Augen auf im Blindflug

Denken ist dumm - das neue Buch von Hermann Scherer
Rezension: Sascha Hellmann

Auf unseren Verstand lassen wir nichts kommen, doch spielt er uns so manchen Streich. Ein Ratgeber führt ins Schattenreich unserer Irrtümer, Fehlentscheidungen und Überforderungen. Aber er macht Hoffnung: Wir können zu besseren Entscheidungen kommen. Wenn wir uns beim Denken auf die Finger schauen.

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Ein fiktiver Fall: Ein Patient soll nach langer und erfolgloser Schmerztherapie operiert werden, ein neues Hüftgelenk. Als er bereits auf dem Weg zum Operationssaal ist, stellt sich heraus, dass den Ärzten ein Fahler unterlaufen ist: Sie haben schlicht vergessen, ein anderes, zweites Schmerzmittel zu testen. Was tun? Die Mehrzahl der Menschen, die man danach fragt, würden den Patienten zurückrufen und das zweite Medikament probieren. Doch ganz anders sieht es aus, wenn nicht ein Medikament übersehen wurde, sondern gleich zwei. Dann schickt die Mehrheit den Patienten in den OP. Warum das? 

Offenbar ist die Situation auf einmal zu komplex: Weil nicht sofort eine Lösung, nämlich ein Medikament, zur Hand ist, klinken sich die meisten aus der Entscheidung aus und lassen den Dingen ihren Lauf. Bei nüchterner Betrachtung ein Irrsinn. Aber diese klare Einsicht vernebelt offensichtlich der Druck der Situation.  

Dies ist nur eines von vielen Beispielen typischer geistiger Fallstricke, die der Autor, Wissenschaftler und Business-Philosoph Hermann Scherer in seinem neuen Buch Denken ist dumm zusammengeführt und mit wissenschaftlichen Erklärungen versehen hat. Auf überaus kurzweilige Art führt der Autor uns damit ins Schattenreich unserer Irrtümer, Fehlentscheidungen, Täuschungen und Überforderungen. Obwohl wir nämlich glauben, "rational zu entscheiden und zu handeln, sind in unserem Kopf unbewusste Prozesse am Werk, die zu ganz eigenen Schlüssen kommen". Wir sind also meistens mit Autopilot unterwegs. Das wäre ja nicht mal schlimm, wenn dieser immer richtig funktionierte. Tut er aber nicht. Wir müssen also - bildlich gesprochen - beim Blindflug mindestens ein Auge offen halten, um im Ernstfall wieder als Pilot den Steuerknüppel in die Hand zu nehmen. Das ist das Versöhnliche an Scherers Sammlung: Die Auseinandersetzung mit unserer Begrenztheit hilft, diese zu verringern, indem wir uns auf die Finger schauen und korrektiv einschreiten. Dabei werden unsere Entscheidungen Flug für Flug besser.


Magie, Rituale und schräge Theorien


Doch zurück zum Irrsinn: Unter anderem hat es uns Verstandesmenschen die Irrationalität angetan und wir erliegen zeitweise geradezu magischen Vorstellungen - technisch gesprochen, einer "Kontrollillusion": So würfeln Menschen sanft, um niedrige Zahlen zu erzielen, und kräftig, wenn sie eine Fünf oder Sechs haben wollen. Und Lottospieler sind felsenfest davon überzeugt, dass ihre Gewinnchance höher liegt, wenn sie den Schein selbst ausfüllen.  

Damit nicht genug: So wollen Lottospieler ein eigenhändig aus der Box gezogenes Los nur ungern gegen ein anderes tauschen. Der Glaube sitzt hier tief, dass die eigene Hand das Glück magnetisch anzieht. Und obwohl die wenigsten von uns zugeben wollen, bewusst auf Telepathie oder Ähnliches zu setzen, scheinen wir, sobald uns der Durchblick fehlt, erkenntnistheoretisch zu regredieren: "Wir weichen auf Magie, Rituale und schräge Theorien aus."  

