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Freunde des Menschen

Was Roboter, das Grundeinkommen und eine radikale Steuerreform miteinander zu tun haben - ein Gespräch mit Thomas Straubhaar
Interview: Winfried Kretschmer

Die Roboter kommen und nehmen uns die Arbeit weg: die grassierende neueste Spielart von Zukunftsangst. Mit einem alten Feindbild: Technik als Arbeitsplatzvernichter. Doch Roboter sind nicht Feinde, sondern Freunde des Menschen, sagt ein Ökonom. Denn sie entlasten ihn von schweren, schmutzigen, stumpfsinnigen und gesundheitsschädlichen Arbeiten. Und steigern die Produktivität. Die Lösung ist somit nicht weniger technischer Fortschritt oder eine Robotersteuer. Sie liegt in einer intelligenten Verbindung zweier Systeme, Steuern und Soziales: Eine Quellensteuer auf alle Einkommen - eben auch die der Roboterbesitzer - dient zur Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle Menschen. Vom Baby bis zum Greis.

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Das bedingungslose Grundeinkommen: Viele finden es gut, doch wie es finanziert werden soll, ist alles andere als klar. Der Ökonom Thomas Straubhaar hat da einen Vorschlag: Er verknüpft die Grundsicherung mit einer radikalen Steuerreform. 

Thomas Straubhaar ist Professor der Universität Hamburg für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen. Gleichzeitig ist er Direktor des Europa-Kollegs Hamburg. Von September 1999 bis August 2014 war er zunächst Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA) und danach Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).
 

Herr Straubhaar, die Schätzungen, wie viele Arbeitsplätze durch Roboter, künstliche Intelligenz und fortgeschrittene Automatisierung verloren gehen, differieren. Aber sie stimmen darin überein, dass es sich um gewaltige Größenordnungen handelt. Hat das die Debatte um das Grundeinkommen fundamental verändert? 

Absolut. Die Digitalisierung ist eine der ganz wesentlichen Ursachen dafür, dass wir den Sozialstaat in Zukunft völlig neu denken müssen. Denn Roboter zahlen keine Steuern und vor allem keine Sozialabgaben - ganz im Gegensatz zu den Menschen, die mit ihnen im Wettbewerb stehen. Das führt noch einmal verstärkt dazu, dass Roboter Menschen verdrängen. Das schafft zwei Probleme: Erstens gehen die Einnahmen der Sozialversicherungssysteme zurück, weil die Beschäftigten ihre Arbeit verlieren. Zweitens würden nun die Systeme mehr Geld benötigen, um die nun Beschäftigungslosen aufzufangen.
 

Bill Gates hat gerade eben für eine Robotersteuer plädiert. Sie halten davon nichts. Warum? 

Eine Robotersteuer ist der völlig falsche Ansatz, auf die Roboterisierung zu reagieren. Denn damit erreichen wir genau das Gegenteil von dem, was wir anstreben. Wenn wir den Einsatz von Robotern verteuern, verlangsamt sich der technologische Fortschritt durch Digitalisierung, und dadurch verlangsamt sich auch das Tempo der Produktivitätssteigerung der Beschäftigten. Das hat zwei fundamentale Nachteile: Erstens steigen dann die Löhne nicht so stark an, wie sie es unter Einsatz von Robotern tun würden. Zweitens und dramatischer: Weil die Produktivitätsfortschritte zu gering sind, verliert die deutsche Wirtschaft an internationaler Wettbewerbskraft gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland, die dank des Einsatzes von Robotern wettbewerbsfähiger wird. Eine ähnliche Kritik gilt auch für die von Robert B. Reich vorgeschlagene Besteuerung geistigen Eigentums.  

Kurzum: Es ist deshalb viel klüger, am Ergebnis der Roboter anzusetzen und immer dort, wo Gewinne an natürliche Personen ausgeschüttet werden, den Fiskus daran zu beteiligen. Nicht Roboter besteuern, sondern deren Besitzer - das ist die beste Antwort auf den Angriff der Automaten auf menschliche Arbeitsplätze.
 

Aber der Vorschlag vermittelt ein klares Feindbild: Die Roboter sind schuld! Das ist falsch? 

