte, was man da findet, sind kreative oder innovative Ideen. Du hast schon recht, der Zwang zur Selbstinszenierung wird dort überaus schmerzhaft deutlich. Ich finde, Heinz Bude hat das Phänomen in seinem Büchlein Gesellschaft der Angst überraschend hellsichtig beschrieben: Die digitale Boheme befindet sich, vermittelt durch die sozialen Medien, in einer gegenseitigen Vergleichs- und Abstimmungsschleife, die beinah in Echtzeit funktioniert. Diese permanente Fremd- und Selbstbeobachtung führt zu einer Homogenisierung ungekannten Ausmaßes, die sichtbar macht, wie weit sich das Internet von der Serendipity Machine, als die es ja erfunden wurde, mittlerweile wegbewegt hat. Jeder versucht, genauso kreativ, innovativ und awesome rüberzukommen wie die anderen spiegelfechtenden Prekariatskollegen. Das führt zu einer tragikomischen Präsentationsgymnastik, bei der versucht wird, mit in rhetorische Awesomeness gewickelten Binsenweisheiten gegen den Zwang zum Marktkonformismus zumindest symbolisch anzustinken. Bedauerlicherweise zeigt sich, dass diese Form des unfreiwilligen Hyperventilierens im Rhythmus von LinkedIn oder Xing mit hohen psychologischen Kosten verbunden ist. Wer nicht mithalten kann oder die Simulation durchschaut, dem droht der Absturz in die Depression.  

Ich weiß, das klingt nach einer gehörigen Portion Kulturpessimismus, und es liegt mir fern, eine direkte Kausalbeziehung zwischen der Nutzung sozialer Medien und der massiven Zunahme psychischer Krankheitsbilder zu konstruieren. Ich möchte lediglich auf einen Punkt hinweisen: Das populäre Credo, bei der wachsenden Schar selbständiger "Kreativer" handele es sich um die innovative Avantgarde der Gesellschaft, beruht auf einer totalen Fehleinschätzung der Situation. Man kann keine Innovation von jemandem erwarten, von dem man gleichzeitig fordert, sich durch den Flaschenhals von Markt- und Technologiekonformismus zu zwängen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Mitarbeiter und Manager von Großunternehmen in einer besseren Situation befänden. Auch hier gibt es ein Innovationsdilemma, das Businessgurus wie Harvards Clayton Christensen eindringlich kritisieren ...
 

… mit dem Namen Christensen sind wir bei einer weiteren Verwirrung angelangt: der um den Begriff der disruptiven Innovation. Christensen versteht darunter eine ganz spezifische Form des Markteintritts einer Innovation; Uber beispielsweise sieht er nicht als disruptiv. Ist auch das eine Verengung des Begriffs? 

Wenn du damit einverstanden wärst, würde ich vorschlagen, das Dickicht der Business-School-Fachsimpelei über den Innovationsbegriff zu meiden. Geschäftsmodelle wie Uber sind insofern disruptiv, als sie Märkte aus den Angeln heben, indem sie jedermann zum potenziellen Anbieter von Produkten und Diensten machen, und zwar so, dass dabei das komplexe Regelwerk umgangen wird, das die nachhaltige Existenz des Wirtschaftssystems absichern soll. Das mag geschäftlich gesehen clever und in der Tat disruptiv sein - gesellschaftlich und ökonomisch betrachtet ist es vor allem destruktiv.  

Übrigens schließt Christensens Kritik hier nahtlos an: Er beklagt, dass die Bewertungsformeln, mit denen die großen Corporates Investitionsrisiken einschätzen, selbst innovationsfeindlich sind. Was selbstverständlich alles damit zu tun hat, dass sie unter der Fuchtel der Finanzmärkte stehen. Man lässt lieber das Geld "arbeiten", als in riskante Neuerungen zu investieren. Und der gleiche anti-innovative Effekt der Finanzmärkte lässt sich mit Blick auf die Start-up-Kultur des Silicon Valley beobachten, wo massiv Kapital in Apps gepumpt wird, die das Einsammeln von Hundekot gameifizieren, wie Evgeny Morozov das einmal schön auf den Punkt gebracht hat.  

