Männerflucht in Festanstellung

Deutschland ist nach wie vor Gründungswüste.
Text: Annegret Nill

Tut sich was in Deutschlands Gründungslandschaft? 45 Prozent aller Neugründungen der letzten drei Jahre wurden von Frauen angepackt, ein Spitzenwert im internationalen Vergleich. Doch handelt es sich um einen rein statistischen Effekt: Frauen liegen vorn, weil Deutschlands Männer vor allem eines im Sinn haben: die Flucht in die Festanstellung. Ergebnisse des Global Entrepreneurship Monitor 2008.

Deutschland liegt vorn! Wie bitte, eine Studie zu Gründungen, und Deutschland liegt vorn? Doch, doch, es ist wahr. Zwar liegt es nicht bei der Zahl der Gründungen vorn. Genau genommen liegt es da sogar mal wieder ganz hinten, an vorletzter Stelle nämlich, gerade noch vor Belgien. Spitze ist es bei etwas anderem: bei dem ausgewogenen Verhältnis zwischen Gründerinnen und Gründern nämlich. Wie bitte? Eigentlich ist dieses Land ja nicht bekannt dafür, dass es Frauen die Berufstätigkeit besonders einfach macht. Kitas gibt es zu wenige, in Teilzeit arbeiten zum Großteil Frauen und ihre Entlohnung liegt 23 Prozent unter der der Männer. Überraschend ist es deshalb, im neuen Ländervergleich des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), der die Daten von 2008 auswertet und vergleicht, zu lesen: 45 Prozent aller Neugründungen der letzten drei Jahre wurden von Frauen angepackt. Das ist nicht nur im Länder-, sondern auch im zeitlichen Vergleich erstaunlich: Noch 2005 waren gerade mal ein Drittel der deutschen Gründer Frauen. Die schlechte Nachricht dabei ist: Dies liegt nicht etwa daran, dass Frauen hier häufiger gründen als anderswo – sie liegen mit ihrer Gründungslust, verglichen mit den Gründerinnenzahlen anderer Länder, eher im Mittelfeld. Nein, es liegt daran, dass Männer hier neuerdings wesentlich seltener gründen! Aber der Reihe nach. Der Hauptbefund der Studie, bezogen auf Deutschland, ist: Die Deutschen bleiben Gründungsmuffel. Nicht einmal zwei Millionen Menschen gehörten 2008 zu den Gründern, gaben also an, eine Gründung zu planen oder in den letzten dreieinhalb Jahren realisiert zu haben – das sind nur 3,8 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung.


„In Deutschland gaben 2008 rund 1,95 Millionen Menschen an, eine Gründung zu planen oder in den letzten dreieinhalb Jahren realisiert zu haben.“


Dabei sah es schon einmal so aus, als gäbe es eine leichte Tendenz zugunsten von Neugründungen – 2005 betätigten sich tatsächlich schon einmal 5,4 Prozent der erwerbstätigen Deutschen als Gründer. Dieser positive Trend hat sich jedoch nicht halten können. Der Rückgang in den Neugründungen geht vor allem auf die Männer zurück, die in den letzten Jahren offensichtlich wieder verstärkt in abhängige Beschäftigung abgewandert sind. Eine einzigartige Entwicklung, denn „Männer haben in allen am GEM beteiligten Ländern eine höhere Gründungsneigung als Frauen, sind risikofreudiger und häufiger der Meinung, sie würden über ausreichendes Wissen verfügen“, schreiben die Autoren. Und Risikoscheu sowie mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gehören laut Studie zu den Hauptgründen für niedrige Gründerzahlen. Der Einbruch in der Gründungsneigung der Deutschen kam zwischen 2005 und 2006 und fiel mit der anziehenden Konjunktur und einer beginnenden Erholung auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Besonders die Zahl der „klassischen“ Gründer – das sind Gründer, deren Gründungsmotive in Gewinnstreben, dem Wunsch nach eigener Verantwortung und Selbstverwirklichung liegen – ging damals stark zurück. Seit 2006 steigt sie wieder leicht an.


