Bleiben, wie man ist

Führung für Führungshasser - das neue Buch von Devora Zack
Rezension: Jost Burger

Wer eine gute Führungspersönlichkeit sein will, muss sich selbst treu bleiben - und sich flexibel auf das Wesen seiner Mitarbeiter einstellen. Auch, wenn’s schwerfällt.

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Der Chef der Grafikabteilung meinte es wirklich gut. Über Probleme, so sagte er der neuen Mitarbeiterin, könne sie mit ihm immer offen sprechen. Auf Teamarbeit und Zusammenhalt lege man hier großen Wert. Natürlich würde viel geleistet, aber am Ende des Tages zähle doch die gute Arbeitsatmosphäre. Leider merkte der beflissene Chef nicht, dass ihn die Neue schon seit Minuten ungläubig anstarrte. In den folgenden Monaten hatte sie große Schwierigkeiten, Anweisungen Ihres Vorgesetzten mit der nötigen Ernsthaftigkeit umzusetzen. Der Chef fühlte sich respektlos behandelt - die Zusammenarbeit blieb schwierig. 

Hätte der Chef mal besser auf Devora Zack gehört. In ihrem neuen Buch Führung für Führungshasser geht es nämlich ständig um solche Situationen. Was war hier falsch gelaufen? Die Grafikerin war ein Verstandesmensch. Der Chef ein unverbesserlicher Gefühlsmensch. Und hatte falsch kommuniziert. Denn statt "Gefühlsduseleien" hatte die junge Frau klare Ansagen zu Arbeitszeiterfassung und Aufgabenverteilung erwartet …


Man selbst sein - und bleiben


Gefühlsmenschen versus Verstandesmenschen: Auf den Schwierigkeiten, die beim Zusammenprall dieser Temperamente entstehen (die sie dem Myers-Briggs-Typenindikator entnimmt), baut Zack ihr Buch auf. Der Buchtitel dürfte der besseren Vermarktung geschuldet sein (und dem Anschluss an ihr vorheriges Erfolgsbuch Networking für Networking-Hasser) - er erschließt sich erst bei näherem Hinsehen, bringt die Sache dann aber gut zum Ausdruck. Denn Zacks Grundgedanke ist: Wer zur Führungskraft befördert wird, findet das oft ziemlich schlimm. Nicht zuletzt, weil viele glauben, sie müssten jetzt ein ganz anderer werden - so, wie es all die Aberhunderte von Büchern zum Thema Führung anscheinend vorschreiben. Zacks Entgegnung aber ist: Seien Sie Sie selbst! Nur so könne man zu einer guten - und dann auch zufriedenen Führungskraft werden.  

Was das jetzt mit Gefühls- und Verstandesmenschen zu tun hat? Das: Man selbst sein bedeutet, seinen Eigenschaften als Gefühls- oder Verstandesmensch treu zu bleiben, auch als Führungskraft. Es geht um Selbsterkenntnis. Die hilft einem zunächst, sich nicht zu verbiegen und unglücklich zu werden. Und dann hilft das Wissen um Verstandes- und Gefühlsmenschen (und wie man sie erkennt) dabei, die anderen zu verstehen - und besser einzuschätzen. Die Grafikerin aus dem Beispiel wollte ihrem Chef gar nichts Böses. Sie hatte als grundanderer Mensch nur andere Erwartungen an die Situation. Was hätte der Chef also tun müssen? Darüber reden wir gleich.


