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Kunst der Kooperation

Zusammenarbeit - zum neuen Buch von Richard Sennett
Rezension: Anja Dilk

Sind wir auf dem Weg in eine neue Ära der Kooperation, in der die digital vernetzte Kollaboration die Menschheit auf eine neue Stufe der Zusammenarbeit hebt? Manche sagen das. Andere sind skeptischer. Wie der Starsoziologe Richard Sennett. Er sieht die Zusammenarbeit in unserer von Wettbewerb, Egozentrik und Leistungslogik durchdrungenen Gesellschaft auf dem Rückzug. Und er erinnert daran, dass wir die fragile Basis unserer Kooperationsfähigkeit stets neu sichern müssen. Durch Menschlichkeit, Miteinander, Zusammenhalt.

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Die Ritter waren harte Kerle. Kampferprobt, grob, voll des sexuellen Mannesdrangs. Nur der zeremonielle ritterliche Verhaltenskodex schob ihrem aggressivem Wüstlingstum einen Riegel vor. Die Liebste verehren mit holden Liedern und ritterlich-edlem Gehabe. In einer Welt, in der Gewalt und Kampf allerorts zum Alltag gehörten, sollte der ritterliche Verhaltenskodex der Gewalt innerhalb der Elite Grenzen setzen.  

Als sich im 16. Jahrhundert allmählich die höfischen Umgangsformen durchsetzten, trug der neue Kodex Beherrschung und Zurückhaltung in alle Lebensbereiche. Wäre es nicht viel vergnüglicher, Gespräche weniger aggressiv zu gestalten? Sich gegenseitig gut zuzuhören und Beleidigungen mit Humor zu parieren. Sich selbst nicht so ernst zu nehmen? Und auch unbekannten Menschen freundlich zu begegnen und andere nicht mit Prahlerei kleinzumachen? "Sprezzatura", Lässigkeit, nannte das Baldassare Castiglione 1528 in seinem Buch vom Hofmann - sie sollte die Menschen "umgänglicher, das heißt kooperativer in ihrer Konversation" machen, "weniger ichbezogen, dafür aber geselliger". Das Zeitalter einer neuen Art der Kooperation war angebrochen.


Das Wesen von Zusammenarbeit


Kooperation? Damals vielleicht, aber heute? Geht es in unserer von Wettbewerb, Egozentrik und Leistungslogik durchdrungenen Gesellschaft nicht gerade um das Gegenteil? Der Starsoziologe Richard Sennett, Professor an der London School of Economics, ist sich sicher: Eben nicht. Zusammenarbeit ist heute wichtiger denn je. Gerade die moderne Gesellschaft braucht verlässliche, ritualisierte Formen des Miteinanders. "Kooperation dient als Schmierstoff für jene Maschinerie, mit deren Hilfe wir es schaffen, dass Dinge getan werden, und indem wir uns mit anderen Menschen zusammentun, können wir individuelle Mängel ausgleichen. Die Kooperation ist in unseren Genen angelegt, ... muss entwickelt und vertieft werden", schreibt Sennett, "denn sie ist es, was unsere Gesellschaft und uns selbst zusammenhält. Zusammenarbeit heißt sein neues Buch, in dem er mit persönlichem Zungenschlag das Wesen von Zusammenarbeit erörtert und überlegt, wie wir sie wieder als Wert in der Gesellschaft verankern können.  

Dass Richard Sennett gerade jetzt dieses Thema mit einem groß angelegten Rundumschlag angeht, ist kaum ein Zufall. In den aktuellen Debatten von Verhaltensökonomie über Neurobiologie bis zu Soziologie und Literaturwissenschaft rückt der Blick auf das Soziale am Menschen zunehmend in den Mittelpunkt. Gerade erst hat die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Sandra Richter ein Buch über Mensch und Markt geschrieben. Darin zeigte sie auf ungewöhnliche Weise, wie der Wettbewerbsgedanke kooperative Züge anzunehmen beginnt. Und zur selben Zeit etwa schreiben Claas Triebel und Tobias Hürter über die Kunst des kooperativen Handelns. Und eben erst haben Peter Senge und Jeremy Rifkin Kooperation als Leitmotiv und Herausforderung der Menschheitsentwicklung identifiziert. Dieses Zusammentreffen überrascht nicht. In der globalisierten, technologiegesteuerten Welt mit ihren dramatischen Krisen und der kaum noch zu beherrschenden Komplexität wird das Miteinander zur Schlüsselfrage. Wie können Menschen, die sozial, kulturell, religiös und ökonomisch fundamental unterschiedlich sind, zusammenleben und zusammenarbeiten? Wie können sie ein Miteinander gestalten, auch wenn sich ihre Bedürfnisse oft nicht mit denen anderer versöhnen lassen?  

