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Zartbesaitet

Hochsensibilität ist eine Stärke - ein Gespräch mit Kathrin Sohst
Interview: Winfried Kretschmer

Heulsuse, Mimose, Sensibelchen - lange hat man sie abgetan: Menschen, die empfindsamer reagieren, intensiver wahrnehmen, leichter reizbar sind als andere. Nach den leisen Menschen entdeckt man nun auch die zartbesaiteten als eigenes Temperament mit besonderen Eigenschaften. Eigenschaften, die in einer Welt, in der immer noch Härte und Durchsetzungskraft zählen, besonders gebraucht werden: hohe Empathie, vernetztes Denken, Kreativität, Tiefgründigkeit und Lösungsorientierung.

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Eine Interviewanfrage mit Bitte um einen baldigen Termin. Routine. Doch dann eine ungewöhnliche Antwort. Unser Einstieg ins Thema: Hochsensibilität. 

Kathrin Sohst ist selbst hochsensibel, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Thematik und versteht sich als Botschafterin für Hochsensibilität. Ihr Buch Zart im Nehmen ist soeben bei GABAL erschienen.
 

Frau Sohst, als wir uns für dieses Interview verabredet haben, war Ihr Buch gerade druckfrisch unterwegs zu Ihnen. Sie schrieben, Sie seien deswegen gerade ein wenig "zart-stark-out-of-control" und nicht recht bereit für das Interview. Ein Ausdruck von Hochsensibilität? 

Die Tatsache, dass ich positiv mit der Hochsensibilität umgehe und mich auf die Stärken und das Schöne daran fokussiere, hat natürlich nicht zur Folge, dass ich nicht mehr hochsensibel bin. Bei neuen Erfahrungen wie dem Erscheinen meines Buches jetzt bin ich sehr aufgeregt. Ich erlebe und verarbeite das intensiv. Da kann es dann schon mal sein, dass das Leben nicht in den gewohnten Bahnen verläuft und die Emotionen ein bisschen stärker die Kontrolle übernehmen, vor allem bei neuen Eindrücken und Erfahrungen.
 

Hochsensibilität heißt? 

Unter Hochsensibilität versteht man eine hohe Wahrnehmungsintensität und Verarbeitungstiefe sowohl von Sinnesreizen als auch von Emotionen. Das bringt eine leichtere Überreizbarkeit mit sich. Inzwischen geht die Forschung davon aus, dass bei hochsensiblen Menschen die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn anders sind. Es ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal oder ein Temperament.
 

Also kann es einem hochsensiblen Menschen passieren, dass ihn etwas schneller aus der Bahn wirft als andere Menschen? 

Ja. Hochsensible nehmen grundsätzlich Sinnesreize wie Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Wärme, Kälte, Vibration, optische Reize et cetera verstärkt wahr. Welche Sinne betroffen sind, ist unterschiedlich. Bei mir sind es vor allem der Geschmack und das Gehör. Typisch ist auch eine emotionale Tiefe. In einer stressigen Phase ist diese intensive Wahrnehmung enorm anstrengend. Das führt schnell zur Überreizung und löst zusätzlichen Stress aus; Cortisol wird ausgeschüttet, das ist ein ganz normaler körperlicher Prozess.  

Es ist gut, diese Mechanismen zu kennen, weil man dann eine Strategie "dagegen" entwickeln kann. In solchen Situationen nehme ich mir nicht so viel vor. Ich schlafe mehr und sorge zwischendurch für Bewegung und Pausen. Die müssen gar nicht lang sein. Es geht nur darum, innezuhalten und sich klarzumachen: Wo stehe ich gerade, wie geht’s mir, was brauche ich jetzt?
 

Und wie haben Sie festgestellt, dass Sie hochsensibel sind? Vermutlich reagiert die Umwelt zunächst mal abweisend und mit Unverständnis: "Das ist eine Mimose", "Das ist ein Sensibelchen", "Die ist vielleicht empfindlich" und so weiter. 

