Mit Macht

Power - das neue Buch von Robert Greene
Rezension: Jost Burger

Macht ist das Tabuthema Nummer eins, nicht nur im Management. Ein Klassiker zum Thema beschreibt die Mechanismen der Machterlangung - man muss sie nicht anwenden, aber kennen sollte man sie. Um sie abzuwehren.

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Mit der Macht ist das so eine Sache. Wer offen nach ihr strebt, den betrachten wir mit Abscheu. Erfolgreiche Firmengründer aber verehren wir. Putschisten sind hässliche "Machthaber", als sei etwa der französische Präsident nicht auch - zumindest auf Zeit - mit erheblicher Macht ausgestattet. Wollen wir "die da oben" kritisieren, sprechen wir von "den Mächten in Wirtschaft und Politik". Fremdbestimmt möchten wir aber auch nicht sein und bringen unseren Kindern bei, sich durchzusetzen.  

Macht ist ein Zustand, der uns handlungsfähig macht. Dass wir sie brauchen und wollen, hören wir aber nicht so gerne. Zivilisiert soll es schon zugehen, wenn es um die Macht geht - und ganz so deutlich ansprechen sollte man das Thema bitte auch nicht!  

Vielleicht heißt ein Buch über Macht deshalb in der deutschen Ausgabe so wie im Original: Power. Klingt besser, ist nicht so, Pardon, Faust aufs Auge. Die allerdings schlägt einem sofort entgegen, schlägt man die ersten Seiten auf. Denn es handelt sich um Robert Greenes Klassiker von 1998, in dem die 48 Gesetze der Macht aufgeführt und in ihrer Anwendung beschrieben werden. Jetzt liegt auf Deutsch auch die vier Jahre später erschienene stark verdichtete Kurzfassung vor.


Ein Machtkonzentrat


Ein Machtkonzentrat sozusagen, das sich offensichtlich in der Nachfolge Machiavellis sieht. Der wandte sich an den Fürsten. Greene denkt an den modernen Einzelkämpfer, erinnert aber an das Ränkespiel zu Hofe: "Wenn Sie wie die Höflinge vergangener Tage die Kunst des indirekten Vorgehens beherrschen […] dann werden Sie den Gipfel der Macht erlangen." Und auch das Layout folgt wohl kaum zufällig Traktaten der Renaissance und der frühen Neuzeit, in denen Randglossen und abgesetzte Textteile die Kernthesen zusammenfassten und in den gelehrten Kontext einordneten.  

Gesetz Nummer 3 etwa ist ein schönes Beispiel für die Machterlangung auf Schleichwegen und den gestalterischen Tenor des Buches. Großzügig gesetzt wird verkündet: "Halte deine Absichten stets geheim". Darunter ist in wenigen Sätzen erklärt, "was das bedeutet": Anderen den Blick vernebeln, die eigenen Motive geheim halten, um dann ungehindert agieren zu können. Eine Handvoll Seiten erläutert, wie das in der Praxis geht. Aufmerksamkeit heucheln etwa, ein regloses Gesicht machen. Offen, ehrlich und vor allem ständig von seinen Absichten sprechen - nur dass es eben nur scheinbar die wahren Absichten sind. Den Rand schmückt unter anderem ein Verweis auf Sun Tzus "Schmuggele dich am helllichten Tage übers Meer". Abgeschlossen wird jeder Eintrag mit der Zuweisung eines Symbols, in diesem Fall, was sonst, das Schaffell, und einem "Garanten" in Gestalt eines Textauszuges von Autoren, die auch schon einmal über das Thema geschrieben haben. Eine Berufung auf die Autoritäten sozusagen.  

So geht das konsequent weiter, etwa mit Gesetz Nummer 11: "Mache Menschen von dir abhängig", Nummer 27: "Schaffe einen Personenkult um dich" oder Nummer 15: "Vernichte deine Feinde vollständig". Manches klingt gar nicht so schlimm: Nummer 30 etwa: "Es muss leicht aussehen", oder Nummer 28: "Packe Aufgaben mutig an". Geradezu weise und menschlich wirkt gar Nummer 45: "Predige notwendigen Wandel, aber ändere nie zu viel auf einmal".


Spiel um die Macht


Interessanterweise nimmt das Igitt-Gefühl des friedvoll und im Wohlstand sozialisierten Deutschen mit fortschreitender Lektüre ab. Faszination stellt sich ein. Lesegenuss übrigens auch, das gute Englisch des Autors wurde (von Hartmut Schickert und Birgit Brandau) in ebenso schönes Deutsch übertragen, und das Layout ist wirklich ansprechend. Vermutlich folgt Greene da einem Machtgesetz der Leserüberlistung, um sie seinem Standpunkt näherzubringen: Macht ist gut.  

Zumindest dürfte ihm kaum jemand widersprechen, wenn er schreibt: "Unsere heutige Welt betrachtet sich als den Höhepunkt der Fairness, doch genauso [wie zu Zeiten Machiavellis] wallen auch in uns wie seit Urzeiten hässliche Emotionen. Das Spiel [um die Macht] ist dasselbe geblieben." Nach außen gelte es, den Anschein zu wahren, doch wer kein Narr sei, der lerne rasch, auf der Hut zu sein und die "Faust in den Samthandschuh zu stecken". Das ist keine atemlos machend neue Einsicht. Aber wer je modernen Eltern zugesehen hat, wie sie mit Dreijährigen zu diskutieren versuchen, statt ihnen freundlich, aber extrem bestimmt zu sagen, wo es langgeht, der weiß: Zuweilen sind wir ein klein wenig gestört in unserem gesunden Verhältnis zur Macht. Und der sieht Greenes Buch plötzlich durchaus wohlwollend.


Die Gesetze der Macht verstehen


Worum geht’s also? Es geht um Ehrlichkeit. Ehrlichkeit im Umgang mit der Tatsache, dass sehr vieles - im Leben, in der Beziehung, in der Arbeit, in der Kindererziehung - genau jenen 48 Gesetzen der Macht gehorcht.  

Wie man das bewerten oder finden soll, darum geht es nicht. Und nebenbei und trotz alledem auch nicht einmal um die Frage, ob man diesen Maximen der Macht unbedingt folgen soll. Nur verstehen und durchschauen sollte man sie schon. Aus Lust an der Erkenntnis. Und um sich ihrer erwehren zu können. Mit diesem Buch gelingt’s.  


changeX 01.02.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

hanser

Carl Hanser Verlag

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Zum Buch

: Power. Die 48 Gesetze der Macht. Kompaktausgabe. Carl Hanser Verlag, München 2013, 256 Seiten, 14.90 Euro, ISBN 978-3-446-43485-1

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Autor

Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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