Jeder ist ein Unternehmer
Deutschland braucht mehr Selbständige - ein Essay von Gundula Englisch.
Unternehmertum und Selbständigkeit genießen derzeit in Deutschland das geringste Ansehen aller Zeiten. Es ist die Konsequenz der kollektiven Unselbständigkeit, die hierzulande tief im Bewusstsein der Gesellschaft verankert ist. Befeuert von einer Politik, die überreguliert, überkontrolliert und ihre Bürger seit Jahrzehnten an die Kette legt. changeX-Autorin Gundula Englisch zeigt, dass es Zeit für einen Aufbruch ist: In eine Kultur der selbständigen, zuversichtlichen Kleinunternehmer. Leute, bewegt Euere Hintern! Nur so kapieren Schule, Ausbildung, Medien und Politik, dass wir selbst die Arbeitsplätze für morgen schaffen können.
Bürgersteige zum Hochklappen - das ist die neueste Geschäftsidee von Heinz Aeschlimann. Damit will der Schweizer Bauunternehmer nicht etwa verdöste Ortschaften beliefern, sondern besonders hochwassergefährdete. Denn Aeschlimanns Trottoirs dienen in hochgeklapptem Zustand als Deiche. Das Unmögliche möglich machen ist die Devise des Unternehmers und seine Baufirma boomt, trotz anhaltender Flaute in der Bauwirtschaft. Die Strategie hinter Aeschlimanns Wachstumskurs: Veränderungen aufmerksam beobachten, im Austausch mit Kunden und Mitarbeitern neue Märkte entdecken, Visionen verwirklichen, statt zögern und zaudern. Eine Krise in seiner Branche sieht Aeschlimann nicht, vielmehr sei die ewige Suche nach Entschuldigungen die eigentliche Gefahr für die Wirtschaft.
So spricht ein echter Entrepreneur - ein Unternehmer, der mit Mut, Kreativität und Leidenschaft Neues erschließt und erfolgreich in den Markt einführt. Nachzulesen ist Aeschlimanns Geschichte in einem jüngst erschienenen Buch, das dreizehn Schweizer Unternehmer vorstellt, die in den letzten Jahren zum "Entrepreneur des Jahres" gekürt wurden. Diesen Preis gibt es seit 20 Jahren, nicht nur in der Schweiz, sondern mittlerweile in vierzig Ländern der Welt. Eine internationale Unternehmensberatung hatte den Wettbewerb 1986 ins Leben gerufen, um die Öffentlichkeit auf innovatives Unternehmertum, sprich: Entrepreneurship, aufmerksam zu machen.
Heute gehört der damals noch recht exotische Begriff des Entrepreneurs zum gängigen Vokabular der Wirtschaft und der Wissenschaft. Es gibt bergeweise Literatur von oder für Unternehmensgründer. Es gibt allein in Deutschland mehr als 50 Lehrstühle für Gründungsforschung nebst unzähliger Beratungs- und Förderungsangebote. Und es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die kleinen und mittleren Unternehmen der Entrepreneure maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass die Wirtschaft wächst, der Wohlstand steigt und Arbeitsplätze geschaffen werden.

Keine Kultur der Selbständigkeit.