Wie viele Hochsensible habe ich immer wieder derartige Sätze gehört: "Stell dich nicht so an!", "Sei doch nicht so empfindlich!", "Musst du immer gleich heulen?", "Nur die Harten kommen in den Garten!" - und es gibt noch viel mehr von diesen Sätzen. Da merkt man natürlich recht schnell, dass man anders ist.
 

Wie anders? Und worin äußerte sich das? 

Ein zentraler Punkt ist der Gerechtigkeitssinn. In der Schule habe ich gemerkt, dass ich stark mitfühlte, wenn andere getadelt wurden. Den anderen Mitschülern war so etwas aber relativ gleichgültig. Auch Scham ist ein Thema. Als Kind habe ich mich oft geschämt, auch fremdgeschämt. Vor allem, wenn Dinge passierten, die ich nicht richtig einordnen konnte. Viele hochsensible Menschen sind Idealisten und haben hohe Werte. Das kann sich positiv wie negativ auswirken. Wenn die Ansprüche an sich selbst und andere zu hoch werden, kann das belasten. Wenn wir unsere Werte entspannt leben und so in die Gesellschaft hineinwirken, ist das sehr wertvoll.
 

Gibt es denn überhaupt eine einheitliche Beschreibung von Hochsensibilität? In Ihrem Buch hatte ich eher den Eindruck, dass unterschiedliche Eigenschaftenbündel in ganz individueller Ausprägung auftreten können.  

Die bisher erforschten Merkmale für Hochsensibilität sind erhöhte Sinnessensibilität, intensive Emotionalität, leichtere Überreizbarkeit und eine große Verarbeitungstiefe. Brigitte Küster aus der Schweiz drückt das noch kürzer aus: Es ist eine schmale Komfortzone, das lange Nachhallen und die schnellere Überreizbarkeit ...
 

... das heißt, man fällt schnell raus aus dem - in Anführungszeichen - "Normalfühlbereich"? 

Was ist schon normal? Aber ich weiß natürlich, was Sie meinen. Hochsensible, die auf durchschnittlich sensiblen Pfaden laufen, kommen schnell raus aus dem Normalfühlbereich. In unserer Gesellschaft ist es kaum möglich, nur auf "hochsensiblen" Pfaden zu wandeln. Und da das Phänomen jetzt erst bekannt wird, fehlt vielen Menschen auch die Erklärung, warum sie anders ticken und wo sie ansetzen könnten, um für sich etwas positiv zu verändern.
 

Wann ist das Phänomen erstmals beschrieben worden? 

Wolfgang Klages, Doktor der Medizin und seinerzeit Direktor einer psychiatrischen Klinik in Aachen, hat in den 1970er-Jahren bereits Patienten beschrieben, die als sensibler auffielen, aber den nötigen Lebenswillen, Humor oder die Resilienz mitbrachten, trotz der hohen Reizbelastung positiv mit den Dingen umzugehen. Das zeichnet viele Hochsensible aus. Den Begriff "Hochsensibilität" hat dann Elaine N. Aron in den 1990er-Jahren geprägt. 

Heute geht man davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Menschen hochsensibel sind. Also keine kleine Minderheit. Hochsensible leiden aber nicht zwangsläufig unter ihrer Hochsensibilität. Viele machen einfach ihren Job und haben für sich Wege gefunden, auf ihre Bedürfnisse zu achten und so den Stress zu reduzieren. In der Wirtschaft sitzen mit Sicherheit auch Hochsensible an tollen Positionen und wirken mit ihrer besonderen Art. Nur geraten Menschen, die aufgrund ihrer hohen Wahrnehmung krank werden oder Probleme bekommen, stärker in den Fokus der Öffentlichkeit.
 

Wie sind Sie dahin gekommen, aktiv und positiv mit diesem Temperament umgehen zu können? 

