Das verflixte Geld

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Finanzbuchpreis 2013: Geld denkt nicht von Hanno Beck
Rezension: Anja Dilk

Immer wieder sitzen wir Irrtümern auf und sind uns doch verteufelt sicher. Sehen Muster, wo blanker Zufall regiert. Gerade in Gelddingen. Unser Gehirn spielt permanent Streiche, wenn wir mit Geld umgehen. Dieses Buch zeigt, wie wir aus unseren Irrtümern lernen können.

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Hat noch einer Zweifel daran? Für Anleger ist der Oktober ein Katastrophenmonat. Die Börsen geraten ins Schlingern, Aktien rauschen in den Keller. Das war schon immer so, ein Blick auf die Kursverläufe reicht als Beweis. Kann ja kein Zufall sein. Also Finger weg von Investments und Anlagen! 

Doch so klar ist die Sache nicht. Zufällige Ereignisse sind chaotisch. Mal ballen sie sich, mal machen sie sich rar. Unprognostizierbar. Wären Krisen gleichmäßig über die Monate verteilt, wäre das ja gerade kein Zufall, sondern System. Vielleicht also ist die Entscheidung gegen Investments im Oktober gerade bombenfalsch. Der Anleger hat sich von seiner falschen Vorstellung von Zufall verwirren lassen.  

Verfluchte Börse, verflixtes Geld! Immer wieder sitzen wir Irrtümern auf und sind uns doch verteufelt sicher. Sehen Muster, wo blanker Zufall regiert. Lassen uns überteuerte Versicherungen aufschwatzen, wo nüchternes Überlegen gefragt wäre. Greifen siegessicher zu den falschen Aktien, weil wir uns selbst überschätzen. Wiederholen die alten Fehler, weil wir unsere Entscheidungen im Rückblick schönreden. Egal ob in puncto Altersvorsorge, Kreditkartendisziplin oder an der Börse - das Gehirn spielt permanent Streiche, wenn Menschen mit Geld jonglieren.


Keine Erklärung für den Irrsinn an den Kapitalmärkten


Als Hanno Beck, heute Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim, vor Jahren seinen ersten Job als Finanzjournalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung antrat, merkte er schnell, wie wichtig dieser menschliche Faktor an den Börsen ist. Mit Zinsmodellen, Wechselkurstheorien und Kapitalmarkttheoremen ließ sich der Irrsinn an den Kapitalmärkten einfach nicht erklären. "Es ist an der Zeit, einen etwas anderen Blick auf die Kapitalmärkte zu werfen", folgerte Beck. Einen Blick, der die menschliche Psyche in den Vordergrund rückt, um das Geschehen dort zu verstehen: Wie kann es zu Herdenbewegungen an der Börse kommen? Wieso schaffen wir es nicht, verlustreiche Investments zu beenden, und verkaufen stattdessen die Gewinnerinvestments? Wieso werfen wir dem schlechten Geld gutes hinterher?  

Beck geht es nicht um schnelle Rezepte für das beste Portfolio oder das kleine Erfolgseinmaleins auf dem Aktienmarkt. Er will die psychologischen Mechanismen freilegen, die heimlichen Stolpersteine, mit denen wir uns selbst ins Schlingern bringen, wenn wir mit Geld umgehen. Denn wer weiß, wie wir ticken, kann sich besser selber schützen. Neu ist dieser Ansatz zwar nicht. Längst haben die Verhaltensökonomen von Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Vernon Smith bis zu Stars wie Dan Ariely die Erkenntnisse aus Psychologie, Neurologie und Wirtschaftswissenschaften zu einer neuen, experimentellen Disziplin verwoben, die viel von dem erklären kann, was in der Wirtschaft passiert. Doch Hanno Beck fokussiert hier den Blick überzeugend auf die Forschungsergebnisse einer Unterdisziplin, der Behavioral Finance: Was verrät sie uns über unser Verhalten auf dem Kapitalmarkt?


Fallstricke in der menschlichen Psyche


Da ist zum Beispiel der Anchoring-Effekt. Kaum zu glauben, aber wenn wir hören, eine Aktie soll 1.000 Euro wert sein, setzt sich diese Zahl als Anker für den Kurswert in unserm Kopf fest - völlig egal, wie realistisch sie ist. Automatisch sucht das Gehirn nach Gründen, wieso das Papier so viel wert sein könnte, nicht danach, was dagegen spricht. Das Bild der Aktie gerät viel zu positiv.  

Da ist der Hang zur Entscheidungsparalyse. Er beschert uns verlustreiches Nichtstun, weil wir auf den großen Wurf warten, statt kleine Lösungen anzusteuern.  

Und da ist der Dispositionseffekt. Weil Menschen Verluste schwerer ertragen, als sich über Gewinne freuen können, bleiben sie gern auf den faulen Eiern im Portfolio sitzen, in der Hoffnung auf bessere Zeiten - auch wenn das Risiko, unverhofft mit null dazustehen, groß ist. Gewinneraktien hingegen verkaufen wir mit Freude. Dabei wäre das Gegenteil sinnvoll. Studien belegen, dass die innerhalb von zwei Jahren verkauften Gewinneraktien im Schnitt besser abschneiden als die gehaltenen Verliererpapiere. Über den Daumen gepeilter Renditeverlust: 4,4 Prozent.  

Kurzum: Es ist nahezu erschreckend, wie viele unbewusste Fallstricke es in der menschlichen Psyche gibt, in denen sich Anleger verheddern können.


Was lernen wir daraus?


Beck stellt ein durchdachtes Repertoire einfacher Ratschläge zusammen, wie wir den mentalen Stolperfallen einen Riegel vorschieben können. Indem wir etwa eine Münze bei uns tragen, um uns an die Tücken des Zufalls zu erinnern. Indem wir uns zu systematischem Gegensteuern zwingen, wenn Analysten mit griffigen Kursprognosen den Anchoring-Effekt in unserm Hirn in Gang setzen. Indem wir Verzögerungsschleifen einbauen, wenn wir spontan der Herde nachlaufen wollen.  

Hanno Beck ist ein hilfreiches, zudem amüsantes Buch gelungen, dessen Nutzwert sich leserfreundlich erschließt durch einen konsequent durchdeklinierten Kapitelaufbau mit der abschließenden Frage: "Was lernen wir daraus?" Und er versteht es, neugierig zu machen. Was zum Beispiel hat unsere Freude am Eigentum mit den Punischen Kriegen zu tun? Wie bitte? Werfen Sie einfach einen Blick in dieses Buch.  


changeX 21.03.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

hanser

Carl Hanser Verlag

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Zum Buch

: Geld denkt nicht. Wie wir in Gelddingen einen klaren Kopf behalten. Carl Hanser Verlag, München 2012, 336 Seiten, 17.90 Euro, ISBN 978-3-446-43202-4

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Autorin

Anja Dilk
Dilk

Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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