So weit, so gut. Gäbe es da nicht eine weitere Neuerscheinung, nämlich den diesjährigen Länderbericht Deutschland des "Global Entrepreneurship Monitors". Das internationale Forschungsprojekt vergleicht jährlich mehr als 30 Länder hinsichtlich ihres Klimas für Unternehmertum und Selbständigkeit. Und das ist hierzulande, so das Ergebnis der Studie, nicht nur schlechter als in den Vorjahren, sondern auch schlechter als in den meisten anderen Ländern. Auf den letzten Rängen liegt Deutschland bei den Gründungschancen, bei der gesellschaftlichen Wertschätzung von Unternehmertum und bei der gründungsbezogenen Ausbildung.
In kaum einem anderen Land ist die Angst vor dem unternehmerischen Scheitern so groß, ist die Selbständigkeit für Hochschulabgänger so unattraktiv und der Grundtenor in Sachen Entrepreneurship so pessimistisch wie in Deutschland. Das vernichtende Fazit der Experten: Obwohl das Land im internationalen Vergleich über eine sehr gute Förderinfrastruktur verfügt, geht die Kultur der Selbständigkeit in Deutschland derzeit gegen Null. Das will so gar nicht passen zu den "Es-geht-wieder-aufwärts-Parolen", mit denen die Stimmungsmacher der Nation das Image des Landes polieren und das Konsumklima aufheitern wollen.
Und doch trifft das Urteil der Entrepreneur-Experten mitten ins Schwarze, weil sie die Finger in eine Wunde legen, die hierzulande oft und gerne mit dicken Trostpflastern zugekleistert wird. Es geht um der Deutschen Hang zur kollektiven Unselbständigkeit. Und ihrer damit einhergehenden Skepsis gegenüber freiem Unternehmertum. Diese Grundhaltung ist nicht nur tief im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. Sie wird zudem noch befeuert von einer Politik, die überreguliert, überkontrolliert und ihre Bürger seit Jahrzehnten an die Kette legt - erst fürsorglich, jetzt fordernd.
Und selbst im Wirtschaftsestablishment ist der beliebte Ruf nach Selbständigkeit eher schnödes Lippenbekenntnis als echte Leidenschaft. Schließlich läßt sich Macht und Kontrolle an abhängig Beschäftigten viel besser ausüben als an freien Entrepreneuren. Die viel beklagte deutsche Angestelltenmentalität erklärt sich also nicht allein aus der Risikoscheu und der Bequemlichkeit der Bürger, sondern auch aus einem politischen und wirtschaftlichen System, dass seine Daseinsberechtigung aus eben dieser unselbständigen Haltung zieht. Und deshalb selbstredend kein echtes Interesse an einem Kultur- und Bewusstseinswandel hat.

Subtile Gehirnwäsche.


Kein Wunder also, wenn hierzulande die Abrichtung der Bürger zu braven Angestellten bereits in der Schule beginnt. Da wird weisungsgetreues Abarbeiten von Aufgaben eher belohnt als Kreativität und Eigeninitiative. Da werden marktwirtschaftliche Kenntnisse bloß unter ferner liefen vermittelt und das Thema Unternehmertum und Existenzgründung so gut wie gar nicht. Wird dann den jungen Menschen im Laufe ihrer Ausbildung auch noch gebetsmühlenhaft eingebläut, dass es auf dem Arbeitsmarkt immer enger wird, ist es nicht verwunderlich, wenn der Nachwuchs, insbesondere der akademische, dankbar in die erstbeste Festanstellung flüchtet.
Diese Art von subtiler Gehirnwäsche wird noch forciert durch ein gesellschaftlich fest verankertes und von den Medien gern perpetuiertes Unternehmerbild, das wenig Vorbildhaftes bietet. Ein Unternehmer, der erfolgreich ist, gilt in der Öffentlichkeit schnell als Ausbeuter, Gierhals oder Emporkömmling. Und einer, der scheitert, als verkrachte Existenz. Überhaupt wird Erfolg durch persönliche Anstrengung, Kreativität, Erfindergeist und Risikobereitschaft in Deutschland wenig honoriert. Der leitende Angestellte oder Beamte im gehobenen Dienst genießt immer noch eine höhere Wertschätzung, als der clevere Self-made-man. Und seit die Ich-AG zur staatlich geförderten Maßnahme gegen Arbeitslosigkeit geworden ist, verfestigt sich das urdeutsche Vorurteil, dass vor allem derjenige selbständig wird, der es sonst zu nichts gebracht hat.

Zuversicht und Lust auf Bewegung.