Ich habe mich über die Jahre als motivierten, aufgeschlossenen, irgendwann dann gut ausgebildeten Menschen erlebt, der Lust hat, Dinge zu bewegen. Auf der anderen Seite bin ich immer wieder an Grenzen gestoßen. Zum Beispiel war es für mich wahnsinnig schwierig, mich nach der Schule zu entscheiden, was ich jetzt tun will. Ich habe nächtelang den Studienführer gewälzt. An solchen Punkten merkt man: Ich bin anders leistungsfähig als die anderen. Dass ich das so ausdrücke, ist bereits ein Ergebnis von Reflexion. Zunächst aber haben solche Erfahrungen auf mein Selbstbewusstsein geschlagen. Ich dachte: "Was ist mit mir los? Bin ich nicht in der Lage, mein Leben zu leben?" Ich ging stark in die Anpassung und fiel dann immer wieder in Kraftlöcher, war wochenlang traurig und erschöpft. Das war aber keine Depression, sondern meine Reizspeicher waren einfach voll.  

Inzwischen weiß ich: Ich bin genauso leistungsfähig wie andere, ich brauche nur andere Wege und das Selbstbewusstsein, auf meine Bedürfnisse zu achten. Ich habe mich intensiv mit dem Thema Hochsensibilität auseinandergesetzt und hier meinen Ansatzpunkt entdeckt. Das hat funktioniert. Für viele Hochsensible tut sich eine Tür auf, wenn sie sich damit auseinandersetzen und erfahren: Das ist ein bekanntes Phänomen, damit bin ich nicht alleine. Ganz konkret: Für mich sind Aspekte wie ausreichend Schlaf, Yoga, Atemmeditation, regelmäßige Spaziergänge mit dem Kontakt zur Natur - je einsamer desto besser - und bewusste Pausen nicht mehr wegzudenken.
 

Versuchen wir eine Orientierung im begrifflichen Feld. Da sind Phänomene wie Hochsensibilität, Hochsensitivität bis hin zu Hochbegabung, Vielbegabung und andere Ausprägungen, die oft nebeneinander genannt werden. Wie würden Sie da eine begriffliche Abgrenzung vornehmen? 

Hochbegabung kann man klar abgrenzen. Sie ist im wissenschaftlichen Verständnis rein durch intellektuelle Intelligenz definiert und meint einen IQ über 130. Das ist das, was derzeit getestet wird, wenn es um das Thema Hochbegabung geht. Auch wenn da musische, sportliche oder künstlerische Hochbegabungen nicht mit berücksichtigt werden. 

Bei Hochsensibilität und auch Hochsensitivität handelt es sich hingegen um eine Art Wahrnehmungsbegabung. Ich finde dieses Wort sehr schön, es ist positiv und enthält eigentlich alles. Andere Autoren meinen mit Hochsensitivität die Wahrnehmung auf einer spirituellen Ebene: hohe Intuition, sechster Sinn, teilweise auch Hellsichtigkeit oder Hellfühligkeit.  

Ich habe mich für den Begriff "Hochsensibilität" entschieden, weil ich festgestellt habe, dass die verschiedenen Phänomene häufig miteinander einhergehen. Hochsensibilität umfasst vier Ebenen: die Sinnessensibilität, die empathische Ebene, die kognitive Ebene und die spirituelle. In meinem Verständnis und Erleben gehört das alles zusammen.  

Die Forschung zu Hochsensibilität und Hochsensitivität ist noch sehr jung. Vieles ist noch nicht 100-prozentig erklärbar und abgrenzbar. Die Sinne kann man noch am besten messen. Aber Empathie, die stark vernetzt denkende kognitive Ebene und erst recht Intuition, also die spirituelle Ebene, lassen sich ja ganz schlecht untersuchen. Deshalb muss man weiter forschen. Ich bin gespannt auf die Forschungsergebnisse der nächsten Jahre.
 

