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Moderation für Transformation

Dynamic Facilitation - das Buch von Rosa Zubizarreta und Matthias zur Bonsen
Rezension: Sascha Hellmann

Nicht selten gibt es für Gruppen komplexe Probleme, aber auf den ersten Blick keine einfachen Lösungen. Dazu noch Meinungsverschiedenheiten, Spannungen oder Konflikte. Dynamic Facilitation hat sich in solchen Fällen bewährt. Ein Ratgeber stellt die Moderationsmethode vor - als erster Beitrag einer kleinen Reihe mit Büchern aus dem Beltz Verlag über Methoden und Tools zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Menschen.

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Wenn eine Familie am Tisch sitzt und puzzelt, was lässt sich da in der Regel beobachten? Ein linear geführter Problemlösungsprozess? Wohl kaum. Viel eher arbeitet der Vater vielleicht an einem Gebäude, die Mutter an den Wolken, während die Kinder gemeinsam das Pferdetrio komplettieren. Alle zusammen in dem Vertrauen, dass jedes gelegte Puzzle-Teilchen zum Gelingen des Ganzen, dem komplett gelegten Puzzle, beiträgt und daher wichtig ist.  

Rosa Zubizarreta und Matthias zur Bonsen verwenden in ihrem Buch Dynamic Facilitation. Die erfolgreiche Moderationsmethode für schwierige und verfahrene Situationen, diese Puzzle-Situation als Metapher für das Besondere der von ihnen vorgestellten Moderationspraxis: "Beim Dynamic-Facilitation-Ansatz werden die Menschen nicht gebeten, sich an eine Menge ausgefeilter Spielregeln zu halten. Sie müssen auch nicht erst bestimmte Kommunikationsformen erlernen, um in Dialog treten zu können. Stattdessen lädt der Moderator mit seiner sehr aktiven, jedoch nicht direktiven Rolle die Teilnehmer einfach dazu ein, für ihre Sache einzutreten. Und damit schafft er die Bedingungen für eine Transformation."


Einfach - und auch nicht


Der Erfolg dieser Methode liegt vielleicht einerseits in dieser Einfachheit, die möglicherweise mit ihrem Ursprung zu tun hat: Der US-Amerikaner Jim Rough, der als Qualitätsberater in einem Sägewerk tätig war, erfand nämlich diese Methode, weil er mit den gängigen Moderationsformen unter den Arbeitern keinen Erfolg hatte. Es ging um konkrete Probleme des Arbeitsalltags: Arbeitsweisen mussten verändert, Maschinen umgestellt, bessere Werkzeuge beschafft und Anlagen optimiert werden. Rough moderierte auf seine besondere Art die Meetings der Mitarbeiter - mit dem Ergebnis: Produktivität, Qualität und Arbeitszufriedenheit stiegen in dem Sägewerk deutlich an.  

Andererseits liegt in der Einfachheit der Methode auch eine Komplexität, die Zubizarreta und zur Bonsen, beide Organisationsberater und Trainer von Dynamic Facilitation, in ihrem Buch illustrativ und überzeugend darstellen. In ihren Worten: "Ängste untereinander minimieren und die kreative Spannung maximieren." Im Kern ist es eine besonders wertschätzende, offene Moderation, mit Kopf und Herz, in dem Vertrauen, dass jeder zur Lösung beiträgt, wenn jeder gehört wird. Das Buch, das sowohl das Verfahren theoretisch beschreibt als auch Beispiele aus der Praxis liefert, dürfte für Moderatoren, Mediatoren, Berater, aber auch für jeden, der an Problemlösungsprozessen interessiert ist, ein Gewinn sein.


Ideen schützen


Wie gesagt, der Rahmen ist einfach: Ein Problem, eine Gruppe und ein Moderator, der dieses Problem zusammen mit der Gruppe lösen möchte. Wobei gilt: "Der Moderator versucht nicht, den Prozess zu leiten oder zu managen. Stattdessen gibt er sich große Mühe, jedem einzelnen Teilnehmer abwechselnd zuzuhören, seinen Beitrag aktiv aus ihm herauszulocken und sogar (wie ketzerisch!) schon zu Beginn erste Lösungen willkommen zu heißen."  

Um jeden Beitrag zu würdigen und für die Runde transparent zu machen, komplettieren vier Plakatwände das Setting: "Herausforderungen oder Fragen", "Lösungen oder kreative Beiträge", "Befürchtungen oder Bedenken" und "Informationen oder Sichtweisen". Während des Prozesses notiert der Moderator den Beitrag jedes Einzelnen in der entsprechenden Rubrik und vergewissert sich stets, ob er auch genau das zu Papier bringt, was der Teilnehmer sagen möchte. Gleichzeitig hält er auch eine schützende Hand über jeden Beitrag, indem er darauf achtet, dass Kritik nicht direkt an den entsprechenden Teilnehmer, sondern an den Moderator gerichtet wird.  

Denn: "Schutz ist in einem kreativen Prozess immer dann besonders wichtig, wenn Teilnehmer sich geöffnet und das ‚zarte grüne Pflänzchen‘ einer neuen Idee angeboten haben. In einer solchen Situation kann sich selbst die mildeste Form von Kritik zerstörerisch auswirken."


Kein Zwang


Idealerweise agiert der Moderator stets im grenzenlosen Vertrauen auf den organischen Prozess selbst, sprich: Er ist offen und erzwingt nichts. Gleichzeitig in dem Bewusstsein, dass ein Ergebnis nur nachhaltig ist, wenn es nicht nur argumentativ einleuchtend ist, sondern auch emotional getragen wird.  

In der Regel lassen sich vier Phasen unterscheiden: "Entleerung" -  jeder Teilnehmer liefert seinen Beitrag; "Yuck" - die Teilnehmer fragen sich, wie sie die vielfältigen Perspektiven zu bündeln vermögen; "Flow" - die Gruppe pendelt im kreativen Prozess zwischen Divergenz und Konvergenz; "Commitment" - klare Maßnahmen werden festgelegt.  

Mindestens dreierlei ist am Dynamic-Facilitation-Ansatz bemerkenswert: erstens die Einfachheit, zweitens die Organizität und drittens die vielfältige Anwendbarkeit. Deshalb kann man nach der Lektüre den Autoren nur beipflichten: "Wir brauchen Dynamic Facilitation im ganz Kleinen wie im ganz Großen - weil das wirklich gute, das erlesene Gespräch auf allen Ebenen von Organisationen und Gesellschaft benötigt wird." 


Zitate


"Beim Dynamic-Facilitation-Ansatz werden die Menschen nicht gebeten, sich an eine Menge ausgefeilter Spielregeln zu halten. Sie müssen auch nicht erst bestimmte Kommunikationsformen erlernen, um in Dialog treten zu können. Stattdessen lädt der Moderator mit seiner sehr aktiven, jedoch nicht direktiven Rolle die Teilnehmer einfach dazu ein, für ihre Sache einzutreten. Und damit schafft er die Bedingungen für eine Transformation." Rosa Zubizarreta, Matthias zur Bonsen: Dynamic Facilitation

 

changeX 22.04.2016. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

beltz

Verlagsgruppe Beltz

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Zum Buch

: Dynamic Facilitation. Die erfolgreiche Moderationsmethode für schwierige und verfahrene Situationen. Beltz Verlagsgruppe, Weinheim 2014, 189 Seiten, 34.95 Euro, ISBN 978-3-407-36559-0

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Autor

Sascha Hellmann
Hellmann

Sascha Hellmann ist freier Journalist in Heidelberg. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für changeX.

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