Laut offizieller Statistik liegt die Quote der Selbständigen hierzulande bei knapp elf Prozent. Eine Minderheit? Ja, aber was für eine: Ohne diese Midi-, Mini- und Mikrounternehmen wäre das Land nicht überlebensfähig. Denn sie verkörpern mehr als 99 Prozent aller deutschen Firmen und beschäftigen mehr als 20 Millionen Menschen - fast 70 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Gerade die kleinsten dieser Unternehmen haben im vergangenen Jahrzehnt ein Viertel aller neuen Stellen geschaffen, während die Großkonzerne im gleichen Zeitraum 15 Prozent ihrer Arbeitsplätze abgebaut haben.
Aber die Impulskraft der Entrepreneure beschränkt sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt. Besonders aus den kleinsten und jüngsten Firmen kommen die spannendsten Innovationen und die besten Konzepte für Geschäftserfolg: selbstverantwortliche Mitarbeiter, Leidenschaft für die Sache, größtmögliche Nähe zum Kunden und Eroberung von Marktnischen. Entrepreneure, so haben Wissenschaftler festgestellt, sind nicht nur erfolgreicher, sondern auch zufriedener und sogar gesünder als Angestellte. Die viel beklagte Selbstausbeutung der Selbständigen scheint wohl in das Genre jener zahllosen Schauermärchen zu gehören, mit denen die Hüter des ewig Gestrigen unentwegt die Angst der Bevölkerung vor dem Wandel schüren. Der Preis für diese Einschüchterungstaktik ist hoch. Er kostet nicht nur die globale Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Zuversicht und die Lust auf Bewegung, ohne die kein Mensch und keine Gesellschaft entwicklungsfähig ist.

Selbstverständliche Selbständigkeit.


Entrepreneure sind schöpferische Zerstörer des Status quo. Es sind Menschen, die gewohnte Bahnen verlassen, sich auf Unsicherheit einlassen und etablierte Strukturen aufbrechen. Es sind diejenigen, die dort Chancen sehen, wo andere im Dunklen tappen. Und diejenigen, die wirklich anfangen, etwas zu verändern, wenn auch oft nur in bescheidenem Format. Das tut der Arbeitslose, wenn er die noch so riskante Selbständigkeit der Opferhaltung des Hartz-IV-Empfängers vorzieht. Das tut der Unternehmer der eigenen Arbeitskraft, der sich lieber als kleiner Herr denn als großer Knecht verwirklicht. Und das tut der Visionär, der mit unkonventionellen Ideen neue Märkte schafft. Sie alle katalysieren jenen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, ohne den dieses Land keine Zukunft hat.
Aber Unternehmergeist braucht Stimulation und Ermutigung. Das fängt in der Familie an und setzt sich fort über Ausbildung, Freundeskreis, Partner, Vorgesetzte, Politiker, Wirtschaftsführer und Medien. Es wird höchste Zeit, dass Selbständigkeit auch in Deutschland als aussichtsreiche, wünschenswerte und selbstverständliche Jobalternative gesehen wird. Und es wird Zeit, dass Entrepreneure nicht nur Preise gewinnen, sondern zum Vorbild für die nächste Generation avancieren. Ohne eine gelebte Kultur der Selbständigkeit bleibt dieses Land lethargisch und verdöst. Am Ende werden dann die Gehwege endgültig hochgeklappt.

Gundula Englisch, Journalistin und Filmemacherin, arbeitet als freie Redakteurin für changeX.

Literatur:
Thierry Volery, Ev Müllner:
Visionäre, die sich durchsetzen.
Orell Füssli Verlag, Zürich, 2006
175 Seiten, 26,50 Euro
ISBN 3-280-05184-3
www.ofv.ch

Rolf Sternberg, Udo Brixy, Jan-Florian Schlapfner:
Global Entrepreneurship Monitor (GEM), Länderbericht Deutschland 2005.
Hannover/Nürnberg, März 2006
www.wigeo.uni-hannover.de

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Gundula Englisch, Journalistin, Autorin und Filmemacherin, arbeitet als freie Autorin und Redakteurin für changeX.

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