Hilfe, überall

Ein ehrenamtlicher Verein organisiert schnelle und professionelle Hilfe für die Erdbebenopfer in Haiti.
Text: Winfried Kretschmer

In unserer globalisierten Welt will Hilfe so unmittelbar werden wie das Mitleiden mit Menschen in Not – auch wenn der Einsatzort am anderen Ende der Welt liegt. Empathie ist nicht länger privat, sondern wird selbst global. Ein Beispiel.

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Montag, 18. Januar, 13:30 Uhr. Am Flughafen München startet eine Maschine der Air Berlin. Ihr Ziel: die Urlauberhochburg Punta Cana in der Dominikanischen Republik. Doch an diesem Montag ist dies kein normaler Flug in die Sonne. Mit an Bord sind fünf Mitglieder der Flughafenfeuerwehr, ein Arzt und, in Containern im Laderaum verstaut, mehrere Tonnen Material: Medikamente, Infusionen, Verbandszeug, ein mobiles Krankenhaus und eine Trinkwasseraufbereitungsanlage, alles in allem Hilfsgüter mit einem Wert von über 100.000 Euro. Das Ziel: Haiti. Das Team will die Hilfsgüter von der Dominikanischen Republik auf dem Landweg in das Erdbebengebiet bringen – dorthin, wo bislang noch keine Hilfe angekommen ist.


Wir rücken aus


Organisiert hat die Mission der Verein „Navis – Schnelle Hilfe ohne Grenzen“. Gleich, als die Nachricht von dem verheerenden Erdbeben um die Welt ging, sandte der Verein ein Hilfsangebot an die haitianische Botschaft. Am Donnerstag traf das offizielle Hilfeersuchen ein. Dann war klar: „Wir rücken aus!“
Rund 20 Mitglieder des Vereins arbeiten am ersten Tag nahezu ununterbrochen, um in der Region eingelagerte Hilfsgüter versandfertig zu machen. Apotheken, Kliniken und Feuerwehren aus München und Umgebung schicken weiteres Hilfsmaterial. Und der Vorstand trifft eine weitreichende Entscheidung: Er bestellt bei der Firma Kärcher eine leistungsfähige Trinkwasseraufbereitungsanlage zum Preis von 45.000 Euro – auf eigenes Risiko, abgesichert durch persönliche Bürgschaften der vier Vorstandsmitglieder, in der Hoffnung, die Finanzierung später durch Spenden sicherstellen zu können. 500 Liter Trinkwasser kann die Anlage pro Stunde aufbereiten, „da kann das Wasser noch so verseucht ein“, wie Vereinsvorstand Wolfgang Wagner betont. Und genau das braucht es heute in der von Seuchen bedrohten Erdbebenregion.
Als die Anlage am Samstag eintrifft, sind zwei erfahrene Feuerwehrleute bereits auf dem Weg in die Dominikanische Republik. Ihre Aufgabe: Als „Fact Finding Team“ soll die Vorhut die Bedingungen vor Ort erkunden, Lkws für den Transport chartern und Kontakt zu anderen Hilfsorganisationen aufnehmen. Als dann die Maschine samt Team und Hilfsgütern eintrifft, stehen die Transportfahrzeuge schon bereit und werden sofort beladen. Ganz so, wie es sich die Organisation auf die Fahnen geschrieben hat: Schnell, flexibel und professionell zu agieren. Und schneller zu sein als große Hilfsorganisationen mit ihrem schwerfälligen Apparat. So, wie seinerzeit in Sri Lanka.


Ihr den Flieger, wir die Hilfsgüter


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Auf dem Weg in das Katastrophengebiet: Marc
Hübner, Thomas Geiner, Richard Heindl, Helmut
Unger, Stephan Zobel und Rainer Irlbauer vor
ihrem Abflug am Flughafen München. Bereits
im Einsatzgebiet sind Max Braun und Andreas
Baumgartner.

