Zukunft auf Vorrat

No such Future - das freche Zukunftsbuch von Friederike Müller-Friemauth
Rezension: Sascha Hellmann

Zukunft strategisch planen. Auf Zahlen setzen? Verlorene Liebesmüh, meint eine Zukunftsforscherin und rechnet mit ihrer Zunft ab. Ihr Credo: Selbst denken, in Alternativen, auf Vorrat. Und dann taktieren.

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Nö! Mit dieser aufmüpfigen, fast pampigen Absage lässt sich gut die Haltung beschreiben, mit der Friederike Müller-Friemauth in ihrem neuen Buch No such Future den Gegner aufs Korn nimmt: das gängige zahlenfixierte und präzisionsgläubige Strategie- und Zukunftsdenken von und für Unternehmen. Hingegen plädiert sie für mehr Taktik - und Selberdenken! Denn oftmals denken Unternehmen nicht selbst, sondern kaufen die vermeintliche Expertise ein. Das, was der Autorin alternativ vorschwebt, nennt sie "Denken auf Vorrat". Etwas, das jeder Unternehmer mit gesundem Menschenverstand selbst leisten kann.  

Diese erfrischende Respektlosigkeit kommt jedoch nicht einfach so daher, sondern fußt auf einer mehr als 20-jährigen Berufserfahrung in Trend- und Zukunftsforschung. Und das merkt man dem Buch an: Mit traumwandlerischer Sicherheit demaskiert Müller-Friemauth das Theater der strategiegebenden Zukunftsforscherzunft, ohne jedoch jede Vorstellung von der Bühne zu buhen. Denn sie hat noch den Glauben an seriöse Ansätze. Brüskierend verfährt sie jedoch mit den Schaumschlägern, zerfetzt deren hochgepushtes Geschwurbel, das keine Sau versteht - und legt den Finger in die Wunde: die oftmals selbstherrliche Attitüde nämlich, mit der mancher Zukunftsdienstleister es geradezu darauf anlegt, dass keine Sau versteht, worum es geht, um dafür aber umso ehrerbietiger hofiert zu werden - als modernes Orakel von Delphi.


Meister kalkulierter Improvisation


Schluss damit - und zur Sache: Unternehmen müssen, wie jeder Mensch auch, zukunftsorientiert handeln, um zukunftsfähig zu sein. Das steht außer Frage. Und Müller-Friemauth interessiert sich insbesondere für die kleinen und mittleren Unternehmen, für die sie mit ihrem Buch ein Trainingslager aufschlägt. Orientiert am Fußball, denn dort, zumindest im Profibereich, gebe es "Meister in kalkulierter Improvisation". Etwas, das sie als Erfolg versprechend der üblichen Strategiestarre entgegenhält: "Dem Unvorhersehbaren kann man nicht ‚strategisch‘ begegnen. Aber man kann ‚taktisch‘ klug mit Zukunft umgehen. Und den Zufall? Den kann man manchmal auskontern!" Und: "Erfahrene Zukunftsforscher misstrauen ‚Business-Plänen‘, die rosige Aussichten versprechen (müssen). (...) Vielmehr konzentrieren sie sich darauf, wie sich das Auf-uns-Zukommende beeinflussen und gestalten lässt: Wie Bevorstehendes befördert, geformt oder verhindert werden kann. Praktisch. Konkret. Jetzt."  

Getreu der Devise "Lieber vage richtig- als präzise falschliegen", postuliert die Autorin drei Prämissen ihres Taktikansatzes: Erstens entstehen unternehmerische Entscheidungen durch Vorgänge, die niemand vollständig erfassen kann, zweitens entwickelt sich Ordnung in Entscheidungsprozessen, Strukturen oder Unternehmen häufig spontan und drittens kommt gutes Entscheiden durch gutes Urteilen anstatt durch strukturierte Kalkulation zustande.  

