Das Wissen vom Nichtwissen

Nicht wissen - die neue Ausgabe des Kursbuchs
Rezension: Ute Wielandt

Letztlich gibt es mehr Dinge, die wir nicht wissen, als solche, die wir wissen. Und vielleicht schadet zu genaues Wissen sogar. Denn wer zu genau weiß, was er weiß, kann womöglich Alternativen, Korrekturmöglichkeiten, Veränderungen und Verbesserungen gar nicht sehen. Fragen zu Wissen und Nichtwissen wirft das neue Kursbuch auf.

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In unserer Wissensgesellschaft wird Nichtwissen gerne als Bedrohung aufgefasst. Man hat Angst vor gefährlichen Fehlentscheidungen, die aus dem Mangel an Wissen resultieren könnten. Und darum suchen Regierungen, Unternehmenslenker wie einzelne Menschen vor wichtigen Entscheidungen, möglichst viele Informationen zusammenzutragen und auszuwerten, um so die dunkle Bedrohung des Nichtwissens einzugrenzen und in Schach zu halten.  

Aber ist Nichtwissen wirklich in jedem Fall schädlich? Und was außer mehr oder weniger reflektierten Ahnungen lässt sich noch über das Nichtwissen sagen? Damit beschäftigt sich das Kursbuch in seiner 180. Ausgabe. Zwölf Essays, eine Fotostrecke und eine Kurzgeschichte beleuchten das Nichtwissen und seine Grenzbereiche zum Wissen aus verschiedenen Perspektiven. Sie fragen, hinterfragen und vertreten fundierte Meinungen - und all das in absolut lesenswerter Weise.  

Hochkarätige Autoren haben die Herausgeber Armin Nassehi und Peter Felixberger fürs 180. Kursbuch angeworben: Soziologen, Psychologen, Mediziner, Physiker, Theologen, Publizisten, Wirtschaftswissenschaftler. Lauter Menschen, deren Beruf im Grunde das Wissen samt seinen Randbereichen ist. Jetzt haben sie das Nichtwissen von verschiedenen Seiten aus beleuchtet. "Es bestätigt sich die kantsche Skepsis - wer über die Bedingungen des Wissens räsoniert, verliert sicheren Wissensboden", fasst der Herausgeber Armin Nassehi im Editorial zusammen. Das Hinterfragen von vermeintlichem Wissen über das Wissen ist denn auch eins der großen Verdienste dieses Bandes.


Nichtwissen über das Wissen


So wägt zum Beispiel der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer ab, wie viel Wissen oder Nichtwissen übereinander einer Partnerschaft guttut im ewigen Balanceakt zwischen Symbiose und Individualismus. Armin Nassehi zeigt scharfsinnig, auf welche Weise Nichtwissen Kommunikation überhaupt erst möglich macht. Der Politologe Karsten Fischer argumentiert gegen den gefährlichen Durst von Staaten nach allumfassendem Wissen über ihre Bürger, also den Überwachungsstaat. Der Soziologe Werner Vogd und der Mediziner Jürgen Zöllner schreiben, jeder aus seinem Blickwinkel, über die Grenzen des Wissens in der Medizin und was diese für den medizinischen Fortschritt, aber auch für das Verhältnis von Arzt und Patienten bedeuten. Der Hirnforscher Ernst Pöppel zeigt auf, dass von einem Hirnforscher Antworten auf fast alle Fragen erwartet werden - dabei besteht nicht einmal Einigkeit darüber, was genau der Gegenstand seines Fachs ist.  

Harald Lesch schreibt über Nichtwissen in der Physik, die zwar empirisch die Welt beschreiben, aber nicht erklären kann. Der Theologe Gregor Maria Hoff erörtert die Rolle von Wissen und Nichtwissen in der Religion: Religiöse Gewissheit ist nur über diejenigen Dinge möglich, bei denen der Mensch weiß, dass empirisches Wissen weder erreichbar noch sinnvoll ist. Wo dieses Bewusstsein des Nichtwissens fehlt, wird aus Religion tödlicher Fanatismus. Der Literaturprofessor Hans Ulrich Gumbrecht plädiert für die positive Rolle des Nichtwissens im Sport: Wenn die Ergebnisse von Wettkämpfen im Voraus bekannt wären, würden diese langweilig und überflüssig. Peter Felixberger zeigt in "Die Stunde der Blender", dass dort, wo niemand alles weiß (also quasi überall), derjenige Macht gewinnt, der gar nicht erst versucht, Wissen zu erwerben, und stattdessen überzeugend Gewissheit vortäuschen kann. Martin Kocher, Professor für Verhaltensökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung, seziert die Vorstellung vom rational aufgrund seines Wissens entscheidenden Homo oeconomicus und zeigt typische Fehler in der Entscheidungsfindung auf. Und Andreas Zeuch untersucht die Intuition, die auf unbewusstem Wissen basierende emotionale Entscheidung, die lebensrettend sein kann wie im Fall des Feuerwehrmanns Wag Dodge, aber auch der Gefahr von Irrtümern und Fehlverknüpfungen unterliegt.  