Zusammenarbeit ist für Sennett Teil seiner Trilogie zum "Homo-Faber-Projekt", wie er es nennt. In ihm beschäftigt er sich mit den Fragen, in welchem Maß wir durch praktisches Handeln "Herr unser selbst werden können", und was die Grundlagen des Zusammenhalts sind. Im ersten Buch zu diesem Themenkomplex aus dem Jahr 2008 konzentrierte er sich auf die kooperative Produktion im Handwerk - für Sennett die Urform der Kooperationskunst -, der dritte Band soll sich einem zukunftsfähigen, gemeinschaftsorientierten Städtebau widmen. In Zusammenarbeit eben fokussiert er auf "die Empfänglichkeit gegenüber anderen, etwa die Fähigkeit, im Gespräch zuzuhören, und auf die praktische Anwendung solcher Empfänglichkeit in der Arbeit und in der Gemeinschaft".


Kooperation, ständig im Fluss


Mit großer Detaildichte geht Sennett dem Wesen unserer kooperativen Fähigkeiten auf den Grund. Beginnend bei der kindlichen Entwicklung, die von Beginn an auf die Ausdifferenzierung unserer Kommunikationsfähigkeiten abzielt. Sie sind Grundlage von Kooperation, auf die wir wie alle sozial lebenden Tiere angewiesen sind, "weil die Biene, der Wolf oder der Mensch alleine nicht überleben können. Sie - wir - brauchen einander." So voraussetzungslos in unseren Genen verwurzelt Kooperationsbereitschaft auch ist, "aus denselben Gründen kann Kooperation auch nicht stabil sein, denn die natürliche Umgebung bleibt nie dieselbe". Wenn etwa durch Veränderungen der klimatischen Umwelt die Karten neu gemischt werden, Tiere in das Territorium anderer Tierarten eindringen oder Menschen sich neu orientieren, verändern sich auch die Verhaltensmuster. Die Art unserer Kooperation ist ständig im Fluss, um sich optimal anpassen zu können.  

Sennett macht fünf grundlegende Austauschmechanismen aus, mit deren Hilfe Menschen (ähnlich wie Affen oder Ameisen) dabei immer wieder neu ein Gleichgewicht von Kooperation und Konkurrenz herstellen können: altruistischer Austausch (in dem sich im Extremfall einer opfert), Win-win-Austausch (aus dem beide Seiten Nutzen ziehen), differenzierender Austausch (bei dem sich beide Seiten ihrer Unterschiede bewusst werden), Nullsummenaustausch (bei dem der Nutzen der einen auf Kosten der anderen geht) sowie "Gewinner bekommt alles" (die eine Seite bekommt alles, die andere nichts). Ob in der Steppe der Steinzeit oder im Geschäftsleben des 21. Jahrhunderts - im Alltag kommt es darauf an, mithilfe dieser Mechanismen das Gleichgewicht immer neu auszutarieren. Zum Beispiel - wenn es um Win-win-Austauschbeziehungen geht - durch Verhandlungsgeschick, Sensibilität und dem kunstvollen Umgang mit Mehrdeutigkeit. Oder mithilfe von Ritualen, die die Bindungskraft von Kooperation und die wechselseitige Vergewisserung stärken.  

Kurzweilig zeichnet Sennett nach, wie sich diese Formen und Mechanismen der Kooperation im Laufe der Geschichte verändert haben. Von den - eine kooperative Ordnung schaffenden - Ritualen der mittelalterlichen Zünfte, den Codes der Ehrerbietung und Bestätigung, Kooperation und Konkurrenz in den ersten wissenschaftlichen Labors, über die Entstehung der - oben beschriebenen - neuzeitlichen Formen kooperativer Verhaltensmuster in der höfischen Gesellschaft bis zu ihrer Weiterentwicklung in Form von "Höflichkeit" als sozialem Rahmen für eine lebendige Kommunikation.


Schwindende Kooperation in der modernen Gesellschaft


Doch heute, in der modernen Gesellschaft, steht die Kooperation nach Sennetts Einschätzung mit dem Rücken zur Wand.  

Sie ist geschwächt von einer permanenten und längst verinnerlichten Erfahrung von Ungleichheit, die zu den westlichen Gesellschaften gehört wie dereinst der Glaube an den immerwährenden Fortschritt. Das gilt auch in der (amerikanischen) Mittelschicht, wo die Wahrscheinlichkeit, dass ein Student ein ebenso hohes Einkommen erzielt wie seine Eltern bei zwei zu fünf liegt - in der Oberschicht dagegen bei über 90 Prozent.  

Sie ist geschwächt von einer Arbeitswelt, in der verdiente Autorität, wechselseitiger Respekt und vertrauensvolle Kooperation im alltäglichen Gegeneinander zerrieben werden. In der Bankmanager um den Globus hasten, um machttrunken in eigens für sie geschaffenen New Yorker Restaurants mit Sterneküche und Magnumflaschen der teuersten Weine ihre bombastischen Geschäftsabschlüsse zu feiern, erfolgreich, aber gesellschaftlich völlig isoliert in einer Parallelwelt lebend. In der jeder Mitarbeiter vor allem auf sich selbst schaut, um im maximalen Powerdruck des Alltags zu bestehen. In der die Anerkennung von Autoritäten schwindet, wenn etwa leitende Finanzmanager die fundamentalen Algorithmen ihrer Finanzinstrumente nicht mal mehr zu verstehen versuchen - "die wollen nur die Zahlen und interessieren sich nicht dafür, wo sie herkommen", zitiert Sennett einen IT-Supporter aus der Finanzbranche, und schlussfolgert: "Die Folge ist ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Kompetenz und hierarchischer Position, eine bittere Umkehrung, die das Vertrauen in die Oberen zerstört."  