Das ist eine völlig falsche Sichtweise. Roboter sind nicht Feinde, sondern Freunde des Menschen. Roboter machen den Menschen produktiver. Roboter helfen uns, Probleme schneller, besser, kundengerechter, fehlerfreier und rund um die Uhr zu lösen. Sie erhöhen also die Produktivität der Menschen, die zusammen mit Robotern eine bessere Leistung erzielen. Und damit steigen auch deren Reallöhne.
 

Und sie entlasten von Tätigkeiten, die nicht besonders anspruchsvoll sind. 

Ganz genau. Das ist der Punkt: Wir haben die historische Chance, unsere Gesellschaft von jenen Tätigkeiten zu entlasten, die den Menschen belasten und die durch Maschinen und Roboter viel besser zu erledigen sind. Damit verdrängen Roboter menschenunwürdige, gesundheitsschädigende, harte, schmutzige, körperliche Arbeit. Sie machen es überflüssig, dass diese Arbeit durch Menschen erledigt wird. Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung weit mehr Chancen als Risiken birgt.
 

… unter der Voraussetzung, dass es gelingt, unsere Systeme grundlegend neu zu gestalten, weil die Automatisierung vorhandene Klüfte verschärft? 

So ist es. Wenn wir tatenlos zusehen, führt die Automatisierung in eine gesellschaftliche Spaltung: Dann steht eine Gruppe, die unter Einsatz von Robotern immer produktiver wird und höhere Einkommen erzielt, einer anderen Gruppe gegenüber, die durch die Roboter ihre Beschäftigung verliert und an den Rand des Arbeitsmarktes gedrängt wird. Das würde zu enormen gesellschaftlichen und politischen Spannungen führen. Deshalb müssen wir uns vorausschauend und offensiv gegen diese wachsende Polarisierung stellen: indem wir aus den Einkommen der Bessergestellten einen Teil abzweigen und ihn den von diesen Entwicklungen weniger profitierenden Bevölkerungsgruppen zukommen lassen.
 

Wir müssen den Sozialstaat neu denken, war Ihre Eingangsformulierung. Was bedeutet das? 

Den Sozialstaat neu denken heißt, adäquate, zeitgemäße, den Arbeitswelten des 21. Jahrhunderts entsprechende Lösungen zu finden. Konkret bedeutet das zweierlei: Erstens ein Grundeinkommen zu schaffen, das dafür sorgt, dass alle Menschen gleichermaßen immer und ohne irgendwelche Vorbedingungen gleich viel Geld erhalten, um ihr Existenzminimum abzusichern und zu vermeiden, dass sie in Armut fallen. Und zweitens dies zu finanzieren durch eine Wertschöpfungssteuer, die an der Quelle ansetzt: dort, wo aus Produktion und Unternehmen Einkommen an natürliche Personen ausgeschüttet wird - sei es in Form von Arbeitseinkommen, Kapitaleinkommen oder Unternehmensgewinnen.
 

Worüber sprechen wir eigentlich: über ein Grundeinkommen oder über eine Steuerreform? 

Das Grundeinkommen ist im Kern eine große Steuerreform. Es ist ein konsistenter Versuch, das Steuersystem durch eine große Steuertransferreform effizienter, liberaler, gerechter, transparenter, fairer zu gestalten.
 

Das bedeutet einen Perspektivwechsel in der Grundeinkommensdiskussion? Sie verbinden die Auszahlung eines Grundeinkommens mit dessen Finanzierung? 

Richtig. Das ist die Innovation des Buches: Ich versuche, beide Seiten in einem einheitlichen Modell zu vereinigen, statt mich auf die Effekte der Auszahlung an Menschen zu konzentrieren. Wir müssen auch bei der Finanzierung eines Grundeinkommens der Digitalisierung, der Globalisierung und der Individualisierung Rechnung tragen.  

Deshalb müssen wir erstens weg von einem System, das über Steuern und Abgaben, die auf Arbeit erhoben werden, finanziert wird. Und hin zu einem System, das sich aus Steuern - und zwar ausschließlich aus Steuern - finanziert.  