Aus der Fülle der spitzfedrigen, philosophischen, kritischen und selbstkritischen Essays stechen zwei durch ihre Form heraus: Paul Hahn lieferte einen Foto-Essay, in dem er Schulen und Schüler auf aller Welt zeigt, also den Prozess des Wissenserwerbs in verschiedenen Varianten bildlich darstellt. Und von Colm Tóibín ist eine einfühlsame Kurzgeschichte über zwei Frauen abgedruckt, die nichts voneinander wissen, außer dass sie nacheinander denselben Mann geliebt haben.


Illusion der Klarheit


Es fällt schwer, aus diesen Essays, von denen jeder einzelne hochinteressant und klug ist, einen oder zwei zur genaueren Untersuchung herauszupicken. Einigermaßen willkürlich sei hier Ernst Pöppels Überblick über Fragen der Hirnforschung ausgewählt. Pöppel zeigt zunächst auf, dass der Gegenstand der Hirnforschung nicht klar bestimmt ist, sondern aus einem Konvolut ganz unterschiedlicher Fragen besteht: zum Beispiel die, wie sich die Identität eines Menschen bestimmt. Oder die, wie Erlebtes und Gehirnvorgänge miteinander verflochten sind. Dann umreißt er einige dieser Fragen genauer und schildert die ihnen innewohnenden Widersprüche und Wissensgrenzen: Was ist Zeit? Ist sie ein kontinuierlicher Fluss oder eine Abfolge von kleinen Sprüngen? Ergebnisse der Hirnforschung legen nahe, dass das Gehirn die Zeit in kleine, in sich zeitlose Zonen zerlegt. Aber: "Um solche zeitlosen Zonen zu bestimmen, nutzen wir zu deren Beschreibung das Konzept der kontinuierlichen Zeit. Man ist gefangen in einer Zirkularität, aus der es kein Entkommen gibt."  

Ein anderes Beispiel: Wie sehr prägt Sprache die Denkstrukturen, limitiert die Gedanken, lenkt Assoziationen - und wie groß ist die Rolle derjenigen Erinnerungen und desjenigen Wissens, das sich nicht in Worte fassen lässt, sondern in Bildern oder anderen Sinneseindrücken im Gehirn gespeichert ist? Obwohl jeder weiß, dass ein Sachverhalt komplexer ist als der Begriff, mit dem er belegt wird, wird dies in der Kommunikation gerne unterschlagen. "Man gibt sich der Illusion der Klarheit hin."


Anregung zum Hinterfragen


Wie die Bände davor auch schon ist das Kursbuch 180 außerordentlich lesenswert, an vielen Stellen brillant. Es bietet vielfältige Anregungen zum Nachdenken, Weiterdenken, Tieferdenken, zum Hinterfragen von scheinbarem Wissen und von bisherigen Werturteilen wie dem, dass Wissen in jedem Fall dem Nichtwissen vorzuziehen sei. Und es wird - hoffentlich - Anstoß zu Diskussionen geben. Denn die Autoren fassen nicht nur den Blickwinkel der einen oder anderen Wissenschaft zusammen, sondern vertreten ausdrücklich ihre jeweils persönliche Meinung, die zu Zustimmung oder Widerspruch einlädt. Unbedingt lesenswert!  


Zitate


"Wenn alle Entscheidungsfinder perfekt rational sind, und jeder weiß, dass jeder rational ist, und jeder weiß, dass jeder weiß, dass jeder rational ist und so weiter, dann spielt Wissen per Definition keine Rolle." Martin G. Kocher: Richtig falsch. Verzerrungen, Abweichungen und Fehler bei der Entscheidungsfindung, in: Kursbuch 180 - Nicht wissen

"Es bestätigt sich die kantsche Skepsis - wer über die Bedingungen des Wissens räsoniert, verliert sicheren Wissensboden." Armin Nassehi: Editorial, in: Kursbuch 180 - Nicht wissen

"Man gibt sich der Illusion der Klarheit hin." Ernst Pöppel: Ich habe keine Ahnung. Nichtwissen in der Hirnforschung, in: Kursbuch 180 - Nicht wissen

 

changeX 11.12.2014. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Kursbuch 180. Nicht wissen. Murmann Publishers, Hamburg 2014, 200 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3867743877

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Autorin

Ute Wielandt
Wielandt

Ute Wielandt ist freie Texterin in Ingolstadt. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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