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Her mit der Abrissbirne

Ein Lehrer traut sich und plädiert für eine radikale Bildungsreform. Ein Interview mit Roland Seidl.
Text: Annegret Nill

Das beste Konjunkturprogramm sähe so aus: Die Schulen einreißen und neue bauen. Mit neuer Architektur und neuer Pädagogik. Ohne Bulimielernen und Pauken im Gleichschritt. Davon profitierte nicht nur die Bauwirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft. Denn bessere Bildung zahlt sich in höherer Wirtschaftsleistung aus.

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Roland Seidl ist seit gut drei Jahrzehnten Lehrer für Mathematik und Physik. Seit 1998 unterrichtet er an einer Integrierten Gesamtschule in Hessen. In seinem Buch Reißt diese Schulen ein! fordert er ein radikales Umdenken in der Bildungspolitik.

Herr Seidl, im Moment wird – wieder einmal – für bessere Bildung gestreikt. Auch die Schüler gehen fleißig auf die Straßen. Sie fordern ein radikales Umdenken. Was läuft schief an den deutschen Schulen?
In den Schulen herrscht eine Kultur des Drucks und der Ausgrenzung, die in den Noten begründet liegt. Wenn ein Schüler im Leben weiterkommen will, braucht er gute Noten. Und die versucht er mit möglichst geringem Aufwand zu bekommen. Daraus ergibt sich eine problematische Grundhaltung der Schüler und der Eltern, die das Interesse an dem zu Lernenden in den Hintergrund und die Note in den Vordergrund rückt.

Die alte Art, Schule zu machen, hat aber doch ein Jahrhundert lang funktioniert. Warum jetzt nicht mehr?
Die Kinder haben sich geändert, die Schule aber nicht. Wenn Sie heute in eine erste Klasse gehen, haben Sie ein weites Leistungsspektrum. Es gibt Schüler, die können lesen, schreiben, rechnen. Und gibt es welche, die werden das nach drei Jahren noch nicht richtig können. Es ist eine Kunst, die schwachen Kinder an die Inhalte heranzuführen und die, die schon alles können, nicht zu langweilen. Durch Lernen im Gleichschritt gelingt das nicht. Dann ist es vorprogrammiert, dass die Kinder auf der einen Seite das Interesse verlieren und auf der andern Seite hoffnungslos überfordert sind. Schon in der Grundschule verlieren die Kinder so ihre Neugier.

Sie sagen also: Neugier fördert die Schule nicht. Was fördert sie denn?
Das ist eine gute Frage. Die Neugier müsste den Kindern jedenfalls erhalten bleiben, damit erfolgreiches Lernen stattfinden kann. Ich war bei der Demonstration in Wiesbaden. Da forderten die Schüler eine Schule, bei der es Spaß macht, morgens dort hinzugehen. Sie forderten ein längeres gemeinsames Lernen. Die Schüler gebrauchten auch einen Ausdruck, den ich von Hartmut von Hentig kenne: Bulimielernen.

Was verstehen Sie denn unter Bulimielernen?
Die Schüler haben das so formuliert: Sie konsumieren einen Stoff, der ihnen verabreicht wird, bis es ihnen an der Kante steht. Dann gehen sie nach Hause und kotzen alles wieder aus.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch von einer „verdeckten Rebellion gegen das bestehende Schulsystem“. Was meinen Sie damit?
Da ist eine Unzufriedenheit mit dem System, eine Ablehnung, aus der viele Probleme entstehen: Schüler, die querschießen. Eltern, die querschießen. Klagen über Kleinigkeiten. Vandalismus. Ursache dafür sind auch die Schulräume. Als die Wirtschaftskrise im Vordergrund stand, hat sich unsere Bundesministerin hingestellt und gesagt, wir werden im Rahmen des Konjunkturprogramms einige Milliarden in die Schulen geben, um sie zu renovieren ...

... das ist doch schön, was kritisieren Sie daran?
... das ist wunderbar. Das Problem kommt, wenn ich mich mit der Gießkanne hinstelle und Geld verteile, mit dem dann Wände gestrichen und Dinge repariert werden. Den alten Mist neu anzustreichen – davon bekommen wir keine bessere Schule. Wichtiger wäre es, mit dem Geld neue architektonische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Noch einmal das Beispiel Räume. Die sind einfach zu klein. Jedes Lebewesen hat eine bestimmte Fluchtdistanz; die wird in den Schulen deutlich unterschritten. Allein das schafft schon Unruhe und ein großes Aggressionspotenzial. Ich merke das in der Praxis, wenn ich mit einer Gruppe einmal in einem größeren Raum arbeite und man diese Unruhe nicht so hat.