Seit einigen Jahren gibt es eine erhöhte Sensibilität für Unterschiede, für Abweichungen, für unterschiedliche Facetten: für die leisen Menschen, die Intros, die Sensiblen. Kann man sagen, dass hier ganz neue und unterschiedliche Facetten von Menschsein entdeckt werden? 

Diese Ausprägungen gab es - denke ich - schon immer. Man hat sie früher nur nicht klassifiziert und oft auch gar nicht zugelassen. Heute entsteht erst der Raum, sich mit solchen Nuancen auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass diese Menschen früher sich selber sehr hart gemacht haben, um überhaupt überlebensfähig zu sein. Doch wenn man Emotionen dauerhaft unterdrückt, wirkt sich das negativ nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf den Körper aus. Ich würde gerne das Thema Sensibilität und auch Emotionen hoffähig machen. Es ist wichtig, dass das Menschliche, das Sensible, das Zarte und das Emotionale Einzug hält in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Meiner Überzeugung nach steckt darin ein großes Potenzial für mehr Gesundheit.
 

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die genannten Phänomene jetzt plötzlich so stark zum Thema werden?  

Zum einen sind wir inzwischen so weit in der Entwicklung, dass auch "Minderheiten" sich melden dürfen. Wir stehen vor ziemlich großen Veränderungen, da brauchen wir das kollektive Wissen und die kollektiven Begabungen. Dafür müssen diese Menschen in ihre Kraft kommen, sofern sie es noch nicht sind, und sich selbst eine Stimme geben.  

Zum anderen glaube ich, dass insbesondere Hochsensibilität in dieser schnellen und komplexen Zeit den Betroffenen mehr auffällt, weil so viele Reize auf uns einströmen. Sie müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie mit den vielen Anforderungen, Möglichkeiten und medialen Reizen und mit den immer weniger werdenden Pausen umgehen. Früher, ohne die sozialen und digitalen Medien, war die Zeit ganz anders getaktet. Man hatte viel mehr Auszeiten. Im Urlaub war man einfach drei Wochen lang nicht erreichbar und komplett raus aus dem Alltag. Heute ist das kaum noch vorstellbar!
 

Unternehmen müssen heute schnell und flexibel auf ganz unterschiedliche Herausforderungen reagieren. Gefragt sind deshalb nicht mehr nur Menschen, die in festen Bahnen agieren und entscheiden, sondern solche, die sensibel Differenzen wahrnehmen? 

Ja, definitiv! Stärken wie eine hohe Empathie, vernetztes Denken, Kreativität, Tiefgründigkeit und Lösungsorientierung haben die Hochsensiblen natürlich nicht für sich gepachtet, die haben auch andere Menschen. Allerdings sind sie bei Hochsensiblen oft gebündelt und in starker Ausprägung vorhanden. Die Themen Empathie und soziales Verständnis drängen in der Wirtschaft momentan sehr in den Vordergrund. Gerade im Management ist die Fähigkeit wichtig, sich in andere einzufühlen, um sie in dem ganzen komplexen Chaos und der hohen Arbeitsdichte abholen und führen zu können. Hochsensible haben zudem häufig ein starkes Wertebewusstsein, einen Sinn für Nachhaltigkeit und eine differenzierte Wahrnehmung.  

Ich will aber das eine nicht gegen das andere ausspielen. Wir brauchen die vereinten Kräfte. Es braucht diejenigen, die anpacken, voranpreschen können und hart im Nehmen sind genauso wie die Zarten, die sagen: Wie wär’s, wenn wir diesen Aspekt auch noch mit einbeziehen? Die Risiken und Chancen sehen. Die Dinge miteinander vernetzen. Das ist auch meine Botschaft in die Wirtschaft hinein: Worum geht es jetzt? Wachstum, schneller, besser, höher, weiter, mehr? Ist das zukunftsfähig? Ich glaube nicht. Damit würden wir letztendlich unseren Lebensraum zerstören. Ich glaube, wir müssen umlenken und andere Gedanken mit einbringen: Gewissenhaftigkeit, Verbindlichkeit, eine hohe Intuition oder eben spirituelles Verständnis.
 