Was also tun? Durchwurschteln! Vornehmer ausgedrückt: improvisieren! Angesichts des allgemein beschleunigten Wandels heißt das: auf der Hut sein, links und rechts des Weges schauen, Zukünfte als verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten vorwegnehmen und durchspielen, schauen, was wirklich kommt, gegebenenfalls nachbessern, neu entwerfen - stets mit dem Blick nach vorn. Kurz: Der Zukunft auf der Schwelle zur Gegenwart überlegt, wach und handlungsoffen begegnen!


Sich des eigenen Hirns bedienen


Wer dies als Zuruf von der Seitenauslinie noch gerade gelten lassen mag, jedoch insgesamt zu unsystematisch ist, für den hat die Autorin noch etwas Systematik aus der Zukunftsforscher-Toolbox gerettet: die Szenariotechnik. Die nämlich lässt sie gelten, zumal es sich hier nicht um eine Glaskugel handelt. Stattdessen werden mögliche Entwicklungen, Zukünfte, im Hinblick auf eine Fragestellung projiziert, durchgespielt. Vorteil: Man ist gewappnet. Und das Muster ist übersichtlich: Erstens eine Frage in Richtung Zukunft formulieren, zweitens Einflussfaktoren bestimmen, diese drittens hinsichtlich ihrer Gewissheit bewerten, viertens die Szenarien erstellen - und fünftens weiterdenken. "Die Szenariotechnik ist in ihrer Grundstruktur recht überschaubar und bestens geeignet, einmal selbst Zukunftsluft zu schnuppern und das Morgen probehalber persönlich anzupacken. Zum Beispiel, um schnell und einfach die geschäftliche Zukunft ins Visier zu nehmen. Risiken und Nebenwirkungen entspringen allein Ihren Überlegungen. Arzt, Apotheker, Astrologe, Berater: überflüssig."  

Selbständig, eigenverantwortlich denken also. Doch geht es Müller-Friemauth weder darum, die Vorausschauerzunft in Gänze zu diskreditieren, noch darum, die Ansprüche an diese herunterzuschrauben - frei nach dem Motto "Zukunftsforscher sind ja auch nur Menschen!" - oder gar ein neues Paradigma zu etablieren. "Vielmehr wollen wir dafür werben, sich des eigenen Hirns zu bedienen: die eigenen Entscheidungsmodelle und Urteilskriterien zu überprüfen, um so die fraglos bedrohte Autonomie, Handlungssouveränität und Kontrolle über das unternehmerische Ganze trotz immer unübersichtlicher werdender Umfelder wieder zurückzugewinnen."


Primat des Tuns


Eine Handvoll Regeln gibt die Autorin dafür mit auf den Weg: Als Entscheider orientiere man sich am Tun, um auf dem Weg zu sein, Chancen zu ergreifen und bestmöglich zu nutzen, nicht am Problem oder seiner Lösung. Außerdem müsse man seine eigene Identität auf dem Schirm haben und diese im Lauf nach vorne immer weiterentwickeln, um künftige Entscheidungen nicht nur mit Blick auf Verbesserung oder Optimierung, sondern auch nach dem Selbstbild zu fällen. Und es gelte, in Alternativen zu denken: "Erst ab drei Alternativen beginnt die freie Wahl - autonomes Handeln mit eigener Kontrolle über den Entscheidungsprozess."  

Die freie Wahl - Müller-Friemauth macht Mut zum Selberdenken und Selbermachen. Und allein deshalb sei ihr Buch schon empfohlen. Darüber hinaus ist die Lektüre ob der inhaltlichen Schärfe, der Scharfzüngigkeit und nicht zuletzt des überall aufblitzenden Witzes ein Genuss.  



Zitate


"Dem Unvorhersehbaren kann man nicht ‚strategisch‘ begegnen. Aber man kann ‚taktisch‘ klug mit Zukunft umgehen. Und den Zufall? Den kann man manchmal auskontern!" Friederike Müller-Friemauth: No such Future

 

changeX 14.06.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: No such Future. Ein Trainingslager für mittelständischen Unternehmerverstand. GABAL Verlag, Offenbach 2013, 220 Seiten, 29.90 Euro, ISBN 978-3-86936-479-7

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Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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