Jedes Jahr verlassen etwa 80.000 Schüler das Schulsystem ohne Abschluss. Hunderttausende junge Leute befinden sich in sogenannten Warteschleifen, das heißt, sie bekommen trotz Weiterbildungsmaßnahmen keine Lehrstellen. Sie vergleichen das jetzige Schulsystem daher mit einem Medikament, das bei einem Prozent der Patienten den Tod – sprich „Schulbehinderungen“ – auslöst und dennoch nicht vom Markt genommen wird. Könnten Sie erklären, was Sie damit genau meinen?
Wir fabrizieren unsere Schulversager im dreigliedrigen System zum großen Teil selbst. Schüler werden aufgrund ihres Verhaltens oder ihres Lernumfelds, ihres familiären Hintergrunds in die Hauptschule geschickt, auch wenn sie von ihrer Intelligenz her das Gymnasium besuchen könnten. Ich habe andersherum ein Kind erlebt, bei dem Schwierigkeiten am Gymnasium vorherzusehen waren. Die Eltern haben es trotzdem dorthin geschickt. Es scheiterte dort, kam auf die Realschule, scheiterte wieder, kam auf die Hauptschule und verließ diese schließlich ohne Abschluss. Solche Karrieren meine ich. Sie werden durch das System produziert.

Es besteht also dringender Handlungsbedarf. Warum passiert dennoch nichts?
Eine wichtige Frage, die ich so nicht beantworten kann. Vielleicht ist der entscheidende Punkt, dass man kein Geld ausgeben will. Es ist billiger, Druck auf die Lehrer auszuüben.

Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, ist das aber eine Rechnung, die nicht aufgeht. Sie sprechen von den verdeckten Kosten des Schulsystems. Welche sind das?
Die Sitzenbleiber beispielsweise verursachen jedes Jahr einen Milliardenbetrag. Ein anderer Punkt: Die 16 Kultusministerien der Länder kosten viel Geld. Ein Kultusministerium auf Bundesebene wäre billiger und könnte mehr bewirken. Der größte Kostenfaktor sind aber die langfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen aus nicht erreichter Bildung. Ludger Wößmann hat PISA aus ökonomischer Sicht untersucht. Er fand heraus: Die Steigerung der Schülerleistungen um 40 PISA-Punkte lässt das Bruttosozialprodukt langfristig um 0,5 bis 0,8 Prozent wachsen. Bessere Bildung hat eine höhere Wirtschaftsleistung zur Folge. Das sind Milliarden, die da nicht erwirtschaftet werden! Jürgen Kluge, der Chef von McKinsey Deutschland, hat vorgerechnet, dass sich jeder in Bildung investierte Euro volkswirtschaftlich langfristig wahrscheinlich mit drei oder vier Euro auszahlt: weniger Arbeitslose, weniger Kriminalität und so weiter.

Sie sagen also: Die Kultusminister sind kurzsichtig. Es braucht ein radikales Umdenken, das diese Kosten einbezieht.
Richtig.

Sie fordern ein radikales Umdenken auf allen Ebenen. Gehen wir noch mal auf die Ebene der Schulen zurück. Was sollten Schulen heute fördern?
Die Schulen sollten die Stärken der Kinder besser erkennen, stützen und fördern. Andreas Müller vom Institut Beatenberg in der Schweiz macht das Problem des heutigen Systems anhand von Tieren schön deutlich. Beispiel Ente: Die kann schwimmen, fliegen und laufen. Schwimmen kann sie am besten, fliegen – na ja, geht so. Im Laufen ist sie am schlechtesten. Wenn die in die deutsche Schule ginge, würde man feststellen, dass sie nicht laufen kann, und würde das mit ihr intensiv trainieren. Mit der Folge, dass sie im Schwimmen schlechter wird und an Selbstvertrauen verliert.

Schulen fördern nur die Schwächen?
Ja. Nur wenn ich alle Schüler in ihren Potenzialen fördere, die besseren wie die schwächeren, erreiche ich unterm Strich das beste Bildungsergebnis und das nützt der Gesellschaft am meisten.

