Schweigen, aber richtig

Einfach mal die Klappe halten - der Ratgeber von Cornelia Topf.
Text: Sascha Hellmann

"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold", besagt ein bekanntes Sprichwort. Doch scheint das Wissen um die Wirksamkeit des Schweigens abhandengekommen, untergegangen in heilloser Quasselei. Ein Ratgeber führt in die Kunst akzentuierten Schweigens ein.

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Hören wir uns mal einfach um: Pausenlos dudeln Radios und Fernseher, klingeln Handys und Telefone. Ob im Privaten oder in der Öffentlichkeit. Freunde, Kollegen quatschen und quasseln, Journalisten und Politiker, Vorgesetzte und Chefs türmen Sprachhalden vor uns auf, dass wir drohen, verschüttzugehen. Was fehlt, ist Stille. Und Schweigen. Doch scheint das Wissen um die Wirksamkeit des Schweigens abhandengekommen.  

Diesem flüchtig gewordenen Phänomen widmet sich Cornelia Topf, Expertin für erfolgreiche Kommunikation und Geschäftsführerin des Trainingsinstituts Metatalk, in ihrem neuen Buch Einfach mal die Klappe halten. Warum Schweigen besser ist als Reden. Damit ist freilich kein Entweder-oder gemeint. Topf plädiert nicht für permanentes Schweigen, ihr geht es um das "richtige" Schweigen: einen bewussteren Umgang mit Redebeiträgen, die durch Phasen des Schweigens akzentuiert werden. "Reden allein und Schweigen allein reichen nie aus, sind für sich genommen irgendwann immer schädlich. Es ist die Balance, auf die es ankommt." Topf diagnostiziert einen Verlust von Bedeutsamkeit in unserer Rede, weil diese pausenlos, wiederholend und oftmals gedankenlos produziert wird. Quasselei eben. Als Kommunikationsexpertin verwundert sie, dass die rhetorische Wirksamkeit des gezielten Schweigens offensichtlich in Vergessenheit geraten ist.


Bewusst eingesetztes Schweigen


Ein Beispiel: Mütter und Väter verzweifelten oftmals an der Kommunikation mit dem Nachwuchs. "Sie glauben, dass der Sohn faul vor dem Fernseher sitzt, obwohl sie ihn schon dutzendfach ermahnt haben, sein Zimmer aufzuräumen." Dabei sei es gerade umgekehrt: "Er sitzt noch dort, weil sie ihn schon dutzendfach ermahnt haben. Der Knirps nimmt seine Erziehungsberechtigten nicht mehr ernst, weil er aus Erfahrung weiß, dass sie ohnehin alles erst hundertmal sagen werden, bevor er tätig werden muss." Er hat gelernt, dass die Eltern redundant und damit wirkungslos kommunizieren. Ihr gewichtiges Machtwort ist einer heillosen Geschwätzigkeit gewichen. Sie reden zu viel und schweigen zu wenig. Eine einmalige Ermahnung, ein bewusst eingesetztes Schweigen, das den Filius mit seinem unerwünschten Verhalten konfrontiert, hätten wesentlich mehr Erfolg, sagt Topf. Denn Quasselstrippen nimmt irgendwann keiner mehr ernst, erst recht nicht ein pubertierender Sohnemann.  

Dabei gelte es jedoch immer das rechte Maß zu finden: "Die Botschaft des Buches lautet: Öfter mal die Klappe halten! Wer jedoch resignativ schweigt, eine Beleidigung herunterschluckt, innerlich kochend vor Wut oder Frustration oder verletztem Ehrgefühl, der schweigt zu viel."


Respekt vor dem Gegenüber


Cornelia Topf mahnt, sich der Reflexhaftigkeit der eigenen Redebeiträge bewusst zu werden und den Wert der bewusst gesetzten Redepause zu erkennen. Erst denken, dann sprechen, das empfiehlt sich nicht nur in inhaltlicher Hinsicht. Auch das durch die Verzögerung entstandene Schweigen wirkt Wunder, denn es überrascht das Gegenüber: "Schweigen nimmt jedem Konfliktgegner den Wind aus den Segeln. Weil er sich aufs Streiten eingestellt hat. Das Schweigen überrascht ihn erst einmal", schreibt die Autorin, die im Schweigen vor allem einen "Aktivierungs-Effekt" erblickt: "Wer den anderen zutextet, schaltet dessen Hirn aus! Wer schweigt, aktiviert."  

Darüber hinaus vermittle das Schweigen etwas, das in der heutigen Kommunikation abhandengekommen sei: den Respekt vor dem Gegenüber. Im Schweigen begleite man nämlich den anderen, gehe ein paar Schritte gemeinsam mit ihm und nehme ihn damit ernst. Überflüssige Wiederholungen verlören so ihre Notwendigkeit. Informationen ließen sich so reibungsloser vermitteln, Lösungen bei Konflikten leichter finden.  

Entlarvend ist vor allem, warum das Schweigen so schwerfällt. Der Redner hat oftmals Angst davor, weil er Schweigen mit Schwäche verwechsle, Reden jedoch mit Kontrolle. Dabei liege die Sache genau umgekehrt: Einem schweigsamen Menschen unterstellt man Tiefgründigkeit, man erlebt ihn als souverän: "Wer zum Beispiel in China verhandelt, der wird möglicherweise von einem älteren Herrn irritiert sein, der zwar am Tisch sitzt, aber nicht mitverhandelt, störrisch und ausdauernd schweigt und sogar hin und wieder einnickt! Mitten in Verhandlungen! Ist ihm die Bedeutung der Situation nicht bewusst? Nur zu gut. Doch in China gilt: Wer schweigt, ist ranghöher. Und je länger einer schweigt, desto höher sein Rang."


Wortmächtiger als jeder Wortwirbel


Bewusst eingesetztes Schweigen signalisiert jedoch nicht nur Überlegtheit und Überlegenheit, es kann auch als ernst zu nehmende Entgegnung auf eine Beleidigung gewertet werden. Wir haben es dann mit "offensivem Schweigen" zu tun. Eisig, aber nicht beleidigt. Wortlos fixiere man hierzu sein Gegenüber - mit dem ganzen Repertoire drohender Körpersprache: gerunzelte Stirn, gekniffene Augen, schmale Lippen und drohender Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Das geht direkt in die Magengrube. Eine wortreiche Entgegnung hingegen erreicht nicht im Entferntesten diese Wirkung. Wichtig ist allerdings immer, dass das Schweigen keine aufgesetzte Aktion, sondern von Authentizität getragen ist. Dann nämlich ist die Stille wortmächtiger als jeder Wortwirbel. Topf schreibt: "Je stärker ein Mensch von der Berechtigung seines Wunsches und der Richtigkeit seines Standpunktes überzeugt ist, desto gelassener, ruhiger und sparsamer im Sprachgebrauch kann und wird er verhandeln."  

Gelassen, ruhig, jedoch nicht sparsam an Aspekten führt die Autorin den Leser in das Reich der Stille ein. Sie untersucht das Phänomen des Schweigens und erörtert seine Wirkung und seinen gezielten Einsatz. Mit ihrem vielsagenden Buch folgt sie dabei stillschweigend einem ihrer eigenen Grundsätze: Gezieltes Reden ist beizeiten auch mal besser als Schweigen.
 


changeX 31.08.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Einfach mal die Klappe halten. Warum Schweigen besser ist als Reden. GABAL Verlag, Offenbach 2010, 256 Seiten, ISBN 978-3-86936-113-0

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Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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