Ist diese Nähe zu Spiritualität - Sie haben eben von Hellsichtigkeit gesprochen - vielleicht verantwortlich dafür, dass das Thema Hochsensibilität bisher stark in der esoterischen Nische thematisiert worden ist? 

Das kann gut sein. Ich unterscheide zwischen Esoterik und Spiritualität. Das, was heute oft unter Esoterik verstanden wird, ist oberflächlich und kommerziell, auch wenn der Begriff ursprünglich sehr tiefgründig ist. Spiritualität hat für mich etwas fast Bodenständiges, sie hat etwas mit Glauben, Dankbarkeit und Demut zu tun. Dazu gehört, sich mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Das brauchen wir Menschen dringend, um in Verbindung zu dem zu bleiben, was uns eigentlich ausmacht.
 

Aber es ist ein Thema. In Ihrer Checkliste zum Thema Hochsensibilität lautet der 30. Punkt: "Manchmal weiß ich im Voraus, was passiert, oder spüre über die Ferne, wenn im Leben der Menschen, die mir nahestehen, unangenehme Dinge passieren."  

Das passiert vielen Menschen. Völlig normalen Menschen, die keine Psychosen oder Sonstiges haben. Ich kenne das auch. Einmal, als ich als Jugendliche nachts mit Freunden unterwegs war, habe ich mich für eine Stunde, zwischen zwölf und eins, unerklärlich traurig gefühlt. Am Morgen habe ich erfahren, dass in dieser Stunde mein Opa gestorben ist. Vielen ist so etwas unheimlich. Wenn man das ein paarmal erlebt hat und nicht weiter bewertet oder sogar lernt, solchen Gefühlen zu vertrauen, verliert es den Schrecken. Wenn ich in Ruhe bin und das Telefon klingelt, weiß ich häufig im Voraus, wer das ist. Oder ich habe gerade vorher an diesen Menschen gedacht. Umgekehrt kann das im Vertrieb super sein: Ein Vertriebler, der spürt, wann er einen potenziellen Kunden erreichen kann, und ihn dann auch noch empathisch abholt, bringt ganz fantastische Voraussetzungen für seinen Job mit. Für mich sind das ganz normale Aspekte meines Lebens.
 

Haben Sie eine Erklärung? 

Das passiert ja einfach, was soll man da erklären? Wobei, spannend wäre es schon, wenn die Forschung dazu Antworten findet.  

Aber der spirituelle Bereich ist ja auch nur ein Aspekt von hoher Wahrnehmung. Hochsensibilität ist so viel mehr, in erster Linie ist es die Sinnessensibilität, das Empathische, das Kognitive, und die Intuition kommen hinzu. Allerdings sind diese spürenden, empathischen und intuitiven Fähigkeiten oft die, die anderen Menschen Angst machen. Als ich sehr jung war, habe ich durch meine hohe Empathie meine Gesprächspartner manchmal auf Themen angesprochen, die sie gerade emotional bewegt haben - und habe schlicht nicht bedacht, dass sie das vielleicht als unangenehm empfinden könnten. So etwas zu thematisieren, ist für mich normal, löst aber bei vielen anderen Abwehr oder Angst aus. Solche Erfahrungen machen andere Menschen auch, die diese hohe Wahrnehmung haben.
 

Wir haben über die Stärken und die Potenziale von Hochsensiblen gesprochen. Es gibt auch die Kehrseite: Überreizung, Stress, Selbstzweifel, Verletzlichkeit, Angst, Schuld. Das kann Hochsensible zu schwierigen Partnern machen. 