Zweitens ist die Frage zu beantworten: Gibt es steuerlich noch einen Unterschied zwischen Menschen und Robotern? Ich sage: Nein! Die Konsequenz ist, alles Einkommen gleichermaßen zu besteuern. Das bedeutet einen Politikwechsel: Seit etwa seit zwei Legislaturperioden gilt in Deutschland die Maxime, Kapitaleinkommen gegenüber Arbeitseinkommen zu privilegieren und steuerlich geringer zu belasten. Davon gilt es abzugehen.
 

Die Schweizer Initiative für ein Grundeinkommen hat im vergangenen Jahr diese auf die Auszahlung fixierte Perspektive in ein aussagekräftiges Bild gefasst: Sie haben eine Lkw-Ladung Münzen auf den Marktplatz gekippt. Das ist die vorherrschende Vorstellung: Man bekommt Geld vom Staat … 

Man darf nicht nur den Haufen Münzen sehen. Diese vielen Tausend Münzen sind das Ergebnis der aktiven Seite der Bilanz, wo die Menschen Einkommen erwirtschaften: durch ihre Leistung, durch Arbeit, durch Kapital, durch Unternehmensgewinne. In meinem Modell wird von jedem einzelnen Euro, unabhängig davon, wie und wo und wann er verdient wird, ein gleich hoher und gleichbleibender Steuersatz erhoben. Von diesen Einkommen wird direkt an der Quelle beispielsweise die Hälfte auf das Konto des Staates überwiesen und die andere Hälfte auf das Konto der Leistungserbringer. Das ermöglicht es, ein Grundeinkommen aufkommensneutral zu finanzieren.
 

Die negative Einkommenssteuer, die Milton Friedman Anfang der 1960er-Jahre als Grundsicherung vorgeschlagen hat, ist bislang eher eine Fußnote in der Grundeinkommensdiskussion geblieben. Sie rücken diese Idee nun ins Zentrum? Bitte erklären Sie uns: Was ist eine negative Einkommenssteuer? 

Negativ heißt aus der Sicht des Fiskus, dass es Menschen gibt, die am Ende, wenn man verrechnet, was sie an Grundeinkommen erhalten und was sie aus ihren Einkommen an Geld an den Staat abliefern, eine negative Bilanz haben. Das heißt, es wird Menschen geben, die mehr Geld vom Staat erhalten, als sie in Form von Steuern an den Staat zurückführen. Aber das wird ein vergleichsweise kleiner Teil der Gesellschaft sein. Der große Teil wird weiterhin aus Sicht des Staates einen positiven Saldo haben.
 

Und wenn nicht? 

Sollte ich unrecht haben, ist es ein Leichtes, dieses ungewollte Ungleichgewicht durch Absenkung des Grundeinkommens oder eine Erhöhung des Steuersatzes zu korrigieren.
 

Sie schreiben, ein konstanter Steuersatz ermögliche eine einfache Steuererhebung an der Quelle und damit den Verzicht auf eine Steuererklärung. Wäre das die Einlösung der alten Wahlkampfparole von der Steuererklärung auf einem Bierdeckel? Oder mehr noch: Es bräuchte nicht mal einen Bierdeckel? 

Sie haben völlig recht, ein Grundeinkommen wäre noch einfacher als die Bierdeckellösung von Friedrich Merz. Für die meisten Menschen würde sich das Ausfüllen einer Steuererklärung erübrigen. Einzig außerhalb Deutschlands bezogene Einkommen wären noch zu deklarieren.
 

Also eine radikale Vereinfachung des Steuerrechts? 

… und damit die Einsparung bürokratischer und zeitlicher Kosten. Wie viel Zeit und Nerven kostet es die verschiedenen Stellen, die Steuererklärung ausfüllen, bearbeiten und kontrollieren zu müssen!  

Und ganz, ganz wesentlich: Dadurch würde auch ein Großteil von Steuervermeidungsstrategien obsolet. Die zwar legal, oft aber nicht legitim sind.
 

Radikale Vereinfachung, das gilt auch für die andere Seite, nämlich für die staatlichen Sozialsysteme. Was würde alles zusammengefasst durch ein Grundeinkommen? 

Im Prinzip würde alles wegfallen, was wir heute unter der Überschrift "soziale Sicherungssysteme" finanzieren: die soziale Rentenversicherung, die soziale Kranken- und Unfallversicherung, die soziale Arbeitslosenversicherung und die soziale Pflegeversicherung.
 