Lassen wir den unternehmerischen Dog Shit links liegen und konzentrieren uns auf die Stars der disruptiven "Sharing Economy", muss man konstatieren, dass der Grund für die disruptiv-destruktive Kraft von Betrieben wie Uber und Airbnb ja nicht in der überwältigenden Wirtschaftlichkeit ihrer Geschäftsmodelle liegt, sondern in der Tatsache, dass ihnen unglaubliche Mengen an Investitionskapital zur Verfügung gestellt werden. Und zwar von Investoren, die in der Realökonomie offensichtlich keine sinnvolleren Investitionsobjekte finden können. Was der weitverbreiteten Annahme, wir lebten in einer Ära gewaltiger wirtschaftlicher Innovation, einen ordentlichen Dämpfer verpassen sollte. Mein Punkt ist jedoch ein anderer: Wenn ein Unternehmen durch massive Überfinanzierung dem Wettbewerb enthoben wird, wenn es seine Wirtschaftlichkeit also gar nicht auf dem Markt zu beweisen braucht, dann hat das nicht das Geringste mit ökonomischer Innovation zu tun, sondern handelt es sich schlichtweg um finanzielles Bullying.
 

Diese "Engführung" des Innovationsbegriffs, von der du sprichst, lässt sich bis in seine Anfänge, bis zu Schumpeter zurückverfolgen. Wenn man genau nachliest, ging es Schumpeter ja nicht um eine Theorie der Innovation, sondern um eine Theorie wirtschaftlicher Entwicklung. Seine Frage war, was die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt, und er nahm Innovationen nur unter dieser Perspektive in den Blick. Alle Innovation, die keine unmittelbar wirtschaftliche Wirkung hat, war damit "außen vor". Das prägte die Wahrnehmung von Innovation. Brauchen wir ein erweitertes Verständnis von Innovation? 

Du hast vollkommen recht: Bei wirtschaftlicher Innovation geht es in erster Linie um Umwandlung einer neuen Entdeckung oder Erfindung in ein Produkt oder eine Dienstleistung. Aber auch hier ist das, was in der Systemtheorie die Umwelt des Systems genannt wird - in diesem Fall des Wirtschaftssystems -, von überaus wichtiger Bedeutung. Der Markt selber ist ja nicht erfinderisch oder innovativ, er ist ein Gleichmacher, der Äquivalente über die Geldfunktion herstellt. Neues kann nur von außen kommen, beispielsweise aus dem öffentlichen Raum. Traditionell ist es die Aufgabe des Staates, die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen der öffentliche Raum - von Stadtplanung über Kultur bis hin zu den Erziehungssystemen - zukunftsträchtig gestaltet werden kann. Neoliberalismus bedeutet die systematische Vernachlässigung dieser Aufgabe zugunsten eines Irrglaubens an die Generalisierbarkeit von Marktbeziehungen. Ich spreche in diesem Kontext von "bad programming", weil damit die gesellschaftliche Infrastruktur der homogenisierenden Macht des Marktes unterstellt wird, was die strukturellen Voraussetzungen für Serendipity zerstört. Man könnte also sagen, dass die derzeitige Innovationsschwäche der Wirtschaft eine ganze Menge mit ihrer schlecht programmierten Umwelt zu tun hat.  

Aber zurück zu deiner Frage. Natürlich könnte man mit Schumpeter sagen: Innovation ist ein rein ökonomischer Begriff, es geht um wirtschaftliche Entwicklung, nicht um gesellschaftliche Erneuerung. Das würde die von mir soeben ins Feld geführten Probleme zwar nicht aus der Welt schaffen, aber im Prinzip hätte ich gegen eine derartige "Engführung" des Begriffs nichts einzuwenden.  

Das eigentliche Problem besteht darin, dass die Expansion des Innovationsbegriffs ja bereits von den Befürwortern sogenannter sozialer Innovationen sehr erfolgreich betrieben wird. Wie ich bereits gesagt habe, werden gesellschaftliche Erneuerungsprozesse dabei als Problemlösungsaufgaben missverstanden, denen mit der Kombination aus Entrepreneurship und digitaler Technologie zu Leibe gerückt werden kann. Natürlich ist das völliger Unsinn. Um die Logik gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu verstehen, sollte man Schumpeter zur Seite legen und stattdessen seinen französischen Zeitgenossen, den Soziologen Gabriel Tarde, zur Hand nehmen. Das ist jedenfalls, was ich in meinem Buch versuche.
 

Schumpeter hat Tardes Schriften wohl gekannt. Und hat sich vermutlich mit seinem Innovationsbegriff bewusst von dem Tardes abgesetzt - eben weil ihn bahnbrechende ökonomische Innovationen interessierten, nicht der Strom gesellschaftlicher Innovation, auf den Tarde schaute. Das Innovationsverständnis hat sich also früh geteilt. Lässt sich das wieder zusammenbringen? Im Sinne eines integrierenden Verständnisses von Innovation? 

Ja, Tarde war zu seiner Zeit sehr einflussreich - Simmel beispielsweise hat seine Bücher rezensiert und es gab in der Tat auch diesen Einfluss auf Schumpeter. Aber ich würde deine Frage gern mit einer Gegenfrage beantworten. Könnte es vielleicht sein, dass sich der Innovationsbegriff gar nicht zu der von dir angeregten Integration eignet?  