Begonnen hat alles mit einer Wette. „Wenn ihr ein Flugzeug besorgt, besorgen wir die Hilfsgüter!“ Das war 2004, der Tsunami hatte eben Sri Lanka in eine Katastrophe gestürzt, und am Flughafen in München saßen ein Mitglied der Flughafenfeuerwehr, ein Arzt und ein Logistiker der Flughafengesellschaft zusammen und überlegten, was man tun könne angesichts des Dramas, das sich dort im Ferienparadies am Indischen Ozean abspielte. Ihnen war klar: Man musste helfen! Die Wette galt – und wenige Tage später startete ein Jumbojet in das Katastrophengebiet, an Bord fünf Männer der Flughafenfeuerwehr, ein Arzt und 100 Tonnen an Hilfsgütern: Medikamente und medizinische Ausrüstung, technische Geräte, Lebensmittel sowie Kleidung, Decken und Zelte, alles von Industrieunternehmen und privaten Spendern kostenlos zur Verfügung gestellt und binnen weniger Tage zusammengekarrt, verpackt und verladen.
Aus dem Nichts war eine Hilfsorganisation entstanden, die die Hilfsbereitschaft angesichts der medial in alle Wohnzimmer vermittelten Katastrophe in effektive Bahnen zu lenken wusste. Nur vier Tage vergingen von der Zusage der Lufthansa, kostenlos einen Fracht-Jumbo bereitzustellen, bis zum Start der Maschine am 2. Januar 2005, gerade mal eine Woche nach dem Tsunami. Es blieb keine Einmal-Aktion. Insgesamt 20 Hilfsteams waren über sechs Monate hinweg im Einsatz, brachten 230 Tonnen Hilfsgüter in das Katastrophengebiet, versorgten 3.500 Personen medizinisch und setzten mehr als 1.000 Trinkwasserbrunnen instand.
Möglich wurde das, weil Flughafen und Flughafenfeuerwehr kostenlos Logistik und Infrastruktur zu Verfügung stellten, verschiedene am Airport angesiedelte Firmen mit großzügigen Spenden halfen und andere Berufsfeuerwehren ihren Kollegen beim Transport der Hilfsgüter unter die Arme griffen – aber letztlich kam das alles nur zustande, weil eine Handvoll Menschen die Initiative ergriffen und spontan eine professionell, aber ehrenamtlich arbeitende Struktur auf die Beine stellten.
Fragt man nach den Beweggründen, warum diese es nicht bei einer Spende bei der obligatorischen Spendengala bewenden ließen, spürt man, dass dieses Modell der arbeitsteiligen, anonymen Hilfe in den Köpfen dieser Menschen längst durch ein viel unmittelbareres ersetzt worden ist. „Wir wollten konkret helfen“, sagt Tanja Voges, die Pressesprecherin des Vereins. Das Ethos dieser professionellen Helfer ist in unserer globalisierten Welt selbst global geworden. Ist nicht mehr beschränkt auf den Job, auf den Ort, an dem man arbeitet. Man ist zum Helfen ausgebildet und will dies umsetzen – auch wenn der Einsatzort am anderen Ende der Welt liegt. Hilfe will so unmittelbar werden wie das Mitleiden mit den Menschen in Not. Empathie global.


Helfen, das Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen


Hinzu kommt ein gewachsenes Misstrauen gegenüber den großen Hilfsorganisationen, ihrer Schwerfälligkeit und Intransparenz bei der Verwendung der Mittel. Dem setzten die Feuerwehrler eine schlagkräftige und flexible Organisation entgegen, ein hemdsärmeliges „da wollen wir doch mal sehen, was man da machen kann“. Und sie kehrten mit Stolz auf die geleistete Arbeit nach Deutschland zurück. Schnell war damals klar, dass man es nicht bei einer einmaligen Aktion belassen wollte. „Was einmal geht, muss doch auch wieder gehen“, beschreibt Tanja Voges die Stimmung. Das ging freilich nicht mit der Ad-hoc-Organisation bei der Flughafenfeuerwehr, eine dauerhafte Struktur musste her: der Verein, gemeinnützig, mit flachen Strukturen, aber guten Verbindungen. Und einer klaren Orientierung: Hilfe zur Selbsthilfe wollen sie leisten und dabei intensiv mit der örtlichen Bevölkerung zusammenarbeiten. Die Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, „ihr Schicksal von Anfang an wieder selbst in die Hand zu nehmen“, wie es auf der Website des Vereins heißt.
Beim Zyklon in Birma kamen ausländische Helfer nicht ins Land, und so ist das Erdbeben in Haiti der erste Einsatz für die Organisation. Während die Helfer auf dem Weg ins Katastrophengebiet sind, laufen in Deutschland bereits die Vorbereitungen für den nächsten Transport. Mit Unterstützung des „Flughafenvereins“ akquiriert der Verein Hilfsgüter und sammelt Spenden. Zwischenzeitlich sind zwei weitere Ärzte zu dem Hilfstrupp gestoßen; sie hatten an ihrem Urlaubsort von der Hilfsaktion erfahren und spontan den Entschluss gefasst, hinterherzufliegen. Einer der beiden blieb allerdings in einem Waisenhaus auf der Strecke, um den dort tätigen Arzt zu unterstützen. „Der Mann war mit rund 100 Amputationen am Tag am Ende seiner Kräfte“, berichtet Vereinsvorstand Wolfgang Wagner.
Am Mittwoch, dem 20. Januar, erreichen die Helfer dann ihren Einsatzort, die Stadt Léogâne nordöstlich von Port-au-Prince, und beginnen sofort mit dem Aufbau. In der Tat war in der Stadt, die einmal 30.000 Einwohner hatte, noch keine Hilfe angekommen, wie der Not- und Tropenarzt Thomas Geiner per SMS schreibt. „Hier ist die Situation schlimmer als in Sri Lanka“, berichtet er. Und fügt hinzu: „Wir brauchen eure Hilfe. Die Menschen haben nichts mehr.“

Um Spenden bitten der Verein Navis (Konto 414 000 bei der Sparkasse Moosburg, BLZ 743 517 40) und der Flughafenverein (Sonderkonto „Haiti“ 200 703 bei der Sparkasse Erding, BLZ 700 519 95).


changeX 22.01.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Winfried Kretschmer
Kretschmer

Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer von changeX.

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