Die Sprache des Mitarbeiters verstehen


Denn jetzt kommt der entscheidende Satz. Als Führungskraft soll und darf man zwar so bleiben, wie man ist. Aber man muss in der Lage sein, sich flexibel auf seine Mitarbeiter einzustellen. Vor allem in der Kommunikation. Gefühlsbetonte Mitarbeiter werden, so Zack, über ein Meeting eher mit Sätzen berichten wie: "Ich habe das Gefühl, dass wir ein gutes Stück weitergekommen sind." Verstandesmenschen eher: "Ich denke, ..." Beide wollen dasselbe sagen. Es gilt, unabhängig vom eigenen Typ, die Sprache des Mitarbeiters zu verstehen. Und ihm entsprechend seinem Typ entgegenzukommen. Wer Feedbackgespräche mit einem Verstandesmenschen führt, sollte ihn nicht allzu lange nach den Unternehmungen vom Wochenende fragen. Sondern möglichst bald ein Verstandeswort wie "Performancebewertung" fallen lassen. Verstandesbetonte Führungskräfte hingegen müssen lernen, bei aller Effizienz ihre Mitarbeiter auch mal ganz gefühlig und unmittelbar zu loben. Zum Beispiel.  

Alles in allem geht es in Zacks Buch stets um eines: Bei allem Wissen um sich selbst nicht von sich selbst ausgehen. Es gibt Unterschiede im Temperament, und wer Menschen führen will, muss das akzeptieren. "Erwarten Sie nicht, dass andere Ihre ‚Sprache‘ sprechen, Ihre Motive verstehen, oder sich nach Ihren Launen richten." Sein Glück muss man sich schon selber machen - auch als Führungskraft, das ist die Botschaft.  

Ach ja, und hier noch die Auflösung: Der Grafikleiter hätte aus der Sprache seiner neuen Mitarbeiterin heraushören können, wie sie tickt, und sich entsprechend verhalten können - dass ihm das als Gefühlsmensch schwerfällt, ist völlig unwichtig.


Aufhören, alles persönlich zu nehmen


Zack ist als sehr humorvolle, lockere, um nicht zu sagen freundlich-schnoddrige Autorin bekannt. Oberflächlich wirkt sie dennoch nie. Zwar voller Selbstironie, lässt sie keinen Zweifel an ihrer profunden Erfahrung als Coach und Trainerin. Die sie in sehr vielen Beispielen und konkreten Anleitungen und sehr vielen praktischen Übungen wiedergibt (unter anderem natürlich ein Test, welcher Persönlichkeitstyp man selbst ist). Ebenso, wie sie sich zu den fundamentalen Notwendigkeiten der Führung äußert: Klare Kommunikation. Eindeutige Regeln und Anweisungen. Regelmäßiges Feedback. Führung durch Vorbild und Aufrichtigkeit. Aber immer alles vor der Folie der unterschiedlichen Temperamente und - wir sagen’s noch mal - der Einsicht, dass nicht die Welt an unserem Unglück (oder Glück) schuld ist, sondern wir selbst. Ohne diese Einsicht kann man all die Ratgeber zur Führung vergessen … Wunderbar zum Beispiel der Ratschlag für Gefühlsmenschen, die deshalb nicht führen wollen, weil ihnen die ganze Sache viel zu nahe geht. Denen empfiehlt Zack im übertragenen Sinne ein Q-tip. Das löst sich im Englischen nämlich auf in "Quit taking it personally!" - Hören Sie auf, alles persönlich zu nehmen!  

Nicht zuletzt solche konkreten Anweisungen verhindern, dass das Buch sich einreiht in die Masse von, sagen wir einmal, hochtrabenden Abhandlungen über heroische Führungspersönlichkeiten und wie man dazu wird. Stattdessen ein Trost für alle, die sich in ihrer Führungsrolle nicht wohlfühlen: Vielleicht liegt es daran, dass Sie anders sein wollen, als Sie wirklich sind. Fehler. Bleiben Sie, wie Sie sind, dann klappt’s auch mit der Führungsrolle.  


changeX 20.09.2013. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Zum Buch

: Führung für Führungshasser. Starten Sie durch, indem Sie einfach Sie selbst sind. GABAL Verlag, Offenbach 2013, 192 Seiten, 24.90 Euro, ISBN 978-3-86936-516-9

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Jost Burger
Burger

Jost Burger ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt als freier Mitarbeiter für changeX.

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