Wer für wen schwierig ist, hat immer mit der Perspektive zu tun ... Hochsensible können, wenn sie gerade überfordert oder überreizt sind, schnell ganz anders sein, als man sie so kennt. Dann wirken sie plötzlich, als ob es ihnen nicht gut geht, sie können sich nicht mehr konzentrieren oder fangen gar an zu weinen. Das passiert, wenn sie ihre Warnsignale nicht kennen, keine Strategien für sich entwickelt haben und in der Folge nicht wissen, wie sie mit ihrer Überreizung umgehen sollen ...
 

... Sie haben das vorhin mit dem Bild vom Zwischenspeicher beschrieben, der schnell überläuft ...  

Ja, das Modell habe ich von einem Coach: Weniges geht ins Bewusstsein, vieles ins Unterbewusstsein, aber es gibt einen Zwischenspeicher. Den haben alle Menschen. Ich stelle mir vor, dass dort alles abgelegt wird, was unser System aus Körper, Geist und Seele als relevant einordnet, aber im Moment nicht in der Lage ist, zu verarbeiten. Später wird der Inhalt dann nachverarbeitet. Bei Hochsensiblen ist dieser Zwischenspeicher einfach schnell voll. Oft entstehen dann komische Situationen, weil sich Dinge unerwartet miteinander verknüpfen und auf einmal wieder hochploppen. Bei hochsensiblen Kindern zum Beispiel kommt auf einmal etwas hochgeblubbert, und man denkt: "Worüber redet dieses Kind gerade?" Doch dann merkt man: Ach so, das war vor vier oder fünf Wochen und wird jetzt nachverarbeitet, ausgelöst wahrscheinlich durch einen Reiz, der diese Situation wieder abgerufen hat. Das geht ganz vielen Hochsensiblen so.  

Aber auch das kann sehr wertvoll sein, auch in der Wirtschaft: Wenn jemand viel in Erinnerung behält und genau dann, wenn es darauf ankommt, sich wieder erinnert - "Da war doch was, dazu fällt mir etwas ein" -, dann kann das ungemein wichtig sein. Dieses vernetzte, ganzheitliche Denken, die Möglichkeit, aus diesem Reichtum zu schöpfen, ist eine tolle Fähigkeit!
 

Was bedeutet das alles für den Umgang mit Hochsensiblen? 

Es kommt auf die Perspektive und vor allem auf Offenheit und Achtsamkeit im Umgang miteinander an. Für die, die hart im Nehmen sind, mögen zarte Menschen überempfindlich wirken. Und die Zarten haben das Gefühl, die anderen seien "rücksichtslos". Ich möchte das so nicht mehr sehen. Weder die Hochsensiblen können nachvollziehen, wie die durchschnittlich Sensiblen ticken, noch umgekehrt. Deswegen ist Aufklärung so wichtig. Alle haben mit ihren Eigenarten und Fähigkeiten wichtige Funktionen innerhalb der Gesellschaft. Ich wünsche mir, das Zusammenspiel zwischen den "Harten" und den "Zarten" fördern zu können.
 

Das Interview haben wir per Telefon geführt.
 


Zitate


"Stärken wie eine hohe Empathie, vernetztes Denken, Kreativität, Tiefgründigkeit und Lösungsorientierung sind bei Hochsensiblen oft gebündelt und in starker Ausprägung vorhanden." Kathrin Sohst: Zartbesaitet

"Es ist wichtig, dass das Menschliche, das Sensible, das Zarte und das Emotionale Einzug hält in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge." Kathrin Sohst: Zartbesaitet

"Wir stehen vor ziemlich großen Veränderungen, da brauchen wir das kollektive Wissen und die kollektiven Begabungen." Kathrin Sohst: Zartbesaitet

"Wir brauchen die vereinten Kräfte. Es braucht diejenigen, die anpacken, voranpreschen können und hart im Nehmen sind, genauso wie die Zarten." Kathrin Sohst: Zartbesaitet

 

changeX 11.03.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Zart im Nehmen. Wie Sensibilität zur Stärke wird. GABAL Verlag, Offenburg 2016, 336 Seiten, 24.90 Euro, ISBN 978-3-86936-688-3

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Osiander

Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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