Und den Rest geben uns schlussendlich komplexe Systeme. Hier erschlagen uns nicht nur Problemumfang, Vernetztheit und Eigendynamik. Mit der Undurchschaubarkeit und Unübersichtlichkeit wird unser Verstand geradezu mattgesetzt - mit dem hübschen Schluss: "Weitgehend im Dunkeln tappen wir, was die Steuerung komplexer sozialer, psychischer und ökonomischer Zusammenhänge angeht. Wir scheinen immer nur Ausschnitte oder besonders krasse Effekte in den Blick zu bekommen." Und wenn die Systeme dann auch noch zu interagieren beginnen, ist es ganz aus. Wir sind dann gezwungen, zu gewichten, Kompromisse zu finden, Neujustierungen zu versuchen, was uns im besten Fall auf Trab hält, meistens jedoch in den Taumel der Kopflosigkeit treibt. "Und über die wirklich vertrackten Fälle haben Dichter große Tragödien geschrieben", bemerkt Scherer spitz.


Sich beim Denken auf die Finger schauen


Wer sich angesichts dieser Furcht einflößenden Fehlleistungen fragt, wie wir überhaupt im Alltag zurechtkommen, mag bei Scherers Resümee unserer kognitiven Bravourstücke leicht ganz den Halt verlieren. Seine nüchterne Analyse lautet nämlich: "Unsere Wahrnehmung zeitlicher Abläufe ist unterentwickelt. Zusammenhänge, die einen - recht niedrigen - Komplexitätsgrad überschreiten, verstehen wir nicht. Wechsel- und Nebenwirkungen können wir praktisch nicht vorhersehen. Exponentielle Verläufe kriegen wir einfach nicht in den Kopf! Und unser Gedächtnis ist ein Sieb. Ständig verblasst das gerade Erlebte." Zudem: "Versuchen wir, uns mit Hilfsmitteln wie Statistiken und Wahrscheinlichkeitswerten zu behelfen, hauen wir oft hoffnungslos daneben. Stattdessen konzentrieren wir uns auf einzelne Ursachen, blenden aus, was wir ohnehin nicht begreifen, und biegen den Rest auf einfache lineare Verläufe hin."  

Eine Katastrophe? Nein, meint Scherer. Denn unsere Intuitionen funktionieren in einer Vielzahl von Situationen hervorragend. Gerade in den meisten Routinehandlungen navigieren sie uns außerordentlich zuverlässig durch eine unübersichtliche Umwelt. Außerdem - und das ist die frohe Botschaft des Buches - haben wir trotz der schwindelerregenden Anzahl von Denkfallen die Chance, unserem Denken nicht auf den Leim zu gehen. Indem wir uns beim Denken auf die Finger schauen: "Bei der alltäglichen Entscheidungsfindung geht es vor allem darum, neben den Möglichkeiten auch die Grenzen und Fallstricke unseres Denkens und Wahrnehmens im Blick zu behalten."


Fehler als Durchgangsstadien zur Erkenntnis


Wir müssen sozusagen an einer Art Metawissen arbeiten, indem wir unsere Fähigkeit schulen, "zu erkennen, wo unser intuitives Handeln an seine Grenzen stößt, wo wir vom Autopiloten auf den Reflexionsmodus umschalten und eventuell externe Hilfsquellen anzapfen". Die Fehler, die uns zwangsläufig unterlaufen werden, sollten wir, so Scherer, zu nutzen wissen, quasi als Durchgangsstadien zur Erkenntnis. Solange wir nur eine Grundhaltung des Beobachtens, Prüfens und Verbesserns behielten, können wir die Vorzüge des - wohlgemerkt - überwachten Autopiloten nutzen und in anderen Situationen durch eine Portion kritischen Korrektivs unsere Problemlösungen optimieren. Und das Ergebnis lässt sich sehen: Wir verbessern Schritt für Schritt unsere Entscheidungen und machen damit unser Handeln klüger.  


changeX 06.06.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Denken ist dumm. Wie Sie trotzdem klug handeln. GABAL Verlag, Offenbach 2012, 184 Seiten, 24.90 Euro, ISBN 978-3-86936-384-4

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Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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