Und wie funktioniert das konkret? 

Von der Wiege bis zur Bahre, vom Säugling bis zum Greis erhält jeder Mensch jeden Monat cash einen Betrag X, den ich in meinem Modell hypothetisch mit 1000 Euro veranschlage. Das ist dann alles, was er vom Staat an finanziellen oder anderen Leistungen erwarten kann - bis ins Alter: Es gibt auch keine Rente mehr. Wem das nicht genügt, muss weiterhin privat vorsorgen.  

Im Umkehrschluss ist jeder somit gezwungen - entweder durch staatlichen Zwang oder private Vernunft -, von diesen 1000 Euro eine Kranken-, eine Unfall- und eine Invaliditätsversicherung zu finanzieren.
 

Eine Nachfrage zum Verständnis: Eben hatten wir davon gesprochen, dass ein Grundeinkommen mit der Steuerschuld des Einzelnen verrechnet würde. Nun sagen Sie, jeder kriegt 1000 Euro cash.  

Jeder bekommt dieses Geld cash ausbezahlt - auf der anderen Seite zahlt jeder cash auf jeden Euro, den er verdient, Steuern, beispielsweise 50 Prozent. Wenn am Jahresende ein privater Haushalt oder eine Einzelperson die persönliche Bilanz ausrechnet, wirkt das Grundeinkommen wie eine Minderung der Steuerschuld. Und andere haben dann eben auch einen Überschuss, sie haben also aus Sicht des Fiskus eine "negative" Bilanz, und deshalb wird das Modell wie gesagt auch "negative" Einkommenssteuer genannt.
 

Egal ob durch staatlichen Zwang oder private Vernunft - ein Grundeinkommen setzt voraus, dass jeder mit diesen angenommenen 1000 Euro eigenverantwortlich umgeht und das Geld nicht anderweitig ausgibt? 

Jeder muss selbstverantwortlich dieses Geld einteilen und kann nicht erwarten, nachträglich einen Zuschuss vom Staat zu bekommen, wenn er sein Geld unsinnigerweise ausgegeben haben sollte. Ich bin überzeugt, dass diese zusätzliche Freiheit gut ist. Aber ich weiß auch, dass viele Menschen damit überfordert wären. Deshalb bedarf es wohl einer Zwangsversicherung bei privaten Krankenversicherungen, um in jedem Fall eine Minimalabsicherung gegen Krankheit und Unfall zu haben. Die Grundfrage aber ist: Was trauen wir den Menschen zu?
 

Kritiker bezweifeln, dass ein Grundeinkommen überhaupt finanzierbar ist. Sie sagen, mit einer Quellensteuer auf die Wertschöpfung von 50 Prozent geht das. Stimmt die Rechnung auch im Großen? 

Das habe ich im Buch vorgerechnet. Die heutige Nettowertschöpfung in Deutschland liegt in der Größenordnung von zweieinhalb Billionen Euro. Davon die Hälfte Steuern, das sind eineinviertel Billionen für den Staat. Plus die indirekten Steuern ergibt sich eine Summe von eineinhalb Billionen - das entspricht ziemlich genau den Staatsausgaben heute. Und die Summe, die heute der Sozialstaat kostet - 2015 wurden 880 Milliarden im Sozialbudget als Ausgaben des Staates ausgewiesen -, entspricht wiederum ziemlich genau den angenommenen 1000 Euro pro Mensch und Monat.
 

Sie sagen, ein Grundeinkommen ist nicht nur radikal einfach, sondern auch radikal gerecht. Dazu gibt es zahlreiche Gegenargumente. So halten zum Beispiel die Autoren des Buchs Irrweg Grundeinkommen die gegenwärtige primäre Einkommensverteilung, also die Einkommensverteilung vor korrigierenden staatlichen Eingriffen, für ungerecht, unsozial und gesellschaftsschädigend. Eine gleichere primäre Einkommensverteilung sei der Schlüssel zur Lösung der Armutsprobleme. Was sagen Sie zu diesem Argument? 