„Der Anteil von Gründern, die aus Mangel an Alternativen gründen, ist in Deutschland sehr hoch.“


Dafür erfolgte um 2007, als der Arbeitsmarkt auch für geringer Qualifizierte wieder besser funktionierte, ein Rückgang bei den Gründungen „aus Not“. Unter Gründungen „aus Not“ werden Gründungen verstanden, bei denen es in erster Linie um die Generierung von Einkommen für den Gründer geht, weniger um unternehmerische Motive. Ihre Anzahl ist in Deutschland sehr hoch. Auf 2,7 „klassische Gründungen“ kommt hier eine Gründung „aus Not“. Zum Vergleich: In den Niederlanden liegt dieses Verhältnis bei neun zu eins. Die Autoren werten die Korrelation, die sie zwischen den Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt und den Gründerzahlen sehen, als „Beleg für die These, dass weniger Unternehmen gegründet werden, wenn die Attraktivität abhängiger Beschäftigung zunimmt“.


„Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Bevölkerung hierzulande eher risikoscheu.“


Ein Killer der Gründungslust in Deutschland ist, dass hierzulande die Risiken stark betont werden, was die Sicht auf die Chancen versperrt: „In der Befragung äußert jeder Zweite, dass die Angst, mit einem Unternehmen auch scheitern zu können, ihn generell von der Gründung eines eigenen Unternehmens abhalten würde“, schreiben die Autoren. In den Niederlanden lässt sich dagegen nur jeder Vierte von einer solchen Möglichkeit beeindrucken. Dazu kommt: In Deutschland glaubt nur jeder Dritte, das Wissen und Können zu besitzen, das man für eine Unternehmensgründung braucht. Tatsächlich gibt auch nur jeder Fünfte an, dass er an einer gründungsbezogenen Aus- oder Weiterbildung teilgenommen hat. In den Schulen wird darüber wenig Wissen vermittelt. Auch dies ist ein Unterschied zu den Niederlanden. Denn dort „wird bereits frühzeitig darauf Wert gelegt, dass Kinder die Selbständigkeit als mögliche Erwerbsform spielerisch entdecken“. Immerhin richten deutsche Universitäten zunehmend Lehrstühle ein, die sich mit Unternehmensgründung beschäftigen. Die Rahmenbedingungen für Gründungen sind in Deutschland nach wie vor ganz gut, meinen die von den Autoren befragten Gründungsexperten. Sie gaben sowohl der physischen Infrastruktur – dazu gehören Straßen, Telekommunikation, Ver- und Entsorgung – als auch der öffentlichen Förderinfrastruktur, dem Schutz des geistigen Eigentums und den unternehmensbezogenen Dienstleistungen gute Noten – wenn auch nicht mehr ganz so gute wie noch vor einigen Jahren. Sitzen geblieben ist Deutschland dagegen bei der gründungsbezogenen Ausbildung in der Schule, der Unterstützung für Gründungen durch Frauen und bei den gesellschaftlichen Werten und Normen. Unternehmer genießen hierzulande zwar ein hohes Ansehen. Dennoch sind Gründer in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mit Festangestellten gleichgestellt. Das gesellschaftliche Klima kann sich nur auf lange Sicht ändern: Wenn Gründungen in Schule und Hochschule stärker zum Thema werden, was die Autoren der Studie empfehlen. Unmittelbar positiv auf die Gründungszahlen wird sich dagegen wohl die Krise auswirken. Denn in Deutschland hängen ja schlechte oder unattraktive Jobaussichten und zunehmende Gründungszahlen ursächlich miteinander zusammen. Um die Gründer in der Krise zu stützen, sprechen sich die Autoren dafür aus, auch für neue Unternehmen Konjunkturmaßnahmen aufzulegen. Und die Frauen? Na, die werden gerade zum Vorbild. Lassen sie sich doch offenbar weder von guten Jobaussichten noch von mangelnder Unterstützung oder Risikoscheu vom Gründen abhalten.


changeX 12.09.2009. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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