Hauptsache drin

Der Social Media Report HR 2010.
Text: Annegret Nill

Die Nutzerzahlen sozialer Netzwerke nehmen weiter zu. Mit dabei: immer mehr Unternehmen. Vor allem Personaler wollen zunehmend Social Media einsetzen. Nur strategisch geplant ist das kaum. Und Online-Reputation nicht selten ein Fremdwort.

Weltweit wächst die Fangemeinde von sozialen Medien wie Xing oder Twitter. Ein Allgemeinplatz mittlerweile, dass besonders jüngere Menschen zunehmend über Internet-Plattformen wie Facebook oder SchülerVZ oder StudiVZ Botschaften austauschen, Einladungen aussprechen oder sich zum Tanzen verabreden.
Weitgehend unbekannt ist dagegen nach wie vor, welche Rolle soziale Medien heute in den durchschnittlichen Unternehmen spielen. Wie viele Unternehmen setzen sie inzwischen ein? Und wie strategisch ist dieser Einsatz? Der freie Recruiting-Stratege Thorsten zur Jacobsmühlen wollte dies besonders für den Bereich der Human Resources in Deutschland und Österreich genauer wissen. Deshalb lud er mithilfe seiner Kooperationspartner StepStone Solutions, HRM.de/HRM-Austria.at und dem Fachmagazin personal manager 30.000 Personaler ein, an einer Befragung teilzunehmen. Gut 850 Personaler antworteten, 651 – davon 548 aus Deutschland und 103 aus Österreich – füllten den Fragebogen vollständig aus. Die Auswertung ihrer Angaben stellt zur Jacobsmühlen in seinem Social Media Report HR 2010 vor.


Online-Reputation? Keine Ahnung!


Er präsentiert folgende Ergebnisse:

  • 90 Prozent der deutschen und 83 Prozent der österreichischen Personaler haben ein Profil bei einem sozialen Medium. An der Spitze der Nutzung steht Xing mit 82 beziehungsweise 74 Prozent, vor Facebook mit 43 beziehungsweise 52 Prozent. 18 Prozent der Personaler twittern.
  • Allerdings geben nur 39 Prozent der deutschen und 27 Prozent der österreichischen Unternehmen an, Social Media auch tatsächlich aktiv für ihre Personalarbeit einzusetzen. Strategisch geplant haben die meisten von ihnen das nicht: Gut zwei Drittel geben an, dass sie einfach damit angefangen haben, extern beraten ließ sich kaum jemand.
  • Fast zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland, die Social Media aktiv nutzen, haben schon über sie Mitarbeiter eingestellt. In Österreich sind es dagegen nur gut die Hälfte. 2009 „wurden durchschnittlich zwei Bewerber pro Unternehmen ... eingestellt, die man mittels Social Media erreichen konnte. In Deutschland lag das höchste Ergebnis für eine einzelne Firma bei 46 Einstellungen. In Österreich bei drei.“
  • Ein gutes Viertel der Unternehmen – in Österreich 37 Prozent – äußert die Absicht, Social Media in Zukunft aktiv für sich nutzen zu wollen. Dass sie dies noch nicht tun, liegt vor allem im Zeit- und Personalmangel begründet; hinzu kommt fehlendes Wissen. Externe Beratung ziehen dennoch nur verhältnismäßig wenige in Betracht – die meisten beraten sich intern im Unternehmen.
  • Wie sie Social Media einsetzen wollen, haben viele dieser Personaler noch nicht geplant. Von denjenigen, die es doch geplant haben, geben 68 Prozent der Deutschen und 76 Prozent der Österreicher an, demnächst Xing nutzen zu wollen. Facebook liegt mit 26 Prozent in Deutschland und 45 Prozent in Österreich auch bei dieser Gruppe auf dem zweiten Platz.
  • Überraschenderweise gibt es in nur 18 Prozent der Unternehmen eine Nutzungsrichtlinie für Mitarbeiter zu sozialen Medien, einige weitere arbeiten daran. In vielen Unternehmen herrscht also Unklarheit darüber, welche Fakten über das Unternehmen in sozialen Medien verbreitet werden können und welche nicht. Einen freien Zugriff auf Facebook, Twitter und Xing erlaubt knapp die Hälfte der Unternehmen ihren Mitarbeitern. 35 Prozent schränken den Zugriff zeitlich oder auf einige Medien ein.
  • Nur etwa 18 Prozent der Unternehmen überprüfen regelmäßig, was online über sie geschrieben wird, kümmern sich also aktiv um ihre Online-Reputation. Etwa ein Drittel der Unternehmen hingegen kontrolliert den eigenen Ruf im Internet gar nicht.
  • Wenn es um potenzielle Mitarbeiter geht, nimmt die Internet-Nutzung dagegen zu. 59 Prozent der deutschen Firmen beziehungsweise 54 Prozent der österreichischen haben Bewerber schon im Internet überprüft – üblicherweise dann, wenn sie in die engere Auswahl kommen oder zum Bewerbergespräch eingeladen werden. Besonders Bewerber für das Management und Fachkräfte in Verwaltung, Vertrieb, Marketing und Entwicklung sowie Berufseinsteiger müssen damit rechnen, online überprüft zu werden. Vereinzelt führte das tatsächlich schon zu Absagen: „Bei den Unternehmen aus Deutschland haben 38, in Österreich acht, schon einmal einen Bewerber aufgrund seiner Online-Reputation nicht eingestellt.“ In Deutschland lehnen aber auch viele Personaler die Online-Überprüfung aus ethischen Gründen ab.

Social Media als Rekrutierungsinstrument


Drei Viertel der Personaler gehen mittlerweile davon aus, dass Social Media immer wichtiger für die Personalarbeit werden, und setzen sie schon als Recruiting-Instrument ein oder haben vor, sie so zu benutzen. „Das Thema Social Media ist in den Köpfen der Human Resources Manager angekommen“, kommentiert zur Jacobsmühlen in seinem Report.
Gleichzeitig aber verfolgen die wenigsten Unternehmen in Deutschland oder Österreich eine Strategie im Umgang mit sozialen Medien. Ihr Einsatz scheint eher von den einzelnen Mitarbeitern abzuhängen und bleibt häufig statisch: „Leider verwechseln immer noch viele Personaler Social Media mit einer weiteren Möglichkeit, offene Positionen zu veröffentlichen“, bringt zur Jacobsmühlen diese Art der Nutzung auf den Punkt: „Damit deklassiert man diese Kommunikationsmittel lediglich zu einem weiteren Kanal, um aktiv suchende Bewerber zu erreichen.“ Auf einer tieferen Ebene bestätigt der Social Media Report HR 2010 somit den Befund des Nielsen Norman Group Reports zu Enterprise 2.0: Der Einsatz von Social Media in Unternehmen hat zwar begonnen, steckt letztlich aber noch immer in den Kinderschuhen.


changeX 23.02.2010. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved.

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Annegret Nill arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin in Berlin. Sie schreibt als freie Autorin für changeX.

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