Heiner Flassbeck und seine Co-Autoren streben letztlich ein anderes Gesellschaftsmodell an. Sie bewerten die Ungleichheit, die wir in Deutschland haben, als zu groß und wollen diese Spreizung mit einer Vermögensumverteilung korrigieren. Dass ihnen ein Grundeinkommen nicht weit genug geht, kann ich auf der einen Seite verstehen. Auf der anderen Seite verliert diese Forderung nach einer fundamentalen Abkehr vom Modell der sozialen Marktwirtschaft natürlich mit der Einführung eines Grundeinkommens ihre Angriffsfläche. Weil dann viele der Probleme, die mit dem heutigen System verbunden sind, behoben würden. Damit wären die Menschen wohl kaum für einen kompletten gesellschaftlichen Bruch zu mobilisieren.
 

Auch Ihr Modell ist ein Bruch: ein radikaler Systemwechsel, sowohl in der Steuerpolitik als auch in der Sozialpolitik. Ist so ein Systemwechsel realistisch? 

Vielleicht nicht kurzfristig, weil es uns in Deutschland gottlob und wunderbarerweise gerade enorm gut geht. Meine Befürchtung aber ist, dass es, wenn wir diesen radikalen Wechsel weiter aufschieben, immer teurer werden wird, die negativen Folgen von Alterung, Digitalisierung und Individualisierung auszugleichen - vielleicht zu teuer für nachkommende Generationen. Wer die soziale Marktwirtschaft als die DNS Deutschlands versteht, der sollte sich lieber früher als später in Richtung Grundeinkommen bewegen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Gesellschaft spaltet.
 

Das Grundeinkommen ist also eine politische Alternative zu einer radikalen Umverteilungspolitik? 

Richtig. Das Grundeinkommen ist eine Modernisierung der sozialen Marktwirtschaft. Es will der Forderung nach einem anderen Gesellschaftssystem ein wirklich zukunftsfähiges Modell der sozialen Marktwirtschaft entgegenstellen. Und verhindern, dass eine Radikalisierung die soziale Marktwirtschaft mit sich reißt.
 

Das Grundeinkommen ist eine einfache Lösung. Sind solche einfachen Lösungen besser, als zu versuchen, mit einzelnen Stellschrauben komplexe Systeme zu steuern? 

Ich glaube, dass die Herausforderungen der Zukunft so gewaltig sind, dass wir sie mit Flickschusterei nicht bewältigen können. Die Einfachheit des Grundeinkommens hat den Charme, dass es transparent und für alle nachvollziehbar ist. Das Problem heute ist, dass viele Menschen gar nicht mehr verstehen, was mit ihren Steuern geschieht und wie dieser Sozialstaat funktioniert. Zugleich machen viele Leute Steuermodelle zu Geschäftsmodellen oder versuchen, den Sozialstaat durch Schwarzarbeit zu umgehen. Das sind keine guten Entwicklungen.
 

Wenn Sie für einen "blinden Sozialstaat" plädieren, der alle Einkommen gleichermaßen und mit einem einheitlichen Steuersatz erfasst, richtet sich das gegen solche Einzellösungen? 

Es richtet sich dagegen, dass der Staat versucht, durch Einzelmaßnahmen einzelnen Personen gerecht zu werden. Politik aber kann nicht auf den Einzelfall zugeschnitten sein, sondern muss das große Ganze abdecken. Politik muss die großen Herausforderungen im Auge haben und nicht die vergleichsweise kleineren Probleme.
 

Wenn man es plakativ ausdrücken wollte: einfache Systeme statt einfacher Lösungen? 

Lieber ein einfaches System, als Einzelfalllösungen wegen komplexer Systeme anzustreben. Ja.
 

Bleibt ein gewichtiges Argument: Es würde ja keiner mehr arbeiten, wenn er Geld vom Staat bekommt, sagen Kritiker. Und halten deshalb das Grundeinkommen für eine Idee naiver Weltverbesserer. Was entgegnen Sie? 

