Auch nur ein Mensch

Die Kunst des klaren Denkens - das neue Buch von Rolf Dobelli
Text: Dominik Fehrmann

Wir halten uns für Vernunftwesen, urteilen und entscheiden aber oft wie von allen besonnenen Geistern verlassen. Rolf Dobelli hat 52 haarsträubende, aber zutiefst menschliche Denkfehler gesammelt. Und empfiehlt: Fehler zulassen. Denn man lebt besser damit.

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Da halten wir uns für Vernunftwesen, und halten uns doch ständig selbst zum Narren. Beispiel gefällig? Angenommen, man stellt uns vor die Wahl, entweder in zwölf Monaten 1.000 Euro oder in 13 Monaten 1.100 Euro zu erhalten. Dann neigen die meisten Menschen zur zweiten Option - und sichern sich das zusätzliche Geld. Lautet die Alternative jedoch: 1.000 Euro sofort oder 1.100 in einem Monat, dann schnappen wir uns das Sofortgeld. Und verzichten auf die zusätzlichen 100 Euro, die uns im anderen Fall dieselbe Wartezeit wert waren.  

Es sind Vernunftwidrigkeiten dieser Art, mit denen uns Rolf Dobelli konfrontiert. 52 haarsträubende Denkfehler hat der Schweizer Unternehmer und Schriftsteller gesammelt. Zunächst einzeln im Rahmen einer wöchentlichen Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Schweizer SonntagsZeitung präsentiert, sind sie nun in einem Kompendium gebündelt. Und in solch geballter Form eine arge Zumutung für unser Selbstverständnis als rational handelnde Wesen. Ob im Privatleben, im Beruf oder als Anleger an der Börse: Wir urteilen und entscheiden, das führt uns dieses Buch eindrucksvoll vor Augen, oft wie von allen besonnenen Geistern verlassen.  

Das ist umso peinlicher, als diese Denkfehler nicht einem temporären Delirium entspringen, sondern systematisch auftreten. Sie wurzeln offenbar tief und fest in unseren Gehirnwindungen. In der Tat erklärt Dobelli unsere systematische Irrationalität evolutionspsychologisch. Die Evolution unseres Denkens, so seine Theorie, habe schlicht mit den zivilisatorischen Veränderungen nicht Schritt gehalten. Und so lebten wir auch im Jahr 2011 mit angeborenen Denkmustern, die teilweise noch an das Leben als Höhlenmensch angepasst seien.


Überrest unserer tierischen Vergangenheit


Den geschilderten Hang zum Sofortgeld erklärt Dobelli entsprechend als "Überrest unserer tierischen Vergangenheit. Tiere sind nicht bereit, heute auf eine Belohnung zu verzichten, um in Zukunft mehr Belohnung zu realisieren." Ein anderes Beispiel: Psychologisch erwiesen wiegt ein Verlust für uns doppelt so schwer wie ein Gewinn der gleichen Größe. Auch diese Verlustaversion führt Dobelli auf die bedrohliche Umwelt der Steinzeit zurück: "Ein dummer Fehler, und man war tot." Atavistische Züge trägt ebenfalls unser Glaube an die ausgleichende Kraft des Schicksals. So setzen wir mit gestiegener Zuversicht auf Rot, nachdem die Roulettekugel fünfmal auf Schwarz gelandet ist.  

Dass derlei Trugschlüsse so unverwüstlich sind, liegt auch am "Vater aller Denkfehler", dem "Confirmation Bias" - der unbewussten Neigung, Erfahrungen und Informationen so zu filtern, dass sie bestehende Überzeugungen, Wünsche oder Hoffnungen bestärken. Was uns in den kognitiven Kram passt, das nehmen wir zur Kenntnis, was uns zum Umdenken oder Zweifeln bringen müsste - "Disconfirming Evidence" -, das blenden wir aus. Dieser "Confirmation Bias", so Dobelli, begründe nicht zuletzt den Erfolg von Astrologen, Wirtschaftsexperten oder Erfolgs- und Lebenshilfebüchern: "Ihre Aussagen sind so schwammig, dass sie Bestätigungen wie ein Magnet anziehen." 

Auch Ärzte, Berater, Coachs und Psychotherapeuten sieht Dobelli als Profiteure unserer systematischen Denkfehler, speziell des sogenannten Regression-zur-Mitte-Irrtums. Vermeintliche Experten konsultiert man zumeist in Extremsituationen: während einer Krankheit, einer Ehe- oder Schaffenskrise. Extremsituationen aber neigen per se zur Normalisierung - so wie auf einen extrem kalten Tag höchstwahrscheinlich ein Temperaturanstieg folgt: "Das Wetter schwankt um einen Mittelwert herum. Dasselbe gilt für chronische Schmerzen, Golf-Handicaps, Börsenleistungen, Glück in der Liebe, subjektives Wohlbefinden, berufliche Erfolge, Prüfungsnoten." Die Dinge pendeln sich ein - unabhängig davon, was ein Experte rät oder tut. Wir aber unterliegen dem Irrtum, die positiven Veränderungen allein dem Einfluss dieser Experten zuzuschreiben.


Lassen Sie Fehler zu


Was die Lektüre von Die Kunst des klaren Denkens so angenehm macht, ist nicht allein die Kurzweiligkeit der Beispiele. Sondern auch die Tatsache, dass Dobelli - entgegen dem Buchtitel - keine Heilung verspricht. Zwar gibt er zu jedem Denkfehler ein paar prophylaktische Tipps. Aber er macht auch klar, dass man der Evolution so leicht kein Schnippchen schlagen kann. Was aber auch nicht nötig sei. "Klar zu denken ist aufwendig", so Dobelli. "Darum: Wenn der mögliche Schaden klein ist - zerbrechen Sie sich nicht den Kopf und lassen Sie die Fehler zu. Sie leben besser damit." Nur "in Situationen, deren Konsequenzen groß sind (bei gewichtigen privaten oder geschäftlichen Entscheidungen)", sei besondere Aufmerksamkeit geboten. So lehrt dieses Buch vor allem Demut: Auch der Homo sapiens ist nur ein Mensch.  


Zitate


"Klar zu denken ist aufwendig ... Darum: Wenn der mögliche Schaden klein ist - zerbrechen Sie sich nicht den Kopf und lassen Sie die Fehler zu. Sie leben besser damit." Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens

 

changeX 26.09.2011. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Carl Hanser Verlag

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Zum Buch

: Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen. Carl Hanser Verlag, München 2011, 256 Seiten, 14.90 Euro, ISBN 978-3-446-42682-5

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Autor

Dominik Fehrmann
Fehrmann

Dominik Fehrmann ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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