Sie sagen, Integrierte Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen funktionieren da etwas anders als die gegliederten Schulformen Gymnasium, Real- und Hauptschule. Was zeichnet sie aus?
In beiden Schulformen lernen die Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam. In Gemeinschaftsschulen arbeiten sie außerdem individualisiert. Dadurch fällt der Stress weg, eventuell einen Kurs nicht zu schaffen. An Integrierten Gesamtschulen gibt es diesen Stress noch. Denn da lernen die Schüler in ihren Kursen noch im Gleichschritt und sind auch von der Abstufung in eine niedrigere Schulform bedroht – auch wenn sie leichter wieder in die höhere aufrücken können.
Mit Gleichschritt meine ich nicht nur Frontalunterricht, sondern jede Unterrichtsform, die ein Ziel setzt, das jeder zu einer bestimmten Zeit erreicht haben muss. Beispiel Wochenplan: Wenn der alle Kinder darauf festlegt, bis zum Ende der Woche das Gleiche zu schaffen, ist das nicht wirklich individualisierendes Lernen. Dann gerät der schwache Schüler zum Wochenende hin immer mehr unter Druck.

Sie gebrauchen in Ihrem Buch den Begriff „nachhaltiges Lernen“. Was verstehen Sie darunter?
Uns Lehrer frustriert maßlos, dass man mit Schülern einen bestimmten Stoff durchnimmt. Ein Vierteljahr später will man auf den Stoff zurückgreifen – und greift ins Leere. Dann frage ich mich doch: Entschuldigung, wofür habe ich denn jetzt gearbeitet? Nachhaltig ist Lernen dann, wenn das Gelernte auch nach einem Jahr noch da ist.

Und wie erreicht man nachhaltiges Lernen?
Hartmut von Hentig sagt: Man sollte die Schüler nicht belehren, sondern sie sollten sich bewähren. Das heißt: Sie sollen in Projekten und an realen Situationen lernen. Das, was die Schüler tun, muss eine Bedeutung für sie haben. Dann wird das Gelernte ganz anders verankert.

Wie bekommt man die Schulen dazu, sich zu verändern?
Die heutigen Vorzeigeschulen sind häufig Schulen, die am Boden waren. Die Schüler liefen ihnen weg, sie standen vor der Schließung. Dann haben sich die Betroffenen zusammengesetzt. Von diesem Moment an ging in der Schule ein radikales Umdenken los. Die Veränderung kam also von innen. Das Entscheidende dürfte die innere Haltung der Betroffenen sein. Es ist sehr problematisch, so etwas von oben zu verordnen. Denn Verordnetes wird unterlaufen.

Warum ist es so schwer, die Haltung zu ändern?
In der Öffentlichkeit ist eine der Hauptbremsen das Gymnasium. Das grenzt die Schüler in zweifacher Hinsicht voneinander ab. Zum einen mit der Botschaft: Wer aufs Gymnasium geht, hat es geschafft. Zum anderen sehen Eltern ihr Kind gerne auf dem Gymnasium, um es von den problematischeren Kindern abzuschirmen – nach dem Motto: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Auch die Gymnasiallehrer sind gewissermaßen in einem Schutzraum und viele wollen nicht auf einer Gesamtschule unterrichten. Da gibt es ein riesiges Blockadepotenzial.

Wie kann man das Schulsystem trotzdem verändern?
Ich sehe den Weg zu anderen Schulformen darin, dass man diese vorlebt. Dass man also neben den vorhandenen Schulen Gemeinschaftsschulen installiert und zeigt, wie Kinder ohne Druck lernen und trotzdem das Ziel erreichen – oder sogar besser sind. Nehmen Sie die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden oder die Offene Schule Waldau in Kassel. Diese Schulen bekommen so viele Anmeldungen von Gymnasialschülern, dass sie ihre Schulen komplett mit ihnen füllen könnten. Das tun sie aber nicht. Sondern sie mischen ihre Schülerschaft so, dass sie einen repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft und das gesamte Leistungsspektrum haben. Und sind damit sehr erfolgreich.

Ihr Fazit ist also: Die Schulen müssen einfach selbst damit anfangen, es anders zu machen.
Das greift zu kurz, so läuft es zurzeit. Um die notwendigen durchgreifenden Änderungen auf breiter Front herbeizuführen, muss an vielen Schrauben gedreht werden. Das betrifft im Schwerpunkt drei Dinge: erstens die innere Haltung aller am Lernen Beteiligten, zweitens die schulpolitischen Strukturen und drittens die notwendigen Ressourcen – Geld und Personal.


changeX 30.11.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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: Reißt diese Schulen ein!. Wege aus der Bildungskrise. Kösel Verlag, München 2009, 240 Seiten, ISBN 978-3-466308552

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Autorin

Annegret Nill
Nill

Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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