Verstärkt wird diese Tendenz durch den "Siloeffekt": Wo kein wirkliches Interesse besteht, zuzuhören, schwindet der Wunsch zur Kommunikation. Und so entwickeln nach Sennetts Überzeugung die modernen Gesellschaften einen Sog, in dem kooperative Fertigkeiten langsam verschwinden und Menschen sich sozial zurückziehen. Den Facebook-Boom lässt der Autor da nicht als Gegenargument gelten - das soziale Netzwerken hat für ihn den Charakter eines Schauspiels, einer Selbstdarstellung, dem die Masse der digitalen Besucher schweigend zusieht: "Wenn die Zahl der Online-Freunde zunimmt, kristallisieren sich schrittweise einige besondere Beziehungen heraus, während alle anderen Beteiligten allenfalls zu passiven Zuschauern werden."


Wie lässt sich Kooperation stärken?


Wie also lässt sich die Kooperation stärken? Neu erfindet Sennett das Rad nicht. Doch er nimmt den Leser mit zu Ansätzen und kleinen Projekten, die in die richtige Richtung weisen. Sei es durch Werken und Reparieren, das Kooperation fördert. Sei es in bewährten Ritualen der Alltagsdiplomatie oder neuen Ansätzen in professioneller Beratung wie sie Arbeitsamtsberater aus der Bronx erfolgreich einsetzen. Sie bringen Langzeitarbeitslosen das Lachen über ihre Situation bei, um sie zu befähigen, beim Bewerbungsgespräch auch mit einem schlechten Blatt zu punkten. Sei es durch einen extrem kooperativen Leitungsstil, wie ihn Norman Thomas, Chef der Socialist Party of America Mitte des 20. Jahrhunderts vormachte und damit für Sennett den Weg zu lebendiger Gemeinschaft öffnete.  

Für Sennett ist Gemeinschaft der Schlüssel zu mehr Miteinander. Er stellt sie sich vor als "einen Prozess des In-die-Welt-Kommens ..., in dem die Menschen den Wert direkter persönlicher Beziehungen und ihre Grenzen herausarbeiten". Die Sorge um Gemeinschaft wird zur Berufung; die Fähigkeit des Einzelnen, zu kooperieren, Bindungen aufzubauen und im Gegenüber sich seiner selbst zu versichern, zum Haltegriff.


Was verbindet uns?


Für sein neues Buch hat Richard Sennett einige Kritik einstecken müssen, vor allem für seinen assoziativen, puzzleartigen, in der Tat wenig systematischen Charakter und das Meer an Beispielen und Interviews, in dem der Leser verloren zu gehen droht. Sennett führt von Thomas zu Kautsky, vom Madame de Rambouillet zu Amartya Sen, von Glenn Gould zu den Koreanern in New York City und von dort in die Schule seines Enkels. Genau das lässt sich freilich auch als Stärke lesen. Es macht Spaß, Sennett auf seinem wissenssprühenden Rundgang durch Kultur und Geschichte, Pädagogik, Religion und Naturwissenschaften zu folgen. Er versteht es, schlaglichtartig Querverbindungen herzustellen - ein Netz von Strängen, die er verknüpft und darin der Grundidee seines Buches folgt: Was verbindet uns?  

Nein, neu denkt Sennett das Rad nicht, aber er erinnert nachdrücklich und bescheiden an etwas, das wir zu lange aus den Augen verloren haben: Menschlichkeit, Miteinander, Zusammenhalt. Und sicher ist: Es ist an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wenn wir nicht das Zerbrechen unserer Gesellschaft riskieren wollen.  



Zitate


"Kooperation dient als Schmierstoff für jene Maschinerie, mit deren Hilfe wir es schaffen, dass Dinge getan werden, und indem wir uns mit anderen Menschen zusammentun, können wir individuelle Mängel ausgleichen. Die Kooperation ist in unseren Genen angelegt, darf sich aber nicht in Routineverhalten erschöpfen, sondern muss entwickelt und vertieft werden." Richard Sennett: Zusammenarbeit

"Zusammenarbeit ist heute wichtiger denn je. Gerade die moderne Gesellschaft braucht verlässliche, ritualisierte Formen des Miteinanders." Anja Dilk, Rezension Richard Sennett: Zusammenarbeit

 

changeX 20.12.2012. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Hanser Berlin, Berlin 2012, 416 Seiten, 24.90 Euro, ISBN 978-3-446-24035-3

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Autorin

Anja Dilk
Dilk

Anja Dilk ist Berliner Korrespondentin, Autorin und Redakteurin bei changeX.

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