Das ist durchaus ein ernst zu nehmendes Argument. Aber die Empirie zeigt schon, wie falsch diese pessimistische Sicht ist. Nehmen wir Menschen, die aus Hartz IV in Arbeit zurückgehen und eine Beschäftigung mit Mindestlohn aufnehmen, zum Beispiel in Wäschereien, Wachdiensten, Schlachtereien, bei der Pflege oder in Form von Hilfsarbeiten auf dem Bau. Dort erhalten sie aufgerundet neun Euro pro Stunde; von diesen neun Euro bleiben ihnen nach Steuern und Sozialabgaben noch etwa zwei Drittel, das sind etwa sechs Euro. Am Ende des Monats bekommen sie in Summe vielleicht knapp 1000 Euro - mit Hartz IV und Wohngeld und Heizungsgeld haben sie hingegen 600 Euro für lau. Sie stellen sich mit Arbeit also um 300 bis 400 Euro besser, müssen dafür aber 160 Stunden schuften - das entspricht einem Nettostundenlohn von 2,50 Euro. Doch die Menschen wählen trotzdem die Beschäftigung. Sie sind bereit, für einen kleinen Netto-Zugewinn zu arbeiten. Das zeigt doch, dass Menschen sich mit dem Existenzminimum nicht zufriedengeben. Sie wollen trotz sozialer Grundsicherung arbeiten, wenn sie die Chance haben, eine Arbeit zu finden. Daran ändert sich mit dem Grundeinkommen nichts.
 

Ist das Grundeinkommen letztlich eine Frage des Menschenbildes? 

Es ist eine Frage des Menschenbildes, absolut. Die empirische Evidenz zeigt klar, dass Menschen nicht nur des nackten Überlebens willen arbeiten. Sie haben, selbst wenn die Not abgedeckt ist, eine hohe Arbeitsmotivation. Weil sie durch Arbeit eine Struktur in ihren Alltag bringen. Weil sie andere Menschen treffen. Weil sie mit anderen zusammenarbeiten können. Weil die Arbeit ihnen Sinn stiftet. Weil es sie zufrieden macht, zu arbeiten. Vielleicht weil sie sogar Spaß am Arbeiten haben.
 

Verlangt die Einführung eines Grundeinkommens einen Systemwechsel auf einen Schlag oder kann auch eine Politik kleiner Schritte dahin führen? 

Ich kann mir vorstellen, dass es bei der Rente beginnt, beim Steuersystem weitergeht und so ein Baustein zum anderen kommt. Andererseits wären die politischen Widerstände leichter überwindbar, wenn es in einem Schwung eingeführt würde. Denn die ökonomische Theorie der Reform zeigt, dass bei einem schrittweisen Vorgehen bei jedem einzelnen Schritt gewaltige Widerstände zu überwinden sind. Deshalb müssen große Entwürfe mit großen Schritten und nicht mit kleinen umgesetzt werden. Das ist der Vorteil des Big Bang.
 

Das Interview haben wir telefonisch geführt.
 


Zitate


"Roboter zahlen keine Steuern und vor allem keine Sozialabgaben - ganz im Gegensatz zu den Menschen, die mit ihnen im Wettbewerb stehen." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Nicht Roboter besteuern, sondern deren Besitzer - das ist die beste Antwort auf den Angriff der Automaten auf menschliche Arbeitsplätze." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Roboter sind nicht Feinde, sondern Freunde des Menschen. Roboter machen den Menschen produktiver. Roboter helfen uns, Probleme schneller, besser, kundengerechter, fehlerfreier und rund um die Uhr zu lösen. Sie erhöhen die Produktivität der Menschen, die zusammen mit Robotern eine bessere Leistung erzielen." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung weit mehr Chancen als Risiken birgt." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Den Sozialstaat neu denken heißt, adäquate, zeitgemäße, den Arbeitswelten des 21. Jahrhunderts entsprechende Lösungen zu finden." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Wenn wir tatenlos zusehen, führt die Automatisierung in eine gesellschaftliche Spaltung." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Das Grundeinkommen ist im Kern eine große Steuerreform." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Für die meisten Menschen würde sich das Ausfüllen einer Steuererklärung erübrigen." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Das Grundeinkommen ist eine Modernisierung der sozialen Marktwirtschaft." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

"Große Entwürfe müssen mit großen Schritten und nicht mit kleinen umgesetzt werden." Thomas Straubhaar: Freunde des Menschen

 

changeX 11.03.2017. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Quellenangaben

Zum Buch

: Radikal gerecht. Wie das bedingungslose Grundeinkommen den Sozialstaat revolutioniert. edition Körber-Stiftung, Hamburg 2017, 248 Seiten, 12.99 Euro, ISBN 978-3-89684-194-0

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Autor

Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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