Innovation basiert auf der logischen Differenz alt/neu. Das ist gut genug (aber natürlich nicht ganz ausreichend) für den Markt, aber nicht einmal annähernd befriedigend, wenn es um die Frage geht, wie eine erstrebenswerte Zukunft unserer Gesellschaft(en) aussieht. Dafür haben wir ein demokratisches politisches System. Die Tatsache, dass die Institutionen der repräsentativen Demokratie dringend weiterentwickelt werden müssen, bedeutet keineswegs, dass wir sie durch Apps, die grüne Smoothies in der Stadt verteilen, ersetzen könnten oder sollten. Das ist es aber genau - okay, vielleicht leicht überspitzt -, was die Apologeten von sozialer Innovation vorschlagen.  

Obwohl ich kein Freund der Kybernetik bin, denke ich, dass wir von der Systemtheorie lernen können, dass sich die Logik der Ökonomie nicht auf den Rest der Gesellschaft übertragen lässt. Gesellschaft funktioniert, wenn alle Subsysteme funktionieren. Die neoliberale Selbstverstümmelung des Staates und die damit verbundene Zerstörung des öffentlichen Lebens - inklusive Wohlfahrtsstaat - haben nicht nur der rechtspopulistischen Katastrophe Vorschub geleistet, sie haben auch die Innovationskraft der Ökonomie beschnitten, weil es kaum noch gesellschaftlichen Raum für Müßiggang und Spinnerei gibt, in dem radikal Neues erträumt werden könnte. Die Ironie der Geschichte besteht unglücklicherweise darin, dass die Prozesse, die zur letzten großen Innovationswelle, der digitalen Revolution, geführt haben, heute von eben dieser verhindert werden.  

Silicon Valley konnte entstehen, weil in den 60ern die Erkenntnisse ziemlich verrückter Wissenschaftler mit der Gegenkultur der Hippies kollidierten. Das war Serendipity im großen Stil. Heute gibt es weder an den Universitäten Raum für mutige Forscher, noch gibt es den gesellschaftlichen Raum für wirklich radikale kollektive Experimente. Und das hat, glaube ich, eine ganze Menge damit zu tun, dass da, wo in unserer kollektiven Vorstellung die Zukunft hingehört, heute ein Bild von Silicon Valley steht.  

Wer sich integral für gesellschaftliche Veränderung und wirtschaftliche Innovation einsetzen will, der sollte vor allem die Therapie- und Fitnesscamps der sogenannten sozialen Innovationen verlassen und sich für die Wiedergewinnung des öffentlichen Raums einsetzen. Und das geht nicht am Staat vorbei. Gesellschaftliche Veränderung - oder wenn du so willst, wirkliche soziale Innovation - führt über politische Machtprozesse und über den Staat. Die "Change-Makers" von rechts außen haben das längst erkannt, während sich die liberale Linke noch im Urban Garden ihre gemeinschaftliche Happiness aus dem 3-D-Drucker holt.
 

Ist es das, was du mit deinem Plädoyer für eine radikale Politik der Innovation meinst? 

Ich denke schon. Zumindest glaube ich, dass wir den Staat, so überholt er angesichts der globalen Herausforderungen auch scheinen mag, nicht übersehen dürfen.  

Andererseits geht es mir aber auch nicht darum, die derzeit existierenden Experimente in alternativen Wirtschaftspraktiken und - wie du es formulierst - "neuen Formen konkreten gesellschaftlichen Miteinanders" für nichtig zu erklären. Sie müssen jedoch breiter gedacht und praktiziert werden, als es das ideologische Gebräu aus Entrepreneurship und digitaler Weltrettung derzeit erlaubt. Dazu brauchen wir dringend eine Debatte über die zeitgemäße Neuerfindung des öffentlichen Raums als Garant der gesellschaftlichen Diversität, die für das Entstehen wirkungsvoller Serendipity unabdingbar ist. Wir können nicht so tun, als gäbe es unter der Oberfläche der modernen Gesellschaft eine organische Allmende (Commons), die nur auf ihre dialektische Erweckung durch die digitale Technologie wartet. Das ist magisches Denken, das Jeremy Rifkin hilft, seine Beratungsprodukte zu verkaufen; politisch gesehen ist das jedoch eine Sackgasse.
 

Ich meine da, eine Parallele zu identifizieren: So wie die Wirtschaft Innovation instrumentalisiert, um Gewinne und Marktmacht zu erzielen, sehen die Vertreter sozialer Innovation diese als Instrument, eine aus ihrer Sicht wünschenswerte gesellschaftliche Veränderung einzuleiten. Beides ist legitim, aber die Schönheit von Tardes Verständnis gesellschaftlichen Wandels liegt gerade in seiner Offenheit … 

... aber eben auch darin, dass es die Grenzen des Innovationsbegriffs für die Frage, wie gesellschaftliche Entwicklung oder Erneuerung vonstattengeht, aufzeigt. Nicht umsonst weicht Tarde ja dem Begriff der Innovation aus, um stattdessen die benachbarten Konzepte von Erfindung und Imitation ins Spiel zu bringen. Das sind überaus komplexe gesellschaftliche Prozesse, auf die man nicht einfach die Schablone von Silicon-Valley-Start-ups legen kann. Genau das aber tun die sogenannten Thought Leaders der sozialen Innovation, wie beispielsweise der Nesta-Chef Geoff Mulgan. Tarde und unser gesunder Menschenverstand sagen uns, dass das der falsche Ansatz ist. Gesellschaftliche Neuerungsprozesse lassen sich glücklicherweise (noch) nicht auf die Logik von App-Entwicklung reduzieren.
 

Was bedeutet eine radikale Politik der Innovation konkret? Etwa darauf zu verzichten, Kreativität und Innovation fördern zu wollen, weil dies die Möglichkeit von Serendipity unterläuft? 

Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass wir die Debatte auf eine höhere Ebene legen müssen. Natürlich sollen Individuen kreativ und Organisationen innovativ sein. Allerdings ist es dafür notwendig, dass die (infra)strukturelle Umwelt, in der sie sich bewegen, so designt oder programmiert wird, dass die Möglichkeit für diversen In- und Output überhaupt erst einmal gegeben ist. Es geht um die Schaffung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Serendipity, die der Entwicklung kreativer Individuen und innovativer Organisationen zuträglich ist. Und dafür brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte. Die aber steht derzeit leider noch aus.
 

Das Interview haben wir schriftlich in einem Frage-Antwort-Pingpong per E-Mail geführt.
 


Zitate


"Das populäre Credo, bei der wachsenden Schar selbständiger "Kreativer" handele es sich um die innovative Avantgarde der Gesellschaft, beruht auf einer totalen Fehleinschätzung der Situation. Man kann keine Innovation von jemandem erwarten, von dem man gleichzeitig fordert, sich durch den Flaschenhals von Markt- und Technologiekonformismus zu zwängen." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Wenn ein Unternehmen durch massive Überfinanzierung dem Wettbewerb enthoben wird, wenn es seine Wirtschaftlichkeit also gar nicht auf dem Markt zu beweisen braucht, dann hat das nicht das Geringste mit ökonomischer Innovation zu tun." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Neues kann nur von außen kommen, beispielsweise aus dem öffentlichen Raum." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Wird die gesellschaftliche Infrastruktur der homogenisierenden Macht des Marktes unterstellt, zerstört das die strukturellen Voraussetzungen für Serendipity." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Die Logik der Ökonomie lässt sich nicht auf den Rest der Gesellschaft übertragen. Gesellschaft funktioniert, wenn alle Subsysteme funktionieren." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Die neoliberale Selbstverstümmelung des Staates und die damit verbundene Zerstörung des öffentlichen Lebens haben die Innovationskraft der Ökonomie beschnitten, weil es kaum noch gesellschaftlichen Raum für Müßiggang und Spinnerei gibt, in dem radikal Neues erträumt werden könnte." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Wer gesellschaftliche Veränderung und wirtschaftliche Innovation will, der sollte sich für die Wiedergewinnung des öffentlichen Raums einsetzen." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Gesellschaftliche Veränderung - oder wirkliche soziale Innovation - führt über politische Machtprozesse und über den Staat." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Wir brauchen dringend eine Debatte über die zeitgemäße Neuerfindung des öffentlichen Raums als Garant der gesellschaftlichen Diversität, die für das Entstehen wirkungsvoller Serendipity unabdingbar ist." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Das Neue schlüpft immer durch die Katzenklappe des Zufalls in die Welt." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Die gesellschaftliche Innovationsfähigkeit hängt von einem gewissen Grad an struktureller Entspannung ab. Diese Entspannung aber gibt es heute im Zuge der kommerziellen Homogenisierung von Zeit und Raum immer weniger." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

"Die gesellschaftlichen Strukturen sind politisch so programmiert, dass sie Prozesse des ungewollten Entdeckens systematisch verhindern." Sebastian Olma: Raum für Müßiggang und Spinnerei

 

changeX 07.04.2017. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: In Defence of Serendipity. Repeater Books (Penguin Random House), London 2017, 240 Seiten, 14.95 $, ISBN 9781910924341

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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